Elias, Maria und Salome haben als erste Codewort Nr. 1 geknackt (Kostbarkeit), Arya hat Codewort Nr. 2 (Deklination) richtig entschlüsselt. Gratulation!
Dr. Blanquet hatte uns sofort aus dem Haus gescheucht, nachdem er uns die Kiste überreicht hatte.
"Je weniger ich weiss, desto besser" hatte er gemeint und wünschte uns viel Erfolg auf der Reise.
Danach spazierten wir etwas dem Rhein entlang, kauften eine Schoggiglace und suchten ein ruhiges Plätzli, um die Kiste zu öffnen. Ich musste dabei ständig über meine Schulter blicken. Warum genau wusste ich nicht, doch ich fühlte mich beobachtet.
"Na, Rosa, hast du das Rätsel gelöst?", neckte mich Anni.
Hatte ich - und zwar beide. Nach dem Einstellen der Codewörter sprangen die Schlösser auf. In der Kiste befand sich eine alte Weltkarte und etwas, das wie ein Kompass aussah.
"Ein kaputter Kompass aber", stellte Anni fest und hielt das Messing-Instrument in die Sonne. Die Magnetnadeln drehten sich rastlos im Kreis.
"Nimm ihn runter", zischte ich.
Anni blickte mich überrascht an. "Was ist los?"
"Wir sind nicht alleine hier", meinte ich und deutete mit dem Kopf in die Richtung der Holzbank, auf der gerade noch jemand gesessen war.
"Ich glaube, du bist etwas nervös wegen der bevorstehenden Reise", lachte Anni.
Ich glaube, wir waren beide etwas enttäuscht. Weder mit einer veralteten Weltkarte noch mit einem Schrottkompass konnten wir etwas anfangen. Wir schlenderten zu der Linde, bei der mein Velo stand. Plötzlich eilte uns ein alter Mann entgegen, keuchend vor Anstrengung. Es war Dr. Blanquet, der wild mit einem Fötzel in der Luft herumwirbelte.
"Das hier habe ich vergessen. Das Schiff startet von Calais in Frankreich aus. Euer Zeppelin dorthin fliegt um 14:00 ab dem Schlatthof in Aesch!"
Vierzehn Paar Socken oder 25? Eilig schmetterte ich Kleider, Nachschlagebücher und meinen Teddy in den Koffer. Obendrauf kam die Lupe für das Vergrössern winziger Tierlein. Und das ganze Haus musste ich durchkämmen, bis ich mein Sackmesser gefunden hatte.
Ich erlaubte mir eine kurze Verschnaufspause und seufzte. Ich hatte heute keine Sekunde gehabt, mich auf die Reise einzustimmen und die Müdigkeit sass wie ein Schatten hinter meinen Augen. Und trotzdem klopfte mein Herz wild vor Aufregung (und vor Angst, beim Packen etwas Überlebenswichtiges zu vergessen).
Unsere luftigen Abenteurerinnen-Hosen flatterten im Wind, als wir durch den Lenzberg nach Aesch radelten. Wir verliessen die Ettingerstrasse und kämpften uns den Hügel zum Schlatthof hinauf. Die Velos versteckten wir in einem Hartriegel. Dann rannten wir auf den Zeppelin zu, der sich wie eine gigantische Gurke auf dem Feld ausbreitete. Davor stand ein athletischer junger Mann mit Pfeife im Mundwinkel. Er grinste, als wir auf ihn zustürmten.
"Ich fliege schon nicht ohne euch ab", stellte er fest und streckte uns seine Hand entgegen. "Ich bin Kasper."
"Soso", meinte Anni und deutete auf die Pfeife. "Die ist ja gar nicht an."
Kasper errötete und gestand, dass er sie nur aus Stilgründen "trug". Anni stellte uns beide vor, wir traten in die Kabine und der Zeppelin stieg in die Lüfte.
Hätte mein hungergeplagter Magen nicht nach drei Reisestunden protestiert, wäre es ein angenehmer Flug gewesen. Ich hatte Anni ein neues Kartenspiel beigebracht ("Magische Karten") und wir hatten einige Lieder gesungen - bis sich Kasper vorne in der Kabine belustigt hatte.
In Calais kümmerte sich Kasper um den Zeppelin, während wir bereits zum Hafen gingen. "Quai 16", rief er uns nach.
Wir irrten durch die Frachten, die in massiven Holzcontainern verstaut waren. Anlegestelle "16" lag wie ausgestorben im Dämmerlicht. Plötzlich hörte ich Schritte. Ich fuhr herum. Gerade noch sah ich einen Schatten hinter einem Container verschwinden.
"Was war das?", fragte Anni. Ich zuckte nur angespannt mit den Schultern. Wir liefen nun schneller und erkannten drei Schiffe, die hier ankerten.
"Und welches ist jetzt das Unsere?"
(Pfadis und Pios)
(Wölfe)