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Ein Alphabet der Ideen

Schlafe, und denke nach!

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– Urunk királyunk, a kertben alszik egy hős, aki hetet üt egy csapásra!

Der obige Satz aus einem Grimm-Märchen ist insofern bemerkenswert, dass er gar keine Entsprechung im Original besitzt. Das ist nicht weiter schlimm, da er sich relativ leicht übersetzen lässt.

Uns interessieren hierbei andere Besonderheiten:
  • Wie lautet der Infinitiv von alszik er/sie/es schläft?
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen csapás Schlag und den Verben aus den beiden folgenden Beispielen:
  1. A haragos hullám már a sarkukat csapdosta (Die Nixe im Teich);
  2. A szerencsétlen fiókák szárnyukszegetten […] csapkodtak (Die weiße Schlange)?

Eine Sprache in der Sprache

Für die Beantwortung der eben gestellten Fragen sind herkömmliche Wörterbücher keine große Hilfe (z.B. csapdos = csapkod, was offensichtlich nicht stimmt). Und auch das Suffixwörterbuch „Agglutinierende Bausteine der ungarischen Sprache" liefert uns nur den Hinweis, dass -dos objektiv und -kod subjektiv seien.

Von den Verbalpräfixen weiß man, dass sie nichts anderes sind, als verkürzte und zeitweilig dem Verb vorangestellte Adverbien. Auch die Kasusendungen sind dafür bekannt, dass sie sich wie Wortstämme verhalten können.

Derivationsmorpheme, also Suffixe, die zur Bildung neuer Wörter dienen, sind auch „Wörter”, wenngleich sie als Ideme eher semantische Kategorien als gewöhnliche syntaktische Gegebenheiten beschreiben.

Die klassische, beschreibende ungarische Grammatik (.hun) macht es sich da etwas leicht: sie begnügt sich damit, ausgerechnet jene Derivationsmorpheme, die durch ihre wortschatzbildende Wirkung die Sprache entscheidend prägen, nur grob in Gruppen von repetitiven, momentanen, usw. Morpheme zu unterteilen.

Daraus folgt zwangsläufig, dass für Muttersprachler selbstverständliche Bedeutungsunterschiede zwischen einzelnen Suffixen durch diese Art der Kategorisierung unter den Tisch fallen. So sind zum Beispiel -dos und -kod entgegen der althergebrachten Meinung genausowenig Synonyme wie rot und rötlich.

Unter generativen Aspekten jedoch, die unter anderem in der theoretischen Informatik bei der Erforschung von Programmiersprachen üblich* sind, bilden diese Derivationsmorpheme ein sinnvolles System, dessen Aufgaben für die Kommunikation wohl über das übliche Grammatikalische hinausgehen.

Wie das nun in einer natürlichen Sprache funktioniert, wird in „Lingua Hungarorum – Die Sprache der Ungarn” ausführlich beschrieben. Hier ist nur interessant, welche Konsequenzen dies für das Verständnis der ungarischen Sprache hat.

Liste der elementaren semantischen Suffixe

Als erstes halten wir fest, dass Selbstlaute wegen der erforderlichen Vokalharmonie nur am Ende der Ideme eine Rolle spielen können. Des weiteren gibt es auch hier die Dualität des Subjektiv-Objektiven (subj bzw. objt).

Bei der folgenden Tabelle gilt es zu beachten, dass die aufgeführten einzelnen Ideen für ganze Klassen von Begriffen stehen, die sich nur schwer mit einem einzigen (deutschen) Wort benennen lassen. Daher sei ein gewisser Spielraum bei ihrer Interpretation erlaubt.

Zeichen Bezug Begriff Beispiel Bemerkung
a, e namentlich apa Vater, anya Mutter modernes, offene Nominativsuffix
b als eine Einheit láb Fuß sonst Komparativsuffix: jobb besser
c, cs, k klein gombóc(ocska) Knödel(chen) Koseform von gömb Kugel
cs objt erfolgreich ács Zimmermann aus t + s
d subj momentan éled zu sich kommen
g, k subj selbstbezüglich engem mich, rejtek Versteck siehe ik-Verben

subj wiederholt inog wackeln, rak laden auch in meg als „plus”;
k sonst Pluralsuffix: ezek die (hier)
gy subj auf einmal dagewesen légy Fliege aus d + j
h möglich méh Biene / Gebärmutter sonst Wirkungsform: vihet er/sie/es kann tragen
i, y zugehörend mezei von der Wiese sonst Besitztumsuffix: virágai seine/ihre Blumen

klein apuci Vati, anyuci Mutti auch als Adjektiv
j zwingend baj Unheil sonst Imperativsuffix: adj gebe!
l subj andauernd kiagyal sich ausdenken
ly subj wichtig király König aus l + j
m subj unbegreiflich ütem Takt
n subj plötzlich billen kippen sonst Konditional- oder Adverbialsuffix:
inna er/sie/es würde trinken,
szépen auf die schöne Art
ny subj lang arany Gold aus n + j
ó, ő in einem Zustand levő seiend Partizipialsuffix
p subj einmalig csepp Tropfen
r objt drehend zár schließen
s objt ähnlich és und
sonst Adjektivsuffix: vörös rot
sz objt andauernd arasz Spanne sonst sz-Aorist: tesz er/sie/es tut
t objt bewirkend tét Einsatz sonst Vergangenheits- oder Akkusativsuffix:
adta er/sie/es gab, bzw. apát den Vater
ty objt mechanisch kátyú (wassergefüllte) Spurrille aus t + j
ú, ű eine Eigenschaft habend nagyképű eingebildet altes, geschlossenes Nominativsuffix:
apu Vater, anyu Mutter
v beendet könyv Buch führt zu unregelmäßigen Verbalstämmen
z objt ständig néz betrachten
zs subj stämmig törzs Rumpf

Verwandte Begriffe auseinanderhalten

A hang csapongva szárnyalt a rengetegben [Er fidelte eins,] daß es durch die Bäume schallte (Der wunderliche Spielmann).

In diesem Satz entspricht das Prädikat csapongva szárnyalt dem Verb „schallte”, und hierin wiederum bezieht sich szárnyal flattern auf die Töne der Geige, die sich nach unserer Tabelle laut (csap – wie ein Schlag), plötzlich (-n-) und wiederholt (-g-) fortsetzen.

Ähnlich einfach wird die Erklärung von csapdos und csapkod: ersteres heißt etwas kurz (-d-), aber ununterbrochen (-s-) schlagen – nämlich das, was die Welle mit ihren Fersen macht –, letzteres betont jedoch, dass es die armen Küken selber (-k-) sind, die mit ihren Flügeln herumschlagen (-d-).

Und noch ein letztes Beispiel aus der Begriffsfamilie csap* des Schlagens: csappantyú. Dies ist ein mechanisches Gerät (-ty-), das etwas ruckartig (-n-), ein für alle mal (-p-) zuschlägt (csap), oder kurz gesagt: eine Klappe!

Komplexe Begriffe analysieren

Ha elmúlik a veszély, nincs többé veszedelem.

Das Tapfere SchneiderleinWenn man ein Wörterbuch zu Rate zieht, lautet die Übersetzung dieses Satzes: Wenn die Gefahr vorbei ist, dann gibt es sie nicht mehr. Das ist wohl offensichtlich, und keineswegs die Aussage des ungarischen Satzes.

Beide Hauptwörter veszély und veszedelem sind Teil der Begriffsfamilie ve*, die sich sogar aus der obigen Familie deuten lässt – dies trifft nur auf alte ungarische Wörter zu –: Wörter mit Stamm ve- haben mit dem Ende zu tun.

In veszedelem finden wir diese Komponenten: das bis ans Ende (ve-), andauernde (-sz-), der Beginn dessen (-d-), seine Verwirklichung (-l-), im abstrakten Sinne (-m). Veszedelem ist also der abstrakte Begriff des Permanentwerdens des Beginns des bis zum Ende andauernden.

Veszély hat aber nur die folgenden Komponenten: bis ans Ende (ve-), andauernd (-sz-) und wichtig (-ly). Es ist also eher die konkrete Gefahr.

Die Übersetzung des Beispielsatzes müsste also korrekterweise lauten:
        Wenn die Gefahr vorüber ist, braucht man keine Angst mehr zu haben.

Einfach mehrfach

        Ne szólj szám, nem fáj fejem Besser schweigen, als das Maul verbrennen (Proverb).

Es dürfte eine bekannte Tatsache sein, dass das Ungarische die Einzahl bei Substantiven und deren Attributen vorzieht (vgl. Übereinstimmungen). Der Grund hierfür dürfte sein, dass das Plural nicht den selben Stellenwert besitzt wie in den indoeuropäischen Sprachen üblich.

Und tatsächlich, -k als Pluralzeichen begründet keinen eigenen Numerus in der Deklination, sondern – wie man es aus der Tabelle ersehen kann – betont einfach nur, dass etwas mehrfach vorhanden ist oder erfolgt. Um diese Tatsache zu illustrieren, nehmen wir einen Teil aus dem obigen Beispiel heraus: Fáj a fejem Mir tut der Kopf weh.

Dehnen wir diese schmerzliche Erfahrung auf paarweise vorhandene Körperteile aus, zum Beispiel die Beine:
  • Fáj a lábam (Singular) Mir tun die Beine weh.

  • Fájnak a lábaim (Plural) Mir tun beide Beine weh.


Die erste Version ist die normale Aussage, wohingegen die zweite die Gleichzeitigkeit unterstreicht. In diesem zweiten Satz erkennt man auch, dass die Rolle von -k auch nicht exklusiv sei: während es selber das konjugierte Verb auszeichnet, markiert -i- als Besitztumzeichen das Mehrfache am Subjekt.

Verwaiste Verben ohne Infinitiv?

– Nagyon tetszik; olyan szép, hogy még sosem láttam ilyen szépet »[Sie gefällt mir] aus der Maßen wohl, sie ist so schön wie ich noch keine gesehen habe«, sprach das Eselein.

In diesem Satz scheint tetszik die selbe Form aufzuweisen als alszik aus dem ersten Abschnitt. Aber während ersteres tetszeni gefallen als Infinitiv besitzt, gibt es für letzteres keine Form namens *alszani, sondern nur aludni schlafen. Wie kommt das?

Tetszeni gehört zu denjenigen durativen Verben, die mit -sz- als solche regulär, das heißt auf die ungarische Art gekennzeichnet werden. Dieser andauernde Aspekt ist fester Bestandteil des vom Verb abgedeckten Begriffs, und gilt demnach in jeder Konjugation, Modus und Tempus.

Auf der anderen Seite ist aludni ein eigentlich nicht-duratives Verb – das -d- im Stamm bedeutet ja „momentan” –, das die Änderung seines Aspekts zum Durativen hin nur im Indikativ Präsens zulässt, und dies mit einer Änderung seines Stammes auf -sz-, also auf die Art eines indoeuropäischen Aoristen, dokumentiert.

Es gibt aber mehrere Stufen im Übergang zwischen diesen beiden Extremen:
  1. z/sz-Verben, die das ständige betonen, wie emlékezik / emlékszik (emlékezni) sich erinnern;

  2. l/sz-Verben, die das subjektive hervorheben, wie rohangál / rohangászik (rohangálni) herumrennen;

  3. d/sz-Verben, die das momentane herausstellen können, wie gyanakodik / gyanakszik (gyanakodni) verdächtigen; das heißt dem Sinn nach ungefähr Verdacht schöpfen gegenüber von in Verdacht haben. Diese Verben markieren sogar das Erreichen eines endgültigen Zustandes mit -v- im Partizip Präsens: gyanakvó argwöhnisch.


Die dritte Gruppe ist bei weitem die umfangreichste: sie besteht aus solchen Verben, deren Stamm auf -AkOd[ik] endet (wobei A für „a” oder „e” steht, während O sowohl „o”, „e” oder auch „ö” bedeuten kann). Diese Verben sind im Prinzip reflexiv (wenn sie denn objektiv sind), und ihre beiden Präsensformen werden heutzutage eher synonym zueinander benutzt.

Es gilt jedoch festzuhalten, dass es für all diese Übergangsverben keine Infinitive mit -sz- gibt.

Die vollständige Zustandsänderung

Schließlich macht die Gruppe von d-sz-v-Verben, zu der auch aludni gehört, im Präsens eine vollständige Wandlung des Stammes vom momentanen zum endgültigen hin durch. Dabei wird -d- für alle Modi außer dem Indikativ (sowie alle Zeiten außerhalb des Präsens), -sz- für den Indikativ Präsens, und -v- für den Partizip Präsens verwendet (siehe auch Die sekundären irregularen Verben [.hun]).

Diese „überregulären” ik-Verben sind 6 an der Zahl, so dass es für jede Person in der subjektiven Konjugation ein Beispiel angegeben werden kann:

d-sz-v-Verben Aspekt momentan andauernd endgültig .deu
Infinitiv Person Imperativ Indikativ Partizip
aludni 1. sing aludjak alszom alvó schlafen
alkudni 2. sing alkudj(ál) alkuszol alkuvó feilschen
esküdni 3. sing esküdjön
(esküdjék)
esküszik esküvő schwören
feküdni 1. plur
feküdjünk fekszünk fekvő liegen
haragudni 2. plur haragudjatok haragszotok haragvó grollen
nyugodni 3. plur nyugodjanak nyugszanak nyugvó ruhen


Ein Wort zur Warnung

Man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, Begriffe aus der Tabelle weiter oben in eigene Wortschöpfungen hineinzuinterpretieren. Die Bildung neuer Wörter erfolgt nämlich stets auf der Ebene der zusammengesetzten Ideme – jener in der Sprache schon bekannten Derivationsmorpheme.

Die Tabelle soll lediglich dazu dienen, komplexe ungarische Wörter besser verstehen zu können, das heißt die extrem feinen Unterschiede aus solchen Wörtern (wie in unseren Beispielen) einfacher herauszuinterpretieren.

Quellen

Einen solchen semantischen Ansatz hat auch das Wörterbuch von Czuczor-Fogarasi (.hun) verfolgt, allerdings mehr auf die Stämme der ungarischen Wörter bezogen. Dort kam man auch auf eine ähnliche Bedeutung der weiter oben aufgelisteten elementaren Suffixe, obwohl diese hier eigentlich das Ergebnis einer nach der Chomsky-Methodik zustandegekommenen theoretischen Betrachtung sind.

Die ursprüngliche Tabelle heißt „Die zur Bildung neuer Wörter verwendeten grundlegenden Begriffe” (.hun).

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Anmerkung:
Ein praktisches Beispiel hierfür dürfte die „ungarische Notation” genannte Namenskonvention liefern, die nach ähnlichen Prinzipien aufgebaut ist.

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