Wir haben uns in den vorhergehenden Kapiteln in aller Kürze mit einigen Methoden des Frühen Buddhismus befasst und gesehen, dass sie in verschiedensten Lebensbereichen praktiziert und angewandt werden können. Besonders in Zeiten des Retreats, des Rückzugs aus der aktiven Welt, ist es durch die Stille und Vereinfachung des Alltags möglich, die eigenen Muster und Strategien des Geistes klarer wahrzunehmen. Bald einmal erkennt man auch, dass all die Gedanken und Emotionen bedingt entstanden sind, ihren Ursprung teilweise in unserer persönlichen Geschichte haben und teilweise weit über unser jetziges Leben in die Jahrtausende vor uns reichen.
Doch sind Gedanken und Emotionen nur insofern "beständig", als sie, bildlich gesprochen, quasi als Samen in uns vorhanden sind und durch gegenwärtige Reize immer wieder neu zum Vorschein kommen. Und genauso schnell, wie sie aufgekommen sind, können sie sich auch wieder auflösen. Wir wundern uns dabei oft, wie äusserst unbeständig all die Gedanken und Emotionen sind. Bei klarer Betrachtung begreifen wir jedoch, dass all die Wellen der Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen nicht wirklich "uns gehören", im Sinne einer bleibenden Wirklichkeit. Sie sind vielmehr Prozesse, die unter bestimmten Bedingungen vom Leben hervorgebracht werden. Die Identifikation mit ihnen kann überaus leidvoll sein.
Wir erkennen auch, dass es unter all diesen Wellen eine weit grössere und tiefere Wirklichkeit gibt, die uns erst dann zugänglich wird, wenn wir nicht allzu sehr mit den Wellen verwickelt sind. Damit verlagert sich unsere gewohnte Ausrichtung auf weltliche und sinnliche Befriedigung hin zu einer Ahnung, dass es da in unserem Geist eine Dimension der Stille und Weite gibt, die gleichsam darauf wartet, entdeckt zu werden und die uns eine neue, nicht weltliche Zuflucht sein kann. Für diese Dimension wird oft das Bild des Wassers eines tiefen Ozeans verwendet, das unbewegt von den Wellen in Stille ruht.
Wie wir gesehen haben, sind die Methoden des Frühen Buddhismus nicht getrennt von dem, was in späteren Jahrhunderten mit "Zen" (bzw. Ch'an oder Thien) bezeichnet wurde. Ein "Leben in Zen" geschieht jedoch nicht durch Imitation dessen, was wir über Zen-Meister und –Meisterinnen vergangener Zeiten gelesen und uns vielleicht in romantischer Weise zurechtgelegt haben, und auch nicht dadurch, dass wir zeitgenössische Lehrende gleichsam zu "kopieren" suchen. Leben in Zen bedeutet vielmehr, sein eigenes Leben authentisch und mutig zu leben, sich selbst ehrlich anzuschauen, präzise kennenzulernen und mit der Zeit vertieft zu kennen. Und damit die Relativität all dessen,
was wir als menschliche Wesen wahrnehmen und erleben, zu erkennen und mehr und mehr darüber hinauszugehen. Leben im Geist des Zen bedeutet auch, offen zu sein für die Vorgehensweisen anderer Schulen und Religionen, ohne die eigene Identität in einer nebligen, profillosen Philosophie zu verlieren mit Aussagen, dass doch "letztlich im Kern sowieso alles dasselbe ist". Natürlich gehören die Blumen, Sträucher und Bäume in einem Garten alle zur Gattung "Pflanzen". Doch jede Pflanze besitzt ihre ganz besondere Eigenart - und nur durch den Erhalt der Eigenart kann die einzelne Pflanze ihre Kraft und Besonderheit entfalten.
Der Mensch scheint oft enorme Schwierigkeiten mit der Polarität des Lebens zu haben, mit den scheinbaren Gegensätzen wie Abgrenzung und Offenheit, Individuellem und Kollektivem, Relativem und Absolutem. Gleichzeitig kennt unser Geist meist dennoch keinen anderen Weg, als in Gegensätzen und Extremen zu denken, es sei denn, wir haben bereits Einsicht in die Erfahrung der Nicht-Dualität erlangt. Ein Leben aus Zen hat den Anspruch, sich durch Gegensätze nicht in Konflikten und Einseitigkeiten zu verlieren, d. h. also auch die eigene Schule und ihre Methoden zu kennen und zu pflegen und dabei zu wissen, dass all dies bedingt entstanden ist, also keinerlei Absolutheitsanspruch hat und dennoch nicht beliebig ist.
Da die meisten Menschen mit der Anhäufung unzähliger Dinge beschäftigt sind, versuchten und versuchen die grossen Meister und Meisterinnen uns davor zu bewahren, die spirituelle Praxis in gleicher Weise mit tausend Dingen anzuhäufen und zu einem neuen Ort des Anhaftens zu machen. Deshalb sprachen und sprechen sie von einem "weglosen Weg" und bezeichnen
die Erfahrung des Ungeschaffenen als einen Weg durch das "torlose Tor". Sie betonen, dass im Zen "nichts gefunden werden kann" und weisen dabei darauf hin, dass alles bereits im eigenen Geist vorhanden ist. Wir müssen "nur" das ewig selbstbezogene Denken und Handeln aufgeben.
Im scheinbaren Gegensatz zwischen "etwas lernen" und "alles sein lassen" liegt für viele Praktizierende ein weiterer Knackpunkt: Viele tun sich schwer mit dem Unterschied zwischen Anhaften, Loslassen und damit, etwas zu pflegen. Diese Verwirrung rührt daher, dass sich Zen direkt und unmittelbar auf das "Ungeborene, Ungeschaffene" bezieht, von dem der Buddha so oft sprach - und damit auf die absolute Ebene der Wirklichkeit. Diese Direktheit verleitet oft zu Extremen. Und so neigen Zen-Schüler und -Schülerinnen nicht selten dazu, alles zu verwerfen und einer "Leere" nachzurennen, die so nicht gefunden werden kann. Sie hängen einem falschen Verständnis von "Leere" an und glauben dabei, dass dieses "Nichts" nun "Zen" sei. Ein Irrtum!
Es ist natürlich nicht so, dass man zwingend in die Welt des Zen eintauchen muss. Ich sehe jedoch seit Jahren, dass viele Menschen sich besonders gerne auf Methoden stützen, die - zumindest auf den ersten Blick - einfach "fassbar" sind und uns nachvollziehbare "Rezepte" an die Hand geben. Dabei geht gerne vergessen, dass all diese logisch nachvollziehbaren Anweisungen auch beim Buddha selbst nur dazu dienten, das logisch-kausale Denken hinter sich zu lassen und den Sprung ins Bodenlose zu wagen: sich zu öffnen und das, was die relative Logik und den relativen Verstand ausmacht, zu überschreiten. Nur dann berühren wir den Kern der Buddha-Lehre und erfahren das "Ungeschaffene, Ungewordene" oder, wie spätere Schulen
es nannten, die wahre Natur des Geistes, die Buddha-Natur, in tibetischen Schulen z.B. Rigpa usw. In seinem direkten Zugang zur Wirklichkeit mag Zen manchen vielleicht nicht unmittelbar einleuchten, doch gerade hier hat es seine besonderen Stärken.
Bald einmal erkennt man durch die Praxis jedoch auch, dass Begriffe wie "Buddhismus", "Zen" oder "Erwachen" ebenfalls schlicht Hilfsmittel sind - und damit eben eine praktische Seite haben. Darüber hinaus jedoch besitzen sie keinen Absolutheitsanspruch. Genau hier, im Verhältnis von Relativem und Absolutem, darf nicht gemogelt werden: Historisch betrachtet ist Zen nicht nur aus dem Frühen Buddhismus entstanden, sondern Zen und Buddhismus sind eins! Wenn wir die Welt der Leerheit - von Begriffen und Konzepten, von der Idee eines inhärenten, beständigen Wesenskerns - betreten, so müssen wir dies ganz tun und nicht halbherzig, indem wir etwa ängstlich an unserer angestammten Religion oder anderen, uns lieben Sichtweisen verhaftet bleiben. Wir werden Zen nicht gerecht, wenn wir auf der einen Seite propagieren „alle Konzepte fallen zu lassen“ und dann doch an unseren alten Glaubensvorstellungen festhalten. Um dem Zen gerecht zu werden, braucht es alles von uns, ansonsten fahren wir weitaus besser mit unseren gewohnten Konzepten und Glaubenssystemen - weil es ehrlicher ist.
Zen zeigt uns einen Weg auf, wie wir mitten in der relativen Wirklichkeit das "Ungeschaffene" finden und berühren können: Diese Weisheit blüht in jeder Blume, erfahren wir in jeder Wolke und genau betrachtet auch im eigenen Geist. Daraus ergibt sich ganz natürlich ein Respekt gegenüber der Welt und allem Leben und eine immense Wertschätzung für die Lehre des Buddha.
Wenn wir nach unserer wahren Natur suchen, so achten wir darauf, wie wir sie möglicherweise verloren zu haben glauben und finden dabei all die Wellen des Lebens: unsere Ängste, unsere Einsamkeit, unsere übermässige Geschäftigkeit, unsere Gier, jemand Besonderer zu sein. Wo immer wir Konkurrenzdenken, Besserwisserei, Machtstreben oder die Verleugnung all dessen vorfinden, hat sich die Egozentrik verdichtet. Und diese Egozentrik beraubt uns der Freiheit und Weite, die die wahre Natur unseres Herz-Geistes ist. Relativ betrachtet sind wir all diese Wellen, die aus urzeitlichen Bedingungen entstanden sind und die unser so kleines, doch für uns und unsere Umgebung ein wichtiges, weil bezogenes Leben ausmachen - und wir sind sie genauso auch nicht.
Es ist schwer zu sagen, was wir wirklich sind: Mit Worten können wir es nur andeuteten. Genauso schwer ist es zu sagen, was Zen ist. Doch können wir uns mehr und mehr dem annähern, was ein Leben aus Zen bedeutet: diesen freien Herz-Geist in der Welt freundlich und ganz natürlich zu verkörpern - mit aller Freiheit, Weisheit und Liebe, zu der wir als Menschen fähig sind.
Mögen alle Wesen glücklich sein!