Mindestens 99 Feminizide im letzten Jahr in Deutschland. 99 mal Mord. 99 mal Tränen. Abschied. Vermissen. 99 mal Männergewalt. 99 mal zerstörte Familien. 99 mal eine klaffende Lücke im Leben der Liebsten. 99 mal Trauer. Wut. Widerstand. Doch das sind nicht einfach nur Zahlen. Die Ermordeten waren Frauen, Mütter, Töchter, Schwestern. Sie waren Freundinnen, Arbeitskolleginnen, Wegbegleiterinnen. Sie waren voller Leidenschaft, Träume und Ängste. Jede, die ermordet wird, ist eine zu viel. Deshalb nehmen wir diese Gewalt nicht länger hin.
Wir wollen uns lebend!
Femizide sind die Spitze des Eisbergs. Sie sind der brutale Ausdruck einer Denk- und Lebensweise, die Frauen und Mädchen systematisch unterdrückt, ausbeutet und in Grenzen hält. Es ist die gleiche patriarchale Gewalt, die an allen Orten dieser Welt unterschiedlichen Ausdruck findet. Die uns klein hält, die uns vergewaltigt, die uns ermordet. Es ist ein System, das uns unseren Willen und unsere Freiheit nimmt. Die patriarchale Gewalt auf diesem Planeten verhindert, dass wir lebendig sind. Wir nehmen das nicht länger hin.
Wir wollen uns lebend!
Wir wollen eigene Entscheidungen treffen, ohne Angst vor den Konsequenzen zu haben.
Wir wollen uns so kleiden, wie wir es schön finden, ohne dumm angeguckt zu werden.
Wir wollen im Dunkeln nach Hause laufen und dabei entspannt den Sternenhimmel beobachten.
Wir wollen feministische Selbstverteidigungskurse im Sportunterricht. Wir wollen feiern ohne Angst vor KO-Tropfen.
Wir wollen unsere Meinung äußern und ernst genommen werden.
Wir wollen unsere Wut zeigen ohne als hysterisch zu gelten.
Wir wollen unsere Kulturen ausleben ohne diskrimminiert zu werden.
Wir wollen uns lebend!
Wir wollen, dass keine Frau mehr von ihrem (Ex-)Partner ermordet wird.
Wir wollen, dass kein Kind mehr missbraucht wird.
Wir wollen, dass niemand mehr Selbstmord als einzigen Weg aus einer Gewaltsituation sieht.
Wir wollen, dass Täter und nicht Betroffene ihr soziales Umfeld verlassen müssen.
Wir wollen, dass Jugendämter verstehen, dass ein gewalttätiger Ehemann kein guter Vater sein kann.
Wir wollen Therapieplätze für alle, die sie brauchen.
Wir wollen, dass die Finanzierung von agisra e.V., Frauen helfen Frauen e.V., Paula e.V., rubicon und all den weiteren autonomen Gewaltschutzstrukturen in Köln endlich langfristig gesichert ist.
Wir wollen uns lebend!
Wir wollen, dass jeder Frau ihr Recht auf Schutz gewährt wird.
Wir wollen, dass die lebensbedrohlichen Hindernisse für Frauen ohne sicheren Aufenthaltsstatus abgeschafft werden.
Wir wollen, dass Bleiberecht nicht von gewalttätigen Männern abhängig ist.
Wir wollen, dass Frauenhausplätze auch ohne gesichertes Einkommen gewährleistet werden. Wir wollen barrierefreien Zugang zu Gewaltschutz.
Wir wollen Gelder für muttersprachliche und kultursensible Beratungen, statt für Panzer und Kriegsgerät.
Wir wollen die vollständige Umsetzung der Istanbul-Konvention! Wir wollen uns lebend!
Wir wollen, dass sich niemand mehr traut unseren Kampf gegen Femizid für rassistische Hetze zu instrumentalisieren. Wir wollen eine Gesellschaft, die versteht, dass dieses gewaltvolle System seit Jahrhunderten in Europa gewachsen ist.
Wir wollen einen Geschichtsunterricht, in dem die Hexenverfolgung als größter Feminizid in der Geschichte Europas erklärt wird.
Wir wollen ein Bewusstsein darüber, dass wir Femizide nur beenden, wenn wir auch Rassismus, Klassismus, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus und Ableismus, also der Abwertung von Menschen mit Behinderung den Kampf ansagen.
Wir wollen uns lebend!
Wir wollen ein Bewusstsein darüber, dass Täter meistens die Männer sind, die uns am nächsten stehen. Wir wollen eine Berichterstattung, die keine Tat mehr als Familiendrama verharmlost.
Wir wollen, dass Femizide endlich statistisch erfasst werden.
Wir wollen Studien, wie es zu dieser Gewalt kommt und wie wir sie beenden können.
Wir wollen eine Lebensweise, die nicht durch Rollenbilder, sondern durch freiheitliche Entscheidungen geprägt ist. Wir wollen eine Geschlechtervielfalt, die als Bereicherung gesehen und nicht bekämpft wird.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig unterstützen anstatt zu konkurrieren. Wir wollen lebendig sein! Wir wollen uns lebend!
Wir wollen eine Bewegung von unten, die den gewaltvollen Normalzustand durchbricht.
Wir wollen uns mit allen zusammenschließen, die dieses System versucht kleinzuhalten.
Wir wollen, dass Männer an unserer Seite gegen diese Gewalt aufstehen. Wir wollen, dass unser Protest immer größer, breiter, kreativer, radikaler und vielfältiger wird - bis wir nicht mehr übergangen werden können.
Wir wollen uns lebend!
Und dafür nehmen wir uns heute am feministischen Kampftag die Straßen!
Zum Abschluss unserer Demo laden wir euch herzlich ein, eure Schilder und Banner dort vorne bei den Bäumen abzulegen und zusammen einen NI UNA MENOS Schrein zu errichten. Als Ort des Innehaltens und Gedenkens, für Trauer, Wut und Widerstand. Als ein starker Ausdruck unserer Kämpfe gegen jede Form patriarchaler Gewalt.
NI UNA MENOS!
Nicht eine weniger!