Da sich die Konzentrations- und Außenlager sehr voneinander unterschieden haben, entstanden für die Verfolgten des NS-Regimes bei jeder weiteren Verlegung neue Eindrücke. Diese sind in einem engen Verhältnis zu ihrer Vorgeschichte als KZ-Häftlinge zu sehen. Im Folgenden wird anhand von Zeitzeugeninterviews ausgewählter Überlebender der Eindruck weiblicher Insassen des Lagerhauses G widergespiegelt. Die Interviews wurden von Hans Ellger für seine Forschungsarbeit „Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45“, zwischen 1998 und 2002 geführt.
Da hier nur Ausschnitte von einer Auswahl von Interviews vorgestellt werden können, sind die Aussagen individuell zu bewerten. Zudem liegen zwischen dem Interviewzeitpunkt und dem Erlebten mehrere Jahrzehnte. Das führt dazu, dass nicht mehr alles erinnert wird, sowie die Genauigkeit der Erinnerungen, wie zum Beispiel die zeitlichen Abfolgen, nachlässt.
Ruth Bondy. wurde am 19. Juni 1923 in Prag geboren. Vom Sommer 1942 bis zum Dezember 1943 war sie im Ghetto Theresienstadt inhaftiert. Darauf folgte die Haft im KZ Auschwitz-Birkenau, von dem aus sie in verschiedene Außenlager des KZ Neuengamme verlegt wurde. [1] Sie veröffentlichte im Jahr 1999 ihre Autobiographie „Mehr Glück als Verstand. Eine Autobiographie“. Das Interview fand am 4. März 2000 in Haim-Ihud statt. Sie spricht schon zu Beginn über ihre Inhaftierung im Lagerhaus G und ihre ersten Eindrücke. Hier hören Sie Ruth Bondy bei einer Schilderung ihrer Erlebnisse. [2]
Paula H. wurde am 5. Juli 1931 in Sighet unter ihrem Mädchennamen Rosenberg geboren. Sie wurde im April 1944 verhaftet und in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Später folgte ihre Verlegung in verschiedene Außenlager des KZ Neuengamme. [3] Am 5. März 2000 fand das Interview in Haifa statt. [4]
Hana G. ist am 12. Dezember 1929 als Hana Wertheimer in Zwaim geboren. Ihre Familie floh bereits 1939 aus ihrer Heimat zu Verwandten. Sie wurde im März 1943 inhaftiert und in das Ghetto Theresienstadt gebracht, wo sie bis Mai 1944 untergebracht war. Danach wurde sie in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und später zur Zwangsarbeit in verschiedene Außenlager des KZ Neuengamme verlegt. [5] Das Interview fand am 23. Februar 2000 in Tel Aviv statt. [6]
Edith M. wurde am 19. November 1926 mit dem Mädchennamen Taus in Tschechien geboren. 1942 wurde sie verhaftet und in das Ghetto Theresienstadt gebracht, wo sie bis Mai 1944 blieb. Es folgte zunächst die Deportation zum KZ Auschwitz-Birkenau und die im Juli 1944 die Verlegung in verschiedene Außenlager des KZ Neuengamme zur Zwangsarbeit. [7] Am 24. Februar 2000 wurde das Interview in Beit Yitzhak geführt. [8]
Lotte T. wurde am wurde am 3. Oktober 1920 in Prag geboren. Ihr Mädchenname lautete Lotte Preßburg. Sie wurde bereits im Dezember 1939 festgenommen und im Ghetto Theresienstadt untergebracht. Im Mai 1944 wurde sie ebenfalls in das KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und in verschiedene Außenlager des Neuengamme zur Zwangsarbeit verlegt. [9] Das Interview wurde am 25. Februar 2000 in Bamat-Gan geführt. [10]
Lucille Eichengreen wurde mit dem Namen Cecilie Landau am 1. Februar 1925 in Hamburg geboren. 1941 wurde sie verhaftet und in das Ghetto Lodz deportiert, in welchem sie bis zum August 1944 festgehalten wurde. Danach folgte zunächst eine Inhaftierung im KZ Auschwitz-Birkenau, eine Selektion und im August 1944 die Verlegung in das KZ Neuengamme zum Arbeitseinsatz. [11] Das Interview wurde am 23. September 2000 in Hamburg geführt.
Bei diesem Interview fällt besonders auf, dass sich die Erzählungen voneinander unterscheiden. Dies kann man unter anderem darauf zurückführen, dass die Arbeitslager Veränderungen unterlagen. Lucille Eichengreen gab im Februar 2009 ihre Autobiographie „Von Asche zum Leben“ heraus. [12]
Die Interviews zeigen deutlich, dass die Art der Unterbringung im Lagerhaus G zunächst einen verhältnismäßig positiven Eindruck bei den inhaftierten Frauen hinterließ. Sie freuten sich über einen eigenen Strohsack auf ihrem Bett, auch wenn dieser nicht die ganze Zeit vorhanden war (siehe Lucille Eichengreen), und sanitäre Anlagen, die zumindest funktionierten und in einem separaten Raum waren. Für uns ist es heute kaum vorstellbar, sich über solche Dinge zu freuen. Wodurch ist die Wahrnehmung der KZ-Häftlinge des Ortes zu begründen? Ein wichtiger Faktor liegt darin, welche Stationen die inhaftierten Frauen bereits durchlaufen hatten, bevor sie in das Lagerhaus G verlegt wurden. Sie haben alle eine lange Zeit in den Ghettos Theresienstadt und Litzmannstadt verbracht, wo häufig viele Menschen auf sehr engem Raum gelebt haben. Bei allen war die nächste Station das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, einige mussten durch mehrere Selektionen, bei denen viele ihrer Mitinsassen in den Tod geschickt wurden. Zudem war die Unterbringung dort sehr prekär. Die Insassen mussten sich ihre Betten teilen und auch die sanitären Anlagen waren nur unzureichend.
Aus diesen Gründen kam einigen KZ-Häftlingen das Lagerhaus G wie eine Verbesserung vor, obwohl ihre Unterbringung im Lagerhaus G, wie im Teil Alltag gezeigt, völlig unzureichend und erniedrigend war.
Quellen und Literatur
[1] Ellger, Hans: Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45. Berlin 2007, S. 320.
[2] Interview mit Ruth Bondy, Interviewer Hans Ellger, 04.03.2000, KZ-Gedenkstätte Neuengamme M 2013-0015.
[3] Ellger, Hans: Zwangsarbeit , S. 324.
[4] Interview mit Paula Herrmann, Interviewer Hans Ellger, 05.03.2000, KZ-Gedenkstätte M 2013-0050 und M 2013-0051.
[5] Ellger, Hans: Zwangsarbeit ., S. 331.
[6] Interview mit Hana Weingarten, Interviewer Hans Ellger, 23.02.2000, KZ-Gedenkstätte M 2013-0035 und M 2013-0036.
[7] Ellger, Hans: Zwangsarbeit, S. 327.
[8] Interview mit Edith Mayer, Interviewer Hans Ellger, 24.02.2000, KZ-Gedenkstätte M 2019-0023.
[9] Ellger, Hans: Zwangsarbeit, S. 330.
[10] Interview mit Lotte Turbowicz, Interviewer Hans Ellger, 25.02.2000, KZ-Gedenkstätte M 2019-0036.
[11] Ellger, Hans: Zwangsarbeit, S. 321.
[12] Interview mit Lucille Eichengreen, Interviewer Hans Ellger, 23.09.2000, KZ-Gedenkstätte M 2013-0043.