https://sites.google.com/site/juergenkeltsch/14-die-computionalen-und-informationstechnischen-grundlagen-von-l-ron-hubbards-dianetik-und-scientology
Versuch einer humanwissenschaftlichen Analyse auf informationstheoretischer Basis
Dr. Jürgen Keltsch
Verfasst 07.04.2000
Die Dianetik ist nach dem Konzept ihres Begründers L. Ron Hubbard, wie er es in seinem „Handbuch der Dianetik-Verfahren. Dianetik. Die Moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“ im Jahre 1950 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hat, eine Lehre über die Entstehungsursachen psychosomatischer Krankheiten und geistiger Störungen (Neurosen, Psychosen) sowie über Methoden zu deren Heilung („dianetische Technologie"). In diesem Handbuch wird kein Glaubenssystem präsentiert, sondern es werden die Methoden einer „neuen Wissenschaft“ beschrieben. Die Sprache der neuen Lehre ist demnach nicht fideistisch, sondern durch und durch szientistisch geprägt.
Die Schwierigkeit der Beschreibung der dianetischen Lehre und „Heilungspraxis“ liegt darin begründet, dass Hubbard zwar an bekannte Krankheitsbilder der Psychiatrie, wie psychosomatische Leidenszustände, Neurosen und Psychosen angeknüpft hat, jedoch deren Entstehung und Heilung auf der Grundlage eines computionalen Verstandesmodells, das die Arbeitsweise des Gehirns mit der eines Computers gleichsetzt, erklärt. Eine ähnliche Auffassung vertrat Norbert Wiener, der Entdecker der Kybernetik. Zu ihm und dessen kybernetischen Forscherkreis, der sich auf den Macy-Konferenzen in New York (1946-1953) getroffen hat, hatte Hubbard Zugang. Er kommunizierte und korrespondierte u.a. auch mit Wiener (K. Pias, T. Rid). Dieser hat sich von Hubbard, den er als Scharlatan betrachtete, mehrmals öffentlich distanziert. Um den Hubbardismus richtig zu verstehen, ist es erforderlich die Basisprinzipien der Kybernetik zu verstehen.
Durch die „dianetische Technologie" sollen im Wege einer Umprogrammierung des Verstandes mittels Manipulation der Gehirnfunktionen durch Biofeedbackverfahren die Ursachen für die krankhaften Störungen beseitigt und diese damit gebessert oder geheilt werden. Hubbards technizistische Prozeduren der Umprogrammierung orientieren sich, was häufig übersehen wird, nicht nur an der Kybernetik sondern auch an der Lerntechnologie von General Semantics, einer humantechnologisch ausgerichteten Spielart des Kognitivismus, die Gehirnprozesse analysieren und beeinflussen zu können glaubt (Diagnose neurosemantischer Reaktionen, neurolinguistisches Programmieren). Von einigen wird General Semantics wohl nicht zu Unrecht als protokybernetisch eingestuft.
Bis heute gibt es keine Beschreibung, Untersuchung und Bewertung der in der Dianetik durchgeführten Prozeduren aus humanwissenschaftlicher Sicht. Grund hierfür ist, dass die Dianetik in den anerkannten Heilberufen weltweit als Scharlatanerie angesehen wird. Übersehen wurde hierbei, dass versteckt hinter einer zur Tarnung verwendeten pseudoreligiösen bzw. esoterischen Terminologie der Geistheilung, hocheffiziente Techniken der programmierten Instruktion, d.h. einer Lerntechnologie in manipulativer Weise angewendet werden. Diese greifen tief in die Autonomie der Klienten ein und verändern deren Sozialverhalten nachhaltig. Obwohl Hubbard in seinen früheren Schriften ausdrücklich auf das aus dem Behaviorismus entwickelte kybernetische Menschenmodell als Basis für seine Krankheitstheorie und Therapietechniken hingewiesen hat, findet dieser Umstand bei der hauptsächlich kulturwissenschaftlich geführten Auseinandersetzung mit dem Hubbardismus bisher keinerlei Berücksichtigung. Hubbard beschrieb im Jahr 1950 in einem Aufsatz die Dianetik als Brücke zwischen der Kybernetik und General Semantics (Terra Incognita: The Mind, in: Technical Bulletin, I, S. 9). Da die Lerntechnologie von General Semantics für die Dianetik sowohl das (heil-)pädagogische Handlungsziel als auch den Handlungsrahmen zur Verfügung gestellt hat, muss auf deren Lehre und Trainingsmethoden näher eingegangen werden.
General Semantics ist eine von dem polnischen Wissenschaftstheoretiker und Naturphilosophen Alfred Korzybski (1879 - 1950) in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts in den USA entwickelte naturwissenschaftlich ausgerichtete Anthropologie mit heilpädagogischem Anspruch. Sowohl der Einzelne als auch die ganze Gesellschaft sollen durch ein spezielles Erziehungsprogramm verbessert werden. Korzybski lehrte, die „geistige Gesundheit" (sanity) der Gesellschaft werde allein dadurch bereits beeinträchtigt, weil sie sich bei ihrer Alltagskommunikation auf eine intensionale („aristotelische") Logik stütze. Hierdurch käme es nicht nur zu einer Anfälligkeit für totalitäre Propaganda, sondern auch zu einer falschen Weltsicht, zu falschen sozialen Verhaltensweisen, aber auch zu psychischen Störungen und Erkrankungen. Als Heilmittel empfahl Korzybski deshalb eine praktische Schulung in extensionaler („non-aristotelischer“) Logik; gemeint ist hiermit die moderne aus der Mathematik entwickelte Kalküllogik. Korzybski bezieht sich ausdrücklich auf Bertrand Russell und Alfred N. Whitehead, die Erfinder dieser Logik. Seine „neurosemantische" Anthropologie und Heilungslehre stellte Korzybski 1933 in dem Buch mit dem programmatischen Titel „Science and Sanity. An Introduction to Non-Aristotelian Systems and General Semantics" der Öffentlichkeit vor. Bedeutung und fortdauernder Einfluss Korzybski lassen sich daran abmessen, dass sowohl seine Lehre als auch seine Person in der Enzyclopedia Britannica ausführlich gewürdigt werden. Korzybski gründete 1942 die Internationale Gesellschaft für General Semantics. Er und sein Anhänger entwickelten auf der Grundlage der neuen Lehre Übungsprogramme für Logik- und Sprachschulung. Ziel der Übungen war es, dem Schüler durch zweckmäßiges Operieren mit Gegenständen deren Funktionen begreiflich zu machen und diese dann mit Hilfe von sog. lndexwörtern beschreiben zu lassen. Für die richtige begriffliche Erfassung der Welt stützte er sich auf das Bild der Karte. Dieser Ansatz findet heute in der Netzwerk- und Graphentheorie zur bildlichen Darstellung logischer Beziehungen vielfältige Anwendung (Mindmap-Technik, kognitive Karten). Die Übungen wurden auch zu psychotherapeutischen Zwecken bei der Neurosenbehandlung verwendet. Die Lehre Korzybskis wird üblicherweise bei der analytischen Sprachphilosophie eingeordnet, sprengt jedoch deren Rahmen. Denn sie verbindet als neue pragmatische Anthropologie Psychologie, Pädagogik, Soziologie sowie Linguistik miteinander und erhebt darüber hinaus einen weltverbessernden Anspruch. Bei General Semantics handelt es sich daher nicht nur um eine beschreibende Anthropologie, sondern um eine Erziehungsdoktrin zur Optimierung der Gesellschaft, also ein Handlungsprogramm zur Menschenveränderung, eine Art von säkularer Heilslehre.
Bei seiner Bewertung der „aristotelischen" Logik als „nicht rational", „geistig ungesund" und „krankmachend" hat Korzybski den Bereich des üblichen wissenschaftlichen Argumentierens verlassen. Mit seinem Angriff auf die „aristotelische" Logik wendet sich Korzybski nicht nur gegen die Verwendung der natürlichen Sprache, sondern auch gegen alle Geisteswissenschaften, d.h. gegen die Theologie, Philosophie und verstehende Psychologie. Er will auf der Grundlage seiner „nicht-aristotelischen" Logik das Wesen der Menschen allein mit Hilfe logischer, physikalischer und biologischer Konzepte erklären. Korzybski erweist sich damit als Vertreter des Positivismus bzw. Szientismus, d.h. einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Der Anspruch des Positivismus, die richtige Letztbegründung für das menschliche Wesen gefunden zu haben, wird von den Geisteswissenschaften mit Recht zurückgewiesen; denn auf Sinnsuche hat der Positivismus keine Antwort; für ihn gilt zudem lediglich eine utilitaristische Ethik, die richtiges Verhalten mit Methoden des Scoring und des Rating misst und den Menschen durch Ranking zur Optimierung veranlasst.
Trotz der Einführung des aus der Zeichentheorie entlehnten Begriffes „Semantik" bleibt Korzybski ganz dem naturwissenschaftlichen Denken verhaftet. Üblicherweise wird das Wort „Semantik" zur Bezeichnung der Wissenschaft vom Sinngehalt und der Bedeutung von Zeichen verwendet. Korzybski untersucht dagegen unter den Bezeichnungen „neurosemantisch" bzw. „neurolinguistisch" die wechselseitige Abhängigkeit zwischen dem Zentralnervensystem, d. h. dem Gehirn und dem menschlichen Sprechverhalten. General Semantics ordnet er daher selbst unter die Naturwissenschaften ein. Es handele sich hierbei nicht um irgendeine Philosophie, Psychologie oder Logik in gewöhnlichem Sinn. Es sei eine neue extensionale Disziplin, die uns erkläre und trainiere, unser Nervensystem in höchster Effizienz zu gebrauchen. Korzybski sieht in seiner neuen Lehre daher eine empirische Basiswissenschaft für die Medizin im allgemeinen, die Psychiatrie, geistige Hygiene und vor allem für die Erziehung. Mit dieser Bewertung hat Korzybski General Semantics zu einer szientistischen Heilslehre mit sozialreformerischem Anspruch erhoben.
Diesen Ansatz hat Hubbard für seine Dianetik voll adaptiert. Sein Therapiekonzept in der Dianetik ahmt, allerdings in einer völlig technisierten und daher enthumanisierten Form, Korzybskis (heil-) pädagogisches Erziehungsmodell General Semantics nach. Unter Beibehaltung der naturwissenschaftlichen Anthropologie Korzybskis hat Hubbard den Versuch unternommen, dessen kognitivistisches Sozialreformprogramm auf einer trivial-kybernetischen Grundlage weiter zu entwickeln. In dem Aufsatz „The Anatomy of Thought“ (HCO PL v. 26.04.1970, rev. 15.03.1975) setzte sich Hubbard mit der Lehre und der pädagogischen Praxis von Genera! Semantics eingehend auseinander. Er stimmt der Grundidee, die „geistige Gesundheit", repräsentiert durch die logischen Fähigkeiten des Menschen, mit praktischem Lerntraining allgemein optimieren zu können, ausdrücklich zu. Er stellte jedoch kritisch fest, dass Korzybski noch nicht „die Formel der menschlichen Kommunikation" gekannt habe. Mit dem Hinweis auf die Existenz einer Kommunikationsformel nimmt Hubbard auf die lnformationstheorie Bezug, die als naturwissenschaftliche Lehre gleiche Gesetze für die Aufnahme, Übertragung, Speicherung und Verarbeitung von Informationen in Maschine, Tier und Mensch postuliert. Sie ist als Teildisziplin der Kybernetik erst Ende der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts entstanden.
Ausgangspunkt von Korzybski Anthropologie ist nicht der Mensch als geistiges Wesen, sondern als ein sich selbst steuernder, reaktionsfähiger Organismus. Sein Menschenmodell, das er in „Science and Sanity" vorstellt, definiert den Menschen deshalb als ein Ensemble von „semantic reactions". Diese treten an die Stelle von Geist und Seele, wie sie die abendländische Theologie und Philosophie als Grundbedingungen der Personalität und Würde des Menschen herausgearbeitet haben. Anstelle des Geistes bzw. der transzendentalen Vernunft Kants lässt Korzybski im menschlichen Organismus ein die Weit konstruierendes und steuerndes, aus dem Organismus abgeleitetes kognitives Prinzip als höheres Aktionspotential der „semantic reactions" wirken. Angesichts der von Korzybski postulierten kognitiv-somatischen Einheit des Menschen sieht er ein unmittelbares Wechselspiel von Organischem und Kognitivem. Nach entsprechender Erziehung hält er dieses Kognitive aber auch für befähigt, die kognitiv-somatische Einheit Mensch nach demokratischen Prinzipien zu lenken. An die Stelle des Begriffs „psychosomatisch“ tritt der Begriff „kognitiv-somatisch“.
Hubbards Dianetik beruht, was bis heute allgemein übersehen wird, ebenfalls auf General Semantics. Die Grundlagen seiner biologistischen Doktrin legte er in der Schrift „Dianetik. Die Entwicklung einer Wissenschaft" (1950) in geraffter Form dar. Die Abhandlung erläutert auf 139 Seiten sowohl das kognitivistische bzw. trivial-kybernetische Theoriegebäude der Dianetik als auch deren individual- und sozialtherapeutischen Anspruch.
Hubbard war sichtlich bemüht, seiner Arbeit einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben; er fasste deshalb an deren Ende die Grundsätze seiner Lehre in der Form von Thesen unter der Bezeichnung „Die Grundlegenden Axiome von Dianetics" auf sechs Seiten zusammen und erläuterte die 27 wichtigsten Fachausdrücke seiner Doktrin in einem Glossar.
Hubbard bekennt sich in dieser Schrift nicht nur nebenbei, sondern expressis verbis zu einem radikalbiologischen Menschenbild. Sein Basisaxiom, aus dem er seine gesamte Lehre und Therapieprinzipien ableitet, lautet: „Überlebe!". Hieraus entfaltet er eine biotechnologische Gesellschaftsdoktrin:
„Das dynamische Prinzip des Daseins ist: ÜBERLEBE! Überleben, als das einzige und alleinige Ziel betrachtet, unterteilt sich in vier Dynamiken.
Die ERSTE DYNAMIK ist der Drang des Individuums zum Überleben für das Individuum und seine Symbionten. (Mit Symbionten sind alle Entitäten und Energien gemeint, die das Überleben fördern).
Die ZWEITE DYNAMIK ist der Drang des Individuums zum Überleben durch Fortpflanzung; sie schließt sowohl den Geschlechtsakt als das Aufziehen der Nachkommen ein, sowie das Sorgen für die Kinder und deren Symbionten.
Die DRITTE DYNAMIK ist der Drang des Individuums zum Überleben für die Gruppe oder der Drang der Gruppe zum Überleben für die Gruppe. Sie schließt die Symbionten dieser Gruppe ein.
Die VIERTE DYNAMIK ist der Drang des Individuums zum Überleben für die Menschheit oder der Drang der Menschheit zum Überleben für die Menschheit sowie der Gruppe für die Menschheit etc. Sie schließt die Symbionten der Menschheit ein.
Der menschliche Verstand (Mind) ist damit beschäftigt, Daten wahrzunehmen und zu behalten, Schlussfolgerungen zusammenzustellen oder zu berechnen und Probleme aufzustellen und zu lösen, die die Organismen in allen vier Dynamiken betreffen. Das Ziel des Wahrnehmens, des Behaltens, des Schlussfolgerns und des Lösens von Problemen besteht darin, seinen eigenen Organismus und seine Symbionten sowie andere Organismen und Symbionten entlang den vier Dynamiken zum Überleben zu führen“.
Hubbard nimmt zwar für sich in Anspruch, mit dem Basisaxiom „Überlebe" die Philosophie auf eine gänzlich neue „Grundlage" gestellt zu haben. Er verschweigt hierbei jedoch, dass dieses Prinzip bereits seit langem eine Grundaussage der Philosophierichtung des von W. James begründeten und von J. Dewey fortgeführten Funktionalismus gewesen ist. Diese zum amerikanischen Pragmatismus gehörende Philosophie betrachtet das geistige Leben in seiner dynamischen Einheit als ein Gefüge von Funktionen zur Befriedigung von Bedürfnissen biologischen Ursprungs. Der Begriff der Funktion dient hierbei dazu, den Trieb zum Überleben als eine Struktur, sei es eines Organismus oder einer Population von Organismen, zu bestimmen und damit das Prinzip allen Lebens zu erklären.
Wenn sich Hubbard in seiner Schrift „Dianetik" ausdrücklich von den Geisteswissenschaften distanziert und von „Ingenieurarbeit" spricht, die bei Dianetik zu verrichten sei, bezieht er sich ausgehend von seinem kognitivistischen Menschenbild, das die Arbeit des Gehirns mit der eines Computers vergleicht, letztlich auf General Semantics.
Einen ähnlichen Ansatz vertritt aber auch der Behaviorismus. An die Stelle des Menschen als eines freien, wenngleich oft fehlbaren Geistes setzen die älteren Behavioristen ein Modell des Menschen als Maschine, deren Leistung an Hand seiner Reaktionen auf äußere Reize gemessen werden könne. Die menschliche Reaktionen seien zwar durch Erbeigenschaften bestimmt, könnten allerdings durch Konditionierung, d.h. durch Dressur nach den Wünschen des Lehrers modifiziert werden. Aber auch nach der kognitiven Wende, die die Arbeit des Gehirns nicht mehr rein mechanisch, sondern als das Operieren nach Art eines Computers auffasst, erklären die Kognitivisten den menschlichen Geist auch immer noch als besondere Funktion einer Biomaschine, die sie mittels Messung testen und und durch besondere Lernprogramme beliebig verändern zu können glauben.
Den Verstand definiert Hubbard demgemäß mit Hilfe eines neurokognitivistischen Funktionsbegriffs. Der Verstand wird von ihm als „das Kontrollsystem zwischen dem Ich (dem Selbst der Person) und dem ‚physikalischen Universum‘ " angesehen. Der Verstand sei deshalb nicht das Gehirn. Er sei die Ansammlung aller Aufzeichnungen von Gedanken, Schlussfolgerungen, Entscheidungen, Beobachtungen und Wahrnehmungen des „ICH" während seiner gesamten Existenz.
Dementsprechend werden in der dianetischen Lehre die die Funktionen des Verstandes angeblich schädigenden „Engramme", die die Ursache für alle psychischen, psychosomatischen und sozialen Störungen („Aberrationen") sein sollen, als neuropathologischer Zustand auf „zellulärer" Ebene qualifiziert. Hubbards Engramm entspricht damit dem Begriff des Neurogrammes oder der Gedächtnisspur, wie er in der Neurobiologie verwendet wird, um die Speicherung einer Information in den Nervenzellen des Gehirns zu erklären. Auch das Entstehen der Engramme bezieht Hubbard auf einen biologischen Prozess. Ein Engramm soll das Resultat eines den Organismus treffenden schmerzhaften Ereignisses sein, das eine kurze oder längere Bewusstlosigkeit hervorgerufen habe. Dieser schmerzhafte Reiz in der Form eines „mentalen Eindrucksbilds" werde in der „Gedächtnisbank", die auch als „reaktiver Verstand" bezeichnet wird, „aufgezeichnet", d. h. als „Datum gespeichert". Ziel der Dianetik ist es, alle Engramme und „Locks" (= geistige Eindrucksbilder über beunruhigende Erfahrungen) als schädliche „Energiebilder“ aus dem Verstand/Gehirn „herauszuschlagen". Die Dianetik ist nach der Darstellung in der Schrift „Dianetik. Die Entwicklung einer Wissenschaft" demnach eine Lehre über eine angebliche Traumatisierung der Funktionen des Zentralnervensystems durch schmerzhafte Ereignisse und die physische Beseitigung dieser angeblichen Traumata.
Hubbard vertritt in der Dianetik eine durch und durch naturalistische Psychologie. Dies heißt: Er stellt auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen menschlichen Erlebens und Verhaltens ab. Hubbards Engrammlehre fügt sich damit in die biopsychologische Doktrin Pawlows und Korzybskis über das Entstehen psychosomatischer bzw. kognitiv-somatischer Störungen ein, sprengt jedoch gleichzeitig den dort anhand von Experimenten gezogenen erfahrungswissenschaftlichen Rahmen. Denn nach Hubbard sollen auch alle sozialen Abweichungen in der Form von unmoralischem und kriminellen Verhalten durch Engramme, d.h. durch Fehlfunktionen des Gehirns verursacht sein.
Aber auch für diesen Teil seiner Lehre dürfte Hubbard sich die Anregung aus Korzybskis „Science und Sanity" geholt haben. So führt dieser im Vorwort der 2. Auflage (1941) aus, in General Semantics predige man nicht Moral und Ethik für sich allein, sondern man trainiere die Studenten in Abstraktionsbewusstsein, im Bewusstsein multiordinaler Bewertungsmechanismen, relationaler Orientierungen zum Zwecke der Integration der verschiedenen Gehirnbereiche. Als Resultat dieses Trainings würden sich automatisch Moralität, Ethik, Sozialbewusstsein usw. ergeben. Korzybski behauptet damit aber implizit, dass durch ein General-Semantics-Training der Schüler auch soziale Defizite in seiner Persönlichkeit beheben könne. Nichts anderes erklärt aber auch Hubbard, wenn er behauptet, sozialschädliche Engramme beseitigen zu können.
Die bereits dem psychologischen Common sense eklatant widersprechende Meinung, soziale Fähigkeit könnten durch Logiktraining verbessert werden, ist falsch. Diese Meinung wird auch durch die moderne Gehirnforschung widerlegt. Soziale Fähigkeiten wurzeln in intakten emotionalen Funktionen im limbischen System des Gehirns. Diese sind aber von den Gehirnfunktionen, die logisches Verhalten steuern, weitestgehend getrennt. Wird Gehirnsubstanz verletzt, die der Steuerung von Emotionen dient, kann der Geschädigte, dessen Intelligenz intakt geblieben ist, weiter agieren. Er könnte vielleicht aber zu einem gefühllosen Soziopathen werden.
Einen weiteren wesentlichen Baustein für die Dianetik hat Hubbard aus der mit General Semantics nahe verwandten Philosophie des Operationalismus übernommen. Diese philosophische Lehre ist ebenfalls eine Art des Pragmatismus, die noch weit stärker als General Semantics naturwissenschaftlich ausgerichtet ist.
Nach Auffassung der Vertreter des Operationalismus ist die Sprache ein System von Handlungen, die mittels Zeichen symbolisiert werden. Nur soweit durch Messprozeduren überprüfbare Handlungen Aussagesätzen zugeordnet werden können, bilde Sprache die Welt richtig ab. Nur insoweit sollen Aussagen überhaupt wahr sein können.
Hubbard hat sowohl für seine Behandlungsprozeduren in der Dianetik als auch für seine Organisationslehre die Zielsetzung des Operationalismus radikal verwirklicht. Die Operation, eine präzise geregelte technische Prozedur mit Anfang, Dauer und Ende, die mittels einer Kontrolloperation gemessen wird, ist der Grundbaustein von Hubbards Anthropologie, aber auch der gesamten dianetischen Therapie. Demgemäß geht Hubbard auch davon aus, dass alles Sprechen („speech“) auf Handlungen zurückgeführt werden müsse. Er nimmt an, dass das Sprechen durch Nachahmung von Geräuschen und Handlungen erlernt werde, erkennt aber auch die Symbolfunktion der Sprache an; er kennzeichnet jene als „Übereinstimmung" oder „Nichtübereinstimmung" in der Kommunikation (Technische Definitionen der Dianetik und Scientology, Stichworte: Sprache - speech -; Sprache - language -). Durch diese Sichtweise vermag Hubbard das gesamte menschliche Verhalten im Sinne des Behaviorismus zu operationalisieren und so den Menschen mit einem Automaten auf eine Stufe zu stellen.
Handlungsrahmen und Handlungsziel der Dianetik entsprechen demnach ganz der Idee Korzybskis, mit naturwissenschaftlichen Mitteln den optimal intelligenten, psychisch und sozial gesunden Menschen zu erschaffen. Die Dianetik kann somit als eine Spielart von General Semantics betrachtet werden. Der Operationalismus lieferte Hubbard eine technische Methode, die Korzybski bei seiner (Heil-) Pädagogik, die die üblichen Regeln der Therapie und Erziehung noch nicht sprengte, wohl noch nicht kannte.
Hubbard hat von Korzybski nicht nur den Gesamtrahmen von dessen Lehre übernommen, sondern zusätzlich auch seine Auffassung von der Möglichkeit traumatisierender Kommunikation.
1.5.1. Das theoretische Konzept
Mit Korzybski ist Hubbard der Meinung, dass es traumatisierende Sprechakte gebe, die das zentrale Nervensystem des Individuums schädigen. In seiner Engrammlehre behauptet Hubbard, schmerzhafte Erfahrungen hätten im Gehirn immer neuropathologische Auswirkungen in der Form von Engrammen. Hubbard teilt damit nicht den Pessimismus von Korzybski, dass allein bereits der Gebrauch der Alltagssprache destruktiv sein könne.
In der neueren Übungspraxis der Dianetik, die Hubbard von der Engrammlehre zu einer Doktrin der Programmierbarkeit des Menschen weiterentwickelt hat, wird übrigens der Klient unabhängig von erlittenen schmerzhaften Erfahrungen ganz im Sinne von General Semantics einer „Generalverbesserung" unterzogen. Dies geschieht im Rahmen von sog. Trainingsroutinen (TRs). Es handelt sich hierbei um echte Drillpädagogik, d.h. um eine Konditionierung. Geheimdienstmitarbeiter werden in TR-L zum perfekten Lügen abgerichtet.
Zum Beweis der Richtigkeit der These, dass es destruktive Kommunikation gebe, die ungesund sei oder psychisch krank machen könne, beziehen sich sowohl Korzybski als auch Hubbard auf die Forschungsergebnisse der russischen Neurophysiologen Iwan P. Pawlow. Dieser hat experimentell nachgewiesen, dass durch in sich widersprüchliche Anweisungen, die zu einem schweren Verhaltenskonflikt beim Versuchstier führen, dieser psychisch zusammenbrechen und auch Dauerschäden erleiden kann (experimentelle Neurose). Es besteht allgemeiner Konsens, dass diese an Tieren gewonnen Versuchsergebnisse auf den Menschen übertragbar sind.
Unter der Überschrift „Wars of and on Nervs" klassifizierte Korzybski diese Art destruktiver Kommunikationstechnik als „Pathologische Wortverdrehung" (pathological verbal distortion). Als Beispiel hierfür verwies er auf die Propagandatechnik des Nationalsozialismus.
Auch Hubbard hat sich eingehend mit der Forschung Pawlows auf diesem Gebiet auseinandergesetzt. In mindestens fünf Richtlinienbriefen wies er darauf hin, dass Pawlows Methoden nicht nur bei Versuchstieren, sondern auch beim Menschen sicher funktionierten und vom Bolschewismus zur Unterwerfung der sowjetischen Gesellschaft missbraucht würden. Pawlows Experimente qualifizierte Hubbard als eine besondere Art der Gehirnwäsche (L. Ron Hubbard, Modern Management Technology Defined, Stichwort: Brainwashing).
Für die psychotraumatischen Wirkungen einer pathologischen Wortverdrehung werden heute auf informationswissenschaftlicher Theorie-Basis im Rahmen der Hypothese von der sog. Doppelbindung folgende Gründe angeführt: Durch eine in sich widersprüchliche (paradoxe) Information, etwa einem „Erlaubnis-Verbot", komme es bei der Informationsverarbeitung aufgrund der Widersprüchlichkeit der Information zu einer sog. Doppelbindung. Dies führe notwendig zu einem nicht auflösbaren Verhaltensdilemma. Dieses habe sowohl eine psychische als auch eine physische Komponente. Der Betroffene könne hierdurch einen zur Qual werdenden Entscheidungskonflikt erleben, der ihn stresse. Stress macht sich aber regelmäßig in körperlichen Reaktionen bemerkbar. Es kann hierdurch zu Funktionsstörungen im Organismus kommen. Dauerstress kann unter Umständen auch zu Organschädigungen führen. Selbst an den Nervenzellen des Gehirns lassen sich bei besonders intensivem Stress heute pathologische Veränderungen nachweisen.
Die Belastungsfähigkeit gesunder Personen gegenüber destruktiver Kommunikation ist nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis jedoch wesentlich größer, als Korzybski und Hubbard es angenommen haben. Die Schädigungsschwelle liegt erheblich höher als beide Autoren es behauptet haben. Diese ist zudem individuell verschieden. Zweifellos kann es durch Stress infolge eines nicht lösbaren Entscheidungskonfliktes zu einer psychosomatischen Traumatisierung kommen.
Ungleich gravierendere Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Verhalten hat eine Pathologische Wortverdrehung allerdings dann, wenn eine nachweislich destruktive Handlungsanweisung als „Heilmittel" ausgegeben wird. Der Patient, der der Anweisung in diesem Fall Folge leistet, hat in der Regel keine Chance. sich vor Schaden zu bewahren. Der Schaden ergibt sich oft erst aus der „Gesamtdosis" aller Übungen. Die Traumatisierung ist in diesem Falle eine schleichende Veränderung, die mit einer allmählichen Vergiftung verglichen werden kann.
Das Management von Scientology bedient sich beim Vollzug von Hubbards „Therapiepraxis" Dianetik nachweislich dieser Methode. Dies gilt vor allem für alle Trainingsroutinen („TRs 1-9“). In diesen Trainings, die als notwendiges Mittel auf dem Weg „zur absoluten Befreiung" angepriesen werden, haben die Trainierten keinerlei Autonomie. Sie sind verpflichtet, sich den Befehlen des Trainers wie Marionetten zu fügen.
Hubbard hat sich zwar in seiner für die Öffentlichkeit bestimmten Schriften ausdrücklich von Pawlows Methoden distanziert und behauptet, dass Dianetik nicht auf dessen Techniken beruhe. ln einem Vortrag vom 17.09.1951 mit dem Titel „Some Notes an Black Dianetics" berichtete er jedoch von höchst fatalen Auswirkungen seiner dianetischen Behandlung. Es gebe nicht nur therapeutische Erfolge, sondern ebenso viele Daten, wie man Leute wahnsinnig, unbehaglich, krank machen oder töten könne. Die von ihm geschilderten Vorkommnisse legen den Verdacht nahe, dass es bei den dianetischen Prozeduren zur Auslösung echter Dressatneurosen und auch von Psychosen gekommen sein muss. Wie sich aus den übereinstimmenden Aussagen von Betroffenen ergibt, kommt es im Zusammenhang mit der dianetischen Behandlung bei den Übungsteilnehmern auch neuerdings immer wieder zu ernstlichen psychischen Störungen bis hin zu Psychosen, aber auch Selbstmorden.
Besonders problematisch ist es, dass derartige psychopathologischen Störungen unter der Bezeichnung „Exteriorisation" von der Scientology zu erwünschten Phänomenen erklärt und in den Rang „spiritueller Erleuchtung" gehoben werden. Folge davon ist, dass in echten Notfällen Betroffene ärztliche Hilfe regelmäßig nicht in Anspruch nehmen, sie nicht einmal in Anspruch nehmen dürfen. Denn Hubbard hat alle Psychiater zu „Feinden der Menschheit" erklärt (HCO PL v. 29.06.1971: Public Warning on Psychiatry).
Korzybski hat in „Science and Sanity" nicht nur das therapeutische, sondern, wie oben bereits ausgeführt, auch das destruktive psychologische Handlungswissen erklärt und dabei auf die fließenden Übergänge zwischen beiden Handlungsformen hingewiesen. Was Korzybski damals „Nervenkrieg" nannte, wird heute unter den Begriffen „Mobbing" und „Stalking“ erforscht. Setzen staatliche Machthaber derartige Techniken systematisch zur Unterdrückung von Dissidenten ein, spricht man von Psychofolter (vgl. z.B. die Techniken zur "Zersetzung der Seele", die die Stasi bei der Verfolgung von Regimegegnern eingesetzt hat). Scientology hat nachweislich bis in jüngere Zeit derartige Methoden zur seelischen Zermürbung und Einschüchterung von Dissidenten und Kritikern angewendet. Es kann darüber hinaus nachgewiesen werden, dass Hubbard das von Korzybski erlernte psychologische Handlungswissen unter dem Deckmantel der Therapie für seine Machtziele bewusst missbraucht hat und dass dieser Missbrauch heute noch bei Bedarf vom Management fortgesetzt wird.
Die bisherige Beweisführung, dass der Dianetik ein biologistisches Menschenbild zugrunde liege und sie ganz der biologischen Heilslehre General Semantics folge, wird das Management von Scientology unter Bezugnahme auf die später entwickelte Lehre Scientology entgegentreten. Es wird darauf bestehen, man verfolge insgesamt spirituelle Ziele.
In der Lehre Scientology hat Hubbard zwar das empirische „Ich" der Dianetik durch ein Geistwesen namens „Thetan" ersetzt. Hubbard hat aber gleichzeitig an der Auffassung über das empirische „Ich" der Dianetik, die biologische Natur der Engramme, deren angeblich pathogene Wirkung, deren Entstehungsursachen, aber auch den Behandlungsmethoden, ohne Abstriche zu machen, weiterhin festgehalten. Darüber hinaus hat er die Dianetik durch zahlreiche Bulletins weiter ausgebaut. Lehre und Praxis der Dianetik wurden durch die Lehre Scientology in ihrem Kern nicht verändert (vgl. Technische Definitionen der Dianetik und Scientology, Stichwörter: Engramm, Engrammanweisung, Engrammatisches Denken, Engrammbank, Engramme mit schmerzlichen Emotionen). Dementsprechend wurde auch Hubbards Qualifizierung von Dianetik als Naturwissenschaft und seine ausdrückliche Abgrenzung zur Religion in „The Dianetic Auditor's Bulletin“, Volume I, No. 4 vom Oktober 1950 durch Scientology nie revidiert.
Auch heute noch wird deshalb die Abhandlung „Dianetik. Die Entwicklung einer Wissenschaft" von der Scientology als Basiswerk angepriesen und in der Originalfassung vertrieben. Ferner werden auch derzeit noch von der Scientology mit dianetischen Verfahren nach einer Vielzahl von Bulletins (vgl. z.B. HCOB v. 24.04.1969: Dianetic Use; v. 24.04.1969: Dianetic Results; v. 14.05.1969: Sickness; v. 19.05.1969: Health Form; v. 19.07.1969: Dianetics and Illness; v. 24.07.1969: Seriously Ill Pcs; usf) Engramme mit dem Ziel behandelt, die Ursachen psychosomatischer Leiden zu kurieren und dadurch die wesentliche Voraussetzung für den Zustand „clear" zu schaffen (HCOB v. 24.09.1978, Ausgabe III „Dianetic-Clear").
Wenn sich das Management von Scientology demgegenüber darauf beruft, Clear sei ein spiritueller Zustand, stellt es nicht auf den „Dianetik-Clear", sondern auf den sog. „Theta-Clear“ ab, den Hubbard im Rahmen der Scientology-Lehre als eine Person definiert hat, die außerhalb eines Körpers operiere, ohne eines Körpers zu bedürfen (Technische Definitionen der Dianetik und Scientology, Stichwort: Theta-Clear): Das Erreichen dieses paranormalen Zustand nennt Hubbard „Exteriorisation" (vgl. aaO. Stichworte: Exterior, Exteriorisation, Exteriorisations-Rundown).
Ohne Kenntnis, dass Hubbard sich für die Definition des Clear einer paradoxen Information in Form eines sog. Homonyms, d.h. eines Wortes für zwei unterschiedliche Begriffe bedient hat, ist es für einen Unkundigen nicht möglich, zu entscheiden, wie die miteinander verknüpften Lehren Dianetik und Scientology für sich allein und als Gesamtheit einzuordnen sind. Bei der Konstruktion des Clear hat sich der erfahrene Science-Fiction-Schriftsteller Hubbard eines Mittels bedient, wie es in der phantastischen Literatur und in Drehbüchern für Science-Fiction-Filme üblich ist, um eine surreale Anderwelt oder ein Wesen aus der Anderwelt zu konstruieren. Er hat für den Clear zwei Existenzformen postuliert, nämlich einerseits eine körpergebundene geistige, anderseits eine nicht körpergebundene spirituelle (nur geistige) nur geistige, wie sie Geister in Gespenstergeschichten besitzen. Aus der Sicht eines aufgeklärten Realisten muss Hubbard deshalb als skurriler Phantast und Scharlatan, aus der Sicht eines dem Desinformationsmaterial Glauben schenkenden Religionswissenschaftlers als Begründer einer neuen technizistischen Religion erscheinen.
Aus der Sicht des Psychokriminologen, der es versteht, das Gesamtsystem Scientology und seinem strategischen Ziel der Gesellschaftsveränderung zu entschlüsseln, ergibt sich jedoch folgendes Bild: Die Lehre Scientology ist eine unter bewusster Ausnützung der Gesetzmäßigkeiten paradoxer Information erschaffene surreale Kunstwelt. Diese dient der Tarnung der biologistischen Anthropologie der Dianetik und der dort mit verhaltenspsychologischen Methoden, d.h. mit technischer Dauerinquisition und Drill gewerblich durchgeführten Lernprozeduren. Scientology als Gesamtsystem, gebildet aus den Lehren Dianetik und Scientology, gehört damit nicht zu den Religionen, sondern zu den säkularen Heilslehren. Ihre Einordnung als eine Spielart der biologischen Heilslehre General Semantics ist demnach weiterhin berechtigt.
Für die Richtigkeit dieser Qualifizierung spricht auch folgende Tatsache: Nach einem Bericht von Professor Martin Gardner, den dieser kurze Zeit nach der Begründung von Dianetik verfasst hat (1953), haben sich nicht wenige der praktizierenden Anhänger von General Semantics Hubbards Dianetik angeschlossen. Sogar ein praktizierender Arzt, Dr. Joseph Augustus Winter, der mit Korzybskis Techniken neurotische Patienten behandelt hatte, wurde laut Gardner bereits 1949 zum glühenden Befürworter der dianetischen Behandlungsmethode. Er ist der erste medizinische Direktor der Dianetics Research Foundation geworden.
Wenn das Management von Scientology in der Einleitung zu Hubbards Grundlagenwerk „Dianetik" heute im Vorwort oder in Rechtsstreitigkeiten erklärt, Ziel der Dianetik sei nicht die Behandlung psychosomatischer oder sonstiger Krankheiten, sondern die Befreiung von den selbst geschaffenen Quellen des Leids, ist dies eine gezielte Desinformation. Scientology will sich damit den gesetzlichen Vorschriften für die Heilbehandlung entziehen und sich die Privilegien einer Religions- bzw. Weltanschauungsgemeinschaft im Sinn von Art. 4 Grundgesetz erschleichen.
Dass Korzybskis „Science and Sanity" das entscheidende ideologische Basiswerk für Scientology ist, wurde zwar erkannt, unerforscht blieb jedoch, welche Konseqenzen sich hieraus für die Gesamtbeurteilung von Scientology ergeben. So blieb bisher verborgen, dass es sich bei Scientology um eine neopragmatische Erziehungsbewegung mit säkularer Heilsideologie handelt, deren Ziel die anthropotechnische Umformung des Einzelnen und der Gesellschaft ist. Von Anthropotechnologie spricht man dann, wenn durch eine Manipulation der physiologischen Grundlagen des menschlichen Erlebens und Verhaltens dieses verändert werden soll. Am spektakulärsten tritt dies in Erscheinung, wenn in Experimenten durch eine elektrische Reizung des Gehirns Verhaltensänderungen hervorgerufen werden. Aber auch die Ableitung von Biosignalen des Körpers, die dem Probanden mitgeteilt werden, damit er sein Verhalten in einer erwünschten Richtung verändern kann (Biofeedback-Training), sowie andere Mensch-Maschinen-Beziehungen, die Lernzwecken dienen (Lernlabors), gehören zu den Anthropotechniken. So benützt beispielsweise Scientology das „E-Meter“, mit dem der elektrische Körperwiderstand gemessen wird, als Biofeedback-Gerät, um Lernprozeduren effizienter zu gestalten, aber auch um Abweichungen vom System ausfindig zu machen und zu unterbinden. Das E-Meter wird in diesem Fall wie ein Lügendedektor benutzt.
Korzybskis neurosemantisches Konzept gehört nach dieser Definition in den Bereich des anthropotechnologischen Handelns. Denn er will die Fähigkeit des Menschen dadurch verbessern, dass er bei seinen (heil-) pädagogischen Trainings (neuro-) physiologische Reaktionen berücksichtigt, ja diese sogar in einer bestimmten Richtung zu beeinflussen versucht. Korzybskis technische Lehre sprengt damit den üblichen Rahmen der Philosophie, denn er fordert die Anwendung von Maßnahmen, wie sie der Behaviorismus zur Menschenformung verwendet.
Gerade an diese biopsychologische Seite von Korzybskis Anthropologie hat Hubbard angeknüpft. Durch seine operationalistischen Trainingsansatz hat er das Konzept Korzybskis in Richtung einer technologischen Machbarkeit des Menschen radikalisiert. An die Stelle des die biologischen Gegebenheiten der Menschen berücksichtigenden, im Rahmen herkömmlicher Therapie und Pädagogik bleibenden Verbesserungsziels Korzybskis tritt bei Scientology das Konzept der „biotechnologischen Produktion" des technoiden Übermenschen und der technoiden Übergesellschaft. Scientology ist, wie noch zu zeigen ist, als totales anthropotechnologisches System konzipiert, das von Hubbard darauf „programmiert" worden ist, die Denk- und Verhaltensweise der gesamten Gesellschaft anthropotechnisch „umzuprogrammieren". Durch die Übernahme kybernetischer Prinzipien hat Hubbard die Schlagkraft seines Systems erheblich verstärkt.
Die Kybernetik war anknüpfend an den Begriff der Homöostase (Selbstregulierungsfähigkeit) eine Lehre über die biologische Regelung und Steuerung der Lebensvorgänge in Lebewesen unter Leitung des Gehirns. Gleichzeitig war sie der erfolgreiche Versuch, mit Hilfe des Computers diese Funktionen in einer Maschine nachzuahmen, d.h. sie technisch zu modellieren. In den Blick genommen wird hierbei nicht nur der Organismus selbst, sondern auch seine Umwelt. Studiert wird hierbei die wechselweise Anpassung des Systems aus Organismus/Maschine und Umwelt. Dies setzt die präzise erfahrungswissenschaftliche Erfassung des logischen Zusammenspiels all der rückgekoppelten sensorischen und aktorischen Lebensvorgänge bzw. Maschinenoperationen voraus. Kybernetiker setzen die Steuerungszentrale (central processing unit, CPU) eines Roboters mit unserem Gehirn, dessen technische Sensoren, mit dem er Kontakt zur Umwelt aufnimmt, mit unseren Sinnesorganen und seine Aktanten, mit denen er die Umwelt bearbeitet, mit unseren Gliedmaßen gleich. Das logische Zusammenspiel der Funktionen lässt sich im sog. Psychostrukturmodell bildlich darstellen und mittels eines Computerprogramms algorithmisch, d.h. maschinell simulieren. Wiener hat die neue technische Wissenschaft 1948 daher, wie folgt, definiert:
Cybernetics or control and communication in the animal and the machine.
Mit Kommunikation meint Wiener die im Lebewesen oder der Maschine mit dem Ziel der Steuerung ablaufenden Signalprozesse. Ein zum Verständnis unabdingbarer Basisbegriff in der Kybernetik und Systemtheorie ist das Prinzip der Black Box. Ist nur das äußere Verhalten eines Organismus, einer Maschine, eines Systems bekannt und weiß man nicht, wie das innere Verhalten eines Organismus das äußere kontrolliert, nennt man dies eine Black Box. Kybernetiker nehmen nun anders als die Behavioristen für sich in Anspruch, den schwarzen Kasten, der die Steuerungszentrale birgt, mit Hilfe ihrer Lehre und Technik nach und nach völlig durchsichtig zu machen, ihn hierdurch in eine Glass Box verwandeln zu können. Ein Beispiel hierfür ist das Psychostrukturmodell. Um die Kybernetik richtig zu verstehen, ist es unabdingbar, die Informationstheorie zu kennen.
In jedem Signalprozess vollzieht sich eine Nachrichtenübertragung. Das Signal fungiert hierbei als Träger der Nachricht. Diese wird als Content bezeichnet. Die Erklärung dafür, was eine Nachricht ist und wie eine Nachricht übertragen werden kann, liefert die Informationstheorie. Sie knüpft hierbei an die Art und Weise an, wie wir üblicherweise miteinander kommunizieren. Wir können einen Mitmenschen, indem wir ihm Befehle erteilen, steuern, ihm aber auch neues Wissen, eine Neuigkeit mitteilen, ihn informieren. Der Mitteiler wird Sender, der Adressat der Nachricht Empfänger genannt. Zur Nachrichtenübertragung stehen uns grundsätzlich die verschiedensten Mittel (Medien) zur Verfügung: Die wichtigste Unterscheidung besteht heute darin, ob wir ohne technische Hilfsmittel - natürlich - kommunizieren oder - künstlich - mit Hilfe technischer Werkzeuge. Im heutigen kybernetischen Zeitalter treten neben uns und mit uns in immer größerer Anzahl autonom handelnde Maschinen als Sender und Empfänger in Erscheinung. Benachrichtigung kann erfolgen: sprachlich codiert oder nichtsprachlich (durch Zeigen, d.h. Vermittlung von Bekanntschaft oder durch Bilder); materiell, d.h. körperlich fixiert (Text oder Bild etwa auf Papier oder einem anderen Datenträger) oder immateriell flüchtig mit natürlich oder künstlich generiertem Wort, Geräusch (Ton) oder Bild (Video).
Da in der Informationstheorie nebeneinander sowohl über Medien als auch deren Inhalte, zu denen meist Zeichen gehören, gesprochen wird, ist das Verhältnis der Informationstheorie zur Semiotik, der Lehre von den Zeichen, zu klären. Die Informationstheorie hat einen weiteren Umfang und einen anderen ontologischen Status als die Semiotik. Denn diese analysiert lediglich die Verständigung des Menschen mittels vorher abgesprochener Symbole und Zeichen. Jene erklärt aber auch, wie wir ohne vorherige Absprache mittels unserer Sinnesorgane diagnostisches Wissen von der Welt erhalten und es verarbeiten. So signalisiert Rauch Feuer. Rauch ist damit ein natürliches Zeichen, ein Anzeichen, ein Indikator, ein Index oder Indiz für Feuer, nicht aber ein künstliches (sprachliches) Zeichen. Die Informationstheorie ist damit nicht nur eine wesentliche Grundlage für jede Erkenntnistheorie, sondern sie ist auch gleichzeitig Basis für die Erklärung menschlicher, tierischer oder maschineller Verhaltensreaktionen nach Eintreffen eines Signals. Sie ist damit eine Grundlagentheorie für den Behaviorismus und der diesem verwandten Kybernetik.
Die Kybernetik ist Basis der automatischen Steuerung, wie sie heute in jedem Navigationsgerät zur Anwendung gelangt.
Sie ist aber auch Grundlage der automatischen Zielverfolgung mittels Tracking und der automatischen Zielfindung im und außerhalb des Netzes. Ein wesentlicher Zug ist ihr Fernwirkungspotential. Mittels Telesensorik können wir Vorgänge in der Ferne sicht- und auch fühlbar machen, mittels Teleaktorik können wir in der Ferne handeln als wären wir vor Ort.
Unter Anknüpfung an die Lehre der strategischen Spiele (Spieltheorie), wie sie der Mathematiker John von Neumann und der Ökonom Oskar Morgenstern 1944 zur Erklärung gewinnbringenden Operierens in der Wirtschaft entwickelt haben, hielt Wiener die Konstruktion leistungsfähiger schachspielender Automaten für wahrscheinlich. Wie wir heute wissen, behielt Wiener recht. Die Idee, den Computer als Spielpartner, ja als Trainer zu benutzen, hat sich heute auf breitester Front durchgesetzt. Rechnergestützte Wettbewerbsspiele, in denen der Erfolg/Misserfolg automatisch mit Punkten gemessen wird, erfreuen sich in der Freizeit heute größter Beliebtheit (Gamifcation). Mit Hilfe einer einen Trainer ersetzenden Fitness-App, die die erbrachte Leistung automatisch registriert, ist es auch möglich, mit sich selbst in Wettbewerb zu treten. Ob sich das Gamification-Prinzip auch in der Wirtschaft durchsetzen wird, ist fraglich. Denn Arbeit ist gewöhnlich kein Spiel.
Alsbald nach ihrer Entdeckung wurden Versuche unternommen, die kybernetische Entscheidungsmaschine für organisatorische, pädagogische, aber auch therapeutische Zwecke einzusetzen. So wurden Lehrmaschinen entwickelt. Deren maschinelle Trainingsprogramme (Lehralgorithmen) erfassten messtechnisch das Leistungsverhalten des Probanden präzise und meldeten diesem jede Abweichung vom vorgeschriebenen Weg sofort zurück (Feedback-Prinzip). Um fortzufahren, musste er vorher seinen Fehler korrigieren. Das gesamte im Training gezeigte Verhalten wurde durch die Maschine aufgezeichnet. Es war mittels Tracking (Nachverfolgung) jeder Zeit rekonstruierbar. Diese Art der Instruktion wurde programmierter Unterricht genannt. Pionier des programmierten Lernens in Deutschland war Helmar Frank. Diese die Autonomie des Lernenden total aufhebende Unterrichtsmethodik fand Eingang in die empirische Psychologie und Pädagogik (vgl. z.B. Arnold, Eysenck, Meili, Lexikon der Psychologie, 1. 1972).
Fast schon prophetisch wirkt aus heutiger Sicht der am 28. Dezember 1948 in der Zeitung Le Monde geäußerte Vorschlag des französischen Naturwissenschaftlers Dominique Dubarle, eines Dominikanermönchs, sich zur Optimierung der Staatsgeschäfte einer kybernetischen Regierungsmaschine zu bedienen. Er gab diese Empfehlung anlässlich seiner enthusiastischen Besprechung des Buches „Kybernetik“ von Norbert Wiener. Bei Wiener stieß dieser Vorschlag keinesfalls auf Ablehnung. K.W. Deutsch stellte 1963 unter dem Titel The Nerves of Government: Models of Political Communication and Control Modelle derartiger technokratischer Regierungsmaschinen vor.
Die Kybernetik wurde vor allem auch im Rahmen der zentralen Planwirtschaft zur Steuerung der Wirtschaft verwendet. Mit dem Projekt Cybersyn hat bekanntlich Salvador Allende zwischen 1971 bis zu seinem Sturz 1973 eine zentrale kybernetische Steuerung der Wirtschaft nach dem Konzept von St. Beer in Chile in die Tat umzusetzen versucht. Auch in der DDR wurde die Kybernetik zur Optimierung der zentralen Planwirtschaft propagiert und auch eingesetzt (G. Klaus). Als Managementtechnologie wird diese Art der technokratischen Maschinenkybernetik, deren Einsatz heute bereits am Datenschutz scheitern würde, in seriösen auf Partnerschaft setzenden Unternehmen nicht mehr propagiert und benutzt. Scientologys Organisationstechnologie ist ein Überbleibsel aus der autoritären kybernetischen Gesellschaftsutopie. Diese kann ohne Schwierigkeiten jeder Zeit heute wieder reaktiviert werden.
Im Glauben daran, dass der Organismus auch in der Lage sei, psychische und soziale Defizite homöostatisch auszugleichen, wurde die Kybernetik nach ihrer Weiterentwicklung zur Kybernetik zweiter Ordnung (von Foerster) alsbald auch zu individual- und sozialtherapeutischen Zwecken eingesetzt. Das kybernetische Prinzip begann schließlich auch die US-amerikanische Soziologie zu prägen. Die strukturfunktionale Systemtheorie eines T. Parsons hat kybernetische Wurzeln ebenso wie die Systemtheorie des deutschen Soziologen N. Luhmann.
An die Stelle der stark technokratisch geprägten alten Kybernetik (erster Ordnung) ist heute eine interdisziplinäre naturwissenschaftlich geprägte Disziplin getreten, die Kognitionswissenschaft (P. Thagard). In ihrem Zentrum stehen die Neurowissenschaften. Als Hilfswissenschaften fungieren die Informatik, die Kybernetik, die Lehre von den neuronalen Netzen, die Linguistik und die Kognitionspsychologie. Zur technischen Seite der Kognitionswissenschaft, der Kognitionstechnik, gehören die Künstliche Intelligenz und die Roboterkonstruktion (Roboting) sowie die technische Realisierung von Künstlichem Leben (F.J. Varela).
Soweit es um die Beschreibung der Funktionsweise von autonomer Robotik geht, ist der Rückgriff auf die alte Kybernetik auch heute noch äußerst hilfreich, wenn man nicht der Idee des Netzcomputing von M. Minsky folgt.
Im Anschluss an die Kybernetik mit ihrem computionalen Menschenbild kam es bei den radikalen Kybernetikern unter der Führung von Norbert Wiener zur Wiederbelebung der im westeuropäischen Rationalismus zur Erklärung der Funktionsweise von Lebewesen entwickelten Maschinentheorie des Lebens. Im Hinblick auf die Einführung des die Organisationstechnik revolutionierenden Steuerungs- und Informationsprinzips betrachten die radikalen Kybernetiker ihre Mensch-Maschinen-Theorie jedoch nicht mehr als mechanistisch. Sie unterscheiden deshalb die „trivialen“, d.h. mechanischen von den „nicht-trivialen“ Maschinen. Zu letzteren zählen sie den (natürlichen) Menschen, aber auch das mit Computertechnik zum Cyborg optimierte Individuum. Denn bei deren kommunikativen Interaktion könne vom Input, der Zuführung einer Information, nicht auf einen bestimmten Output, ein voraussagbares Verhalten, geschlossen werden. Die Kybernetiker, aber auch die Kognitivisten folgen hier dem Maschinenbegriff Norbert Wieners, für den eine Maschine (rsp. ein Mensch) eine Einrichtung ist, die Eingangssignale in Ausgangssignale verwandelt.
Eine besondere Variante des computionalen Menschenbildes vertreten die Turing-Maschinen-Gläubigen. Die Turing-Maschine ist das abstrakte Modell eines Computers. Kants Transzendentalsubjekt wird von den Vertretern dieser Lehre, die meist auch Anhänger des sog. Transhumanismus sind, ersetzt durch die Turing-Maschine. An die Stelle der Universalität eines Subjekts mit der Fähigkeit zu synthetischen Urteilen Apriori tritt als entscheidender Aktant der universale Mechanismus der Turingmaschine. Es handelt sich hierbei nicht um ein bloßes Gedankengespinst, sondern um unsere nächste Zukunft, wenn autonome Roboterfahrzeuge im Straßenverkehr zur Gefahrenabwehr Entscheidungen treffen.
Problematisch an diesem Menschenbild ist es, dass es leicht missbraucht werden kann. Denn es ist, wie am Hubbardismus gezeigt werden wird, möglich, die nicht-triviale Maschine wie eine triviale zu behandeln. Voraussetzung ist hierfür der Aufbau einer hierarchischen Organisationsstruktur und die Benutzung eines autoritären, d.h. auf Befehl und strikten Gehorsam basierenden Führungsstils. Da das computionale Menschenbild auch mit einer kooperativen Organisations- und Führungsstruktur ohne weiteres kompatibel ist, kann es nicht per se als undemokratisch abqualifiziert werden. Nach diesem Ausflug in die Kybernetik wenden wir uns wieder Hubbards dianetischer Technologie zu.
Unterdrückt man den Unmut über die abstoßende Terminologie der Kybernetik, durch die der Mensch zu einer kybernetischen Maschine degradiert wird, und fragt nach Sinn und Zweck dieser Begriffsbildung, werden seriöse Kybernetiker darauf verweisen, dass es sich lediglich um eine technische Aussage im Rahmen des sog. Operational Research (naturwissenschaftliche Unternehmensforschung) handle und damit nicht das Wesen des Menschen als solches beschrieben werden soll. Die Kybernetik sei lediglich ein technisches Instrument, um die materiellen Persönlichkeitsstrukturen in Klein- und Großgruppen, d.h. von Organisationen, Unternehmen bis hin zu ganzen Gesellschaften zu erfassen und auf ihre Geeignetheit zu überprüfen, ein produktives Ziel zu erreichen.
Der von manchen Kybernetikern - so auch von Hubbard - darüber hinaus erhobene Anspruch, Strukturen kybernetisch neu regeln zu können, lässt sich dagegen nicht einlösen, da Menschen nicht nur passive Elemente einer durch einen Systemingenieur von außen beliebig veränderbaren Struktur sind, sondern für jede Veränderung ihres Verhaltens einer speziellen Motivation bedürfen. Dies heißt, dass bei Anlegung eines humanistischen Maßstabs Organisationsstrukturen nicht nur nach systemtechnischen Grundsätzen bestimmt werden dürfen. In ernsthaften Konflikt mit dem demokratischen Menschenbild kommen Kybernetiker jedoch dann, wenn sie - wie Hubbard - die Kybernetik zu einer normativen Anthropologie erheben, nach welcher der Wert eines Menschen und der Umgang mit ihm nur noch nach rein funktionellen Gesichtspunkten im Rahmen einer utilitaristischen Gesellschaftslehre bestimmt wird. Aber auch seriöse Kybernetiker, die bemüht sind, die Ergebnisse ihrer neuen Wissenschaft neutral darzustellen, laufen Gefahr, die Kybernetik zu einer alles erklärenden Weltanschauung zu erheben und. dabei andere weltanschauliche Positionen zu diffamieren. So kritisierte Stafford Beer, ein Pionier in der Wirtschaftskybernetik, die Entrüstung von Kritikern über die These von Kybernetikern, sie könnten Lern- und Denkmaschinen bauen, als Ausdruck einer „pseudoreligiösen Überzeugung".
Aus der kybernetischen Theorie entwickelte sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aber auch eine gänzlich neue Anthropologie und Psychologie, die unter der Bezeichnung „kognitive Theorie" Eingang in die Humanwissenschaften gefunden und vor allem die Gehirnforschung revolutioniert hat. So werden erklärt: Empfindung und Wahrnehmung als Input, Lernen als Kodieren von Eingangsinformationen, Gedächtnisbenutzung als Abrufen von eingegangenen Informationen aus dem Informationsspeicher, Denken als Operieren oder Prozessieren mit wahrgenommenen, gelernten und erinnerten Informationen.
An diesem technischen Konzept wird mit Recht scharfe Kritik geübt. Sein und Bewusstsein, wie wir es tagtäglich erleben, würden hierdurch nur unzureichend erklärt. Die Erfassung der Welt durch Handeln und Begriffsbildung, unsere von permanenten Wertentscheidungen getragene Stellung in der Welt könne durch eine maschinelle, d.h. computionale Welterkenntnis allein nicht erfasst werden.
Die Dianetik ist der Versuch, im Rahmen des Sozialreformmodells General Semantics, das wegen seines anthropotechnischen Ansatzes vollständig kompatibel zur kybernetischen Anthropologie ist, mit deren Regelungstechnik jeden einzelnen Mensch und damit die gesamte Gesellschaft zu transformieren. Hubbard befindet sich dabei in Übereinstimmung mit anderen utopischen Kybernetikern, die ihr Handlungsziel als „Cybernetics Social Transformation" definieren und sich dabei für die Vollstrecker einer neuen Stufe der Evolution halten, auf der die dem Menschen überlegene Intelligenz kybernetischer Maschinen eine neue Zivilisation schaffen soll, in der am Ende Mensch und Cyborg miteinander verschmelzen. Experten, die sich dieses Themas annehmen, sind oft selbst Anhänger der Kybernetik. Sie beanspruchen für sich, unter Bezugnahme auf ihr naturwissenschaftliches Wissen ein realistisches Bild von der Zukunft zu zeichnen. Ihre Prognosen lassen sich jedoch in aller Regel, selbst wenn sie von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren stammen, nicht von Drehbüchern zu Science-Fiction-Filmen unterscheiden. Auch ernsthafte Naturwissenschaftler und Entwicklungsingenieure aus der Informationstechnik sind nicht davor gefeit, bei ihren Zukunftsprognosen anthropotechnischen lngenieursphantasien zu erliegen (vgl. z.B. M. Kaku 1998, R. Kurzweil 1999). Ursache hierfür ist es, dass regelmäßig die sozialethische Seite der kybernetischen Technik ausgeklammert wird. So nimmt die Gemeinde der utopischen Kybernetiker es als ganz selbstverständlich an, hochentwickelte menschenähnliche Automaten könnten in Zukunft auch einmal rechtsfähig (!) werden. Radikale Kybernetiker beginnen heute in den USA bereits, durch Einpflanzung von interaktiven Chips in den eigenen Körper die Grenze zwischen Mensch und Maschine aufzuheben.
Ein besonders radikaler Vertreter der utopischen Kybernetik war Hubbard. Das von ihm in der Dianetik vorgestellte „ideale" Menschenbild, auf das er den Einzelmenschen und die ganze Gesellschaft hin entwickeln möchte, wird daher nicht durch einen im Sinne einer Tugendlehre vorbildlichen Menschen aus Fleisch und Blut repräsentiert, sondern durch die Rechenkapazität eines die Gehirnleistung eines normalen Menschen übertreffenden Cyborgs. Dessen ultraschnelles Rechengehirn, ultrasensible Sensorik und ultrapräzise Handlungskapazität legte er in der bereits oben genannten Schrift „Dianetik. Die Entwicklung einer Wissenschaft" als Norm für das „optimale Gehirn" zugrunde. Mit seiner dianetischen Behandlung will Hubbard, ausgerichtet an dieser Norm, über ein spezielles Training aller operativen Fähigkeiten des Menschen dessen Gehirnfunktionen und damit sein äußeres und inneres Verhalten bleibend „optimieren".
Hubbard vertritt damit das Bild eines neuen Übermenschen ohne menschliche Züge; dieser steht in engster Beziehung zu Nietzsches „Übermensch". Hubbards „Homo novis“ kann man am besten als einen ins Technische mutierten Abkömmling von Nietzsches „Übermenschen" beschreiben. Das von Nietzsche unter Zugrundelegung einer biologistischen Weltanschauung definierte Bild vom Übermenschen ist das Produkt spezieller Züchtung und einer Erziehung zur rücksichtslosen Durchsetzungsfähigkeit nach den Regeln eines mitleidlosen Sozialdarwinismus. Der vom Nietzscheschüler Hubbard biotechnologisch definierte Übermensch ist der Prototyp aus der gänzlich neuen Produktreihe der cybertechnologischen De- und Rekonstruktion der „Mensch-Maschine" zum optimalen „Maschinenmenschen", wie sie der Futurologe und Kybernetiker St. Lem in seiner „Summa technologiae" als kybernetische Utopie/Dystopie für die zukünftige Weltgesellschaft prognostiziert hat (1964).
Die utopische Kybernetik Hubbards überbietet damit Nietzsches „natürlichen" Biologismus und benützt stattdessen zur humantechnologischen Optimierung der „Mensch-Maschine" Bio- und Soziotechnologie (Bionik, Sozionik). Unabhängig davon, ob derartige technologische Spekulationen jemals verwirklichbar sind und vom demokratischen Rechtsstaat erlaubt würden, haben wir es mit einem äußerst gefährlichen, darüber hinaus auch zugkräftigen utopischen Sozialmodell zu tun, das einen starken Anreiz zu anthropotechnischem Experimentieren gibt, wie es bei Scientology in der Form von permanentem Biofeedback-Training zur Programmierung der Kunden bereits heute schon tagtäglich praktiziert wird. Durch Scientology wurde die an sich wertfreie wissenschaftliche Kybernetik in eine ideotechnologische Weltanschauung umfunktioniert. Bewusstsein, Geist und Seele werden als der kognitive Bereich von den kybernetischen Kognitivisten lediglich als eine besondere mechanisch erklärbare Verarbeitungsinstanz unseres Gehirns angesehen. Der kognitivistischen Anthropologie liegt demnach die Vorstellung einer organischen Informationszirkulation nach Art eines nachrichtentechnischen Systems zugrunde. Der Mensch wird hierdurch zu einem informationsverarbeitenden, letztlich mechanistischen Apparat degradiert. Das Verhältnis von Bewusstsein und Geist wird auf Akte des über die Sinnesorgane stattfindenden Informationsaustausches zwischen Objektwelt und einer zu programmierenden Maschine reduziert. Im älteren orthodoxen Kognitivismus, der im Menschen lediglich ein programmierbares Symbolverrechnungssystem sieht, ist daher kein Platz für eine nicht an die Außenwelt gebundene Selbsttätigkeit des Geistes, für Kreativität und Phantasie.
Jüngere Kognitivisten wie F. J. Varela (1988) oder E. Jantsch (1992) kritisieren deshalb mit Recht dieses Modell. Sie verweisen auf die Selbstorganisation des Lebens, das durch Interaktion, d. h. durch strukturelle Kopplung mit der Umwelt nicht nur Informationen aus einer vorgegebenen Welt erhalte, sondern diese selbstschöpferisch hervorbringe, wobei sich im offenen evolutionären Prozess das Weltbild verändere (Konnektionismus).
Der Kognitivismus, der wie General Semantics an den mit der Außenwelt in Verbindung stehenden Organismus Mensch anknüpft, sprengt die herkömmliche philosophische Anthropologie, die zwischen Körper und Geist unterscheidet. Mit der Einstufung des Menschen als ein nachrichtentechnisches System, das einerseits über seine Sinneskanäle (Sensoren) mittels biologischer Signale (1. Signalsystem) mit der Welt in Verbindung stehe, andererseits mittels Sprachsignalen, die in verschlüsselter Form Bedeutung zwischen Sender und Empfänger transportierten (2. Signalsystem), scheint der Unterschied zwischen Körper und Geist völlig eingeebnet zu sein. Auch orthodoxe Kognitivisten räumen jedoch zumindest mittelbar ein, dass dies nicht der Fall ist.
Sie weisen darauf hin, dass das, was bei Eingang einer Nachricht im Inneren der „Mensch-Maschine" vor sich gehe, in höchstem Maße rätselhaft, unberechenbar und daher ungewiss sei. Sie sehen deshalb - wie die älteren Behavioristen - das Innere der „Mensch-Maschine", als sogenannten Schwarzen Kasten (Black Box) an. Im Gegensatz zu den berechenbaren „trivialen" Maschinen wird der Mensch immerhin als „nicht triviale" Maschine eingestuft. Kognitivisten stützen sich zur Erklärung des menschlichen Verhaltens daher nur auf den „Output" der „Mensch-Maschine" d. h. deren verbale und nonverbale Äußerungsakte. Man bedient sich im Kognitivismus jedoch zur Erklärung menschlichen Verhaltens ganz selbstverständlich sprachlicher Ausdrücke mit mentaler Bedeutung (z. B. „Handlungsziel"), von denen man nur Kenntnis haben kann, wenn man Einblick in das Innere des Menschen hatte und dieses Innere des Menschen mit seiner Intentionalität nicht lediglich als Black Box, sondern als unmittelbar verstehbares Geistes- und Seelenleben betrachtet. Der Kognitivismus beruht daher auf einer paradoxen Erkenntnisgrundlage.
Die Kognitivisten unterscheiden streng zwischen den einzelnen Sprechakten und nonverbalen Interaktionen (Pragmatik) und deren Bedeutung (Semantik). Steht bei der herkömmlichen Lebenshilfe und Psychotherapie, wenn wir unser „Herz", unsere „verletzte Seele" einem Helfer öffnen, der Inhalt unserer Rede über unser Innerstes im Vordergrund, versuchen orthodoxe Kognitivisten unter Anknüpfung an konkrete Sprechakte, den Interaktionsprozess unserer Beziehungen zu anderen zu diagnostizieren und bei einer festgestellten Störung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Seelische Störungen werden auf Konflikte in den Interaktionsbeziehungen zurückgeführt. Das dynamische Beziehungsgeflecht unter Gruppenmitgliedern wird als kybernetisches System angesehen (P. Watzlawick, J. H. Beavin, Don D. Jackson 1993). Die das Gruppengleichgewicht wieder herstellbaren Interventionen werden von manchen auch als „strategische Therapie" bezeichnet, können aber auch als operative Maßnahmen eines Managements interpretiert werden. Es besteht allgemein Einigkeit, dass die heutige Revolution der Organisationstechnik in den Unternehmen auf die Kybernetik und die kognitive Theorie zurückgeht, da diese eine perfekte Nachrichtenorganisation in den Betrieben ermöglichen (K. Birker 1998). Aus dem Kognitivismus hat sich zwischenzeitlich eine technophilosophische Anthropologie, die sich „Kommunikologie" nennt, entwickelt (V. Flusser 1996).
Im Vorwort zur Einführung in die Kognitionswissenschaft und Kognitionstechnik von F. J. Varela wird die neue Wissenschaft als die bedeutendste theoretische und technische Revolution seit der Atomphysik mit unabsehbaren Folgewirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung kommender Jahrhunderte bezeichnet. Was die Entwicklung der Informations- und Automatentechnik anlangt, ist dieses Urteil sicherlich zutreffend; fraglich ist es jedoch, ob dies auch auf die Gestaltung zwischenmenschlicher Kommunikationsprozesse zutrifft, die nicht maschinengestützt sind.
Die Kenntnis von den allgemeinen Kommunikations- und Steuerungsgesetzmäßigkeiten in Systemen erlaubt es uns heute, den Zusammenhalt von Gruppen und deren Aktivitäten, das Entstehen von Konflikten unter Gruppenmitgliedern, aber auch unter Gruppen besser als früher zu verstehen. Das Zusammenbleiben von Mitgliedern in einer Gruppe wird nach dieser Theorie nicht mehr nur mentalistisch, d. h. ideologisch erklärt, sondern über deren Interaktionsbeziehungen, sowie mittels der auf diese gerichteten formellen oder informellen belohnenden oder bestrafenden Kontrollakte, die ein systemkonformes Verhalten bewirken sollen. Eine „Instrumentalisierung" oder „Versklavung" eines Gruppenmitgliedes kann heute anhand einer systemischen Untersuchung, die die Art und das Ausmaß der in einer Gruppe angewendeten Kontrolltechniken untersucht, ohne dass auf ideologische Prämissen Rückgriff genommen werden müsste, daher zufriedenstellender als früher erklärt werden.
Korzybskis Pathologische Wortverdrehung erweist sich hiernach als ein zweifach gestufter Kontrollmechanismus eines Systems zur Bindung seiner Mitglieder. Die schmerzhafte Behandlung zur Disziplinierung eines Mitglieds durch das System bildet hierbei die erste Kontrollstufe. Die unwahre sprachliche Klassifizierung des Repressionsakts als eine Maßnahme des „Heils" oder der „Heilung" ist die zweite Kontrollstufe. Es soll hierdurch Widerstand gegen die erste Kontrollstufe im Keim erstickt werden. Wird Kritik an dieser Klassifizierung vom System bestraft, befinden wir uns auf einer dritten Kontrollebene.
Wie bereits angedeutet und weiter zu beweisen ist, gehört es zum Konstruktionsprinzip der als kybernetisches System organisierten Scientology mit derartigen mehrfach gestuften Kontrollmechanismen die Bindung von Anhängern zu erhalten und zu verstärken:
Das Wissen über die Kommunikations- und Steuerungsgesetzmäßigkeiten von Systemen erlaubt es uns heute, den Mechanismus der totalitären Staatssysteme des 20. Jahrhunderts präziser als allein durch eine Untersuchung der Ideologie der Systemangehörigen zu analysieren (Sacher 1978), gibt allerdings skrupellosen Managern die Möglichkeit, Mitglieder von.
Der sozialdarwinistische Kampf ums Überleben fände sich in der kybernetischen Welt, dem Transformationsprodukt unserer natürlichen Welt nach Übernahme ihrer Steuerung durch ein globales Computernetzwerk, als „Cyberdarwinismus" wieder. „Mensch-Maschinen" und „Maschinenmenschen" sowie deren Organisationen kämpften nicht wie die „blonden Bestien" Nietzsches aus urwüchsigem Naturtrieb um die Vorherrschaft, d. h. ihr Überleben, sondern nach strategischem Kalkül gemäß den aus der Spiel- und Entscheidungstheorie abgeleiteten Algorithmen. Das überlegenere Rechengehirn schaltete im Überlebenskampf das schwächere ab oder verleibte sich dessen Rechenleistung zur Verstärkung der eigenen ein.
Auch ohne eine physikalische Verwirklichung dieser kybernetischen Dystopie sind wir heute bereits in der Lage, so zu handeln, als wären viele dieser Möglichkeiten bereits verwirklicht. Nicht nur unter den Kybernetikern besteht darüber Einigkeit, dass wir das Leben und damit jegliches Organisieren und Managen als eine Rekonstruktion des realen Lebens heute bereits vollständig im Rechner modellieren können und dass uns kybernetische Systeme darüber hinaus als Auge, Sensor und Effektor globale virtuelle Präsenz geben, als wären wir als Handelnde selbst vor Ort.
Kybernetische Systeme können aber auch als unsere Stellvertreter handeln und dabei für uns kämpfen. Die Fähigkeit der heutigen als „Agenten" bezeichneten „Cyberorganismen" zum strategischen Handeln, zum Kampf, zur Ausschaltung und zur Versklavung von ihresgleichen und gegnerischen Rechnern können wir bei sog. Virenattacken im Internet bereits tagtäglich erleben.
Interaktive Lernsoftware ermöglicht es, uns mit Hilfe des Personalcomputers durch programmierte Instruktion rasch neue Fähigkeiten, Tugenden aber auch Untugenden anzueignen. So lässt sich durch häufige Benutzung von sog. Killerspielen die Aggressivität steigern und jegliches Mitgefühl abtrainieren. Medienexperten warnen heute davor, dass computergestützte Medien wie Suchtmittel wirken können. Hacker und Techno-Freaks hätten ein libidinöses Verhältnis zu ihren Maschinen, das nichts mehr mit instrumenteller Werkzeugbenutzung zu tun habe (N. Bolz 1990). Für süchtig gewordene Internetsurfer gibt es bereits psychotherapeutische Behandlung.
Aber auch die Struktur und Funktionen vieler unserer Unternehmenstypen können wir heute schon nach dem Prinzip „Transforming Organisations through Groupware" bereits vollständig kybernetisch definieren und entsprechend in die Wirklichkeit umsetzen (T. Winograd/F. Flores 1985; P. Lloyd/R. Whitehead 1996; Perreault/T Vlasic 1999). Die Größe des Freiraums der über die sog. Kosten-Leistungsrechnung vollständig transparent gemachten Mitarbeiter im völlig transparenten Cyberunternehmen hängt vom „Systemadministrator" und dessen technischen Vorgaben ab. Deren Erfüllung kann mittels „Controlling" über beliebig vermehrbare Kontrolldaten und Mess-Stationen (Statistiken) beliebig genau festgestellt und zur Optimierung des Betriebsergebnisses wieder mit dem Zielwert des „Systems" Unternehmen verglichen werden. Diese kybernetische Welt ist bei Scientology zum Selbstzweck erhoben und zur letztgültigen Lebensform geworden: Das Glück des Einzelmenschen, aber auch das der Gesellschaft wird in einer völligen (kybernetischen) Maschinisierung gesehen (HCO PL v. 29.10.1970: The Analysis of Organisation by Product).
Die nicht leicht zu erfüllende Aufgabe des demokratischen Rechtsstaats im 21. Jahrhundert wird es sein, dem Einzelnen einen von den Cybermächten und den Vertretern der sog. Wissenschaftlichen Betriebsführung (Scientific management) nicht kontrollierbaren Freiraum am Arbeitsplatz, aber auch im Privatleben zu erhalten, ohne hierbei die Effizienz und Konkurrenzfähigkeit unseres Wirtschaftssystems zu gefährden.
Aus der Grundlagenschrift „Dianetik" und dem Bericht über ihre Entstehung „Dianetik - Die Entwicklung einer Wissenschaft" lässt sich entnehmen, dass Hubbard ein dem wissenschaftlichen Kognitivismus ähnliches, jedoch mit Science-Fiction-Elementen angereichertes Menschenbild vertreten hat. Dies gilt vor allem hinsichtlich der Lehre von den körperlichen Funktionsstörungen des „Mensch-Computers" und deren Beseitigung:
„Sehen sie den analytischen Mind als Computer. Dies ist nur ein Vergleich, denn der analytische Mind verhält sich zwar wie eine EDV-Anlage hat aber noch phantastischere Fähigkeiten als alle Computer, die jemals gebaut werden, und ist unendlich vollkommener" (Dianetik S. 63)
„Der Mensch ist ein wohlgebauter Computer mit verschiedenen Dienstleistungseinrichtungen" (aaO. S. 247).
„Wenn wir einen Clear erreicht haben, stehen wir vor etwas, das man nie zuvor gesehen hat, denn es existierte nie zuvor in einem schuttfreien Zustand: eine perfekte Maschine, gut geölt, kraftvoll, schimmernd und imstande, all ihre eigenen Funktionen ohne jede weitere Wartung abzustimmen und zu steuern" (aaO. S. 322).
„Clear ist aus der Analogie zwischen dem Verstand und der Rechenmaschine entstanden. Bevor ein Rechner benutzt werden kann, um ein Problem zu lösen, muss er von alten Problemen, von alten Daten und Schlussfolgerungen befreit werden. Andernfalls wird er die ganzen alten Schlussfolgerungen in die neue mit einbeziehen und eine falsche Lösung hervorbringen. Prozessing klärt den Rechner von immer mehr dieser Probleme. Das vollständig geklärte Individuum hätte seine ganze Selbstbestimmung in der Gegenwart und wäre vollständig selbstbestimmt, Ability 114 A" (Technische Definition der Dianetik und Scientology: Stichwort „Clear").
Hubbard drückt sich zur Darstellung der menschlichen Vernunft- und Verstandesleistung durchgehend in der Sprache eines Ingenieurs der Informations- bzw. Kognitionstechnik aus. Er begreift sich selbst als „Ingenieur" und Dianetik als „Ingenieursarbeit" (Dianetik S. 11). Er spricht wie die Kognitivisten vom Gedächtnis als „Standard-Gedächtnisbank", vom „Time-Track" (Zeitspur) als Datenaufzeichnungssystem, auf dem alle Wahrnehmungen aus der Umwelt und des Organismus lebenslang präzise aufgezeichnet würden, vergleicht das „Ich" mit einem „Monitor", bezeichnet bestimmte Verknüpfungen im Verstand als „Schaltkreis" usf.
Hubbard verwendet die Computeranalogie zur Beschreibung des menschlichen Verstandes nicht nur bildlich. Das Computermodell dient ihm darüber hinaus als Prinzip für die Konstruktion eines funktionalistischen Psychostrukturmodells, mit dessen Hilfe er die gesamte menschliche Sinnes- und Verstandestätigkeit wie im wissenschaftlichen Kognitivismus zu erklären versucht. Mit Hilfe des Begriffes „Sinnesmitteilungen" („perceptics"), die einerseits vom Organismus aufgenommene gegenwärtige „Daten", andererseits aus der „Bank" abgerufene (Erinnerungs-) "Daten" sein sollen, erklärt Hubbard menschliches Wahrnehmen als Prozess einer quasi-maschinellen Datenaufzeichnung, das Erinnern als Prozess der Wiedergabe der gespeicherten Daten (Tech. Def. Dn/Scn, Stichwort: „Perzeptiks").
Die Engrammlehre lässt sich dagegen nur teilweise der kognitiven Theorie zuordnen. Das Engramm stellt zwar ein Gedächtnisdatum im Sinne dieser Theorie dar. Darüber hinaus soll es aber auch gleichzeitig Ursache für eine geistige oder körperliche Störung sein:
„Störungen werden in zwei klar getrennte Kategorien unterteilt: die erste ist die geistige Störung, jeder irrationale Zustand, den wir in der Dianetik Aberration nennen (um die endlose Aufzählung der Tausende, ja Millionen von Erscheinungsformen zu vermeiden, als welche die Irrationalität auftreten kann). Die andere Störung ist somatischer Natur, betrifft also ausschließlich das Biologisch-Körperliche samt der körperlichen Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Jedes Engramm weist diese zwei Komponenten auf: die Aberration und das Somatik (dieser neu geprägte Ausdruck wird in der Dianetik verwendet, um den Gebrauch des Wortes Schmerz zu vermeiden, da letzteres erstens nicht umfassend genug und zweitens restimulierend ist). Aber das Engramm kann chronisch entweder als Somatik, als Aberration oder auch kombiniert in Erscheinung treten" (Dianetik S. 134).
Die gefühlsmäßige Abreaktion hinsichtlich eines belastenden Gedächtnisinhalts (= Engramm) lässt sich sonach nicht durch die kognitive, aber ohne weiteres durch die kybernetische Theorie als eine Maßnahme der „Entstörung" der „Mensch-Maschine" erklären.
Interpretiert man das Instrumentarium der Dianetik nicht, wie dies bisher fälschlich geschehen ist, geistespsychologisch oder esoterisch, sondern gemäß der kognitiven bzw. kybernetischen Theorie, wird Hubbards Engrammlehre eher verstehbar: In Scientology soll mit regelungstechnischer Ingenieurkunst das „System" Einzelmensch und das „System" Gruppe „entstört" und neu „programmiert" werden. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass man als Kunde von Scientology nach dem kybernetischen Selbstverständnis Hubbards sich tatsächlich als einen Biocomputer zu begreifen lernt. Der Preis für diese zunächst mentale, dann praktische Transformation zur entseelten „Mensch-Maschine" ist der Verzicht auf natürliches Verhalten und Erleben. An die Stelle der Regeln der Kultur, wie sie uns Moral, Ethik und Recht geben, treten biotechnische Funktionsnormen sowie die Prozeduren von Regelungstechnikern und Programmierern, die an uns zum Zwecke der „Optimierung" permanent Messprozeduren vornehmen und bei einer Abweichung vom Zielwert zur Adaptierung uns die entsprechenden Steuerungssignale senden. Alle Prozeduren, die von Scientology zur Veränderung des Einzelnen oder einer Gruppe durchgeführt werden, richten sich nach diesem regelungstechnischen Schema. Hubbard bezeichnet daher die Dianetik zu Recht als „Ingenieurwissenschaft".
Die dianetische Doktrin ist allerdings noch in einem weiteren Punkt umfassender als die kognitive Theorie, deren Gegenstand lediglich das intelligente Verhalten des Menschen ist. Bei der Einstufung des Menschen nach der sog. Tonskala (tone scale) geht es Hubbard um eine Diagnose der Vitalität und deren Veränderung:
„Eine Skala, die die absteigende Spirale des Lebens von voller Vitalität und Bewusstheit durch Halb-Vitalität und Halb-Bewusstheit bis hinunter zum Tod aufzeichnet" (Technische Definitionen der Dianetik und Scientology, Stichwort: Tonskala).
Vitalität wird dabei von Hubbard mit den durch den elektrischen Spannungszustand des Körpers repräsentierten Emotionen verknüpft. Deshalb spricht Hubbard auch von „Emotionsskala". Sie dient gleichzeitig zur Messung der „potenziellen Überlebensfähigkeit.
Die Tonskala geht auf den medizinischen Begriff des Biotonus zurück. Dieser ursprünglich rein physiologisch verwendete Begriff diente in der Medizin zunächst zur Beschreibung der Lebensenergie eines Individuums, wurde jedoch von G. Ewald 1924 erstmals als Indikator für die temperamentgebundene Gesamtspannungslage eines Menschen im Rahmen einer Temperamentenlehre benutzt. In ähnlicher Weise wird der Begriff von Hubbard verwendet.
Ursprünglich diente Hubbard die zunächst vierstufige Tonskala als „Diagnoseinstrument", um die allmähliche „Löschung eines Engramms" zu erklären (Dianetik S. 393 ff.). Hieraus entwickelte er später eine vierzigstufige Wertetafel, mit deren Hilfe er 40 angeblich emotionale Zustände des Menschen nach ihren angeblich gemessenen Biotonuswerten in eine durch angeblich wissenschaftliche Tests gefundene Reihenfolge gebracht hat: Hierbei hat er völlig willkürlich sechsunddreißig Zustände auf der Skala von 0 bis 8, vier Zustände (action, games, postulates, serenity of beingness) auf den Messbereich von 20 bis 40 verteilt:
„Die wichtigste Skala der Scientology. Eine der wichtigsten Beobachtungen, die zur Formulierung dieser Skala führten, war die Veränderung in der Manifestation von Emotion, die von einer Person im Prozessing gezeigt wurde. Das Voranschreiten von schmerzlichen Emotionen zu angenehmen Emotionen war so zuverlässig und zeigte so offensichtlich den Erfolg an, dass es das Hauptmaß des Fortschritts eines Falles wurde.“ (aaO.)
Durch die Tonskala hat Hubbard nicht nur ein biotechnisches Regulierungsinstrument für die menschliche Vitalität, sondern auch eine biologistische Tugendlehre auf pseudowissenschaftlicher Basis geschaffen, durch die er Stärke, repräsentiert durch Aktivität, als höchsten Wert, Schwächezustände dagegen als Untugend einstuft. Mit der Tonskala bewertete er letztlich willkürlich die von ihm geschätzte Eigenschaft „Tatkraft" positiv, die von ihm abgelehnten Eigenschaften „Mitgefühl" (0.9), „Mitleid" (-0.1) oder Scham (-0.2) dagegen negativ. Mit den am höchsten bewerteten Zuständen „action" (20.0), „games“ (22.0), „postulates“ (30,0) zeigt Hubbard, dass es ihm darum geht, aus allen Menschen (Kampf-) Manager zu machen, die sich im Überlebensspielkampf immer durchsetzen. Hubbard hat damit dem von ihm vertretenen mitleidlosen Sozialdarwinismus eine scheinwissenschaftliche Grundlage verschafft. Der mit der Lehre von der Tonskala betriebene Testbetrug kann aufgrund der nicht überprüfbaren scheinexperimentellen Beweisführung von Laien nur schwer durchschaut werden. Die Tonskala ist darüber hinaus für Hubbard auch ein Instrument der biologischen Selektion. Er vertritt hierbei eine Auffassung, die an die Lehre des Nationalsozialismus vom lebensunwerten Leben erinnert:
„Der vernünftige Mensch übersieht sehr häufig, dass Leute von 2.0 an abwärts sich nicht mit Vernunft befassen und dass man nicht so mit ihnen diskutieren kann, wie man mit jemandem auf 3.0 diskutieren würde. Um mit Personen von 2.0 an abwärts umzugehen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: ... Die erste besteht darin, sie auf der Tonskala anzuheben. Die zweite ist die, sie ruhig und ohne eine Träne zu vergießen loszuwerden. Kreuzottern sind sicherere Bettgenossen im Vergleich zu Menschen in den unteren Bereichen der Tonskala" (Die Wissenschaft des Überlebens, Art. 27, S. 157).
Die Entwicklung und der Gebrauch der Tonskala ist ein weiteres gewichtiges Indiz dafür, dass Hubbard eine biologistisch-geprägte Naturlehre und keine religiöse Philosophie vertreten hat. Eine vor der Öffentlichkeit versteckte Version der Tonskala weist negative Werte bis -40.0 auf (HCOB v. 25.09.1971; rev. 01.04.1978: Tone Scale in Full). Mit dieser Skala soll der Thetan „eingeschätzt" werden. Es handelt sich hier um dieselbe Mystifikationstrategie, deren kommerzielle Motivation bereits oben dargelegt worden ist.
Zum Gebrauch der Tonskala im Einzelnen:
In einem 1985 erschienenem Film hat Hubbard die Tonstufen beschrieben und eine schauspielerische Darstellung zu jeder Tonstufe gegeben. Die Auditoren werden anhand dieses Filmes geschult. Sie müssen das den jeweiligen Tonstufen entsprechende Verhalten wie Schauspieler erlernen. Der Auditor soll im Behandlungsprozess immer auf einer über der Tonstufe der Probanden liegenden Tonstufe mit diesen kommunizieren. Hierdurch soll sich die Tonstufe des Probanden im Rahmen eines Resonanzphänomens automatisch anheben.
Die Tonskala ist Dreh- und Angelpunkt im biologistisch-geprägten System Scientology. Mit ihrer Hilfe wird der „Fortschritt" eines Falles in der dianetischen Behandlung gemessen, aber auch ganz allgemein der Zustand eines Scientologen eingeschätzt.
„Das dianetische Processing setzt sich nicht zum Ziel, irgendein körperliches Gebrechen zu heilen; während man einen Preclear auf der Tonskala hochbringt, tritt jedoch automatisch das Phänomen auf, dass alle chronischen Somatiken von Engrammen ... verschwinden" (aaO. XII).
Die Übungen zur Anhebung der Tonstufe sind demnach als Vitalitätstrainings zu bewerten. Es handelt sich hierbei offensichtlich nicht um einen Sinnfindungsprozess, wie er in Psychotherapie oder Seelsorge stattfindet, sondern um primitive Techniken der Verhaltensmodifikation, wie sie heute im unseriösen Managementtraining benutzt werden.
Die wesentlichen Indikatoren für anthropotechnologisches Denken und Handeln, die alle im System Scientology in verschieden starker Ausprägung gefunden werden können, sind folgende: Ein biologistisches Menschenbild, Befürwortung einer permanenten Menschenformung unter streng kontrollierten Lernbedingungen. Rechtfertigung dieser Maßnahmen als „hilfreich" oder "heilsam". Mittel anthropotechnischen Handelns sind deshalb: Befehl, Erziehung zum blinden Gehorsam, Lernlabor, programmiertes Lernen, Erziehungseinrichtungen mit hartem Disziplinarwesen, anbefohlene inquisitorische Gewissenserforschung, Organisation der Gesellschaft als Kommando-System, lückenlose Überwachung der sozialen Beziehungen bis in das Privatleben hinein, Vorschreiben der Sprechweise zur Disziplinierung des Denkens, Propaganda, Verteufelung der Abweichung vom „Programm", Leugnung der Fähigkeit des Menschen zur Selbstbestimmung in eigener sittlicher Verantwortung. Die Basisbegriffe, die allem anthropotechnischen Denken und Handeln zugrunde liegen sind: Befehl (Programm), Operation und Kontrolle. Angesichts der ingenieurtechnischen Ausrichtung anthropotechnologischer Maßnahmen spricht man von Sozialtechnologie oder Social engineering. Soll, wie bei Scientology, Staat und Gesellschaft nach anthropotechnischen Regeln „umprogrammiert" und gesteuert werden, wird Anthropotechnologie zum politischen Programm, dessen Ziel die Machtergreifung ist. Am Ende stände ein totalitäres Staatswesen mit biotechnologischer Prägung.
2.7. Hubbards Scientology-Organisation, eine kybernetische Maschinenbürokratie
Um ungehindert expandieren zu können, inszenierte das Management von Scientology auf Befehl Hubbards mit Hilfe eines effizienten PR-Apparates höchst erfolgreich das Bild einer skurrilen Religionsgemeinschaft. Durch diese Tarnmaßnahme ließ sich bis heute die Weltöffentlichkeit, aber auch die Wissenschaft täuschen. Dies hat dazu geführt, dass bis vor kurzem Hubbards Organisations- und Management-Technik überhaupt nicht wahrgenommen, geschweige denn sozialwissenschaftlich untersucht worden ist. Dies überrascht, da seit 1976 das Lexikon „Modern Management Technology Defined" auf dem Markt ist, in dem Hubbard und seine Mitarbeiter über 11.200 Begriffe aus der scientologischen Organisations- und Managementlehre und 2000 nicht-scientologische Managementausdrücke kohärent, d. h. in einer ein System bildenden Form definiert haben. Auch der Umstand, dass in Russland im sogenannten militärisch-industriellen Bereich Hubbards Organisations- und Managementlehre im Vordringen begriffen ist (Verfassungsschutzbericht Bayern 1999), konnte ein wissenschaftliches Interesse, die Organisationstechnik zu erforschen, offensichtlich bis heute nicht wecken.
Die Definitionen im Management-Lexikon verweisen auf eine Unzahl von Richtlinienbriefen, in denen das Reglement präzise erklärt wird. Allein aus einer oberflächlichen Prüfung dieser Definitionen ergibt sich, dass Scientology als einheitlicher hierarchisch strukturierter, vielgliedriger Apparat nach den Organisationsprinzipien einer Maschinenbürokratie aufgebaut ist. In dieser gibt es für das Organisieren und Managen einerseits, das Erbringen von Dienstleistungen andererseits ein bis ins Kleinste gehende, auch das Sprechen erfassendes Befehlsreglement. Alle organisationalen Abläufe sind vollständig technisiert. Aus dem Umfang und der Art des Regelwerkes lässt sich entnehmen, dass das Ziel dieser organisatorischen Maßnahmen eine möglichst große Maschinisierung aller auf „Produktion" und „Expansion" ausgerichteten betrieblichen Abläufe ist. Gemäß der angewandten kybernetischen Regelungstechnik sind auf allen Ebenen der Organisation eine Unzahl von Kontrolleinrichtungen geschaffen, deren richtiges Funktionieren durch Kontrollstellen einer höheren Ebene überwacht wird. Alle Kontrolleinrichtungen sammeln permanent über Mitarbeiter und Kunden, aber auch über Gegner des Systems Daten, werten diese aus und geben die Ergebnisse als neuen „Input" wieder in das System ein. Die exzessive Datenerhebung macht auch nicht vor dem Intimbereich Halt. Bei der geringsten Abweichung von den Regeln und Zielwerten erfolgt durch unverhältnismäßig harte Sanktionen eine Gegensteuerung. Nicht nur alle den Dienstleistungsbereich betreffenden Abläufe werden ständig technisch gemessen und überwacht, sondern auch die Kontrollstellen selbst (Prinzip der Kontrollkontrolle). Jeder Angestellte, sei es Dienstleistender oder Manager, ist verpflichtet, jede Störung, ob sie von ihm selbst oder einem anderen ausgeht, unverzüglich schriftlich zu melden. Es werden 21 Berichtsarten unterschieden (HCO PL vom 01.05.1965: Staff Member Reports).
Hubbard folgte bei seinem vielgliedrigen Organisationsreglement dem Ansatz der wissenschaftlichen Betriebsführung, wie sie 1911 von dem amerikanischen Ingenieur F. W. Taylor entwickelt worden ist. Als Grundbedingung für eine effiziente Unternehmensorganisation trennte dieser die planerischen und kontrollierenden Tätigkeiten von den ausführenden. Dementsprechend hat auch Hubbard in seiner Organisation die Managementfunktionen vom Dienstleistungsbereich abgetrennt und auch die Regeln für beide Bereiche sichtbar geschieden. Die Richtlinienbriefe - Hubbard Communications Office Policy Letters (HCO PLs) - betreffen den Organisationsbereich, die Bulletins - Hubbard Communications Office Bulletins (HCOBs) - ordnen die Serviceleistungen. Wie Taylor hat er die einzelnen Tätigkeiten atomistisch zergliedert, um sie dann-wieder organisatorisch zusammenzuführen. So gibt es in einer Organisation der Klasse IV über 500 verschiedene Stellen mit zahlreichen untergeordneten Posten. Statt der einzelnen Persönlichkeit stehen bei Scientology ganz wie bei Taylor die einzelnen Funktionen des Betriebssystems im Vordergrund. Bei den Behandlungen der Kunden wird deshalb auch nicht auf vertiefte personale Beziehungen Wert gelegt, wie sie sonst bei allen therapeutischen und seelsorgerischen Verhältnissen üblich sind, sondern auf die perfekten technischen Abläufe und Messprozeduren. Denn nach dem ingenieurtechnischen Verständnis Hubbards ist jede „Fehlsteuerung" der „Mensch-Maschine" von jedem gut ausgebildeten Auditor-Ingenieur in gleicher Weise „reparierbar". Deshalb werden über die einzelnen „Entstörungsprozesse" minutiös an TÜV-Berichte erinnernde Protokolle erstellt. Hubbard spricht ausdrücklich von „Reparaturprogrammen" und setzt den Auditor mit einem Ingenieur gleich.
Hubbard hat den Zielbegriff der kybernetischen Managementtheorie einer Produktionsorganisation bzw. -maschinerie übernommen. Die Produktzentriertheit der Scientology zeigt sich daran, dass im Fundstellenverzeichnis für alle Richtlinienbriefe (Policy Index 1991) zum Begriffsfeld „Produktion" über 300 Fundstellen aufgeführt sind.
Hubbard definiert demgemäß den Scientologen als „Produkt", d. h. als ein Herstellungsergebnis der als „Produktionsmaschine" betrachteten Organisation
(HCO PL v. 28.19.1970: Organizing and Hats). Er unterscheidet je nach durchlaufenem Training bis zu acht verschiedene Produktstufen (Produkt 1-8) seiner „Mensch-Maschine".
Ziel der tayloristischen Organisationsform ist es, durch eine konsequente Formalisierung aller intra- und interorganisatorischen Prozesse Unsicherheiten im Qualitätsstandard bei der Herstellung eines Produkts gegen Null zu reduzieren. Hubbard erwartete sich offensichtlich von der Übernahme dieses Organisationsmodells denselben Effekt für seine Behandlungen. Durch eine vollständige Festlegung aller Betriebsaktivitäten durch Programmbefehle in Richtlinienbriefen und Bulletins (Programmierung) glaubte er die Bedingungen eines kybernetischen Lernlabors schaffen zu können, um dort seine Kunden erfolgreich „neu zu regeln", d. h. diese wie in den Tierversuchslaboren Pawlows oder Skinners nach einheitlichen Verfahrensschemata abzurichten (Programmierung).
Der Begriff der Programmierung spielt zur Beschreibung der Veränderung von Personen oder Gruppen infolge Trainings in der scientologischen Techniklehre eine zentrale Rolle (vgl. z. B. HCO PL v. 22.01.1972: Personal Programming; v. 31.05.1980, rev. 21.04.1990: Staff Co-Audits; v. 12.09.1959: Programming; HCOB v. 12.11.1981, rev. 20.04.1990: Grade Chart for Lower Grades).
Gegen eine Subsumtion der Organisationsformen von Scientology unter das tayloristische Modell kann eingewendet werden, die Regeln für die Fabrikation materieller Produkte könnten nicht auf Erziehungs- bzw. Therapiemethoden übertragen werden, da die Veränderung von Geist, Seele bzw. Persönlichkeit kein Produktionsprozess sei. Dieser Ansicht werden Verhaltenspsychologen widersprechen und auf ihre Lernlabors verweisen. Weiter ist zu bedenken, dass es zu Taylors Lehre für die Rationalisierung und Technisierung auch geistiger Dienstleistungen ein Parallelmodell gibt. Fast zur selben Zeit wie Taylor hat der deutsche Soziologe Max Weber seine Bürokratietheorie entwickelt und hierbei gezeigt, dass die tayloristische Denkweise auch auf Organisationen und Unternehmen übertragen werden kann, deren Dienstleistungen, etwa wie die der Behörden, von immaterieller Natur sind. Dies heißt, dass auch dort durch eine hierarchische Gliederung, Zerlegung, Standardisierung und Formalisierung von Abläufen, Aufgabenverteilung, Festlegung der Kommunikationswege eine Technisierung bis hin zur Maschinisierung erfolgen kann. Nach dem Konzept F. W. Taylors und Max Webers sind Angestellte begrenzt rationale, maschinenähnliche Wesen, die man von außen steuern, kontrollieren und motivieren muss. Diese Organisationslehre wird heute in der Organisationswissenschaft überwiegend abgelehnt. (St. Kühl 1995). Bei einer extremen Unselbständigkeit der Mitarbeiter in derart organisierten Unternehmen spricht man von Maschinenbürokratie.
Taylor bewertete dieses Organisationsprinzip für die Schaffung stabiler und effizienter Unternehmen als „one best way".
Kybernetiker bewerten demgegenüber ihre Organisationstechnik als „new best way". Denn sie gehen davon aus, dass erst mit der Entdeckung des Regelkreisprinzips der Stein der Weisen für richtiges Organisieren und Regeln gefunden worden sei. Nicht die hierarchische Struktur bei F.W. Taylor oder Max Weber, sondern die gesetzmäßige kommunikative Beziehung aller Elemente in einem System erzeugten Ordnung und Ganzheit (W. Wieser 1959), damit aber auch höchste Produktivität. Mit Stolz verweisen Kybernetiker auf die Automatentheorie und deren mathematische Grundlegung durch A. M. Turing und J. v. Neumann. Die Entdeckungen dieser Mathematiker erlauben es, nicht nur von physikalischen, sondern auch von „logischen" und „abstrakten" Maschinen zu sprechen und Modelle von diesen Maschinen mit den verschiedensten Materialien, gegebenenfalls auch mit Menschen zu realisieren (St. Beer 1959). So lässt sich beispielsweise aus einer Gruppe von Menschen durch Rollenzuweisung nach dem Modell der logischen Maschine ein Übersetzungscomputer schaffen, der funktioniert, ohne dass die einzelnen Gruppenmitglieder, die bei der Übersetzung mitwirken, die Sprache, in die übersetzt wird, beherrschen müssen (St. Lem 1981). Kybernetiker wissen heute genau, welches die Stabilitätsfaktoren eines Systems sind, wann dieses stabil, ultrastabil ist und wann und warum es in einen anderen Systemzustand kippt. Diese Kenntnisse gehören heute zum selbstverständlichen Handwerkszeug guter Organisatoren und Sozialwissenschaftler.
Anscheinend versuchte Hubbard mit seinem Organisationsplan für die Klasse-IV-Organisation so etwas wie einen kybernetischen Produktionsorganismus zu schaffen. So erfüllt die Abteilung 1 (Hubbard-Kommunikationsbüro, „HCO“) offenbar die Funktion eines Regelkreises. Diese Abteilung ist zuständig für einen störungsfreien Kommunikationsfluss in der Organisation. Sie registriert und reagiert auf alle Störungen in der Kommunikation des Betriebes mit sog. Ethikaktionen und ist dafür zuständig, dass alle „Posten" als Kommunikationsknotenpunkte („terminals") besetzt sind. Die Abteilung 4 (Technische Abteilung) ist zuständig für die „Produktion", d. h. die Neuregelung der „Mensch-Maschine" durch „Prozessing" und durch „Ausbildung". Die Abteilung 5 (Qualifikationsabteilung) dient den Zwecken eines „Qualitätsmanagements". Im Organisationshandbuch „Zusammenfassungen der Abteilungen" wird die Funktion dieser Abteilung wie folgt beschrieben:
„Mitarbeiter der Qualifikationsabteilung sind Hüter des Wissens und sie sind mit der Aufgabe betraut, die Funktionsfähigkeit der Scientology in ihrem Bereich zu erhalten, indem sie die Organisation und deren Produkte korrigieren, so dass alle technischen und administrativen Aktionen in der Organisation vollständig und korrekt getan werden, was hohe Qualität und Quantität von Produktion zur Folge hat, was wiederum in einer expandierenden Organisation resultiert."
Die vier weiteren Abteilungen (Führungsabteilung, Finanzabteilung, Verbreitungsabteilung, zuständig für Werbung und Marketing; Öffentlichkeitsabteilung, zuständig für einführende Dienstleistungen) fallen nicht durch besondere organisatorische Eigenarten auf.
Dass Hubbard das Ziel hatte, eine kybernetische Maschinenorganisation zu errichten, ergibt sich auch aus der Vorschriftendichte. Für die Organisation der 7 Abteilungen einer Klasse IV-Organisation gelten über 2.600 Richtlinienbriefe; allein in der Führungsabteilung sind über 600 Richtlinien zu beachten. In weiteren 3 Bänden (Management Series) sind noch einmal über 360 weitere Managementrichtlinien allgemeiner Art zusammengefasst.
Aus dem Handbuch „Die Führungskanäle der Scientology', in dem der Organisationsplan sowie das globale „Produktions- und Expansionsziel" für die internationale Organisation mit all ihren Untergliederungen beschrieben ist, wird das kybernetische Muster eines nach technisch rationalen Kriterien organisierten, auf permanente Expansion ausgerichteten, nach strategischen Grundsätzen geführten „Produktionsapparates" noch deutlicher sichtbar. Der kybernetische Gesamtorganismus Scientology verfügt über ein zentrales technisches Gehirn, die sog. Computer-Bank (International Network of Computer-organised Management - INCOMM -), die dem Management weltweit hilft und dieses gleichzeitig überwacht (HCO PL v. 10.07.1986: Admin High Crime). Er hat ein weiteres typisches kybernetisches Steuerungsorgan: Das „Watchdog-Committee", die oberste Führungsinstanz des Managements, bedient sich für die Datensammlung und die Vollstreckung von Befehlen eines nicht in die Organisation integrierten autonomen Organs, der Commodore's Messenger Org (CMO). Bei dieser Organisation handelt es sich um einen echten Kontrollarm des obersten Managements, der in der Lage ist, gewissermaßen von außen weltweit die Organisation auf all ihren Ebenen zu inspizieren und zu kontrollieren (Die Führungskanäle der Scientology, S. 10; The Command Chart of Scientology).
Das technische Organisationsstatut zeigt, dass Scientology nach einer extrem totalitären Organisations- und Managementlehre handelt, die die Grundsätze des Operational Research auf die Spitze treibt und dabei nicht davor zurückschreckt, mit dieser Technik auch das Privatleben des Menschen gänzlich zu funktionalisieren. Dass die Motivation Hubbards für die Entwicklung einer derartigen Managementtechnologie nicht religiös bestimmt war, liegt auf der Hand. Es verwundert daher auch nicht, dass in dem Policy-Index mit seinen ca. 21.000 Fundstellennachweisen beim Stichwort „Religion" lediglich auf 12, bei „Thetan" auf 18 und bei Geist (spirit) auf 4 Fundstellen verwiesen wird.
Ein Aufenthalt in derartigen Maschinenorganisationen führt, wie aus der Bürokratie- und Totalitarismusforschung bekannt ist, zu einer raschen Anpassung des Verhaltens, aber auch alsbald zu einer kognitiven Umstrukturierung, die nicht selten zu einer völligen Identifizierung mit den Zielen und Handlungsmustern einer solchen Organisation führt. Es handelt sich daher nicht nur um eine bildliche Redeweise, wenn von einer Maschinisierung der Menschen durch derartige Organisationsstrukturen gesprochen wird.
2.8. Das „Technologie"-Konzept Hubbards: Austausch ethischer Kulturnormen gegen biologische Funktionsregeln zur „Optimierung" der „Mensch-Maschine"
Der Ingenieur-Kybernetik, die Hubbard zum verbindlichen Regelkanon in Scientology erhoben hat, liegt, wie oben dargestellt, ein biologisches Menschenbild zugrunde. Dementsprechend lehnt Hubbard die Kulturnormen demokratischer Staaten, wie Brauch, Sitte, Ethik und Recht ab. Er bezeichnete sie abschätzig als „Wog-Gesetz".
Das Verhältnis der Regelkreisgesetze zu den Kulturnormen ist unter den Kybernetikern streitig. Unter seriösen Vertretern dieser Lehre besteht jedoch Einigkeit, dass die Regelkreisgesetze zwar das Entstehen der Kulturnormen im Evolutionsprozess zu erklären vermögen, diese jedoch von jenen ontologisch zu unterscheiden sind.
Diesen Unterschied erkennt Hubbard in seiner Lehre nicht an. Er hat die Kulturnormen als Basis für ein geordnetes menschliches Zusammenleben (Sozialordnung) durch biologische Regelkreisgesetze und biologische Werte ersetzt. Die Kulturnormen in der Form eines Pflichten- und Sanktionskanons haben nur noch die Funktion, die Durchsetzung der zum neuen Recht erhobenen biotechnischen Regeln und biologischen Werte zu garantieren. Hubbard definiert dementsprechend den Menschen auch nicht mehr kulturanthropologisch als Person, sondern kybernetisch als Produktionsorganismus (HCO PL v. 29.10.1970: The Analysis of Organization by Product). Die aus der Fähigkeit zum „Überleben" abgeleitete Produktivität der funktionierenden „Mensch-Maschine" liefert ihm die Letztbegründung sowohl für geistige Gesundheit (Modern Management Technology Defined, Stichwort: Downstat) als auch für ethisches Verhalten (HCO PL v. 01.09.1965: Ethics Protection). Diese beiden Eigenschaften der „Mensch-Maschine" werden durch die Menge der von ihr für die Organisation hergestellten „Produkte" (= neue „Mensch-Maschinen" = Scientologen) messbar gemacht. Hubbard beansprucht, mit dieser Methode geistige Gesundheit und Fehlverhalten sowohl beim Einzelnen als auch bei der Gruppe mittels statistischer Messoperationen jeder Zeit festzustellen und steuern zu können (HCO PL v. 06.03.1966: Rewards and Penalties. How to handle Personal and Ethics Matters). Eine niedrige Statistik ist daher immer ein maßgeblicher Indikator dafür, dass ein Mitglied des Systems in den Kreis der „Potentiellen Schwierigkeitsquellen" (Potential Trouble Sources) oder der „Unterdrückerischen Personen" (Suppressive Persons), d.h. der Feinde der Organisation gehören könnte (HCO PL v. 16.05.1965: Indicators of Orgs). Die Begriffe „ethisch" und „gesund" einerseits, „unethisch" und „ungesund" andererseits werden von Hubbard letztlich gleichgesetzt. In den Fundstellenverzeichnissen für die HCO PLs wird dementsprechend bei „Suppressive Person" auf „insane" und umgekehrt verwiesen.
Die „Mensch-Maschine" „funktioniert" nach dieser Lehre erst dann richtig, wenn sie „in-policy" und „in-tech" ist, d. h. wenn sie alle Steuerungsbefehle aus HCO PLs und HCOBs des „Maschinisten" Hubbard präzise befolgt. Das „In-Tech-Sein" wird dabei mit ethischem Verhalten gleichgesetzt. In Hubbards Schrift „Einführung in die Ethik der Scientology" (1998) führt er dementsprechend aus:
„Ethik existiert nur, um Technologie hineinzubekommen" ... „Ethik ist ein verlängerter Arm der Technologie." ... "Ethik ist ein genau zugeschnittenes Werkzeug ein äußerst wichtiger Teil einer Organisation." ... "Wenn Technologie „out" ist, wird Ethik Technologie „in" bringen."
Jede noch so kleine Abweichung des Verhaltens von den Befehlen der HCO PLs (= off-policy) und der HCOB (= out-tech) stellt ein „Ethik"-Problem dar. Nicht nur „Withholds", d. h. vom Scientologen zurückgehaltene, d. h. verschwiegene Regelverstöße und Regelverstöße selbst (Overthandlungen) sind Gegenstand von „Ethik"-Maßnahmen, sondern auch die sog. Gegenabsichten aus der Umwelt (Counter-Intentions from Environment) sowie Fremdabsichten (Other-Intentions from Environment), die offensichtlich als allgemeine Gefahren für die Einstellung der Scientologen angesehen werden. Hieraus folgt aber auch zwangsläufig, dass jeder, der Zweifel an der Richtigkeit der Lehre oder der Technologie Hubbards in eine Scientology-Gruppe hineinträgt, als „Feind" betrachtet werden muss (HCO PL v. 18.06.1968: Ethics). Dem System Scientology ist daher ein freier Gedankenaustausch und Toleranz gegenüber anderen Gedanken- und Handlungssystemen völlig fremd. Bezeichnend ist, dass der Begriff „Toleranz" nicht innerhalb des Systems definiert wird. Im Managementlexikon wird er als nicht-scientologischer Begriff kurz erwähnt. Er wird als „Abweichung von einem Standard" bestimmt. Ausführungen über die gesellschaftspolitische Bedeutung von Toleranz in einer Demokratie fehlen.
Hubbards „kybernetische Ethik" soll aber auch den biologischen Fortbestand der gesamten Menschheit sichern:
„Ethik besteht tatsächlich, so wie wir sie jetzt in Dianetik definieren können, als Rationalität in Richtung auf die höchste Stufe vom Überleben für das Individuum, die zukünftige Rasse, die Gruppe und die Menschheit und die anderen Dynamiken als Ganzes genommen. Ethik ist Vernunft. Die höchste Stufe von Ethik wären Pläne für langfristiges Überleben mit minimaler Zerstörung, entlang jeder der Dynamiken" (Die Wissenschaft des Überlebens S. 128).
Die Definition dessen, was Hubbard als Ethik bezeichnet, zeigt, dass er nicht den Normen der Werteethik der demokratischen Rechtsordnung, sondern technischen Verhaltensregeln folgt, die er aus biologischen Axiomen ableitet. Dieses Regelwerk der instrumentalen bzw. technologischen Vernunft gehört aber nicht zu den Regeln, wie sie die sittliche Vernunft der Menschheit als Ethik entwickelt hat. Hubbard benützt daher zu Unrecht die Bezeichnung „Ethik" für seine technischen Regeln, die der Errichtung einer sozialen Maschinerie dienen sollen, in der der Einzelne einen festen, vom System permanent kontrollierten Produktionsposten zugewiesen erhält.
Es verwundert daher auch nicht, dass bei einer Interessenkollision zwischen der Ersten, Zweiten und Dritten Dynamik, d. h. zwischen dem Einzelnen, dem Paar (bestehend aus Mann und Frau) und der Gruppe sich diese auf Kosten des Einzelnen und des Paars immer durchsetzt. Um dies zu gewährleisten, hat sich der Leiter einer (Scientology-)Gruppe an folgende Richtlinie zu halten:
„Er darf niemals zögern, einzelne für das Wohl der Gruppe zu opfern, sowohl in der Planung und Durchführung als auch in seiner Rechtsprechung" (Das Kredo eines guten und geschulten Managers, 4. Regel).
Diese zynische, die Kulturnormen demokratischer Staaten negierende Verhaltensanleitung entspricht ganz dem Verhaltensmuster, mit dem Diktaturen ihre Personalprobleme zu lösen pflegen. Diese Regel wird auch heute noch rücksichtslos angewendet. So gibt es beispielsweise „Trennungsbefehle" für Paare, die durch ihre Verbindung die „Produktion" stören (HCO PL v. 19.07.1965: Separation Order). Werden scientologische Eltern durch die Kinderbetreuung zu stark in Anspruch genommen, kann es zu Trennungsbefehlen zwischen Eltern und Kindern kommen. Derartige Trennungsbefehle wurden bereits wiederholt praktiziert. Scientology negiert damit das Grundrecht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder.
Hubbards gestörtes Verhältnis zu den Kulturnormen und den Werten der Demokratie zeigt aber auch die durch mehrere Richtlinienbriefe geregelte „Kha-Khan-Tech": Ein „hochproduktiver" Scientologe, der den sog. Kha-Khan-Status verliehen bekommen hat (HCO PL v. 25.05.1982: Kha-Khan), steht wegen seiner Verdienste um Scientology außerhalb von „Ethik" (HCO Pl. v. 01.09.1965 Ethics Protections). Nach der Definition eines Kha-Khan kann dieser ungestraft auch mehrfach Kapitaldelikte begehen. Eine niedrige Statistik ist dagegen immer ein Grund für eine „Ethikmaßnahme". Scientology lehrt und praktiziert diese amoralische Doktrin, die den Grundsatz „Der Zweck heiligt die Mittel" zur obersten Leitlinie erhoben hat, noch heute: Als vor einiger Zeit „hochproduktive" Scientologen in Deutschland eine Reihe weniger „produktive" Mitglieder durch einen Anlagebetrug schwerstens geschädigt haben, ist die Organisation hiergegen nicht nachhaltig eingeschritten. Hinter der Kha-Khan-Doktrin, die anscheinend ein Verhalten des Wirtschaftskannibalismus unter Scientologen ermöglicht, steht strategisches Kalkül. Denn auch für hochrangige Auditoren ist eine ähnliche Ausnahmeregelung getroffen worden (HCO PL v. 13.02.1969: Ethics Protection Conditions; Blue Star, Green Star, Gold Star).
Eine Privilegierung von Spitzenfunktionären durch Suspendierung maßgeblicher ethischer Pflichten, deren Verletzung bei der großen Masse der Systemangehörigen drakonisch geahndet wird, ist ein typisches Kennzeichen für eine totalitäre Organisationsform. Hieraus erklärt sich auch, warum Hubbard zwar in populären Schriften, wie „Der Weg zum Glücklichsein", einerseits Ehrlichkeit empfiehlt, andererseits Drills entwickelt hat, mit denen Funktionäre die Fähigkeit zum perfekten Lügen anerzogen wird. Durch eine raffinierte Propagandatechnik, insbesondere aber durch die den Mitgliedern angedrillte Freundlichkeit verdeckt das System, dass es konsequent nach dem Grundsatz einer Doppelmoral handelt. Hierdurch lassen sich nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch niedere Funktionäre und Kunden bis heute täuschen. Der Gebrauch einer Doppelmoral ist vor allem in Sozialstrukturen des organisierten Verbrechens anzutreffen. Der Nietzsche-Schüler Hubbard dürfte dieses Konzept jedoch aus dem Werk seines Lehrmeisters übernommen haben.
Ein weiterer Beweis für die gänzliche Amoralität Hubbards war sein Befehl, wie mit Gegnern und Dissidenten umzugehen ist:
„Feind SP-Order: Man darf dieser Person Eigentum abnehmen, sie in jeder Weise verletzen, ohne dass man von einem Scientologen bestraft wird. Man darf ihr Streiche spielen, sie verklagen, sie belügen oder vernichten" (HCO PL v. 07.08.1967).
Mit diesem Befehl befürwortete Hubbard zur Durchsetzung seiner Ziele auch verbrecherisches Verhalten. Es verwundert daher nicht, dass er selbst in Frankreich 1978 wegen Betrugs zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.
Im sogenannten „Handbuch des Rechts", das als technische Richtlinie für den Kampf gegen „Feinde" dient, hat Hubbard die anzuwendende Investigations-und Sanktionstechnik minutiös beschrieben. Es handelt sich dabei um schmutzige Methoden, wie sie Geheimdienste totalitärer Staaten zu benutzen pflegen. Zur Feindbekämpfung haben sich Hubbard und sein Management den Geheimdienst OSA und die militärisch organisierten Eingreiftruppen „Sea-Org-Missions“ als Ausführungsinstrumente geschaffen und damit amerikanische und kanadische Behörden infiltriert, um Behördenakten zu entwenden und so staatliche Aktivitäten gegen die Organisation zu erschweren. Es kam jeweils zur Aburteilung der Täter (Bayerisches Staatsministerium des Innern, Das System Scientology, 2000). Aus neuen Presseberichten ergibt sich, dass in Frankreich Gerichtsakten mit belastendem Beweismaterial in einem noch nicht abgeschlossenen Verfahren gegen die Organisation vernichtet wurden. Die französischen Sicherheitsbehörden haben die Ermittlungen aufgenommen. Es besteht der Verdacht, dass die Akten auf Veranlassung der Organisation beseitigt worden sind.
Auch wenn Scientology behauptet, die in mehreren Richtlinienbriefen verfügte „Feind-Order" sei außer Kraft gesetzt, wird jedoch weiter in ihrem Geist gehandelt. So verfolgte die Organisation auch in Deutschland in den Achtzigerjahren Kritiker und Dissidenten mit Rufmord, Telefonterror oder Psychofoltermethoden, um sie „gefügig" zu machen, d. h. sie mittels schmerzhafter Maßnahmen zum Schweigen zu bringen. Um keine Angriffsfläche zu bieten, verhält sich die Organisation hierbei jedoch heute wesentlich vorsichtiger als früher.
Hubbard benötigte für das von ihm inszenierte Strategiespiel „Überleben", das er mit Scientology spielte und das vom heutigen Management unter akribischer Einhaltung von Hubbards Regelwerk fortgesetzt wird, die Rolle des Feindes als system-konstituierendes (Spiel-)Element. So enthält das Fundstellenverzeichnis der Richtlinienbriefe allein 22 Hinweise auf den Begriff „Feind" und 79 auf den Begriff „Angriff“ (offense). Einer der niedrigsten Qualifikationszustände („Conditions“) einer Person oder Organisation heißt bezeichnenderweise „Feind“. Hubbard benutzte die Rolle des Feindes als Sündenbock, auf den alle Fehler, insbesondere das Nichtfunktionieren seiner Methode abgewälzt werden können, aber auch um die Loyalität seiner Anhänger zu testen und zu erhalten.
Zu diesem Zweck hat er ein „Gesetz der Dritten Partei" (The Third Party Law) aufgestellt, wonach die Ursache von Gewalt und Konflikten zwischen Individuen und Nationen immer eine dritte, oft unerkannte Partei sei (HCO PL v. 26.12.1968: The Third Party Law; v. 24.02.1969: Justice). Um die Dritte Partei ausfindig zu machen, hat er eine „Technologie" entwickelt (HCO PL v. 15.03.1969). Der Rolle der „Unterdrückerischen Person" („suppressive person“, „SP“) und der „Potentiellen Schwierigkeitsquelle" („potential trouble source“), in die jeder Scientologe aus nichtigem Anlass jeder Zeit geraten kann, liegt ebenfalls die Rolle des feindlichen Störers zugrunde, der mit allen Mitteln ausgeschaltet werden muss. Hubbard hat zu diesem Zweck weit über 100 (!) unterdrückerische Aktionen definiert (HCO PL v. 07.03.1965: Offenses and Penalties), die von allen Anhängern angezeigt werden müssen, damit sie mit „Ethikmaßnahmen" bekämpft werden können. Allgemeine Militanz und Aggressivität, gerechtfertigt durch das Prinzip eines kalten Sozialdarwinismus, sind danach die konstituierenden Elemente der von Hubbard für Scientology geschaffenen Organisations- und Handlungsstrukturen. Auch wenn einzelne Richtlinienbriefe, die kriminelles Vorgehen gegen Abweichler und Kritiker empfohlen haben, formell aufgehoben sein mögen, hat dies nichts an der militanten, auf rücksichtslose Expansion ausgerichteten Gesamtstruktur und Dynamik des Systems geändert, dessen Ziel die allmähliche Ersetzung der kulturellen Normen durch die Installierung eines soziotechnologischen Regelwerkes ist, das Tugend und Laster an vorgegebenen Leistungskennzahlen misst (Scorekratie). Gelänge dies, würde die demokratische Lebensform und Rechtskultur durch eine technokratische Kontrollgesellschaft ausgetauscht werden, in der über das Wohl und Wehe der Bürger mittels statistischer Messung – „upstat“ oder „downstat“ – entschieden würde. Diese verfügte über einen weitaus effizienteren Repressionsapparat als die von Orwell in „1984" geschilderte Diktatur. Eine Analyse des Organisationsreglements in „Grundlegender Mitarbeiter Hut" („Basic Staff Hat") aus der Serie „Organisations-Einführungskurs" (Organisation Executive Course) beweist dies.
Mit der Veröffentlichung der Schrift „Basic Staff Hat" (1986, deutsch 1991) hat das obere Management von Scientology ein Lehrbuch über Hubbards Organisationstechnik vorgelegt, das beweist, dass alle Personen, die in einer scientologischen Organisation mitarbeiten, gezwungen sind, sich den Regeln eines „kybernetischen Organismus" zu unterwerfen. Die Organisationstechnik von Scientology wird in der Schrift anhand von 258 ausgewählten Richtlinienbriefen vorgestellt. Aus den Richtlinienbriefen ergibt sich, dass Hubbard das hierarchische Organisationsprinzip Taylors mit den Organisationsregeln der Kybernetik so kombiniert hat, dass die Mitarbeiter einer Kontrolle unterworfen sind, die die der Maschinenbürokratien bei weitem übertrifft. Denn es gibt auch die Kontrollkontrolle.
Um die Abhängigkeit eines Mitarbeiters in einer tayloristischen Maschinenbürokratie zu beschreiben, benutzt man gewöhnlich das Bild vom Rädchen im Uhrwerk. Bei der Verwendung des kybernetischen Organisationsprinzips muss dagegen auf das Bild einer Nervenzelle zurückgegriffen werden (Wieser 1959).
Kennzeichen für das Organisieren nach kybernetischen Regeln ist es, dass der Aufbau eines funktionierenden Kommunikationsnetzes in den Mittelpunkt des Organisierens gestellt wird, wobei die Kommunikation als Teil eines soziotechnischen Regelkreissystems gesehen wird, mit dem die Beziehung zwischen In- und Output eines Unternehmens optimal gesteuert werden soll (Birker 1998).
In seiner „Theorie der Scientology Organisationen" (HCOB v. 21.09.1958) hat Hubbard seinen kybernetischen Organisationsansatz dargelegt:
„Eine Organisation ist eine Anzahl von Terminalen und Kommunikationslinien, die durch eine gemeinsame Zielsetzung vereint sind. Die Tätigkeiten in einer Organisation können alle unter der Überschrift von Partikelbewegung und Veränderung klassifiziert werden. Um einen Posten, eine Unterabteilung oder eine Organisation zu analysieren, machen Sie eine Liste von jedem Partikel, das von ihm bzw. von ihr gehandhabt wird (ob Arten von Körpern, Arten von Kommunikationen oder irgendetwas anderes). Und folgen Sie jeder Sache von dem Punkt an, wo sie in den Posten, in die Unterabteilung oder in die Organisation eintritt bis zu dem Punkt, wo sie hinausgeht."
In einem späteren Richtlinienbrief trifft er die Unterscheidung zwischen einer „maschinellen Organisation", in der der Mitarbeiter ein fest verankertes Zahnrad auf seinem Posten sei, gegenüber der „Lebenden Organisation" (Live Organisation), die Scientology verkörpere (HCO PL v. 02.11.1970: The Theory of Scientology Organizations).
Hubbards Lebende Organisation hat jedoch für den Freiraum eines Mitarbeiters ungleich einschränkendere Auswirkungen als die Ausübung eines Postens in einer altertümlichen Maschinenorganisation. Denn Hubbard lässt den Mitarbeiter mit seiner lebenden Organisation gewissermaßen zu einer organischen Einheit verschmelzen, die dessen gesamten Lebensäußerungen, d. h. sein ganzes äußeres und über das Vorschreiben des Sprachgebrauchs und auch der Sprechweise sein inneres Verhalten bis in kleinste Einzelheiten steuert und kontrolliert.
Besteht in den nicht kybernetisch organisierten Betrieben neben der formalisierten Arbeitskommunikation immer die Möglichkeit auch zu informellen Kontakten unter den Betriebsangehörigen, sind in einer Hubbard-Organisation solche bei Strafe verboten. Dies führt dazu, dass selbst in Wirtschaftsunternehmen, die Hubbards rigide Organisationstechnik anwenden, alle Mitarbeiter nur schriftlich miteinander verkehren dürfen und sämtliche Geschäftsvorgänge schriftlich dokumentiert werden müssen.
Die informelle Kommunikation bezeichnet Hubbard als „Entwickelter Verkehr" (Developed Traffic, kurz: DEV-T). Um diesen zu unterbinden, hat er allein 14 Richtlinienbriefe verfasst. Er führt über 51 Störmöglichkeiten durch DEV-T auf, die die „Produktion" schädigen könnten. Darüber hinaus hat er ein strafbewehrtes Verbot aufgestellt, andere Daten als die in den HCO PLs oder HCOBs enthaltenen in der Verwaltung oder bei der Gewährung der Dienstleistungen zu verwenden (HCO PL v. 15.02.1979: Verbal Tech: Penalties). Damit wird das Ziel verfolgt, dass in der Organisation exakt nur solche Handlungen vorgenommen werden, die „on-channel", „on-policy", und „in-tech" ablaufen. Dies bedeutet, dass keinerlei Abweichung vom Dienstweg, von den Organisations- und den in den HCOBs niedergelegten Prozessregeln erlaubt sind. Dabei ist das gesamte Verhalten aller Betriebsangehörigen unter den Grundsatz gestellt: „Was nicht geschrieben ist, ist nicht wahr" (HCO PL v. 23.08.1984: How to Defeat Verbal Tech Checklist). Dem Personal ist damit bei Strafe untersagt, die Organisations- und Prozessing-Befehle Hubbards mündlich zu interpretieren, zu hinterfragen oder dem Kunden in eigenen Worten zu erklären. Der Kunde wird deshalb allen Prozeduren mechanisch unterworfen, ohne dass die Möglichkeit für ihn besteht, über Sinn und Zweck dieser aufgeklärt zu werden. Das Personal, das nur in der Anwendung der „Tech“ gedrillt wird, wäre auch gar nicht in der Lage, den Sinn zu erklären. Denn sein kybernetisches Konzept hat Hubbard als sog. Metatheorie nie offen gelegt.
Die Kommunikationsregeln Hubbards, zu denen noch eine Vielzahl genauer Ablauf- und Berichtsanweisungen über alle möglichen Zwischenfälle und Störfälle im Betrieb gehören, sind damit radikaler, als sie je in einer Maschinenbürokratie Taylors Verwendung fanden.
Für das Erlernen der Handlungsanweisungen aus den HCO PLs und den HCOBs gibt es eine spezielle „Studiertechnologie", durch die dem Personal durch programmiertes Lernen die Inhalte in kleinen Schritten eingehämmert werden. Hierbei werden alle nicht verstandenen Wörter „geklärt", d. h. dem „Studenten" wird die scientologische Bedeutung der Wörter eingedrillt. Im Fall der fehlerhaften Anwendung der Studiertechnologie, insbesondere für den Fall, dass Wörter der scientologischen Lehre vom Schüler nicht verstanden worden sind, werden die für die Übermittlung der Lehre Verantwortlichen, seien es die Auditoren oder die Manager zur Bestrafung vor ein Ethikgericht zitiert (HCO PL v. 04.04.1972 R, rev. 21.06.1975: Ethics and Study Tech).
Die Vorgehensweise, mit der Mitarbeiter und Kunden die Prozessregeln und die dazugehörige Sprache erlernen, erinnert an die Technik von rigiden Paukstudios, in denen Lernschwache durch programmiertes Lernen abgerichtet werden. Hubbard hat Scientology gemäß dem kybernetischen Ansatz als eine Art Lehr- und Lernmaschine konzipiert und installiert. Ein Schwerpunkt bei den dianetischen Prozeduren liegt daher auf der permanenten praktischen Instruktion des Personals und der Kunden durch extrem mechanisierte Unterrichts- und Übungsmethoden. Hierbei werden nicht Wissensinhalte, sondern praktische Verhaltens- und Handlungsformen, u. a. auch die mechanistische Lernmethodik eingeübt. Welchen Umfang Lehren und Lernen in der Organisation einnehmen, lässt sich aus dem Fundstellenverzeichnis für die Richtlinienbriefe (Policy Index) ablesen: Unter dem Stichwort „training", das im Englischen sowohl die Ausbildung als auch die Einübung durch abrichtende Prozeduren umfasst, sind über 200 Fundstellen aufgeführt. Laut dem Wörterbuch „Technische Definition der Dianetik und Scientology" werden allein über 18 „Trainingsroutinen" bzw. „Drills" unterschieden.
Der Indoktrinierungseffekt durch die Anwendung dieser kybernetischen Lehr- und Lerntechnologie ist weitaus größer als bei jedem anderen Indoktrinierungsverfahren. Denn durch die gezielte Sprech- und Sprachschulung in einer ganz auf die „physikalische Welt" abgestellten ingenieurtechnischen Begrifflichkeit, wird auch das gesamte Denkverhalten und Selbstverständnis der Probanden im Sinne eines primitiven Pragmatismus technisiert. Hierbei werden wie bei General Semantics über spezielle Handlungsschemata, die der Schüler ausführen muss, Begriffe erklärt (Technik des operationalen Definierens). Ziel ist es dabei, den Probanden eine Verhaltensweise anzuerziehen, die präzise, wie die einer Maschine sein soll, ihn aber dabei gleichzeitig auf Knopfdruck durch und für die Organisation steuerbar zu machen. Dieses Programm ist einerseits in die „therapeutische" Dianetik integriert, wird aber durch die „Association For Better Living And Education" (ABLE) als Lerntechnologie etwa beim Nachhilfeunterricht auch allein für sich verkauft.
2.9.3. Die „Produktion" der „Mensch-Maschine" zur „Produktion" der „Mensch-Maschine"
Für Hubbard und das heutige Management von Scientology ist die Organisation eine „Produktionsmaschine", deren „Fabrikationsweise" und „Produkte", wie folgt, definiert werden(HCO PL v. 29.10.1970: The Analysis of Organization by Product):
Etwas etablieren, das produziert. (Produkt 1)
Das was produziert, betreiben, um ein Produkt zu erhalten. (Produkt 2)
Das, was produziert reparieren oder korrigieren. (Produkt 3)
Das, was produziert wird, reparieren oder korrigieren. (Produkt 4)
Zu diesem „Produktions-Produkt-Zyklus“ gehören somit folgende „Produkte“:
Die etablierte Maschine.
Das Produkt der Maschine.
Die korrigierte Maschine.
Das korrigierte Produkt.
Die „Produkte" von 1 - 4 werden sodann nach Quantität, Qualität und Viabilität (Langlebigkeit, Nützlichkeit, Erwünschtheit) bewertet. Dieses Produktionsschema des Total Quality Management für Waren überträgt Hubbard ohne jede Abänderung auf Mitarbeiter und Kunden sowie die jeweiligen Persönlichkeitsveränderungsprozeduren der Scientology Organisation. Das „Produkt", das nach der dianetischen Behandlung entstanden sein soll, nennt Hubbard „Wertvolles Endprodukt" (Valuable Final Product, „VFP“). Jeder „Posten" stelle hierzu ein Teilprodukt her. Wenn die Produkte aller Posten und die Produktsequenz gut seien, werde auch das Endprodukt gut sein; wenn nicht, liege ein Vergehen (overt act) gegen die Organisation und den Kunden vor (HCO PL v. 14.11.1970: The Product as an Overt Act). Jedes Endprodukt habe auf dem Markt einen Tauschwert und könne daher auch als „Wertvolles austauschbares Produkt" (Valuable Exchangeable Product) bezeichnet werden. Diese Prinzipien seien für jedes industrielle, politische oder ökonomische System wahr (HCO PL v. 25.03.1971: Valuable Final Products). Diese Art der Produktion sei auch die Basis der Moral. Bei steigender Produktion hebe sich auch die Moral (HCO PL v. 14.05.1972: Morale).
Das allgemeine philosophische Problem der Priorität zwischen „Haben" und „Sein" löst Hubbard entsprechend seiner anthropologischen Produktionsideologie wie folgt: Im „physikalischen Universum“ stehe „Sein" an erster Stelle, an zweiter „Tun" und an dritter „Haben". Wer gegen diese Planungsregel im Leben verstoße, werde scheitern. Nach der Sequenz von Sein-Tun-Haben (Be-Do-Have) müsse sich jede scientologische Organisation richten, um eine „reale Organisation" zu sein (HCO PL v. 13.11.1970: Planning by Product).
Hubbards Theorie des Organisierens anhand des hergestellten Produkts findet sich im allgemeinen Organisationsschema für Scientology wieder. Die eingerichtete Organisation wird zwar in den Organisationsplänen nirgends ausdrücklich „etablierte Maschine" genannt, jedoch an anderer Stelle als „Auditing-Fabrik" (LRH ED 67 INT v. 20.12.1969) bezeichnet. So zeigt eine Organisationstafel von 1971, mit der Führungskräfte heute noch gedrillt werden, als leitenden Funktionär einen „Product Officer". Die „Technische Abteilung" mit ihren Unterabteilungen für „Technische Dienste", „Ausbildung" und „Prozessing" knüpft mit ihrer Bezeichnung ersichtlich an die Vorstellung der Herstellung eines Maschinenprodukts an. Für die Korrektur der „Maschine" (= alle Angestellten einer „Org") bzw. der von ihr hergestellten „Produkte" ist die „Qualifikationsabteilung" mit ihren Unterabteilungen für „Gültigkeit" (Abnahme von Prüfungen), „Personalverbesserung" und „Korrektur" der Mitarbeiter zuständig.
Mittel und Ziel der komplexen Organisationstechniken und allen Handelns von Scientology hat Hubbard in einen Richtlinienbrief vom 01.05.1965 (Organization, The Design of the Organization) ohne Bezugnahme auf religiöse Seelsorge oder Psychotherapie, wie folgt, definiert:
„Mit unserem Org Board und Org-Schema haben wir nicht nur ein Org Board, sondern ein ‚philosophisches System’, das uns die Stufen von fähigen und besonders fähigen Wesen gibt sowie ebenfalls eine Analyse des eigenen Lebens. Wenn Sie sich die Stufen ansehen, die über die Unterabteilungen geschrieben stehen, finden Sie die Abschnitte der Brücke, die bis zu Release, Clear und OT führen. Man kann leicht sehen, welche in seinem eigenen Leben und im Leben anderer fehlen. Diese bilden das obere Ende der Bewusstseinsskala.“
Mit dem seiner „Mensch-Maschine" zugewiesenen Zweck einer optimalen Produktivität knüpft Hubbard an Lehren an, die den Menschen als Homo oeconomicus charakterisieren. Hubbard vertritt daher kein idealistisches, sondern ein sozioökonomisches Menschenbild mit kapitalistischer Ausrichtung. Dies wurde sowohl von den Kultur- als auch den Humanwissenschaften bisher nicht erkannt. Die mittels eines Preises messbare Produktionsfähigkeit des Menschen dient Hubbard dabei als letzter Wertmaßstab. Für ihn hat der Mensch daher nur noch einen ökonomischen Wert, aber keine Würde mehr. Er degradiert nach den Bewertungskategorien von Karl Marx mit dieser Lehre den Menschen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zum Marktobjekt. Er gebraucht ihn in seiner Organisation nur noch als Mittel und verbraucht ihn, wenn es für das System, d. h. die Dritte Dynamik erforderlich ist. Die heutige Führung von Scientologen setzt Hubbards Programm und die aus ihm folgende technologische Praxis unverändert fort.
2.9.4.1. Druck auf die Gesamtheit der Mitarbeiter durch „organisatorische Ethik"
Die Funktionsweise des genau aufeinander abgestimmten Systems von „PolicyEthics-Tech" gegenüber den Mitarbeitern einer Scientology-Organisation, das in der Schrift „Grundlegender Mitarbeiter-Hut" unter dem Leitbegriff „Organisatorische Ethik" abgehandelt wird, lässt sich am besten mit dem Betrieb einer Galeere vergleichen. Dabei setzen wir die Fahrleistung des Ruderkriegsschiffes und die durch das Einkommen gemessene „Produktivität" einer Scientology-Organisation gleich.
Die „Produktivität" der Mannschaft einer Galeere ist dadurch messbar, dass man Fahrzeit und zurückgelegte Wegstrecke des Schiffes miteinander in Beziehung setzt. Je nach Stärke der Ruder-Mannschaft lassen sich danach schnellere oder langsamere Galeeren unterscheiden. Die Leistungsfähigkeit einer Mannschaft kann im Rahmen einer Bewertungsskala z. B. mit den Werten: sehr schnell, schnell, durchschnittlich, langsam, sehr langsam bewertet und verglichen werden.
Gemäß dem von Hubbard festgelegten Reglement müssen alle Scientology-Organisationen vom übergeordneten Management nach den erzielten Einkünften bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit zertifiziert werden, d. h. es wird ihnen ein Leistungszustand (condition) zugeordnet (Feind, Zweifel, Belastung, Nichtexistenz, Gefahr, Notlage, Normales Arbeiten, Überfluss, Machtwechsel, Macht; vgl. HCO PL v. 14.03.1968). Auch jeder einzelne Mitarbeiter wird nach diesem System zertifiziert. Grundlage für diese Einstufung ist ausschließlich die Produktionsstatistik. Es ist hierbei „Statistiktechnologie" anzuwenden (Grundlegender Mitarbeiter-Hut, S. 357/371). Dahinter verbirgt sich ein ausgeklügeltes Scoring-System.
Um die Leistung einer Galeere zu steigern, gibt es mehrere Möglichkeiten: Der Kapitän überprüft, ob das Zusammenspiel der Mannschaft richtig funktioniert und trifft gegebenenfalls organisatorische Verbesserungen oder er lässt die Einhaltung aller Betriebsvorschriften kontrollieren oder er trainiert seine einzelnen Ruderer zum Zwecke der Leistungssteigerung.
All diese Mittel gebraucht auch Hubbard, um die Leistungsfähigkeit einer „Org" zu „optimieren". In einem ganzen Paket von über 26 Checklisten (Grundlegender Mitarbeiter-Hut, S. 423/511) ordnet er für jeden „Zustand" minutiöse Kontrollverfahren an. Bei „tiefen Zuständen" befiehlt er durch „Ethikaktionen" das Personal insgesamt unter Druck zu setzen. Hat eine „Org" den Zustand „Normales Arbeiten" erreicht, befiehlt er eine Milderung des Druckes. „Die Ethikaktionen sind sehr mild, der Rechtsfaktor ist ziemlich mild, es werden keine besonders harten Aktionen vorgenommen" (HCO PL v. 23.09.1967: New Post Formula, The Conditions Formulas).
Die Durchsetzung eines alle Mitarbeiter sofort unter Druck setzenden Befehls in einer „Org" lässt sich wieder am Beispiel der Galeere am besten verdeutlichen. Die Organisation des Ruderkriegsschiffes entspricht in idealtypischer Weise einer Maschinenorganisation Taylors. Durch die systemische Organisations- und Kommandostruktur reichte der mittels eines Fingerwinks gegebene Befehl des Kapitäns aus, um die Schlagzahl und damit die Geschwindigkeit des Schiffes auf der Stelle zu erhöhen, falls die Mannschaft noch nicht an ihrer Leistungsgrenze gerudert hat. Gleichzeitig stieg hierdurch aber auch die Belastung aller Ruderer.
Aufgrund der regelkreisförmigen Verknüpfung aller Betriebsabläufe in einer „Org" kann durch den Befehl des höheren Managements, die Produktion zu steigern, ein ähnlicher Effekt, wie auf der Galeere erzielt werden. Alle Mitarbeiter der „Org", gleichgültig ob Manager oder Dienstleister, sind dann gezwungen, ihre produktiven Anstrengungen zu erhöhen. Bei einer Befehlsverweigerung („Nicht-Befolgung des Befehls") werden sie durch harte Ethikaktionen dazu gebracht, die von ihnen geforderte höhere Leistung auf ihrem „Posten" zu erfüllen (HCO PL v. 04.04.1972: Ethics).
Da die Organisation die Abnahme von Dienstleistungen in einer Öffentlichkeit, die die „Technologie" von Scientology ablehnt, nicht erzwingen kann, geraten die Angestellten bei dem Versuch, ihr Produktionssoll zu erfüllen, in Deutschland in eine Zwickmühle. Um den „Zustand" der „Org" zu halten oder anzuheben, müssen sie weitgehend auf Entlohnung ihrer Tätigkeit verzichten und/oder sie kaufen, wie Aussteiger berichten, um Ethikaktionen zu entgehen, selbst Waren und Dienstleistungen und/oder sie benutzen gegenüber potentiellen Kunden sittenwidrige Werbemethoden, d.h. sie wenden List- und Drucktechniken an, um einen Kaufabschluss zu erreichen. Unabhängig vom speziellen „Zustand" der „Org" erhalten die im Vertrieb tätigen Mitarbeiter bereits vorher eine Schulung in aggressiven Verkaufstechniken (hard sell). „Verkaufen auf die sanfte Tour" (soft sell) wird mit Ethik-Aktionen bekämpft (HCO PL v. 02.06.1965: Ethics and Tech).
Diese Organisationstechnik entspricht demnach ganz der von autoritär geführten Strukturvertrieben, die mit sogenannten Drückerkolonnen Waren und Dienstleistungen verkaufen. Wird durch eine Organisationstechnik solcher Druck auf Mitarbeiter ausgeübt, dass sie gezwungen sind, unter Verletzung den allgemeinen Regeln von Treu und Glauben ihre Waren und Dienstleistungen zu vertreiben, ist die darauf ausgerichtete Geschäftspraxis insgesamt als sittenwidrig zu bewerten. Das Unterlassen von Aufklärung oder die Anwendung von List- und Druck-Methoden zur Kundengewinnung greift beim Vertrieb von seelsorgerlichen, therapeutischen oder persönlichkeitsverändernden pädagogischen Leistungen darüber hinaus besonders tief in die Autonomie und das Selbstbestimmungsrecht des Umworbenen ein und ist daher als besonders verwerflich zu bewerten (verbotene Proselytenmacherei). Da das Management die Werber über die von ihnen zu spielende Rolle nicht aufklärt, dürfte es schwer sein, den einzelnen Werbern Bösgläubigkeit nachzuweisen. Auf der höheren Mangementebene, die für die Einhaltung des Organisationsstatus verantwortlich ist, besteht jedoch mit Sicherheit Kenntnis von der manipulativen Effizienz dieser menschenverachtenden Techniken.
2.9.4.2. Druck auf den Einzelnen durch individuelle "Ethikmaßnahmen"
Kam bei einer Galeere der Einzelne außer Takt, wurde diese Übertretung sofort unterbunden und der Übeltäter drakonisch bestraft. In gleicher Weise steht jeder einzelne Mitarbeiter bei Scientology unter ständiger scharfer individueller Kontrolle durch seine Vorgesetzten, aber auch durch alle Kollegen sowie speziell eingerichtete materielle Kontrollsysteme („Drei-Körbe-System", „Zeit-Maschine“, „Statistik", „Ethikofficer“ etc.). Bei der geringsten Abweichung vom vorgeschriebenen Verhalten werden zur Unterbindung „Ethikmaßnahmen" ergriffen.
Grundlage für das Repressionssystem, das Hubbard als eine gnadenlose, nicht bremsbare Maschinerie mit hintereinander geschalteten Kontrollen konstruiert hat, ist seine Techniklehre („Technologie"). Mit Hilfe eines Taschenspielertricks hat er die Anwendung all seiner technisierten und formalisierten. Verfahren, gleichgültig ob es sich um seine Verwaltungstechnik (Admin Tech) oder um seine dianetische Technik (Prozessing = Auditing) handelt, für immer der Kritik entzogen. Im Richtlinienbrief vom 04.06.1971: Standard Admin hat er dekretiert:
„Es gibt eine Methode, etwas richtig zu machen. Die richtigen Methoden, wie man Dinge tut, werden TECHNISCHE VERFAHREN oder TECH genannt, wenn es sich um Auditing oder um wissenschaftliche oder mechanische Vorgänge handelt.
Es gibt eine ADMIN TECH.
Dies wären die richtigen Methoden, um administrative Aktionen durchzuführen oder etwas zu organisieren.“
Alle Handlungsweisen die „In-Tech" bzw. gemäß „In-Tech Order" ablaufen, sind daher ohne jede Widerspruchsmöglichkeit immer richtig (in-ethisch), alle Handlungen und Verhaltensweisen, die „Out-Tech" stattfinden, sind dagegen immer falsch (out-ethisch). Zur Korrektur von „Out-Tech" dient „Ethik" (HCO PL v. 16.05.1965: Indicators of Orgs.). Welche Handlungen für einen Scientologen geboten sind, ergibt sich im Verwaltungsbereich und für sein Privatleben aus den unzähligen Richtlinienbriefen, im Bereich der dianetischen Behandlung, dem „Prozessing", aus den Bulletins. Jede Abweichung vom Befehl aus einem Richtlinienbrief (= off-policy) oder einem Bulletin löst sofort und automatisch, ohne dass die Frage eines Verschuldens geprüft wird, eine Ethikmaßnahme aus (HCO PL v. 25.04.1963 R, rev. 29.08.1990. Duties of a Staff Member; v. 13.01.1979: Orders, Illegal and Cross). Eine Rechtfertigung ist generell ausgeschlossen. Sie wird regelmäßig als erneute Übertretung bewertet (HCO B v. 21.01.1960: Rechtfertigung). Würde ein derart drangsalierter Mitarbeiter heimlich die Organisation verlassen („Abhauen"), wäre auch noch dies ein „unterdrückerischer" und daher verbotener Akt (HCO PL v. 07.12.1976: Leaving and Leaves).
Sind Mitarbeiter durch diese Organisationsmaschinerie ergriffen, ist es für sie außerordentlich schwer, sich selbständig aus deren Umklammerung wieder zu lösen. Da bei Abschluss der Arbeitsverträge die neuen Mitarbeiter über dieses repressive, die Menschenwürde verletzende maschinenähnliche Organisationsstatut nicht aufgeklärt werden, dürften alle Mitarbeiterverträge wegen Sittenwidrigkeit nichtig sein.
Der Angestellte in einer „Org" ist gemäß Hubbards „Analyse der Organisation anhand des Produktes" (vgl. 2.5.3) immer das Ergebnis eines doppelten „Produktionsprozesses". So ist er aufgrund der dianetischen Behandlung „Produkt" des „Prozessing“, aufgrund der Mitarbeiterschulung aber auch „Produkt" der Ausbildung. Dieses „Produktionsergebnis" unterliegt im 3. und 4. Produktionsstadium der „Maschine" Scientology, jeweils weiterer Korrektur. Dieses kafkaeske Produktions- und Korrekturprogramm ist in jeder „Org" durch die Einrichtung entsprechender „Posten" tatsächlich realisiert und nach diesem Programm wird auch tatsächlich gehandelt. Durch die permanente Interaktion einer Person mit den verschiedenen festen Funktionsstellen in einer Maschinenorganisation, wird ihr äußeres und inneres Verhalten nachhaltiger beeinflusst und verändert als durch den Aufenthalt in einer nur lose organisierten Gruppe. Hinzu kommt, dass das Aufsuchen dieser festen Posten jeweils der Verhaltensüberprüfung und Korrektur dient. Soweit ersichtlich, wurde dieser Faktor bei der Frage der von Scientology ausgehenden Bindungs- und Veränderungskraft auf Angestellte und Kunden bisher nicht diskutiert. Ursache hierfür dürfte die falsche Einordnung von Scientology unter die Religionsgemeinschaften bzw. Kulte sein. Selbst bei gut durchorganisierten Religionsgemeinschaften oder Kulten autoritären Zuschnitts dürften sich kaum solche vom Typ einer Maschinenorganisation, wie sie Scientology ist, finden lassen.
Ein weiterer wesentlicher verhaltenssteuernder und -prägender Umstand in einer Gruppe ist der immer von ihr ausgehende Zwang, sich bestimmten Gruppenpflichten zu unterwerfen. Je mehr von derartigen Pflichten bestehen und je strenger ihre Einhaltung überwacht wird, desto stärker ist der Formungseffekt für das Gruppenmitglied. Hubbard hat für Scientology ein rechtsförmig geordnetes Pflichten- und Sanktionssystem aufgestellt, das seinesgleichen sucht.
Mit seiner ausgeklügelten Organisationstechnologie hat Hubbard eine vielgliedrige Maschinerie zur angeblichen Steigerung der Produktivität des Menschen geschaffen. Jeder, der in diese Apparatur gerät, wird zur Anpassung seines gesamten Verhaltens an das alles kontrollierende technische Reglement gezwungen und damit im Wege eines kontinuierlichen Anpassungsprozesses im Sinne des Systems schrittweise verändert. Hubbard wollte mit seiner Organisation eine kybernetische Lehr- und Lernmaschine zur Programmierung des Einzelnen und der Gesellschaft schaffen. Verwirklicht hat er eine totalitäre Erziehungsmaschinerie mit sanitärer Zielsetzung, der sich nicht nur der Zögling, sondern auch jeder Mitarbeiter gänzlich unterwerfen muss, um dort maschinell abgerichtet zu werden. Es werden hierdurch die grundlegenden demokratischen Werte wie Toleranz, offener Diskurs, Rücksichtnahme und Mitgefühl für Schwächere gezielt aberzogen und dafür ein sozialdarwinistisches Durchsetzungsvermögen, das keinerlei Fair-play-Regeln mehr kennt, anerzogen.
Als Gesamtergebnis ist festzuhalten: In sittenwidriger Weise wird in dem System Scientology nicht nur gelegentlich, sondern in organisierter Form, d.h. systemisch die Menschenwürde mit Füßen getreten. Opfer sind hierbei nicht nur die Kunden sondern auch die Mitarbeiter.
Die wesentlichen Indikatoren für anthropotechnologisches Denken und Handeln, die alle im System Scientology in verschieden starker Ausprägung gefunden werden können, sind folgende: Ein biologistisches Menschenbild, Befürwortung einer permanenten Menschenformung unter streng kontrollierten Lernbedingungen. Rechtfertigung dieser Maßnahmen als „hilfreich" oder "heilsam". Mittel anthropotechnischen Handelns sind deshalb: Befehl, Erziehung zum blinden Gehorsam, Lernlabor, programmiertes Lernen, Erziehungseinrichtungen mit hartem Disziplinarwesen, anbefohlene inquisitorische Gewissenserforschung, Organisation der Gesellschaft als Kommando-System, lückenlose Überwachung der sozialen Beziehungen bis in das Privatleben hinein, Vorschreiben der Sprechweise zur Disziplinierung des Denkens, Propaganda, Verteufelung der Abweichung vom „Programm", Leugnung der Fähigkeit des Menschen zur Selbstbestimmung in eigener sittlicher Verantwortung. Die Basisbegriffe, die allem anthropotechnischen Denken und Handeln zugrunde liegen sind: Befehl (Programm), Operation und Kontrolle. Angesichts der ingenieurtechnischen Ausrichtung anthropotechnologischer Maßnahmen spricht man von Sozialtechnologie oder Social engineering. Soll, wie bei Scientology, Staat und Gesellschaft nach anthropotechnischen Regeln „umprogrammiert" und gesteuert werden, wird Anthropotechnologie zum politischen Programm, dessen Ziel die Machtergreifung ist. Am Ende stände ein totalitäres Staatswesen mit biotechnologischer Prägung.