Der Herz-Geist des Buddha: Ein freier, offener Geist
Wenn wir den Buddhismus als eine geschlossene Einheit betrachten, werden wir seiner Vielfalt keineswegs gerecht. Im Gegenteil, wir vermischen verschiedenste Ebenen, etwa historische, philosophische oder kulturelle; dabei entstehen, wie erwähnt, leicht zahlreiche Missverständnisse. Wenn etwa die im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Kernaussagen des Buddha mit den äusseren Formen verwechselt und vermischt werden, kann es schnell passieren, dass wir diesen Formen allzu grosse Bedeutung beimessen und damit die Tür zu Rechthaberei und Konkurrenzdenken weit öffnen. Buddhismus wird damit zu einem "Ismus" oder zu dem, was wir als institutionalisierte Religion bezeichnen können. Und das ist nicht, was Buddha lehrte! Er lehrte im Kern die grundlegenden Lebensgesetze - und die sind naturgemäss weder Religion noch Ideologie.
Solange die einzelnen Schulen die Kernaussagen der Buddha-Lehre ins Zentrum rücken und die äusseren Formen als upaya, hilfreiche Mittel, erachten, können sie höchstens bezüglich der hilfreichen Mittel wetteifern und von sich behaupten, sie hätten die "besseren" oder "effizienteren". Und das ist etwa gleich "bedeutend" wie das Spiel von Kindern im Sandkasten, wo jedes die schönste Burg gebaut zu haben glaubt - also sehr relativ. Es geht also auch innerhalb der buddhistischen Traditionen und Schulen keineswegs darum, alle Wege als "ein und dasselbe" zu deklarieren und damit gleichsam flachzutreten. Den eigenen Weg darf man durchaus klar definieren. Wichtig ist dabei jedoch eine offene Grundhaltung und das grundlegende Anerkennen, dass es andere, unterschiedliche Wege gibt. Um eine solch offene und klare Geisteshaltung bemühen auch wir uns bei dem, was wir als Sati-Zen bezeichnen.
Lebendige Traditionen
Da, wo der Herz-Geist ist, da ist der Buddha.
Shítóu Xiqian, 700-790
Es war den buddhistischen Lehrenden in allen Jahrhunderten ein grosses Anliegen, Kern und Fruchtfleisch so authentisch wie immer möglich weiterzugeben; dies ist eine der Stärken buddhistischer Traditionen. Die Schale hat sich immer an die jeweilige Kultur angepasst. Dabei gab es immer auch Personen und Schulen, die die Schale als unveränderliches upaya erachteten; hiervon wollen wir uns klar abgrenzen! Äussere Formen können hilfreich sein, aber genauso gut auch erstarren und zu neuen Ankern des Festhaltens werden und damit ihren Sinn ins Gegenteil verkehren.
Eine buddhistische Schule sollte sich daher stets der drei Bereiche von Kern, Fruchtfleisch und Schale bewusst sein und sie unterscheiden können. Damit wären wir auch in der Lage, die Kernaussagen beispielsweise nicht dadurch zu korrumpieren, dass wir doch wieder etwas Dauerhaftes und Ewiges postulieren, z. B. "unveränderliche" äussere Formen. Wir können überlieferte Methoden durchaus pflegen und anwenden und gleichzeitig offen bleiben für Anpassungen äusserer Aspekte an Ort und Zeit, gemäss den Gegebenheiten der sich wandelnden Kultur.
Eine lebendige Tradition braucht keine Angst davor zu haben, Fragen zu stellen. Formen dürfen und sollen bezüglich ihrer Sinnhaftigkeit untersucht werden, wobei hier wie erwähnt eine offene Herangehensweise Voraussetzung ist! Nur eine intensive Beschäftigung auch mit kritischen Fragen befähigt uns zu erkennen, ob das eine oder andere Hilfsmittel auf unserem Weg wirklich zur Befreiung führt oder ihr eher abträglich ist, und auch zu sehen, wo allenfalls blinde Flecken im eigenen Umgang mit Tradition liegen. "Offenheit" bedeutet auch, etwas nicht mit einfachen Antworten oder eigenen Vorurteilen abzutun. Bevor wir uns, quasi präventiv, beispielsweise zum Schutz der eigenen Meinung, in Ablehnung oder Kritik verlieren, könnten wir vieles erst einmal ausprobieren, erforschen und auf uns wirken lassen. Und das braucht Zeit, Offenheit und Klarheit!
Weisheit zeigt sich in einem tiefen Verständnis der Drei Merkmale bzw. der Vier Dharma-Siegel. Darin ist, wie ausgeführt, das Verständnis der Leerheit enthalten, das wiederum letztlich mit dem Herzen erfasst werden muss. So sie nicht allein mit dem Intellekt verstanden wird, offenbart sich die Einsicht, das Verstehen des Herz-Geistes, in natürlicher Weise in gelebtem Mitgefühl.