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— Abbildung 15 —
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Eine Person A - nennen wir sie Anna - begehrt einen Gegenstand x. Dieses Begehren kann sich ausdrücken im Bemühen, sich x anzueignen oder auch im Stolz, x zu besitzen. Eine Person B - nennen wir sie Bianca - , die mit Anna in Kontakt ist, wird durch deren artikuliertes Begehren dazu bewegt, x auch selber besitzen zu wollen.116
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Dass nun auch Bianca ein verstärktes Interesse an x zeigt, wirkt wiederum auf Anna zurück. Ihr Besitzerstolz wird gestärkt. Oder, wenn sie den Gegenstand x nur begehrt, ohne ihn zu besitzen, dann wird sie darin bestätigt, dass sich seine Anschaffung lohnt. Falls es den Gegenstand x nur ein einziges Mal gibt - zum Beispiel eine bestimmte Wohnung am Wohnungsmarkt, oder ein gemeinsamer Freund117 -, so wird sie sich anstrengen, ihn sich zu sichern, bevor Bianca ihn wegschnappt.
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Biancas Begehren verstärkt also rückwirkend das Begehren von Anna. Das wiederum heizt das Begehren von Bianca noch mehr an. Es kommt zu einem sich verstärkenden Rückkoppelungseffekt. Dieser führt nicht nur dazu, dass die Wertschätzung von x unverhältnismäßig ansteigt, sie bewirkt auch, dass Anna und Bianca aneinander gebunden werden. Immer mehr orientieren sie ihr Begehren aneinander, und immer mehr werden sie zu Rivalen.
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Ein Beispiel für diese unverhältnismäßige Wertsteigerung eines Objekts der Begierde ist eine Auktion, bei der zwei Bieter ihre Gebote gegenseitig in schwindelerregende Höhen treiben. Ein komplexeres Beispiel, das demselben Muster folgt, ist die Entstehung einer Immobilienblase durch das freie Wechselspiel von Angebot und Nachfrage am Aktienmarkt: Die Immobilien entwickeln Buchwerte, die in keinem Verhältnis mehr stehen zu deren realem Verkaufswert. Irgendwann platzt die Blase und es kommt zu enormen Verlusten bei Investoren und Firmen.
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Dinge - Positionen - Menschen: Alles kann zum Objekt der Begierde werden
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Das Objekt der wechselseitig gesteigerten Begierde kann ein Gegenstand sein, den es nur ein einziges Mal gibt. Dann entsteht eine verschärfte Konkurrenzsituation, weil jeder fürchtet, der andere könnte ihm den begehrten Gegenstand wegschnappen. Es kann sich aber auch um einen reproduzierbaren Gegenstand handeln, zum Beispiel um ein neu auf den Markt kommendes Sportauto. Dass Anna dieses Auto gekauft hat (oder zu kaufen beabsichtigt), erhöht dessen Attraktivität für Bianca - und umgekehrt. Es tut Anna gut, ihren Sportwagen zur Schau zu stellen. Die begehrlichen Blicke der anderen bestätigen sie darin, dass sie einen guten Kauf getätigt hat.
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Von diesen Zusammenhängen profitiert die Marktwirtschaft. Die technische Reproduktion von Gütern scheint zunächst ein Segen für die Menschheit zu sein: Die Rivalität um einmalige Güter wird durch deren Vervielfältigung zunächst entschärft. Vor hundert Jahren war es ein Unglück für Bernhard, dass Achim im Besitz eines wunderbaren Zuchthengsts war und ihn nicht hergab. Heute kann Bernhard zum Händler gehen und den gleichen Sportwagen kaufen. Das ist (vielleicht?) gut für Bernhard, sicher aber gut für den Händler und gut für den Automarkt. - Aber es ist nicht gut für Achim! Sein Besitzerstolz wird geschmälert. Wenn er sein Selbstwertgefühl daran aufgehängt hat, dass er etwas hat, was andere nicht haben, dann muss er sich nun nach einem anderen Statussymbol umsehen. Vielleicht kauft er sich nun eine Yacht. Das ist wieder gut für den Händler, und es ist gut für den Bootsmarkt. Ob es auch für Achim gut ist, ist fraglich; jedenfalls dann nicht mehr, wenn Bernhard ein weiteres Mal mitzieht.
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Die Segnungen der technischen Reproduktion und der Marktwirtschaft - Glück für viele und nicht nur für einen, für die breiten Massen und nicht nur für eine schmale Elite - sind also bestenfalls vordergründig. Konkurrenz und Neid werden nicht behoben, sondern laufend auf neue Produkte umgeleitet. Und sie werden angeheizt durch ein System von Werbung und Reklame, das die Menschen gezielt dazu verleitet, ihre Identität durch den Besitz von käuflichen Gütern aufzumöbeln.
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Zu den Gegenständen, die das Begehren von Menschen stimulieren, zählen nicht nur Dinge. Auch gesellschaftliche Positionen sind mimetisch hochwirksame Objekte der Begierde. Das kann ein angesehener Beruf sein, die Mitgliedschaft in einem exklusiven Club, oder das Image, dass man von angesagten Leuten zu angesagten Partys eingeladen wird.
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Auch Menschen können zu Objekten der Begierde werden. Eine Sonderform der Dreiecksstruktur der Begierde ist das erotische Dreiecksverhältnis. Dass sich daraus Kapital schlagen lässt, hat nicht erst eine gewisse Mineralwassermarke mit ihren Werbeplakaten erfunden.118 Bereits Jugendliche in der Schule lernen, dass es ihren Marktwert steigert, wenn sich andere in sie verlieben. Und zum geheimen Lehrplan unserer ökonomisierten Welt gehört die Einsicht, dass man seine Haut zu Markte tragen und sich gut verkaufen muss. In der Dreieckskonstellation A-B-x ist die Position x die attraktivste: Man will gefragt sein.
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Die Frucht der Begierde ist der Hass
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Das Dreieck der Begierde ist nur die Kernstruktur von zahllosen, zum Teil sehr komplizierten mimetischen Beziehungen, die unsere Welt untergraben. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie die Begierde anheizen und die Menschen in Konflikte gegeneinander treiben.
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Die Tendenz der rivalisierenden Mimesis, sich über die ganze Menschheit auszubreiten, hängt mit ihrer enormen Ansteckungskraft zusammen. Mimetische Dreiecke sind nicht nur Strukturen der Ansteckung, sie sind auch selber ansteckend. Sie erzeugen einen Sog, der weitere Subjekte und weitere Objekte in den Kreislauf der Begierde hineinreißt.
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Hineingerissen werden auch weitere Objekte: Menschen, die sich mimetisch in die Begierde nach einem Gegenstand hineinsteigern, werden auch dazu neigen, sich auf andere Gegenstände zu fixieren. Am Beispiel von Achim und Bernhard haben wir das gesehen: zuerst der Sportwagen und dann die Yacht. Das mimetische Dreieck A-B-x kann überspringen auf A-B-y und A-B-z. Und auch in diesen neuen Begierdedreiecken werden sich Achim und Bernhard gegenseitig hineinsteigern. So kommt es dazu, dass Achim und Bernhard ständig auf gemeinsame Interessen stoßen und miteinander konkurrieren. Es kann sein, dass sie auch um dieselben Freundinnen rivalisieren. Vielleicht sind beide darüber erstaunt, wie ähnlich ihr Geschmack ist. Dabei entgeht ihnen, dass es die Begierde des jeweils anderen ist, welche die Objekte ihrer Begierde festlegt.
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Von da aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zum Eindruck von Bernhard:
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„Was auch immer ich will, stets kommt mir Achim in die Quere."
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Und es ist nur ein weiterer kleiner Schritt zur „Einsicht" von Bernhard:
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„Ich weiß zwar nicht genau was ich will (da ich selbst bemerkt habe, wie oft ich meine Begehrensziele wechsle), aber eines weiß ich inzwischen ganz genau: Achim ist für mich das entscheidende Hindernis, dass ich meine Ziele erreiche."
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Was Bernhard übersieht: dass Achim nicht nur Hindernis, sondern auch Vorbild für sein Begehren ist; und dass er Hindernis ist, weil er Vorbild ist. Der gleiche verhängnisvolle Irrtum kann sich bei Achim in Bezug auf Bernhard zeigen. Und er wird sich in seinem Irrtum bestätigt finden. Denn er merkt, dass Bernhard, der doch sein bester Kumpan gewesen ist und mit dem er all seine Interessen geteilt hat, sich inzwischen zunehmend unfreundlich ihm gegenüber verhält. So beginnt sich ein Verhältnis der Feindschaft zwischen Achim und Bernhard aufzubauen. Zuletzt wissen beide, was sie als erstes wollen, ja wollen müssen, um das sich dauernd entziehende Ziel ihres Begehrens erreichen zu können: Erst einmal müssen sie ihren Rivalen ausschalten.
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In dieser Entwicklung von gemeinsamen Interessen über Konkurrenz und Rivalität bis hin zur gegenseitigen Feindschaft werden die Objekte der Begierde immer unwichtiger. Die Kontrahenten fixieren sich zunehmend auf einander. Das scheinbar unschuldige Begehren nach Objekten mutiert zum Begehren nach der Ausschaltung des anderen. Diese zwei Stationen der mimetischen Begierde werden in der Bibel durch die Adam-Eva-Geschichte (Gen 3) und die Kain-Abel-Geschichte (Gen 4) dargestellt:
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Der Sündenfall entzündet sich am Begehren nach einem Gegenstand, nämlich der Frucht des verbotenen Baumes, dem Sein wie Gott, der Erkenntnis von Gut und Böse. Dieses Begehren wird mimetisch verstärkt. Adam übernimmt das Begehren von Eva, Eva lässt sich in ihrem Begehren von der Schlange anstecken, diese wiederum stellt Gott als Begehrenden dar: Gemäß ihrer Unterstellung will Gott die Früchte des Erkenntnisbaums exklusiv für sich sichern.
Das darauf folgende Kapitel beschreibt die tödliche Mutation dieses Begehrens: Kain erliegt der Begierde nach der Ausschaltung seines Bruders.119
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Es gilt also: Die Frucht der Begierde ist der Hass, oder mit Paulus: „Der Sünde Sold ist der Tod" (Röm 6,23)120. Damit behält Gott Recht gegen die Schlange, die den Menschen versprach: „Ihr werdet nicht sterben."
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Spiele der Liebe - Spiele der Macht
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Das liebende Begehren in seiner reinen Form ist ein Zeichen der Fülle und des inneren Reichtums. In einer Welt, die Gott verloren hat, gilt das Begehren hingegen als Zeichen der Schwäche. Wer begehrt, beweist damit, dass er bedürftig, unvollkommen und nicht wie Gott ist. Deshalb ist es charakteristisch für die Logik des Sündenfalls, dass Menschen begehren, aber dieses Begehren zugleich verschleiern. Die Menschen präsentieren sich als Besitzende, aber nicht als Bedürftige. Das gilt auch für die Liebe zwischen Menschen: Um für andere zum Objekt der Begierde zu werden, muss man sich als attraktiv darstellen, und das heißt: als jemand, der hat und deshalb nicht begehren muss. Daraus ergibt sich als Gesetz für erfolgreiches Liebeswerben: Begehre (um das Begehren des anderen anzustacheln), aber verbirg dein Begehren. Wirb um den anderen, und tu gleichzeitig so, als wärst du uninteressiert.
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Liebe wird hier zum Kampf, in dem die Partner einander verführen, mehr an Begehren zu investieren und ihr Begehren einzugestehen, während man selber vorgibt, uninteressiert zu sein. Was man durch solche Koketterie erreicht, ist ein Ungleichgewicht: Der andere investiert in die Beziehung mehr als man selber, - und dieses Ungleichgewicht bindet ihn. Er wird alles versuchen, um die Liebe des anderen zu erregen, - wenigstens damit ein Ausgleich hergestellt wird. Wie ein Spielsüchtiger wird er immer mehr in die Beziehung investieren, - in der Hoffnung, nun doch endlich das Steuer herumzureißen und den anderen dazu zu bringen, wenigstens gleich viel oder mehr zu geben. Was wir früher als glücklichen Kreislauf der Liebe beschrieben haben, mutiert hier zu einem Machtkampf. Sein Gesetz lautet: Wer herrscht, ist begehrenswert; der Freundliche und Entgegenkommende ist uninteressant.
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Dem entspricht die Strafe, die in der Sündenfallgeschichte Gott über Eva spricht:
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„Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen." (Gen 3,16)
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Wir sehen: Das ist keine äußerliche Strafverfügung Gottes und schon gar keine Legitimierung einer Unterdrückung des weiblichen Geschlechts; es ist die innere Konsequenz des Sündenfalls. Wo die Begierde an die Stelle der Liebe tritt, sind Verachtung und Unterdrückung nicht fern.
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An Eva beschreibt die Bibel hier ein Verhängnis, das jeden Menschen betrifft: So herrscht der Mann über die begehrende Frau, aber auch die Frau über den begehrenden Mann. Wer einen anderen Menschen begehrt und dieses Begehren zugibt, der setzt sich der Herrschaft des anderen aus.
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Gott sei Dank gibt es Bösewichte
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Bisher haben wir gesehen,
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wie die Menschen durch Begehren und Nachahmung dazu geschaffen sind, sich gegenseitig Gott zu erschließen;
wie dieses naturhaft gute mimetische Begehren durch den Sündenfall zu einer Begierde pervertiert, die die Menschen in Konkurrenz und Rivalität zueinander bringt;
wie die rivalisierende Begierde Menschen dazu bringt, einander zu hassen und sich gegenseitig zu unterwerfen;
wie Menschen darauf verfallen können, Arroganz und Unterwerfung als Zeichen der Überlegenheit wertzuschätzen und nach arroganten und herrschsüchtigen Menschen in Begierde zu entbrennen.
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Daraus lässt sich eine Psychologie des gefallenen Menschen entwickeln, die uns verstehen lässt, wie Menschen sich in Paarbeziehungen und kleinen Gruppen das Leben zur Hölle machen können.121
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Die mimetische Begierde ist aber auch ein Phänomen, das Großgruppen und Gesellschaften mit ihren Strukturen untergräbt und zu Szenarien des Sündenfalls macht. Um das zu verstehen, müssen wir zunächst Folgendes berücksichtigen: Die Dreiecksstruktur der Begierde ist hoch ansteckend auch für weitere Subjekte. Wenn zwei Burschen in einer Clique um ein Mädchen rivalisieren, dann wird dieses Mädchen auch attraktiver für andere Mitglieder der Gruppe, wenn auch nicht automatisch für alle. Aber der Konkurrenzgeist, der von den beiden Konkurrenten ausstrahlt, unterstützt es, dass auch andere Menschen um andere Objekte rivalisieren. Nach und nach wird die Gruppe durch verschiedenste Plänkeleien destabilisiert werden, bis sie schließlich zu zerfallen droht. Das kann für eine Jugendgruppe ebenso gelten wie für eine Firma und für ganze Gesellschaften. Indem ihre inneren Reibereien überhand nehmen, laufen sie Gefahr, ineffektiv zu werden, sodass sie an den äußeren Herausforderungen scheitern, konkurrierenden Gesellschaften unterliegen oder sich im Kampf aller gegen alle selbst zerfleischen.
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Ein teuflisch wirksames Mittel gegen diesen Zerfall ist der von René Girard so genannte Sündenbockmechanismus: Durch eine einmütige Feindschaft gegen einen gemeinsamen Gegner kann die verlorene Einheit der zerstrittenen Gruppe wiedergefunden werden. Gegenüber anderen Formen der Friedensstiftung, die wegen der Uneinigkeit aller Beteiligten schnell zum Scheitern verurteilt sind, hat der Sündenbockmechanismus einen entscheidenden „Vorteil": In einer mimetisch polarisierten Gruppe kann er weitgehend automatisch entstehen und sich durchsetzen: Wir haben bereits gesehen, wie die Rivalität zweier Konkurrenten um wechselnde Begierdeobjekte in gegenseitige Feindschaft umschlagen kann. Auch diese destruktive Begierde ist ansteckend. Ein außerordentlich erfolgreicher Schlag eines Menschen gegen seinen Gegner beeindruckt andere Gruppenmitglieder; er übt auf sie einen Sog aus, das aggressive Begehren gegen den anderen mimetisch nachzuahmen. Die gemeinsame Aggression schweißt die Aggressoren zusammen. Mobbing kann von daher erklärt werden.122
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Auch wenn der Sog und die Ansteckungswirkung des Sündenbockmechanismus gegen bestimmte Menschen und Minderheiten beträchtlich sein kann, brauchen wir nicht anzunehmen, dass alle Menschen in dominierende Feindbilder einstimmen. Auch eine Gesellschaft aus „gefallenen Menschen"123 tickt komplizierter. Wo Sündenböcke gemacht werden, treten im Allgemeinen sofort Menschen und Gruppen auf, die die Opfer verteidigen. Das kann aufgrund von echtem Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn geschehen - denn keine Gesellschaft ist total verdorben, - aber auch als eine weitere Variante der Sündenbocklogik: Menschen solidarisieren sich gegen (vermeintliche) Verfolger und schlagen so aus ihrem Engagement zum Schutz anderer Kapital. Selten erzeugt der Sündenbockmechanismus einen „Frieden minus eins" (alle gegen einen), der dann einhellig wird, wenn das Opfer ausgelöscht ist. Häufiger bleibt es bei verschiedenen Spielarten eines „halbierten Friedens": Eine Partei stabilisiert sich in ihrer Feindschaft gegen eine Gegenpartei. Einhelligkeit gibt es deshalb in unseren heutigen Gesellschaften nicht einmal gegen - innere oder äußere - Feinde. Unsere Medienwelt dokumentiert vielmehr einen komplexen Konkurrenzkampf verschiedener „Sündenbock-Spiele", zwischen denen Antipathien und auch Sympathien hin und her geschoben werden: Kriminelle und Kriminalisierte, Kinderschänder und Drogensüchtige, Ausländerfeinde und Feinde von Ausländerfeinden, Abtreibungsbefürworter und Abtreibungsgegner. Die medial organisierten Feindseligkeiten segeln dabei meist im Namen hoher Werte. Selbst im Namen Gottes wurden immer wieder Gegner identifiziert und auf diese Weise Gegen-Solidaritäten hergestellt. So lässt sich für eine in Sünde verstrickte Gesellschaft als Überlebensprinzip formulieren: Gott sei Dank gibt es Bösewichte.