Begeistert erzählt Werner Fest, der stellvertretende Obmann des HistAK Neumarkt und des Burgvereins Steinschloss, seine persönliche Lieblingssage über die höchstgelegene Burgruine der Steiermark. Wie alle guten Sagen handelt sie von Mord und Totschlag, unglücklich Liebenden, listigen Geistern und später Reue.
Blick von der Burg Richtung Puxer Loch
Bild: A. Schmölzer
Der Puxberg gegenüber von Steinschloss mit den beiden einzigen als Ruinen erhaltenen Höhlenburgen der Steiermark: Schallaun und Pux-Lueg
Es war einmal ein Pfleger auf Steinschloss, der dort mit seinen beiden erwachsenen Kindern, Erasmus und Hedwig lebte. Unweit der großen Festung lag in einer mächtigen Felswand versteckt die Höhlenburg von Pux-Lueg, wo eine Frau mit ihrer Tochter Berta und ihrem Neffen Hubert wohnte. Wie das Schicksal es wollte, verliebten sich Erasmus in Berta und Hedwig in Hubert. Der Pfleger auf Steinschloss war aber ein jähzorniger Mann und verbot seinen Kindern jeglichen Umgang mit denen von der Höhlenburg. Dessen nicht genug, ließ er die Frau von Pux-Lueg mit einem vergifteten Fisch ermorden. Als Erasmus und Hedwig davon erfuhren, eilten sie heimlich zur Höhlenburg, um ihren Geliebten in dieser schweren Stunde beizustehen. Der Pfleger jedoch folgte ihnen und stürzte sich mit gezogenem Schwert auf Hubert. Hedwig warf sich schützend vor ihn, der Pfleger ließ sich in seiner Wut aber nicht mehr aufhalten und tötete beide. Er hätte wohl auch noch sein zweites Kind ermordet, hätte es Erasmus nicht geschafft, ihn die Treppe hinab zu stoßen. Erasmus und Berta flohen, verfolgt von den wütenden Schreien des Pflegers, der sie bis in ewige Zeiten verfluchte.
Das Liebespaar gelangte bis ins Ennstal, sie gerieten aber bald in große Not und wussten nicht mehr, wie sie sich ernähren sollten. Da hörte Erasmus die Geschichte vom Freimann. Dieses Gespenst lebte im Inneren des Sölker Eisenhutes und hortete dort unermessliche Schätze. Erasmus begab sich also dorthin und erhielt vom Freimann tatsächlich Gold und Edelsteine. Allerdings verlangte das Gespenst im Gegenzug den Schatten des Erasmus. Ohne große Bedenken willigte er ein und kehrte als reicher Mann zu seiner Frau Berta heim.
Das Glück der beiden wurde aber schon bald getrübt, denn überall wo sie hinkamen, wurde Erasmus angefeindet, da er nun keinen Schatten mehr warf. Andersartigkeit erweckte auch schon damals Misstrauen. Die Übergriffe nahmen ein solches Ausmaß an, dass Erasmus schließlich in einen Kampf mit bewaffneten Bauern geriet und dabei einige von ihnen tötete. Daraufhin musste er in die Wälder in Richtung Murtal flüchten, gemeinsam mit Berta, die die Strapazen aber nicht überlebte.
Der alte Pfleger fand in der Zwischenzeit heraus, dass der von ihm getötete Hubert auch sein Sohn gewesen war. Ihn packte erst jetzt die Reue und er stellte sich selbst dem Gericht. Im Verlies der Burg Stein wartete er auf seine Hinrichtung, als Erasmus ins Murtal zurückkehrte und vom Schicksal seines Vaters erfuhr.
Erasmus schlich sogleich des Nachts auf die Burg und befreite den Pfleger, inzwischen ein gebrochener Mann und erblindet. Er brachte ihn auf die Höhlenburg Pux-Lueg und kehrte selbst auf die Burg Stein zurück, wo er sich anstelle seines Vaters ins Verlies setzte. Wie überrascht waren die Henkersknechte am nächsten Morgen, als statt des alten Pflegers ein junger Mann dort saß! Erasmus erklärte ihnen, dass er aus Rache seinen eigenen Vater getötet habe und er der berühmt-berüchtigte Mann ohne Schatten sei. Dem Richter blieb also nichts anderes übrig, als ihn zur Hinrichtung auf den Kirchplatz in Mariahof zu bringen. In dem Moment, als der Scharfrichter ihn in der untergehenden Sonne enthauptete, warf der Körper plötzlich wieder einen Schatten. Seine Schuld an den Freimann war beglichen.
Der alte Pfleger war auf dem Weg zur Richtstätte, um alles richtig zu stellen und seinen Sohn zu retten. Aber er kam zu spät. Als er dies bemerkte, brach er tot zusammen.
1927 verfasste der St. Lambrechter Pater Romuald Pramberger die Erzählung "Der Pfleger auf Stein" aus Motiven dieser und weiterer Sagen. In den 1950er Jahren schrieb Manfred Kreps ein darauf basierendes Theaterstück, das Werner Fest 2007 überarbeitet hat. Alle 10 Jahre wird das Stück von der Landjugend auf der Burgruine aufgeführt.
Alle Texte: R. Jöbstl