Redebeitrag, 8. März 2025 Katharina Sieben, Jugendbildungsreferentin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Region Köln-Bonn
Liebe Freund*innen, liebe Kolleg*innen, liebe Mitstreiter*innen!
Wir sind wütend. Richtig wütend. Als Gewerkschaften haben wir die letzten Jahrzehnte so viel erkämpft: Die 5-Tage-Woche, den 8-Stunden-Tag, Urlaubsanspruch, den Mindest-lohn, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, und das Recht zu streiken! Aber das alles war kein Geschenk.
Und heute? Häufen sich die Angriffe!
Wir müssen uns anhören, wir seien faul! Dass 8 Stunden Arbeit am Tag nicht reichen. Während die Hälfte der Beschäftigten sowieso schon mehr arbeiten, als vertraglich vereinbart! Häufig unbezahlt und unter Druck.
Uns wird gesagt, wir seien zu viel krank. Aber es wird gar nicht hinterfragt, warum Menschen zu Hause bleiben. Als würden wir uns aus Spaß krank melden. Dabei wissen wir doch alle, wie viele Menschen sich krank zur Arbeit schleppen, weil niemand ihre Arbeit auffängt.
Und dann diese Frechheit: Wir machen zu viel Lifestyle-Teil-zeit! Was für ein Hohn! Diese Aussage ist nicht nur respekt-los – sie ist ein Angriff auf unsere Selbstbestimmung! Wer Teilzeit ernsthaft reduzieren möchte, sollte konkrete Vorschläge machen, wie sich unbezahlte Arbeit gerechter verteilen lässt. Denn die leisten vor allem FLINTA* Personen. Und das, meine lieben Freund*innen – MEHR ALS 40 Stunden in der Woche!
Das was wir grade erleben, ist Klassenkampf von oben - von den Gitta Connemanns und Friedrich Merzes dieser Republik, die glauben, sie könnten Arbeitsrechte wie alte Tapete von der Wand reißen.
Wir brauchen keine Abrisspläne für Arbeitsrechte und Sozialstaat! Wir brauchen Gerechtigkeit! Eine gerechte Umverteilung von oben nach unten!
Es kann doch nicht sein, dass die Menschen, die sich ohne-hin abrackern, immer mehr leisten sollen. Während die, die mit ihrem Geld wirklich was bewegen könnten, so tun, als ginge sie das alles nichts an! Diese Menschen müssen endlich in die gesellschaftliche Verantwortung gezogen werden. Sie müssen gerecht Steuern zahlen!
Diese Ungerechtigkeit zeigt sich nicht nur zwischen Arm und Reich, sie zieht sich auch durch die Geschlechterverhältnisse. Wer glaubt, Gleichstellung sei längst erreicht, irrt sich gewaltig!
Frauen verdienen in Deutschland noch immer 16 Prozent weniger als Männer. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Studien meist nur zwischen zwei Geschlechtern unterscheidet und die Diskriminierung von Trans-, Inter-, und Nicht-Binären Personen auch beim Thema Lohnlücke unsichtbar bleibt. Das ist kein individuelles Problem! Das ist das Ergeb-nis struktureller Ungleichheit.
Die Folgen? zu wenig Geld für ein selbstbestimmtes Leben und für eine Rente, von der wir FLINTA* Personen im Alter nicht leben können. Damit hält uns das Patriarchat in der Abhängigkeit!
Dabei sind viele von uns hervorragend qualifiziert. Wir ha-ben durchschnittlich höhere Schulabschlüsse und bessere berufliche Qualifikationen! Das schlägt sich aber nicht unserer Tätigkeit wieder. Und von der Karriereleiter müssen wir erst gar nicht sprechen. In Führungsebenen belegen Männer immernoch 71% der Plätze!
Zudem sind FLINTA* Personen überdurchschnittlich häufig in Berufen tätig, die zwar gesellschaftlich unverzichtbar, aber traditionell schlecht bezahlt werden. Dazu zählt der Sozial-, Bildungs- und Pflegebereich. Zufall? Ich glaube nicht! Das ist ebenfalls eine gewollte Abwertung von Arbeit, die vor allem diejenigen betrifft, die ohnehin schon unter dem Patriarchat leiden.
Selbst bei gleicher Arbeit erhalten Frauen im Durchschnitt 6 % weniger Lohn. Das zeigt doch immer noch deutlich: Hier geht es um nichts anderes als Diskriminierung! Dabei trifft es Queere Kolleg*innen, Alleinerziehende, Menschen mit Migrationshintergrund oder solche mit einem ausländischen Pass noch viel härter!
Und zusätzlich machen wir auch noch unbezahlte Haus- und Carearbeit! Und zwar 9 Stunden mehr als Männer! Das sind 44 %! Ein ganzer Arbeitstag!
Wir Gewerkschaften sagen: Schluss damit.
Unser Ziel ist klar: Alle Menschen müssen die gleichen Chancen haben, ihr Leben frei von Unterdrückung zu gestalten und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Für eine gute Zukunft für uns alle.
Und deswegen fordern wir:
Wir brauchen endlich genügend gute und verlässliche Kinderbetreuung, faire Pflegebedingungen mit Zeit für echte Fürsorge und eine Aufwertung sozialer Berufe.
Wir brauchen gesetzliche Rahmenbedingungen, die uns schützen und nicht ausbeuten. Starke Tarifverträge und ein Lieferkettengesetz, das wirkt! Damit der Staat nicht mehr Geld für Lohndumping und schlechte Arbeitsbedingungen rauswirft. Einen Lohnersatz, wenn Menschen Pflegezeit übernehmen und eine Reform des Ehegattensplittings. Und wir brauchen soziale Absicherung ab der ersten Arbeits-stunde – für alle.
Wir brauchen Arbeitgeber, die Rücksicht auf die unterschiedlichen Lebensphasen ihrer Beschäftigten nehmen. Und wir brauchen cis-Männer, vor allem Väter, die endlich Verantwortung und ihren Teil übernehmen.
Jeder Fortschritt, den wir als Feminist*innen, als Beschäftigte, als Gesellschaft erreicht haben, wurde uns nicht frei-willig überlassen. Und wir müssen weiterkämpfen! laut, wütend, entschlossen - und vor allem gemeinsam! Bis niemand mehr zurückgelassen wird.
Danke!