https://www.nvf.ch/pdf/sterben.pdf
Sterben ist eine GEBURT
Bildlegende Aufnahme Mariens in den Himmel (Koimesis). Ausschnitt aus einem 1950 restaurierten Fresko in der Marienkirche «Periblebtos» in Ohrid (Mazedonien) Ende des 13. Jahrhunderts (Foto: Heinz-Friedel Vogenbeck).- Maria liegt auf dem Sterbebett. Doch sie wird «leiblich» in das Himmelreich hineingeboren, dargestellt als kleines Kind. - Kann eine Seele ohne Leib überhaupt existieren? Haben die Künstler im Mittelalter nicht immer sagen wollen, die Seele hat einen Leib? Und was meinen die Theologen?
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Werner T. Huber
Sterben ist eine GEBURT
Das Materieverständnis im christlichen Glauben
– 4 –Kurzbeschreibung
Geburt und Tod sind symmetrische Ereignisse, insofern das sichtbare irdische Leben eines Menschen mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Die Ärztin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross meint zudem: «Das Sterbeerlebnis ist fast identisch mit der Geburt.»Im Sprachspiel des christlichen Glaubens ist niemals der Tod das Endgültige, sondern das Leben. Der Tod ist hier lediglich der «Übergang»– vergleiche im Hebräischen das Wort «Pessach»– zum ewigen Leben. Ist darum das Sterben eine «zweite Geburt»? Behindern jedoch nicht bis heute falsche Vorstellungen hinsichtlich der Leibesmaterie diese hoffnungsvolle eschatologische Sicht? Sind die Christen In formationsträger für ein neues Paradigma?Trennt sich im Sterben die Seele vom Leib? Oder geht der Mensch in seiner Leib-Seele-Einheit hinüber ins ewige Leben? Trennt sich dann beim Menschen das Wesentliche vom Unwesentlichen? Ist nicht gerade das Christsein auch ein Einüben in das Loslassen des letztlich Unwesentlichen: der zählbaren Habe und des bloß schemenhaften Gehabes? Sterben ist eine Geburt nach innen, durch das Nadelöhr des eigenen Herzens.
Im frühen Christentum war die «zweite Geburt» durchaus ein beliebtes Thema.
Paulus sprach im Hinblick auf das Sterben von den «Wehen».
Um 110 schrieb Ignatius von Antiochien, als sein Martyrertod naherückte, im Brief an die Römer: «Meine Geburt steht bevor.»
Werner T. Huber, Dr. theol., geboren 1949 in St. Gallen, hat in Chur und Freiburg (Schweiz) Philosophie und Theologie studiert. Er war während elf Jahren verantwortlicher Redakteur der katholischen Familienzeitschrift«unterwegs». Verschiedene Arbeiten über Leben und Spiritualität von Bruder Klaus und seiner Ehefrau Dorothea sind von ihm erschienen: «Der göttliche Spiegel» (1981), «Gespräch mit Bruder Klaus» (1981), «Dorothea. Die Ehefrau des hl. Niklaus von Flüe (1994)», «Bruder Klaus. Niklaus von Flüe in den Zeug-nissen seiner Zeitgenossen» (1996)
Vorwort
Das Wort «materia» kommt von «mater», also von «Mutter».
Wenn in einer Studie über das Materieverständnis ein Titel vorangestellt wird, in dem von einer «Geburt» die Rede ist, dann scheint dies in sinnvoller Weise auf ein «neues Paradigma» hinzuweisen, in dem gerade das «Feminine» eine gewisse Bedeutung hat.
Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Nenner zwischen der «klassischen Theologie» und der «feministischen Theologie»?
Es war eigentlich nicht meine Absicht, einen spezifischen Beitrag zur «feministischen Theologie» zu erarbeiten.
Wenn nun dennoch die Sinnspitze der vorliegenden Studie in diesen erwähnten Nenner gipfelt, dann muß es sich wohl um einen Glücksfall handeln.
In der Fundamentaldogmatik sind von Zeit zu Zeit Versuche, Ansätze im Hinblick auf ein «neues Paradigma» unerläßlich. Eigentlich ist nun aber das Christentum selbst das «neue Paradigma», dessen immense Bedeutungstiefe noch keineswegs voll ausgelotet ist.
Neue Fragen, neue Antworten, neue Zugänge...
Trotzdem, das «Alte» soll nicht zerstört und aufgegeben werden, denn es verhält sich hier so wie bei allen Expeditionen in unerschlossene Gebiete, man muß jederzeit wieder zum Biwak, zum Basislager zurückkehren können.
Die «alten» Dogmen sind – insofern sie je themenspezifisch wirklich existieren –, immer nützlich, sie geben eine gewisse Festigkeit für die Glaubensexistenz.
Aber sie dürfen nicht nur, nein, sie müssen sogar als Ausgangsorte für neue Erklärungsversuche betrachtet und benutzt werden. Es ist notwendig und oft sogar sehr notwendend, den Glauben in die je konkrete Weltsituation neu hineinzusprechen.
Der Christ kann ohne Widerspruch beides sein: konservativ und progressiv, auf dem organisch Gewachsenen aufbauen und sprachlich innovativ fortschreiten.
Der Glaube in der Weltgeschichte ist vergleichbar mit einem Baum, deren Wurzeln weit in die Urzeit zurückreichen. Es gibt kaum ein Bild, das geeigneter wäre, um den Sinn des Wortes «Religion» wiederzugeben (religere = zurückbinden).
Was wäre nun ein Durchschneiden der «Bindungen» bzw. «Leitungen» zurück zur Wurzel? Das Bild spricht für sich: Ein Abschneiden bedeutet den Tod.
Holz ohne Verbindung zu den Wurzeln stirbt, trocknet aus. Dieses Trennen ist die «Ursünde». Das ist das Eine. Dennoch muß der Baum wachsen, wächst er nicht, stirbt er ebenfalls.
Gibt es nun im Bereich der christlichen Dogmen Aussagen, die über ein bestimmtes Materieverständnis Auskunft geben oder auch nur etwas darüber voraussetzen? Eine einstweilige Antwort auf diese Frage ist sehr nüchtern: Im Kontext des christlichen Glaubens gibt es kein einheitliches und geschlossenes Materieverständnis. Darum öffnet sich gerade hier ein Bereich, in dem noch manche Innovationen der Systematischen Theologie möglich sind.
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Wenn die christliche Botschaft nicht mehr in der Lage wäre, für den Einzelnen Hoffnung zu vermitteln, dann hätte sie wohl ausgedient. Ein Polemisieren gegen einen angeblichen «individualisierenden Spiritualismus» ist absolut fehl am Platz. Eine pauschalisierend verurteilende Besserwisserei hilft dem Kranken jedenfalls nicht, und krank ist die moderne Menschheit zweifellos, nämlich am Materieverständnis. «Am Ende kommt es anders, als man denkt.»–
Ist «Geburt» ein Begriff, der nur im biologischen Sinn verwendet werden kann? Und gibt es hier eine unendliche Wiederholung der Geburt, wie ein zwar altes, wenn auch keinesfalls das älteste Paradigma lehrt?
In einem Umfeld mit einem sehr stark materialistisch geprägten Denken scheint beinahe kein anderes eschatologisches Modell mehr möglich –, wenn überhaupt noch an ein Weiterleben nach dem «physikalischen» Sterben geglaubt wird.
Oder gibt es doch noch eine Alternative? Im christlichen Glauben ist gerade und exklusiv die Alternative zu finden. Tatsächlich hängt hier zunächst alles einmal davon ab, wie über die «Materie» gedacht, wie sie verstanden werden kann.
Erst von hier aus führt ein Weg zur wichtigen Frage: Was ist der Leib? In der antiken Welt hielten Platon und seine Anhänger so viel von Seelenwanderung und Wiedereinkörperung, daß daraus ein Grunddogma wurde, während eine solche Hypothese auf der anderen Seite für Aristoteles völlig gegenstandslos war.
Ausschließlich im Zusammenhang mit der Seelenwanderung meinte man auch, daß sich im Tod die Seele vom Leib trenne. Anderer Ansicht waren jedoch die Menschen in urgeschichtlicher Zeit, hier war der Glaube an ein kontinuierliches Weiterleben in einer Leib-Seele-Einheit völlig natürlich und selbstverständlich; dies läßt sich archäologisch beweisen durch die Tatsache von Grabbeigaben (Waffen, Schmuck, ja sogar Speisen).
Welchem Glauben ist nun das christliche Paradigma näher? Welcher Glaube ist heilsamer, hoffnungs voller? Antworten darauf, was die Leibes-Materie letztlich und tatsächlich ist, werden heute sicher anders sein als vor einigen hundert Jahren.
Etwas mehr Klarheit wäre wünschenswert.
Obwohl der Untertitel dies vielleicht vermuten lassen könnte, handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit nicht um eine historisch-kritische Untersuchung über den Begriff «Materie».
Die Studie verfolgt andere Ziele. Der etwas längere zweite Teil enthält gewissermaßen eine Analyse einer sehr langen philosophischen und theologischen Diskussion über das, was irgendwie mit «Materie» zu tun hat, insofern es für den christlichen Glauben und hinsichtlich des Themas der vorliegenden Studie relevant ist oder zumindest sein könnte.
Darin werden bereits Wertungen eingearbeitet. Mit diesem Aufriß soll – die Metapher sei erlaubt –, das «Spielfeld» gezeichnet werden, in dem sich das Folgende «ereignen» kann. – Im ersten Teil muß aber für die erwähnte Analyse zunächst einmal das Instrumentarium gerüstet und erklärt werden. Ein für die religiöse Rede höchst bedeutsamer Baustein» ist hier die Metapher. – Dann werden im dritten Teil lehramtliche Entscheidungen dargelegt, die in der originalsprachlichen Lektüre immer einen gewissen Auslegungsspielraum haben, so daß manches wieder offen ist für weitere kreative Überlegungen im Hinblick auf das Leben der Menschen. – Schließlich wird im vierten Teil ein kleiner Ausblick ver-sucht. Das «neue Paradigma» hat dabei durchaus eine gewisse Chance, in der heute oftmals polarisierend erscheinenden Diskussion der christlichen Bekenntnisse versöhnlich zu wirken.
Herzlich danken möchte ich an dieser Stelle Herrn Dr. Pater Gregor BucherOSB für das aufmerksame Durchlesen meiner Studie, das einige Korrekturen ermöglichte. Der grosszügige Lektor ist Philosophieprofessor an der Universität San Anselmo in Rom, er promovierte an der Pariser Universität Sorbonne mit Schwerpunkt in Formaler Logik und Sprachphilosophie. Cham/Zug, im November 1998 Werner T. Huber