Im einundzwangzigsten Jahrhundert ist man mehr mit den hochmodernen Navigationssystemen in Form eines kleinen - für mich eher winzigen – Geräts als mit dem gewöhnlichem Falt(Falk)plan vertraut, der so geschickt gefaltet ist, dass es für mich jedes Mal ein Puzzelspiel ist, ihn wieder in den Urzustand zu bringen. Da ich weder mit dem Faltplan noch mit den modernen sprechenden Wegweisern, wie z.B. ein Navigationssystem, klar komme, bevorzuge ich immer noch das traditionelle Mittel, nämlich die mündliche Kommunikation mit meinen Erdmitbewohnern: Nach-Dem-Weg-Fragen, denn „alle Wege führen nach Rom“.
Ich hatte bislang noch keinen Bedarf, die historische Stadt Rom zu besuchen, sondern eher mal die Neugierde, zu einem Wochenmarkt in den Niederlanden zu fahren, von dem meine Landsleute schwärmen. Ich wusste nur, dass er in der Nähe der deutschen-niederländischen Grenze ist. Es findet samstags ein Markt statt, und dort kann man frisches Gemüse, große zweidottrige, nicht schlottrige, Eier, lebende Fische und andere Meeresbewohner zu niedrigen Preisen erhalten (natürlich muss die Ware kistenweise erworben werden, um später zu Hause feststellen zu müssen, dass man in dem Kaufwahn vergessen hat, eine entsprechend große Gefriertruhe zu besorgen). Jedenfalls lockte mich der Ruf dieses Wochenmarktes sehr, denn er erinnerte mich an die offenen Märkte in Vietnam, wo auch alles zu feilschen gab.
Ich wählte die Nummer einer guten Bekannten von mir:
- … Sag mal, wo ist der Wochenmarkt, der immer samstags in Holland an der Grenze stattfindet?
- Er ist sehr einfach zu finden, an der Tankstelle in der Nähe meiner Wohnung links abbiegen …
- Welche Tankstelle ? Bei Dir in der Nähe sind 3 Tankstellen …
- Die mit der blauen Farbe
- Ach, du meinst die Aral Tankstelle?
- Ja, ja, irgendetwas mit A A, dort biegst du links ab, dann immer geradeaus bis du das Haus mitten auf der Straße triffst, dann nach links, wenn Du daraufhin an einer Kirche vorbeikommst, nimmst Du nicht an der nächsten Gabelung, nicht der geradeaus weisende Straße, sondern hälst Du dich dann links und fährst weiter, bald siehst du dann einen Parkplatz. Dort ist der Markt …
Nach diesem Mehr-Als-Zwei-Stunden-Gespräch wagte ich mich in den Wagen einzusteigen, mit der Gewissheit, dass weder ein Navigation noch ich, das Haus mitten auf der Straße finden würde. Wie von Gottes Hand geführt, habe ich den Wochenmarkt gefunden, vorbei an dem Haus mitten auf der Straße, der Kirche, dem Parkplatz und den weiteren unverkennbaren Wegweiser, als ob sie schon immer da waren, um Ungläubige wie mich, den richtigen Weg zu weisen.
Es war nicht das erste Mal, dass ich solche informative Hinweise als Wegbeschreibungen zu hören bekam. Es ist eine Eigenart von uns Vietnamesen, anstatt die einfache Adresse mit Straßennamen und Hausnummer zu merken, prägen wir uns diverse Besonderheiten, die für uns einen Weg beschreiben, wie die Geschichte von Däumling und seinen Gebrüder, die von ihren Eltern im Wald abgesetzt wurden und nur mit Hilfe von Kieselsteinen, die Däumling unterwegs gestreut hat, den Weg nach Hause wiedergefunden haben.
Eines Tages besuchte ich meinen Bruder und seine Familie in Berlin. Er hat mir sein Navigationssystem ausgeliehen, das zufällig von Falk ist, aber nicht zusammenfaltbar schien, damit ich mich in der großen Hauptstadt nicht verfuhr. Nach dem meine kulturelle Neugier mit mehr oder weniger Nutzen des technischen Hilfsmittels, bezüglich Reichstag, Ku-Damm, Schloß Bellevue usw. gesättigt war, wollte ich zu einem Vietnam-Zentrum fahren, wo es vietnamesische Porzellanwaren zu sehr günstigen Preisen verscherbelt wurden. Ich rief meinen Bruder an:
- Ich möchte zum Einkaufzentrum … um einige Sachen zu besorgen, wo ist das? Ich befinde mich jetzt in der Strasse …
- OK, dann fährst Du zu einer großen Kreuzung, vorbei an drei Ampeln, dann siehst Du auf dem Dach eines Hochhauses den Mercedes-Stern, dort biegst Du in eine dunkle Straße ein, die Du bis zum Ende fährst, dann siehst du ein paar Zäune …
- Gib mir die Adresse, dann speise ich sie in dein Navi ein ...
Denn ich befürchtete, dass mich das Navi, bei Eingabe eines Sterns nach Israel schickt.
- Weiß nicht, wie die Adresse lautet, folge einfach meinen Anweisungen, du findest es schon.
Mitten in Berlin suchte ich den Stern nach Bethlehem. Und ich fand ihn, sogar noch am selben Tag. Aber dort war nicht das richtige Einkaufzentrum, wo schönes weißes Porzellan verkauft wurde. Ein vietnamesischer Verkäufer war so freundlich und hat mir den Weg zu einem anderen Einkaufszentrum gezeigt: „eine Straßenbahnhaltestelle überqueren, bis zur dritten Bushaltesstelle der Linie 255 an der linken Seite, wenn man dort ein großes Werbeplakat sieht, wo die zweite Lampe anscheinend längst kaputt ist, rechts abbiegen, weiter bis zu einem Spielplatz, aber nicht dort, sondern an der nächsten Kreuzung abbiegen ...“.
Leider vergaß ich zu fragen, für was das große Plakat Werbung macht und wie die zweite kaputte Lampe gefunden wird, d.h. ob ich von links oder rechts anfangen sollte zu zählen. Die wissenden Augen des Verkäufers ließen auch keine Frage bezüglich des Endziels des Busses der Linie 255 zu.
Aufgrund dieser fehlenden Details erreichte ich das berühmte, und wahrscheinlich aufgrund genauer Wegbeschreibungen, berüchtigte Porzellangeschäft um Mitternacht, erschöpft, Tank leer, zweimal geblitzt weil über Rot gedüst, einen Hund fast überfahren, der es gewagt hat, ein Werbeplakat zu verstecken. Später habe ich durch Zufall die Adresse des Porzellanladens aus einer Werbebroschüre herausgefunden: Marzahner Straße, Nummer 17.
Trotz aller dem bin ich sehr stolz, Nachkommen eines Volkes zu sein, das sich nicht zum Sklaven von Faltplänen, auch nicht patentierten, von jeglichem Verkehrzeichen bzw. -regeln und teueren Navigationssystemen gemacht hat. Ich finde immer mein gesuchtes Ziel, abgesehen vom Benzinverbrauch und nötigem Speichelverlust.
Und falls jemand von Euch authentisches chinesisches Essen genießen will, aber nicht nach Hong Kong fliegen möchte, beschreibe ich Euch den Weg zu einem chinesischen Restaurant in Maastricht.
Ihr fahrt Richtung zum altem Arbeitsamt, vorbei an einer Sparkasse und an einer orangefarbenen Tankstelle – die blaue Tankstelle befindet sich in der Nähe der Wohnung meiner oben erwähnten Bekannten – solltet Ihr die schwarze Tankstelle gesehen haben, dann seid Ihr schon zu weit gefahren und musst umkehren, dann rechts halten bis zur Autobahnauffahrt, über die Grenze weiterfahren bis die Straße sich gabelt, nehmt die rechte Spur, fahrt bis zum Ende der Straße bis es nicht mehr geht, dort an einer sehr große Kreuzung rechts abbiegen, fahrt bis zu einer alten Brücke, aber die Brücke nicht überqueren, d.h. diese Wegbeschreibung erst bis zum Ende lesen, sondern vorher links abbiegen, dann sieht Ihr ein Eisenbahngleis, das ziemlich verrostet aber noch befahrbar ist, leider jedoch nicht von Autos, dort müsst Ihr scharf rechts abbiegen. Das Restaurant befindet sich gegenüber vom Hauptbahnhof (Maastricht), nebenan ist eine Cafebar für erschöpfte Wegsuchende in Maastricht. Der dortige Kaffee sollte gut sein, ich habe dort bisher noch keine Tasse Kaffee getrunken, weil Benzinrechnungen immer sehr hoch sind, aber der Laden sieht jedoch gut besucht aus, wahrscheinlich von Radfahrern.
Ihr fragt mich, wie die Strasse heiß? Leider muss ich passen. Ich habe es nicht nötig, nach Straßennamen umzugucken. Selbst wenn ich es getan hätte, wie könnte ich mir den niederländischen Namen merken? Niederländisch ist mir eine völlig fremde Sprache.
P.S. Obwohl Maastricht nur etwa 30km von Aachen entfernt ist, empfehle ich Euch, vor der Abfahrt voll zu tanken und genug Wasser und Proviant mitzunehmen. Ein Schlafsack wäre auch nicht verkehrt.
Gerhard