Kapitel 12 Aufenthaltsverbot in der Tschechoslowakei

   Februar 1976. Abdul Rahman erhielt eine Vorladung des Büros der Fremdenpolizei in Prag. Wieder zu Hause, war er kurz angebunden:

   „Man hat mir einen Monat Zeit gegeben, um die Tschechoslowakei zu verlassen.“

   Kein weiterer Kommentar.

   „Warum? Was ist passiert? Was wirst du tun?“

   „Ich? Nichts. Ich reise ab“, schrie er wütend.

   „Und wir?“

   Er wusste keine Antwort und zuckte nur mit den Schultern.

   Was bedeutete diese Vertreibung für die Zukunft der ganzen Familie? Es dauerte eine Weile, bis Lena wieder normal denken, fühlen und sich fassen konnte. Diese Mitteilung verhieß nichts Gutes.

   Abdul Rahman verschwendete keine Zeit. Fünf Tage, nachdem ihm das Aufenthaltsverbot mitgeteilt worden war, brach er mit einem leichten Koffer nach Paris auf.

   „Du wirst mir den Rest meiner Sachen mit der Post nachschicken“, sagte er zu Lena, als er in den Zug einstieg.

   Lena stand wieder vor einer ungewissen Zukunft ihrer Familie und war tief besorgt. Mina war 23 Jahre alt und hatte eben erst die Matura vor sich, nachdem sie unter besonders wirren Verhältnissen herangewachsen war. Hiwa studierte als 21jährige Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Bratislava/Pressburg. Wie würden die Beiden mit der neuen Situation zurecht kommen und würden sie ihre Ausbildung abschließen dürfen?

   Drei Monate später war auch Lena an der Reihe. Sie erhielt eine Vorladung desselben Büros. Der vertraute Beamte, der die ganze Familie kannte, war nicht da. Ein anderer, ihr unbekannter Polizist empfing sie. Er war mittleren Alters, gedrungen, zuvorkommend,  benahm sich nobel und sagte:

   „Gnädige Frau, die Aufenthaltsbewilligungen für sie und ihre Töchter werden nicht verlängert. Sie werden höflich ersucht, die Republik zu verlassen.“

   Er war ein Repräsentant der Gewalt dieses politischen Systems: ruhig und seiner Macht gewiss. Für einige Augenblicke war Lena sprachlos, wie vom Blitz getroffen. Dann begann ihr Hirn auf Hochtouren zu arbeiten.

   „Das muss ein Missverständnis sein“, sagte sie freundlich und wusste gleichzeitig, dass es keines war. Der Polizist wiederholte seine Mitteilung.

   „In diesem Fall wünsche ich, dass sie unseren Landesverweis schriftlich bestätigen.“

   Lena wusste ganz genau, dass dieses Regime keinerlei schriftliche Dokumente im Zusammenhang mit seinen Machenschaften gegenüber Einzelpersonen verfasste.

   „Ohne schriftliche Bestätigung werde ich nicht ausreisen. Tun sie doch so, als ob sie meine Anwesenheit hier vergessen hätten, als ob ich ihrer Aufforderung nicht Folge geleistet hätte. Wir haben nichts Unrechtes getan, und bis jetzt haben sie mir auch keinen Grund angegeben, warum wir das Land verlassen müssen.“

   „Die Republik würde sie nicht ausweisen, wenn sie kein Verbrechen begangen hätten!“

   „Und welches Verbrechen ist das, Genosse?“

   Die Auseinandersetzung wurde aggressiv. Lena hatte die Bezeichnung „Genosse“ mit geradezu abartiger Freude verwendet.

   „Wissen sie was, Genosse? Ich werde jetzt weggehen. Dann warte ich auf ihr Schreiben, mit dem ich unter Angabe des Grundes von dieser Ausweisung verständigt werden. Bis dahin haben wir einander nie getroffen!“

   „Denken sie überhaupt nicht an so etwas! Die Entscheidung steht fest, und sie haben sich zu fügen. Das ist alles. Und machen sie kein Theater mit mir, gnädige Frau, sie wissen genau, dass ihnen das nichts hilft!“

   Lena war die ganze Zeit über aufrecht gestanden. Sie fühlte sich plötzlich sehr müde, nahm einen Sessel, stellte ihn gegenüber dem Gesprächspartner hin und setzte sich nieder. Sie war in der Falle.

   „Wenn es unumgänglich ist, werde ich abreisen, aber allein. Sie werden es meinen Töchtern gestatten, ihre Ausbildung hier fertig zu machen. Sie sind schuldlos, und das wissen sie sehr gut!“

   „Sie zwingen mich, ständig dasselbe zu wiederholen. Es steht nicht zur Diskussion, dass sie oder ihre Töchter hier bleiben. Sie müssen alle drei ausreisen.“

   Er sprach wieder ganz ruhig und selbstsicher. Lena konnte nicht mehr viel machen. Also bestand sie neuerlich auf einer schriftlichen Verständigung über diese Vertreibung und auf einer Begründung. Käme dies nicht, würde sie im Land verbleiben.

   Jetzt stand der am Beginn des Gesprächs so urban gewesene Mann auf und wurde heftig. Er hatte genug von dieser Frau und deren Hartnäckigkeit.

   „Ob sie bleiben oder nicht, ist mir egal. Sie haben die Gelegenheit auszureisen. Im Fall ihrer Weigerung wird man zum festgelegten Datum kommen und sie an die Grenze bringen. Von dort an müssen sie alleine weiterkommen.“

   „Aber warum geben sie mir dann keine schriftliche Verständigung bei einer so wichtigen Entscheidung? Warum befehlen sie uns ohne die geringste Erklärung, das Land zu verlassen? Wie können sie verlangen, dass man ohne all das ausreist?“

 

Der russischen Akzent verrät den Sowjet-Berater

   Der Genosse war ernsthaft verärgert. Er sprach perfekt tschechisch, aber sein Wutanfall brachte einen starken, russischen Akzent zum Vorschein. Das war seine Muttersprache. Er war ein sowjetischer „Berater“!

   Die Lage war ernst. Die „sowjetischen Berater“ intervenierten nur in „delikaten“ Fällen anstelle der kleinen, tschechischen Polizeibeamten. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte Lena gemeint, diese Leute blieben stets im Hintergrund und brachten die Spitzen des Regimes dazu, an ihrer Stelle das zu erledigen, was die Russen nicht selbst tun wollten. Auf diese Weise sollte die Öffentlichkeit nicht erfahren, wie sehr die Sowjets sich in die Angelegenheiten des Landes einmischten. Lena erkannte, dass sie sich geirrt hatte.

   Sie verließ das Gebäude. In ihrem Kopf herrschte völliges Durcheinander. Es gab niemanden, an den sie sich hätte wenden und dem sie hätte erzählen können, was ihr passiert war. Sie wollte auch ihre Töchter nicht mit der Nachricht schockieren – die ältere bereitete sich eben auf die Matura vor und die jüngere auf die Prüfungen an der Universität. Aber es war hart, ein so schweres Geheimnis zu wahren und sich so zu benehmen, als ob nichts wäre.

   Sie marschierte los. Im Marschieren konnte sie sich gewöhnlich wieder fassen und darauf vorbereiten, Hindernisse zu überwinden.

   Jetzt also stand das Exil bevor.

   Lenas Lage war ziemlich bizarr. Durch die Eheschließung mit einem Perser hatte sie die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verloren und jene ihres Mannes annehmen müssen (das war die Folge eines 1950 zwischen dem Iran und der Tschechoslowakei unterzeichneten Abkommens). Nach ihrer Rückkehr in das Herkunftsland konnte sie ihre ursprüngliche Nationalität nicht wieder bekommen und musste als Ausländerin weiterleben. Und jetzt wurde sie von ihrem eigenen Land ausgewiesen.

   Dieser Landesverweis – sie schaffte es nicht, ihn zu begreifen. Es war der Staat, in dem sie geboren war, wo sie ihre große Liebe gefunden und ihre erste Tochter zur Welt gebracht hatte. Sie hatte hier studiert und unterrichtet. Sie hing an ihrer Arbeit, an ihren Studenten, und sie hatte hier gute Freunde. Sie liebte Prag aus ganzem Herzen und kannte all die kleinen, pittoresken und auch die nicht so pittoresken Gässchen, die Denkmäler, die Durchgänge als Abschneider, die gotische Altstadt, die Rotunden und die römischen Keller, die Geschichte, die sich von den verschiedenen Stilen der Architektur ablesen ließ. Sie würde in Zukunft auch nicht mehr Kontakt zu jenen geheimen Quellen halten können, von denen vertrauenswürdige Informationen zur Lage ihres besetzten Landes kamen. Schlagartig wurden ihr all diese so wichtigen Dinge bewusst, an die sie früher nicht gedacht hatte.

   Sie teilte Abdul Rahman die schlechten Nachrichten am Telephon mit. Auch dieses Mal reagierte er mit einer scherzhaften Stichelei (wollte er damit die Last lindern, unter der sie litt?):

    „Na also! Jetzt musst du zu mir kommen, selbst, wenn du es nicht willst!“

   Ihre Töchter sollten nach Schweden ausreisen. (Mina war eben im Begriff gewesen, für einige Wochen als Touristin dorthin zu reisen und hatte über schwedische Freunde bereits ein Einreisevisum erhalten. Schwedens Einwanderungspolitik war damals ziemlich liberal, was Mina nützen konnte, und Hiwa folgte schließlich ihrer Schwester.) Lena wusste nicht, wie sie sich entscheiden sollte: Mit den Kindern nach Schweden oder nach Frankreich zu Abdul Rahman? Die Entscheidung war schwierig und auch schmerzhaft. Was Lena allem voran wirklich wollte, wäre gewesen, alle gemeinsam bei sich zu haben.

   „Ich kann mit den Kindern nach Schweden gehen“, sagte sie, laut denkend.

   „Lass’ sie ihr eigenes Leben leben. Sie sind erwachsen. Du wirst ihnen bald nicht mehr willkommen sein. Hier aber gibt es viel Arbeit, die du besser als jeder andere erledigen kannst. Und ich bin auch hier. Du wirst sehen, es wird alles gut. Wir lieben einander und wir werden gemeinsam alt werden. In jedem Fall werden die Kinder eines Tages fortgehen, und du wirst alleine bleiben, wenn du mit ihnen ausreist.“

   Lena entschoss sich, zu ihrem Mann nach Paris zu gehen, wo sie nach dessen Aussage gebraucht wurde.

   Es gibt Kinder, die auf ihre Eltern stolz sind, auf die Kämpfe, die jene ausgefochten haben, auf den Mut, den sie bewiesen haben, auf deren edle Ziele. Es gibt andere Kinder, die meinen, sie wären durch die Schlachten und die Prüfungen ihrer Eltern nur geschädigt worden. Letzteres war bei den Kindern Lenas und Abdul Rahmans der Fall. Allerdings hatten sie in dieser Hinsicht, abgesehen vom Konflikt der Generationen als einem Problem aller Heranwachsenden, gute Gründe: Obwohl ihnen die Erinnerungen an das Erlebte etwa bis zum sechsten Lebensjahr fehlten, täuschte sie ihr Unterbewusstsein nicht. Das lange Leben in Verstecken in Teheran und Bagdad, wo ihnen alles genommen war, das Kinder brauchen, hatte ihnen weh getan. Dass sie dieses Leid erfahren hatten, nahmen sie ihrer Mutter übel.

   Vor der Abreise wollte Lena immerhin noch den Grund für den Hinauswurf wissen. Von der Fremdenpolizei wurde sie zum Zentralkomitee der kommunistischen Partei geschickt. Dort war niemand informiert. Das jedenfalls sagten sie. Aber Lena wusste, dass sie Bescheid wussten, und sie wussten, dass Lena das wusste. Sie empfahlen ihr, sich an das Innenministerium zu wenden. Trotz mehrfach telephonisch vereinbarter Termine wurde sie nie empfangen. Es war wie in einem Ringelspiel. Aber sie war starrsinnig und konnte sich nicht zurückhalten, wenn sie auch wusste, dass sie keinerlei Erklärung erhalten würde. Sie ging also wieder zu jenen drei Stellen, wo die Beamten sie durch verlogene Worte oder durch arrogantes Gehabe demütigten. Lena hatte das Bedürfnis, irgendwo dreinzuschlagen, sich abzureagieren, aber alles hätte nichts genützt.

   Es gab andere Probleme zu regeln, manche schier unüberwindlich. Die Zeit drängte, und Lena musste wieder einmal ohne Hilfe zurechtkommen.

   Das kommunistische Regime hatte sie ausgewiesen, aber nicht verhaftet. Es hatte ihnen sogar die Möglichkeit gelassen, ihr Übersiedlungsgut mitzunehmen. Weil sie keine Tschechoslowaken waren, entledigte man sich ihrer auf „zivilisierte“ Art, jedenfalls von außen betrachtet. Sie hatten Abdul Rahman und dann ihre Töchter ohne weitere Schikanen ausreisen lassen. Lena, die als letzte geblieben war, musste die laufenden Angelegenheiten regeln und sich angesichts einer kafkaesken und rüpelhaften Verwaltung alleine behaupten.

   Ihre Freunde waren voller Mitgefühl und versuchten, ihr zu helfen. Das tat gut. Aber sie konnte in der herrschenden Atmosphäre dieses Staates nicht mehr atmen. Und, weil ein Unglück selten allein kommt, war auch noch Onkel Franz, der Mann ihrer Tante mütterlicherseits, gestorben. Tante Zdenka war nun auf sich gestellt. Lena wagte es nicht, ihr vom eigenen Unglück zu erzählen. Sie wollte die Tante in deren Schmerz nicht zusätzlich belasten. Erst zwei Jahre später, als Lena bereits in Paris lebte, sagte sie ihr die Wahrheit. Kurz darauf starb auch die Tante. Den Ärzten zufolge hatte sie an keiner schweren Krankheit gelitten. Die Todesursache blieb ungeklärt. Aber Lena war überzeugt, dass ihre Tante aus Verzweiflung gestorben war. Sie hatte nicht länger leben wollen. Lügen und Heimlichtuereien waren ihr immer verhasst gewesen. Der letzte verbliebene Mensch, den sie geliebt und dem sie vertraut hatte, ihre Nichte, hatte sie belogen. Lena hatte sie enttäuscht.

   Mina bestand ihre Matura erfolgreich. Als Lena ihr erklärte, was bevorstand, sagte sie nichts. Sie packte ihre Koffer und fuhr, begleitet von zahlreichen, Abschied nehmenden Freunden, zum Bahnhof. Der Zug war bereits beim Abfahren. Mina stand auf der Plattform ihres Waggons und sah mit leerem Blick auf die Versammelten. Es war, als sähe sie niemanden mehr. Lena hatte Tränen in den Augen und winkte ihrer Tochter nach, die sich stetig entfernte. Wann würden sie einander wieder sehen?

   Hiwa war noch immer nicht aus Bratislava zurück, wo sie die letzten Prüfungen ihres zweiten Studienjahres an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hatte. Nachdem sie diese bestanden hatte, kam sie nach Prag nach Hause. Sie war bis über die Ohren in einen Slowaken namens Alexander, genannt Schanyo, verliebt. Nach ihrer Beschreibung war er ein ganz außergewöhnlicher Mann um die dreißig, von der Natur mit einem liebenswürdigen Charakter, großer Redlichkeit und zahlreichen Begabungen ausgestattet. Zumal er nach Prag kommen sollte, erwartete Lena einen Heiratsantrag. Aber dieser Schanyo, der sich vorstellte, war das genaue Gegenteil dessen, was sie sich vorgestellt hatte. Er war ein ziemlich kleiner, untersetzter Mann in seinen Vierzigern und offenbar ein Fan von Bodybuilding. Noch bevor Lena ihn hereingebeten hatte, spulte er alle möglichen Informationen über seine Aktivitäten so bombastisch herunter, dass es ihr verdächtig vorkam. So jedenfalls hatte sie sich den künftigen Mann ihrer Tochter nicht vorgestellt. Er machte keinen Heiratsantrag. Lena war darüber wahrhaft erleichtert. Was Hiwa anging, hatte diese nichts wahrgenommen. Sie war gerade 21 Jahre alt, und die Liebe macht blind. Lena bat Freunde, über Schanyo Auskünfte einzuholen. Dadurch erfuhr sie, dass in einer slowakischen Medikamentenfabrik angestellt war, dort aber niemals auftauchte. Die Recherchen führten schließlich zum Innenministerium: Schanyo stand auf der Liste von dessen Geheimagenten!

   Hiwa fuhr nach Schweden zu ihrer Schwester.

 

Abreise aus der Tschechoslowakei

   Bevor sie das Land verließ, verabschiedete sie sich von ihren alten Kollegen an der Wirtschaftshochschule. Sie fehlten ihr jetzt schon, und sie wusste, dass sie ihr in Zukunft noch viel mehr abgehen würden. Mit ihnen hatte sie das Tauwetter des „Prager Frühlings“ ebenso erlebt wie die Grausamkeit der Invasion von 1968 und dessen, was folgte. Im Laufe dieser Jahre hatte sie die Veränderungen der Institutionen des Staates und der Gesellschaft gesehen. Sogar die Sprachwissenschafter mussten sich den Forderungen des Regimes unterwerfen.

   Am Tag der Abreise läutete es um sechs Uhr früh an der Tür. Vertreter des Roten Kreuzes kamen, um die Wohnung zu übernehmen. Da sie bis zum Weggehen noch vier Stunden Zeit hatte, warf Lena sie hinaus. Sie warteten dann vier Stunden lang unter den Fenstern.

   Auf dem Bahnhof waren eine Menge Menschen, die ihr Lebwohl sagen wollten. Über den engen Freundeskreis hinaus waren noch weitere Bekannte gekommen. Es war eine echte Überraschung für Lena in dieser finsteren Zeit. Die Leute hatten Geschenke und Blumen gebracht, wünschten ihr viel Glück und baten sie, ihnen zu schreiben. Ihr Kollege František hatte ihr eine flache Flasche mit selbstgemachtem Ribisel-Likör gegeben; Freund Vlasta, zugleich ihr Arzt, gab ihr Beruhigungspillen: „Nimm sie, du wirst sie brauchen!“; Jemand hatte ihr einen Zettel mit einem Zitat auf Englisch in die Tasche geschoben:

   „Life, this whore who makes you feel eternal until the last second – if you believe in it. To believe in anything or anybody demands a good deal of self-cheating or a definite imbecility.”

   (Das Leben, diese Hure, lässt dich bis zur letzten Sekunde glauben, dass du ewig lebst – wenn du daran glaubst. An irgendetwas oder irgendjemanden zu glauben, braucht eine ganze Menge Selbsttäuschung oder absolute Dummheit.)

   Der Zug fuhr ab. Nach den Wochen fieberhafter Aktivitäten löste die plötzliche Untätigkeit in ihr ein Gefühl von Leere und Übelkeit aus. Niemand fragte sie irgendetwas, sie selbst hatte keine Fragen zu stellen und musste sich nicht mehr beeilen. Sie war alleine im Abteil und sah auf die Felder, die Wälder und die tschechischen Dörfer hinaus. Das war vielleicht zum letzten Mal, und es war alptraumartig. Sie öffnete ein Buch, das ihr jemand auf dem Bahnsteig gegeben hatte, aber sie konnte nicht lesen. Irgendetwas war in ihr abgestorben. Sie konnte nicht sitzen bleiben, aber auch nicht stehen, weder schlafen noch lesen. Weil sie sich nicht beruhigen konnte, nahm sie die Tabletten von Vlasta und dazu den Ribisel-Likör von František. Aber auch diese Mischung wirkte nicht sofort. Am Abend streckte sie sich auf ihren Koffern aus, die sie auf dem Boden stehen hatte lassen, und schlief endlich ein. Nach Mitternacht hatte sie den Eisernen Vorhang durchquert und ihren Heimatstaat hinter sich gelassen.

 

Nach Paris ins Exil

   Sie sah in die schwarze Nacht hinaus. Paris, die Stadt ihrer Träume, bedeutete nun für sie Exil und Fremde. Sie hoffe, Abdul Rahman würde ihre Angst angesichts dieser plötzlichen Wende ihres Lebens verstehen und ihr Zeit geben, um sich an dieses neue Land anzupassen, sowie ihr helfen, ein neues Leben zu beginnen. Sie hatte soeben alles verloren. Ihre Töchter lebten weit weg von ihr in Schweden. Sie hatte einen Arbeitsplatz aufgegeben, der sie von ihrem Mann unabhängig gemacht hatte, und hing nun völlig von ihm ab. Sie hatte ihre Freunde zurückgelassen und kannte niemanden in Frankreich. Sie würde sie ihre Geburtsstadt, die sie so sehr bewunderte, nie mehr sehen. Außerdem musste sie Französisch lernen. Gerne wollte sie den Versprechen Abdul Rahmans Glauben schenken, wonach ihr Eheleben von nun an normal verlaufen würde. Sie war inzwischen 43 Jahre alt, bei schwacher Gesundheit und sie fühlte sich bis ins Mark erschöpft.

   Dennoch – sie war auf dem Weg in das Land aller Freiheiten. Dort würde sie eine  nie zuvor gekannte Ungebundenheit auskosten können, wie es sie weder in ihrem Heimatland noch in ihrer zweiten Heimat Iran gab. Aber wie wollte sie das genießen, wenn Körper und Seele tausend Schmerzen litten?

   Auf dem Ostbahnhof erwartete sie Abdul Rahman. Ihre „eigenen vier Wände“ befanden sich im 16. Bezirk, hatten 28 Quadratmeter und als Möblierung einen Tisch, Sessel, ein Bett, ein Fernsehgerät und kahle Wände. Lena stand noch unter dem Einfluss der Beruhigungsmittel, wollte nur schlafen und, vor allem, alles vergessen. Abdul Rahman war im Gegensatz dazu gesprächig und fröhlich. Er fragte sie nicht danach, was in Prag nach seiner Abreise geschehen war, aber sie wollte davon erzählen. Der Alptraum lastete zu sehr auf ihr.

   „Schreiben ist heilen“, sagte der in Frankreich lebende, rumänische Philosoph Emil Cioran. Während der Abwesenheiten Abdul Rahmans vertraute sie stets ihre Erlebnisse einem Tagebuch an. Das Exil hatte ihr die eigene Geschichte geraubt. Nach und nach wurde es Zeit, dass die Welle ihrer Lebenskraft wieder anschwellen musste, nachdem sie auf einen Tiefststand gesunken war. Hatte Lena sonst eine Wahl? Es war das oder der Abgrund.