Der Ausschnitt einer Ausstellungstafel zeigt die Liste, mit der am 17. Juli 1944 Medikamente für das Krankenrevier des KZ-Außenlagers Dessauer Ufer bestellt wurden. Sie wurde 2004 gezeigt im Rahmen der Ausstellung "...dass wir es verstanden haben, in dem fürchterlichen Kampf Frauen zu bleiben." Zur Geschichte der Hamburger Frauenaußenlager des KZ Neuengamme (http://media.offenes-archiv.de/Rathausausstellung_2004_Frauenau%C3%9Fenlager_09.pdf)

Das Krankenrevier des Außenlagers Dessauer Ufer

Von Johanna Kornell

Im KZ-Außenlager am Dessauer Ufer gab es ein sogenanntes Krankenrevier. Die Versorgung entsprach nicht den üblichen Vorstellungen einer medizinischen Behandlung. Die kranken und nicht mehr arbeitsfähigen Häftlingen wurden nur notdürftig versorgt. Ein stetiger Mangel an Medikamenten erschwerte die Versorgung.

Bereits die Aufnahme in das Krankenrevier wurde den Häftlingen meist verwehrt. Im Oktober 1943 wurde von der SS die Anweisung erlassen, dass in Lagern nur noch maximal zehn Prozent aller Häftlinge in Krankenreviere aufgenommen werden dürften. Damit verschlechterte sich die Situation der Inhaftierten weiter. Denn die Zahl derer, die aufgrund der unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht mehr arbeitsfähig und krank waren, lag in den Konzentrationslagern weit höher als die vorgegebene Prozentzahl. Spätestens durch diese Anordnung entwickelte sich das Krankenrevier selbst, noch mehr als bereits zuvor, zu einem Ort der Gewalt. Die SS nahm nun die Häftlinge, wenn sie sich morgens im Krankenrevier zur Aufnahme vorstellten, nur noch selten in das Krankenrevier auf. Meistens wurden sie mit Schlägen zur Arbeit getrieben. Teilweise wurden auch bereits aufgenommene Kranke wieder herausgetrieben. (1)

Auch die Frage, was als Krankheit gewertet wurde, ist in diesem Kontext wichtig. So war eine der verbreitetsten Krankheiten die Hungerkrankheit. Aufgrund extremer Unterernährung magerten die Häftlinge dabei immer weiter ab, bis sie schließlich zu „Muselmännern“ (2) wurden (http://media.offenes-archiv.de/ha3_5_2_1_thm_2411.pdf ). Als Muselmänner wurden Häftlinge bezeichnet, die das zweite Stadium der Hungerkrankheit erreicht hatten. In diesem Stadium hatten die Menschen bereits viel Gewicht verloren und Muskeln abgebaut. Die Häftlinge wurden im Verlauf der Krankheit außerdem apathisch, das heißt teilnahmslos und gleichgültig. Dementsprechend sanken der Überlebenswille und die Kraft für lebensnotwendige Handlungen. Deshalb hatten Häftlinge eine gewisse Angst vor den Mithäftlingen in diesem Stadium, da diese ihnen zeigten, wozu die KZ-Haft auch bei ihnen führen könnte. (3) Die Hungerkrankheit führte im KZ oftmals zum Tod. Entweder starben die Häftlinge direkt an ihr und an tödlicher Erschöpfung oder aber sie bekamen aufgrund des geschwächten Gesamtzustandes andere Krankheiten, die sie nicht mehr auskurieren konnten.

Stolperstein Margarethe Müller, 2021. Foto: Johanna Kornell

Die Hungerkrankheit, die lediglich durch eine ausreichende Ernährung geheilt werden kann, zählt zu den Todesursachen, die die SS im KZ einplante. Es wurde nicht versucht die Erkrankten zu heilen. Auch viele andere Krankheiten, die durch die Bedingungen im Lager entstanden, wurden nicht oder nur unzureichend behandelt.

So starb auch Margarethe Müller im KZ-Außenlager Dessauer Ufer infolge einer nicht behandelten Blutvergiftung. Diese hatte sie sich bei der Verrichtung von Zwangsarbeit zugezogen. Für sie wurde am Lagerhaus G ein Stolperstein verlegt (https://www.stolpersteine-hamburg.de/index.php?MAIN_ID=12). Es ist der einzige an diesem Ort.

Jean le Bris (http://media.offenes-archiv.de/ha2_2_5_1_bio_1449.pdf), der 1924 in Frankreich geboren wurde, wurde in Frankreich festgenommen, da er in einer Widerstandsgruppe aktiv war. Er wurde zuerst nach Neuengamme und später unter anderem in das Außenlager Dessauer Ufer deportiert. Er berichtete in einem Interview von der Angst ins Krankenrevier zu kommen. Dies zu vermeiden, erscheint bei ihm als eine Überlebensstrategie.

„Ich war bereits „Muselmann“. Aber ich habe mir etwas in den Kopf gesetzt, und daran habe ich mich immer gehalten, und zwar, daß man niemals unter den Schwächsten sein durfte, und ich wollte nicht ins Revier kommen. Weil für mich das Revier das Vorzimmer zum Tode war uns ich glaubte, wer ins Revier ging, war völlig wehrlos, und ich dachte, bevor das alles zu Ende sein würde, würden sich noch kompliziertere Dinge abspielen, daß wir noch schwierigere Momente durchleben würden. Und wenn man überhaupt eine Chance hatte, seine Haut zu retten, dann, indem man mit Leuten zusammen war, die stärker und in besserem Zustand waren als man selber.“ (4)

Jean le Bris hielt es so lange aus, sich nicht als krank zu melden, wie es ihm möglich war. Er selbst beschrieb später, das hätte ihm fast das Leben gekostet. Als er am Dessauer Ufer ankam, war er bereits ein einem miserablen gesundheitlichen Zustand, sodass er sich dort schließlich doch im Revier melden musste. Er wurde aufgenommen und beschreibt den Ort als einen Ort, an dem er erstmals nach langer Zeit zur Ruhe kommen konnte.

„Als ich an dem Punkt angelangt war, wo ich nicht mehr genug Kraft hatte, um meine Holzschuhe anzuheben. Und ich habe das mehrere Tage lang so ausgehalten, daß ich meine Schuhe ausgezogen habe, während wir die Treppen hinaufgingen, weil es so leichter war. Und da habe ich begriffen, daß ich nicht mehr konnte, und daß ich eines Tages hinfallen würde, und wenn das außerhalb des Kommandos passierte, könnte mir der SS-Mann genauso gut eine Kugel verpassen, anstatt mich zurückbringen zu lassen – das war hoffnungslos. Und da bin ich dann im Revier gewesen. Und das war dann dort auch eine große Erleichterung, weil uns diese zerlumpten Kleider ausgezogen wurden, und das waren wirklich nur noch Fetzen, und wir waren zwei Leute pro Schlafstelle, mehr nicht. Und dort gab es dann plötzlich keinen Appell mehr, keine – Arbeit – in diesem Elend war das eine Art Hafen des Friedens. Ja, der Ruhe.“ (5)

Für Häftlinge, die es schafften in das Krankenrevier aufgenommen zu werden, konnte dies also unter Umständen eine notwendige Erholung bedeuten. Deshalb spielte das Krankenrevier auch eine Schlüsselrolle in Momenten des Widerstandes im KZ-Außenlager Dessauer Ufer.

Victor Baeyens wurde 1920 geboren und wurde festgenommen, da er als Kommunist am belgischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung teilnahm. Er war im Stammlager Neuengamme und in verschiedenen Neuengammer Außenlagern. Baeyens leistete auch unter den Bedingungen der KZ-Haft weiterhin Widerstand. Er war 1944 und 1945 im KZ-Außenlager Dessauer Ufer und berichtet davon, wie er es gemeinsam mit anderen politisch Aktiven schaffte, mehr Häftlinge ins Krankenrevier aufnehmen zu lassen:

„Im Revier gibt es auch einen französischen Arzt, Prof. Ouinaux, der mit Van Steenbergen zusammenarbeitete. Wenn wir nun jemand ins Revier aufnehmen lassen wollten, dann markierte ich seine Karteikarte mit einem kleinen 'V' in der linken oberen Ecke. Kam die Karteikarte dann in die Hände des Arztes oder Van Steenbergens, dann bestand durchaus die Möglichkeit den Freund ins Revier aufnehmen zu lassen.“ (6)


Quellen und Literatur

(1) Vgl. Buggeln, Marc: Arbeit und Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme, Göttingen 2009, S. 341.

(2) Muselmann ist ein Begriff, der aus der Lagersprache kommt und deshalb im Folgenden nicht weiter in Anführungszeichen gesetzt wird. Trotzdem ist dieser auch Teil von Fremdzuschreibungen. Zur Begriffsgeschichte siehe u. a.: Becker, Michael; Bock, Dennis: „Muselmänner“ und Häftlingsgesellschaften. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, in: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 15 (2015), S. 133-175, S. 138 f.

(3) Buggeln: Arbeit und Gewalt, S. 201.

(4) ANg HB 1544 Jean le Bris, Blatt 114.

(5) Ebd.

(6) ANg HB 34, S. 91.