Wer wohl euren netten Brief erhalten hat?
Kasper führte das Floss weiter flussaufwärts. Die Strömung wurde plötzlich stärker. Kasper paddelte mit rotem Kopf, doch das Floss bewegte sich nur zögerlich vorwärts. Schliesslich machte der Fluss eine Biegung und gab die Sicht auf einen massive Steilwand frei. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen donnerten Millionen Liter Flusswasser die Felskante hinunter. Kasper pfiff beeindruckt.
"Hier kommen wir nicht weiter." Kasper führte das Floss an den Flussrand. Unauffällig war ich einen Blick auf unseren Kompass. Die Nadel zeigte direkt auf den Wasserfall.
"Kehren wir um?", fragte Vianney hoffnungsvoll. Ich liess den Kompass wieder verschwinden.
"Wir suchen einen anderen Weg hinauf", meinte ich.
"Excellent. Das ist der abenteuerliche Geist, den ich mir von der Jugend wünsche", meinte Lady Davenport mit Blick auf Vianney. Luise warf mir einen vielsagenden Blick zu. Auch Schneisener nickte grimmig, auch wenn er aussah, als wäre er ebenfalls am liebsten umgekehrt.
"Mais, warum wollen eigentlich immer alle tiefer in die Wildnis hinein?", jammerte Vianney.
Wir durchkämmten den Wald auf der Seite des Wasserfalls. Der sumpfige Boden war dermassen dicht mit riesigen, farnartigen Blättern bewachsen, dass es fast kein Durchkommen gab.
"Hier", rief Luise plötzlich durch den Wald. Es ging sicher zehn Minuten, bis wir uns alle bei ihr eingefunden hatte. Sie wies auf etwas, das vor einigen Jahren einmal ein Pfad gewesen sein musste. In die moosbedeckten Felsen war ein Durchgang geschlagen worden.
"Er führt direkt zum Wasserfall, aber viel weiter bin ich ihm noch nicht gefolgt", erkärte Luise.
"Na dann, los!" Anni marschierte voraus. Wir folgten ihr und zwängten uns durch die eng stehenden Felsen. Das Rauschen wurde immer mächtiger. Ich begriff, dass wir im Begriff waren, hinter den Wasserfall zu gehen. Feiner Sprühnebel hatte mich bereits bis auf die Knochen durchnässt.
"Aufpassen", schrie Anni, doch ich verstand sie nur knapp. Der Pfad wurde schmaler und die rechten Seite führte nun direkt in den Abgrund. Ich legte mich flach an die Felswand und trat ganz langsam vorwärts. Kasper hinter mir folgte meinem Beispiel. Dann öffnete sich der Pfad glücklicherweise wieder und fächerte sich zu einer Plattform hinter dem Wasserfall auf. Als letztes erreichte Vianney die Ebene.
"Ich glaube, es ist klar, wie es jetzt weitergeht", brüllte Anni in den Lärm.
Von der Plattform frass sich eine Höhle direkt in den Felsen hinein. Während wir uns von Vianney Fackeln geben liessen, blickte ich unruhig auf die Felswand über dem Eingang. In den glatten Stein waren Worte eingraviert worden.
Ich rätselte über den Sinn der Worte nach, während wir tiefer in den Fels drangen und Kasper hinter mir fröhlich gegen die Dunkelheit anpfiff. Warum durften gierige Menschen diesen Pfad beschreiten, während jene mit reinem Herzen aufpassen mussten?
"Rosa, schau dir das an!", rief Anni und leuchtete die Wände aus.
Der dunkle Gang hatte sich verändert. Die Höhle war in einen gemauerten Korridor übergegangen. Ich strich mit meiner Hand dem kühlen Steinverbund entlang. Plötzlich hörte ich ein Klicken. Anni machte einen Schritt nach vorne.
"Stopp", brüllte Kasper hinter mir. Gleichzeitig riss ich Anni am Arm zurück. Ein Pfeil jagte durch die Luft, ein Zentimeter vor Annis Gesicht.
"Fallen", sagte Anni dünn.
"Alle aufpassen", schrie ich nach hinten und Kasper erklärte, dass ein Dartpfeil soeben Annis Gesicht knapp verfehlt hatte. Ich nahm einen Stein vom Boden und warf ihn in den Gang. Nichts geschah.
"Gehen wir langsam weiter", schlug ich vor und schritt vorsichtig voraus. Im selben Augenblick lief ein Klicken durch die Wände.
"Runter!", schrie ich. Ich liess mich fallen. Über unsere Köpfe schossen die Pfeile. Ich blickte zurück. Niemand schien verletzt. Alle lagen am Boden, starr vor Angst. Wir wagten es nicht, aufzustehen und so robbten wir weiter durch den Gang. Schliesslich gelangten wir in einen quadratischen Raum. Langsam erhoben wir uns. Auf der gegenüberliegenden Seiten befand sich ein Ausgang. Plötzlich wackelte der Boden. Er kippte in unsere Richtung.
"Der Boden ist eine Schaukel!", erkannte ich. Der Boden auf unserer Raumseite senkte sich weiter.
"Wir müssen unser Gewicht verteilen!", rief ich.
Schneisener rannte auf die gegenüberliegende Seite, Luise und Lady Davenport ebenso. Der Boden senkte sich langsamer.
"Für jede Person, die durch den Ausgang geht, muss jemand nachrutschen", meinte Anni. Schneisener nutzte die Gelegenheit und sprang zum Ausgang. Vianney überquerte die Raumhälfte, um das fehlende Gewicht auszugleichen. Luise verliess den Raum, ich wechselte die Seite, Lady Davenport stieg durch den Ausgang. Sie warteten angespannt. Als Vianney ebenfalls durch die Öffnung getreten war, fragte Kasper:
"Was machen wir am Ende?"
"Ich weiss es nicht. Aber spring!", rief ich ihm zu. Der Boden neigte sich bereits gefährlich.
Nun blieben Anni und ich.
"Rosa."
Anni blickte mich an.
"Wir können nicht beide diesen Raum verlassen." Sie hatte Tränen in den Augen. Ich erkannte, dass sie recht hatte.
"Verlass du den Raum", flüsterte ich. "Ich bleibe hier. Vielleicht gibt es unten einen anderen Ausgang."
"Niemals", sagte Anni. "Geh du!"
Kasper hatte am Rand des Ausganges gestanden. Jetzt sprang er zurück auf die Plattform.
"Geht ihr beide. Ich bleibe hier."
"Nein Kasper, geh zurück!", schrie ich.
"Nein."
"Kasper, rette dich!"
"Wir fallen alle drei, wenn ihr den Raum nicht sofort verlasst!", rief Kasper.
Ich schluckte. "Dann sei es so."
Kasper blickte mich an. Dann nahm er Annis und meine Hand und schloss die Augen.
"Es tut mir leid", flüsterte Lady Davenport am Ausgang. Und die Plattform kippte.
Ich fiel. Mit einem lauten Klatschen brach ich ins Wasser. Erleichtert blickte ich mich um. Ich erkannte Kasper und Anni, die neben mir trieben. Aus der Flut erhob sich eine Sandbank, auf welche wir zuschwammen. Wir setzten uns auf das Strändlein. Wir befanden uns in einer Kammer, durch die offenbar ein Ableger des Wasserfalls strömte. Durch ein Loch in der Höhlendecke weiter vorne fiel sogar etwas Licht und bot Leben für einige Pflanzen.
"Wie kommen wir hier raus?", fragte Anni mit Blick auf die überhängenden, massiven Felswände.
"Da oben sicher nicht", meinte ich. Kasper sprang derweil wieder ins Wasser. Er tauchte unter und kehrte nach zwei Minuten zurück.
"Das Wasser fliesst durch ein Loch ab. Doch es ist zu schmal für uns."
Ich überlegte, was wir sonst tun könnten.
"Wie wäre es, wenn wir das Loch zustopfen? Und uns dann mit dem steigenden Wasser nach oben treiben lassen?", dachte ich laut.
Anni blickte mich zweifelnd an. "Ich glaube, da ertrinken wir vorher."Kasper stand auf und klopfte die Wände ab.
"Alles massiv."
Wir sassen eine Weile im nassen Sand. Plötzlich hörten wir eine Stimme. Ich sprang auf.
"Ohé!", rief es aus der Ferne. Vianney stand hundert Meter über uns an der Kante der Höhlenöffnung.
"Vianney!", brüllten wir.
"Attention!"
Wir sprangen zur Seite, als Schneiseners Rucksack mit Wucht an uns vorbei in den Sand krachte. Sofort leerten wir den Inhalt in den Sand, um zu schauen, ob sich darunter etwas nützliches befand. "Aha!", rief Kasper anerkennend."Was denn?", fragte ich neugierig."Wir sind gerettet." Kasper nahm mir einen Klumpen aus Seide und Draht aus der Hand. Ich blickte ihn ratlos an."
Es ist eine Art Heissluftballon. Nein es ist eigentlich kein Heissluftballon. Aber es fliegt mit heisser Luft. Wenn es dir hilft, stell dir vor es ist ein Heissluftballon. Ist es aber nicht", erklärte Kasper.
"Solange wir damit aus diesem Loch rauskommen, ist alles in Ordnung", meinte Anni.
"Natürlich." Kasper grinste. Er breitete den Stoff am Boden aus und steckte den Draht zu einem eleganten Gitter zusammen. Mit einem eingebauten Feuerstein entzündete er ein kleines Flämmchen, das warme Luft in den Stoff blies.
"Nun warten wir drei Stunden. Was machen wir bis dann?", fragte Kasper.
"Rosa ist die Spielerin von uns", fand Anni. Nach kurzem Nachdenken erklärte ich den beiden die "römische Rundmühle", die ich auf meinem letzten Ausflug in Augusta Raurica kennengelernt habe. Zum Glück kann man das Spielfeld einfach in den weichen Sand malen und auch Steine und Muscheln als Spielfiguren konnten wir aus dem seichten Wasser fischen.
Anbei findest du die Anleitung für das Spiel, mit dem sich Anni, Kasper und Rosa die Wartezeit vertrieben haben. Es ist eine Art besseres Tic-Tac-Toe - los schnapp dir jemanden, und spiele mit ihm oder ihr einige Runden "römische Rundmühle" oder "Remus und Romulus"! Wenn ihr mögt, dürft ihr ein Foto eures Spieles an info@pfadistmauritius.ch senden:)