Hm, das Kroki war zugegebenermassen etwas kompliziert. Versucht es doch noch einmal! Ihr könnt ja für euch ein Übungskroki zeichen und dieses lösen.
Im Schein der aufgehenden Sonnen studierten wir die Seite des Buches erneut.
"Müssen wir jetzt eigentlich auch versprechen, niemandem von unserer Reise erzählen?", fragte Anni.
Ich musterte das Papier. Mir kam plötzlich ein Gedanke.
"Anni", sagte ich aufgeregt, "ich glaube, deshalb sind wir hier!"
"Was meinst du?"
"Einer der drei hat das Geheimnis verraten!"
"Meinst du, als sie uns Karte und Kompass geschickt haben?", fragte Anni.
"Nein, nicht wir. Schau, es macht perfekt Sinn. Dieser Travis aus dem Buch hat sein Versprechen gebrochen. Lady Davenport hat davon erfahren, sie kennt doch bestimmt die ganze hohe Gesellschaft ihres Landes. Deshalb ist sie hier."
"Und warum sind wir hier?"
"Wir wurden geschickt, um Lady Davenport aufzuhalten."
"Wobei denn? Sie hat ja gar nichts getan!"
"Noch nicht." Ich nahm den Kompass zwischen die Finger. "Aber ich bin mir sicher, damit finden wir, was Davenport begehrt."
Anni nickte nachdenklich. Dann grinste sie mich an.
"Ja, vielleicht. Los geht's!"
"Was machen wir?", fragte Vianney vorsichtig.
"Wir halten Davenport auf, indem wir vor ihr ans Ziel gelangen", erklärte Kasper geduldig. Schnellen Schrittes marschierten wir aus der Stadt, hinein in die flache Grasebene.
"Achso. Ja selbstverständlich, wieso frage ich überhaupt", murmelte Vianney leise vor sich hin.
Die Luft wurde zunehmend staubiger und die steppenartige Fläche wich bald einer steinigen Wüste, die lediglich noch von einigen vertrockneten Pflanzen besiedelt war. Unterdessen hatten wir Vianney alles erzählt, was er wissen musste. Seine Laune hatte sich schlagartig verbessert und er lief trotz des schweren Rucksackes nun zuvorderst.
"Wir könnten etwas singen", schlug er beschwingt vor.
"Ich kenne aber keine französischen Lieder", stellte Anni fest.
"Was ist mit Le chant du melon oder mit Poisson en colère aus unserem alten Französischbuch?", fragte ich sie.
"Se lö schooo dü mölooo", schmetterte Anni energisch. Vianney riss entsetzt die Augen auf und schlug vor, die Sprache zu wechseln. Kasper verkniff sich ein Grinsen.
Ich stimmte fröhlich an:
"Ein Junge, in Dornach geboren,
liebte die Rita mit den schönen Ohren,
doch er stank nach Schwein,
drum sagte sie Nein."
Zwei Kilometer später hatten wir alle 52 Strophen des Lieds gesungen. Wir waren auf eine kleine Anhöhe gelangt und blickten auf eine Formation kahler Hügel. Dazwischen leuchtete gelb ein zäher Bach, der den Hügelzug in Dampf einhüllte.
"Das ist Lava", stellte ich fest. Wir liefen weiter. Anni näherte sich dem Lavafluss auf einige Meter und kehrte dann zu uns zurück.
"Es ist nicht einfach nur Lava. Der Fluss besteht aus purem flüssigem Gold."
Entlang des Baches aus Gold liefen wir weiter. Vianney machte Anstalten, etwas eingetrocknetes Edelmetall am Rande des Lavastromes einzusammeln, doch Anni hielt ihn davon ab.
"Auch wenn es erstarrt ist, verbrennst du deine Hand."
"Ich müsste mein Gehalt nie mehr mit dem Zeichnen von Touristenportraits aufbessern", meinte Vianney wehmütig.
Der Marsch wurde zunehmend anstrengend. Die Mittagssonne drückte durch die Wolken und der mittlerweile dunkle Sandboden saugte die Hitze zusätzlich auf.
Ich prüfte den Kompass.
"Und, noch auf Kurs?", fragte Kasper.
"Nicht nur das. Ich glaube, wir sind bald am Ziel."
In der Ferne türmte sich ein mächtiger Vulkan in den Himmel. Eine Glocke aus Rauch und Asche hing unheilverkündend über dem Gipfel.
Ich band meine Schuhe satter. Dann begannen wir den Aufstieg. Im Zickzack arbeiteten wir uns den steilen Berg hinauf. Das Gehen über die sandigen Geröllfelder ermüdete uns rasch und wir machten eine Verschnaufspause. Anni brach das Schweigen, in dem sie uns auf die umliegenden Steine hinwies.
"Von denen kannst du einige einpacken, Vianney. Das ist Jeremejewit, dieser Stein ist bei uns um die 10 Millionen Franken wert. Oder hier, Grandidierit und Musgravit."
Vianney öffnete seinen Rucksack und packte einige Steine ein.
"Das Volk hatte recht - wäre dieser Kontinent bekannt, wäre er im Nu von Schatzsuchenden besetzt und überrannt", bemerkte ich. Vianney fühlte sich wohl etwas schuldig, denn daraufhin packte er die grossen Steine wieder aus. Einen kieselsteingrossen Diamanten behielt er aber.
"Das schadet niemandem etwas, wenn ich den mitnehme", sagte Vianney unsicher und wir mussten lächeln.
Wir marschierten weiter. Der Wind nahm zu und ich bildete mir ein, dass auch die Luft dünner wurde. Wir wurden langsamer.
"Ich brauche einen Moment", sagte ich und setzte mich in den Sand. Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Der Rand meines Sichtfeldes wurde weiss.
"Es ist die Höhe. Wir müssen langsamer laufen", sagte Kasper. Anni kniete zu mir hin und blickte mir tief in die Augen. Dann half sie mir beim Aufstehen. Gemächlich liefen wir weiter, was mir und auch Vianney trotzdem Mühe bereitete, auch wenn Anni und Kasper rücksichtsvoll zu uns schauten.
"Wir haben es bald geschaft!", ermutigte mich Anni. Bis zum Rand des Vulkanschlundes war es nicht mehr weit.
Plötzlich blieb Kapser stehen. Anni wäre fast in ihn hineingeprallt.
"Was ist denn?", fragte sie ihn. Er deutete nach vorne.
"Sie sind bereits hier." In der Ferne zeichneten sich die Umrisse von drei Personen ab.