Und los! Schneller! "Zieh"! War euer Parkour auch so anstrengend? Und habt ihr ihn auch in 19.5 Sekunden geschafft?
Ich stolperte und wäre fast eine Steinmauer hinuntergefallen. Anni packte mich im letzten Moment am Hosenbund.
"Danke", keuchte ich.
Wir kletterten weiter durch die zerfallende Stadt. Plötzlich hielt das Mädchen inne.
"Zurück!", flüsterte sie. Doch es war zu spät.
"Was tust du hier!"
Ein Mann trat aus der Dunkelheit auf uns zu. Er trug einen grazil wirkenden Helm mit verschlungenen Linien, einen Brustpanzer, der sich über den Oberkörper spannte und einen Umhang, der am Hals von einer geschwungenen Brosche zusammengehalten wurde. Trotz der einschüchternden Erscheinung wirkte er nicht streitlustig.
"Ich darf hier sein", fand das Mädchen.
Dann entdeckte der Mann uns. Ungläubig wurden wir gemustert. Leiste wandte er sich zum Mädchen.
"Wenn deine Mutter davon hört, hast du Ärger."
"Dann erzähle es ihr nicht!" Das Mädchen klang bemerkenswert mutig.
"Es ist meine Pflicht. Kommt mit", meinte er mit Blick auf uns.
Kasper hob die Augenbrauen und liess mir den Vortritt.
Wir wurden aus der Stadt geführt. Nach einem kurzen Abschnitt durch den Wald wurde unsere Sicht frei auf eine weite Graslandschaft, die in der Ferne von Bergen umgeben war. Vor uns fügten sich unzählige Zelten zu einem kleinen Dorf zusammen. In der Mitte brannte ein beschauliches Feuer. Gegen das Licht erkannte ich, wie sich eine Frau erhob und auf uns zuschritt. Der Saum ihres Kleides war mit feinen Federn geschmückt und das lange, schwarze Haar fiel ihr ebenso anmutig über die Schulter wie dem Mädchen. Als sie uns entdeckte, wurde ihr Blick traurig.
"Ihr könnt nicht hierbleiben", meinte sie. Sie wies den Wächter an, uns einen Schlafplatz für diese Nacht zu zeigen.
"Und morgen kehrt ihr bitte um, von woher auch immer ihr seid."
"Sie mögen keine Fremden", flüsterte das kleine Mädchen entschuldigend.
Zu viert lagen wir in der Wiese, die am Rand der Grasebene an den Wald grenzte. Glühwürmchen tanzten über unseren Köpfen und ein sanftes Zirpen erfüllte die nächtlich Stille. Wir starrten nach oben. Millionen winziger Punkte fügten sich zu Formen und Bildern zusammen.
"Das ist nicht unser Nachthimmel", flüsterte Kasper.
"Was meinst du?", fragte ich.
"Diese Sterne kenne ich nicht. An keinem Ort der Erde, an dem ich bislang war, sah es so aus."
"Es ist wunderschön!", meinte Vianney gerührt.
Ich war gerade am Einnicken, da stupste mir jemand ins Gesicht. Ich schreckte hoch und erblickte das kleine Mädchen. Es drückte mir etwas in die Hand.
"Dort werdet ihr Antworten finden."
Mit diesen Worten verschwand das Mädchen wieder in der Dunkelheit. Ich stand auf und musterte die Karte in meiner Hand. Dann blickte ich auf Vianney, Kasper und Anni zu meinen Füssen, die sich friedlich zusammengekuschelt hatten.
"Auf geht's!", sagte ich laut.
Ich hoffte, dass uns der Wächter nicht entdeckte, als wir zurück in die Stadt huschten. An der eingezeichneten Stelle hielten wir inne.
"Hier durch!"
Anni zeigte auf einen schmalen Durchgang zwischen zwei Wänden, der mir auf den ersten Blick nicht aufgefallen war. Wir schlüpften hindurch und folgten einer Treppe nach unten. Schliesslich gelangten wir in ein unterirdisches Gewölbe, das um einiges älter schien als die Stadt darüber.
"Schau mal", meinte Kasper und wies auf die lehmigen Wände. Mit kalkweisser Farbe waren Zeichnungen angebracht. Ich blickte genauer hin. Das Bild zeigte Menschen auf der Jagd. Ich lief den Gang entlang weiter, dessen Wandbilder nun ein Feld zeigten und eine Stadt. Weiter vorne waren Menschen in verschiedenen Haltungen abgebildet, die ich nicht deuten konnte.
"Was das wohl bedeutet?", fragte ich.
Anni zuckte ratlos mit den Schultern, doch Kasper lächelte und begann zu übersetzen.
"Der Gang zeigt die Geschichte des Volkes. Da haben wir die Stadt, die sie oben gebaut haben. Und hier", er zeigte auf die Menschen, "hier sind der Streit und der Neid gemalt, zu dem die Stadt geführt hat. Statt gemeinsam auf dem Feld zu arbeiten, dachte offenbar jeder nur noch daran, für sich mehr Reichtum anzuhäufen. Und so", er deutet auf das nächste Bild, "hat sich das Volkes entschieden, die Stadt aufzugeben und wieder friedlich miteinander zu leben."
"Bist wohl unter die Kunstforscher gegangen", meinte Anni annerkennend. Kasper hatte uns wiedereinmal beeindruckt. Dann sah ich das nächste Bild. Es war eindeutig in Tintenfisch und ein Schiff.
"Was ist das, Kasper?"
Anni fuhr mit dem Zeigfinger über den Fels und probierte die Farbe.
"Diese Zeichnung ist über 50 Jahre alt. Das können nicht wir sein."
"Sind wir auch nicht. Das sind drei alte Männer, offensichtlich", stellte Kasper fest.
"Denen das selbe passiert ist, wie uns?", fragte ich skeptisch.
"Hierher", rief Vianney. Wir eilten den Gang weiter, bis er endete. Ein kleiner Steintisch stand dort und darauf lag ein Buch. Es war in sanftes, verziertes Leder eingebunden.
"Ich glaube, deshalb sind wir hier", meinte Vianney. Wir öffneten den schweren Buchdeckel.
"Was ist das für ein Buch?", fragte Anni. Ich blätterte durch die Seiten, die handschriftlich ausgefüllt waren.
"Das von drei alten Männer, die vor uns hier waren. Der Titel lautet Aufbruch in ferne Welten. Es ist ein Expeditions-Logbuch."
Wir drängten uns um das Buch. Offenbar hatten die drei Ähnliches erlebt wie wir. Ich blätterte bis zum letzten Eintrag. Gebannt lasen wir den Abschnitt.
Anni blickte zurück. Mit einem Ruck riss sie die letzte Seite aus dem Buch und wir liefen nach draussen.
(Pfadis und Wölfe)
(Letzte Buchseite in etwas einfacher lesbarer Ausgabe)
An die Pfadis: Falls du nicht weisst, wie ein gestrecktes Wegkrocki funktioniert, findest du hier eine Anleitung:
www.scout-o-wiki.de/index.php/Wegkroki