Einwohnerplan von Lotzen

1934 - 1945

Die Zeichnung, Einwohnerliste und Texte stammen von Werner Gundlach, gebürtig und aufgewachsen in Lotzen (Veröffentlicht im Heimatblatt der ehemaligen Kirchengemeinden Landsberg/Warthe Stadt und Land in den Heften 26/Juni 2003 und 29/Dezember 2004).

Einwohnerliste der Gemeinde Lotzen

Kirche in Lotzen um 1940

Schule in Lotzen 1998

Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendjahre in Lotzen (1922 - 1945)

Ich heiße Werner Gundlach, bin am 09. August 1922 in Lotzen geboren worden. Meine Elternwaren Martha Gundlach, geb. Schröter und Fritz Gundlach. Ich lebte 17 Jahre lang in Lotzen, wobei ich von 1940 bis 1945 jeweils nur einige Tage Urlaub dort verbrachte. Über die Entstehung und die Geschichte von Lotzen kann ich leider nicht viel sagen. Aus der Schulzeit weiß ich nur, dass es vor dem 1. Weltkrieg in Lotzen eine Glashütte (Nr. 29) gab. Aus dieser Zeit stammen die beiden Kronleuchter, die heute noch in der Kirche hängen. Sie sollen aus Kristall sein. Wenn der Religionsunterricht mal ausfiel, mussten wir Kinder die Kirche sauber machen. Dazu gehörte auch das Säubern der Kronleuchter, die dafür extra heruntergelassen wurden. Wir machten uns den Spaß und hingen einige der gläsernen Dreikantstäbe aus den Kronleuchtern aus und hielten sie gegen das Licht. Dahinter schillerte alles in wunderschönen bunten Regenbogenfarben. Seit 1963 fahre ich in jedem Jahr bis zu dreimal nach Lotzen. 1998 konnten wir das einzige Mal wieder die Kirche von innen besichtigen. Aber wie sah es dort aus? Es hatte sich doch einiges verändert. Die Kanzel war abgerissen worden, das Taufbecken stand gleich neben der Eingangstür. Die Kronleuchter waren kaum noch wieder zu erkennen. 1928 wurde ich in Lotzen eingeschult. Ich besuchte dort 8 Jahre lang die Volksschule. Der Schulweg führte immer beim Bäcker August vorbei. Dort konnte ich mir zweimal in der Woche eine Musmeese (Mustasche) kaufen, das Stück für 5 Pfennige. Manchmal gab es auch zwei. Am Sonntagmorgen holten wir unsere Brötchen vom Bäcker Franz. Es gab 3 Stück für 10 Pfennige, manchmal bekam man sogar 4 Brötchen dafür. In Lotzen gab es einige Fleischer. Manche von ihnen schlachteten nicht nur, sondern widmeten sich eher dem Viehhandel. So gab es auch einen Fleischermeister Zeidler. Dieser war groß und wog über drei Zentner. Er ist jeden Dienstag mit Pferd und Wagen in die Dörfer Zanzhausen, Rohrbruch und Mückenburg gefahren, um von den Bauern Schweine zu kaufen. Sein Pferd wusste schon Bescheid, vor der Gaststätte Kleemann (später Hadan) hielt es an. Auch wir Kinder wussten schon Bescheid. An der Gaststätte stand eine 5stufige Trittleiter. Diese brachten wir zum Wagen, der Fleischer stieg ab und ging in die Gaststätte. Dort stand für ihn extra ein 1- Literglas bereit, er trank zwei Gläser Bier damit und dann ging es wieder weiter. Wir stellten die Leiter wieder an. Beim Wegnehmen gab es 10 oder 20 Pfennige für uns. Der Fleischer starb etwa um Anfang 1930. Zu dieser Zeit wurden die Leichen noch zu Hause aufgebahrt und zur Beerdigung mit dem Pferdewagen zum Friedhof gefahren. Der Trauerzug des Fleischers Zeidler musste nun auch an der Gastwirtschaft vorbei. Natürlich hielt das Pferd gewohnheitsmäßig an und war von dort nicht mehr fortzubewegen. Erst als ein Mann vom Wagen sprang und nach kurzer Zeit wieder aufstieg, trabte das gute Pferd endlich weiter. Als sein Sohn und ich später mit dem Pferd Holz aus dem Wald holten, wiederholte sich die Prozedur. Wir mussten ab- und aufsteigen damit das Pferd weiter lief. Vor 1933 herrschte auch in Lotzen wie überall in Deutschland große Arbeitslosigkeit. Auch mein Vater war wie viele andere arbeitslos. Einmal im Monat kam ein Mann, vom Landsberger Arbeitsamt, der kontrollierte, ob mein Vater nicht etwa irgendwo schwarzarbeitete und auch wirklich zu Hause war, denn nur dann gab es Geld vom Arbeitsamt. Er bekam 3 Mark in der Woche und musste dafür in einem Buch für den Erhalt des Geldes unterschreiben. Den anderen Arbeitslosen ging es genauso. Lotzen liegt in einer sehr waldreichen Gegend. Für die Dorfbewohner war das die wichtigste Einkommensquelle. Etwa 70% der Männer und Frauen arbeiteten im Wald. Auch meine Mutter verdiente ihr Geld von 1929 bis 1933 als Waldarbeiterin. Im Sommer wurden am Tag bis zu 10 Stunden hart gearbeitet für einen Lohn von 2 Mark. Im Winter fiel der Verdienst aus. Viele übten auch den Beruf des Fuhrmannes aus. Sie transportierten das Holz für die Forstwirtschaft, die Holzhändler oder die Sägewerke. Ein großer Teil des Holzes wurde bis zur Warthe gefahren und von dort aus nach Stettin oder Hamburg geflößt. In Lotzen fanden Holzauktionen statt. Für uns Kinder war das immer ein großes Ereignis. Die Holzhändler und die Sägewerksbesitzer aus Landsberg und Umgebung kamen alle mit ihren Pferdekutschen zu uns nach Lotzen. Wir versorgten die Pferde und gaben ihnen Heu und Wasser, während die Händler sich um ihre Geschäfte kümmerten. Sie entlohnten uns dafür und insgesamt verdienten wir manchmal sogar bis zu 3 Mark. Das war für uns sehr viel Geld. Eine andere wichtige Einkommensquelle waren für uns die Blaubeeren. Bis zum Blaubeerwald mussten wir 3 bis 5 km zu Fuß gehen. So zogen wir im Juni mit unseren Eimern los zum Blaubeeren pflücken. Für die ersten Blaubeeren im Jahr erhielten wir für das Pfund 35 Pfennige. In der Hochsaison bekamen wir dafür 10 bis 15 Pfennige. Die Butter-Müllersche, eine kleine alte Frau aus Landsberg, war täglich gegen 15.00 Uhr am Bierweg - Schierschtanger. Sie kaufte unsere Blaubeeren auf. Vorher hatte sie schon in Lotzen von den Bauern Butter und Eier gekauft. Im Herbst nahm sie unsere Pilze. Die Frau trug eine große Kiepe auf dem Rücken und an jedem Arm einen riesigen Korb. Sie kam immer zu Fuß von Landsberg nach Lotzen und ging auch wieder zu Fuß nach Hause zurück. Wenn der Wochenmarkt in Landsberg am Bollwerk eröffnete, war sie dort. Die Strecke Lotzen - Landsberg betrug 16 km. Bis zum Bollwerk in Landsberg kamen noch mal 5 km dazu. Diese Tour lief sie jeden zweiten Tag im Sommer wie im Winter zu Fuß. Nach den Blaubeeren reiften die Himbeeren und die Walderdbeeren. Auch diese pflückten wir. Sie wurden an das Café „Monopol“ und das Café „Voley“ in Landsberg verkauft. Zum Schluss kamen noch die Preiselbeeren und die Brombeeren. Die haben wir dann meistens für uns selbst behalten. Natürlich behielten wir auch einige Blaubeeren und Walderdbeeren für uns. Sonntags gab es dann eine schöne Walderdbeertorte oder auch Blaubeerkuchen, der mir heute noch gut schmeckt. Für den Winter wurden auch Blaubeeren in Flaschen eingemacht. Meine Mutter sagte immer: „Wir wohnen und leben im und vom Wald!“ Die medizinische Versorgung war für uns Dorfbewohner zu dieser Zeit nicht immer leicht und ohne Probleme. Ich erinnere mich, es muss so ungefähr 1930/31 gewesen sein. Mein Großvater Otto Schröter brach sich im Wald das Bein. Er musste mit dem Pferdewagen nach Landsberg in das Krankenhaus gebracht werden. Dort lag er 6 Wochen lang. Sein Bett stand die ganze Zeit nur auf dem Flur. Wir mussten es trotz Krankenkasse voll bezahlen. Das war für uns eine Menge Geld. Aber auch an andere Begebenheiten entsinne ich mich. So hatte ich als kleiner Junge einmal tagelang Zahnschmerzen, aber einen Zahnarzt gab es bei uns in Lotzen nicht. Als ich dann eines Tages mit meinem Vater mit dem Pferdewagen unterwegs war, hielt er auf dem Rückweg in Kladow beim Schmiedemeister Dehn an, um die Pferde neu beschlagen zu lassen. Neben der Schmiede hatte der Frisör Baum seinen Laden. Dorthin ging ich und klagte ihm von meinen Zahnschmerzen. Fünf Minuten später war ich meinen Zahn los und das ganz ohne Spritze. Ich zahlte dafür 50 Pfennige. Man könnte noch über vieles schreiben z.B. über die Wilddieberei. Das würde jedoch den Rahmen hier sprengen. Aber eine Sache möchte ich doch noch erklären. Und zwar wie der Straßenzug von Erich Lange (Nr. 72) bis Kirschbau (Nr. 81) zu dem Namen „Schlappetitt“ gekommen ist. Die Geschichte wurde mir oft von meinem Vater Fritz Gundlach und meinem Onkel Walter Kurth erzählt. Es war vor dem l. Weltkrieg. Die Feldjagd um Lotzen wurde an hohe Beamte, Doktoren und reiche Landsberger Bürger verpachtet. Da die Anfahrt von Landsberg recht umständlich war, blieben die meisten Jagdpächter gleich über das ganze Wochenende hier, in der Jagdsaison noch länger. Deshalb hatten sie ihre Jagdstände sehr großzügig mit einer Schlafgelegenheit gebaut. Nun war die Jagd nicht ihr einziges Vergnügen und sie nutzten das Angebot einiger „loser“ Mädchen und Frauen aus Lotzen, um sich die übrige Zeit angenehm zu vertreiben. So bot sich auch ein Mädchen an, zu dem die Jagdpächter dann sagten: „Du go man to hus, diene Titt is to schlapp.“ Dieses Mädchen stammte aus dem besagten Straßenabschnitt, der seither den Namen „Schlappetitt“ trägt. Die Nachfolger dieser Jagdpächter habe ich noch kennen gelernt. Sie kamen mit dem Postauto von Landsberg zu uns. Wir Kinder haben sie dann abgeholt und ihr Gepäck mit dem Handwagen oder der Karre zu den Jagdständen gefahren. Dafür gab es dann auch ein paar Groschen. Obwohl ich, verglichen mit den Kindern von heute, eine entbehrungsreiche, manchmal harte Kindheit hatte, möchte ich sie um keinen Preis tauschen. Ich würde sie so noch einmal erleben wollen. Sollte sich in meiner Erzählung aber doch irgendwo ein Fehler eingeschlichen haben, weil mir einiges anders im Gedächtnis geblieben ist, als es sich in Wirklichkeit verhielt, bitte ich den Leser um Entschuldigung. Es sind eben Kindheitserinnerungen. Vielleicht noch ein paar Worte zu meinem nachfolgenden Lebenslauf. 1938 begann ich bei der Familie Ritter in Landsberg eine Lehre als Maschinenschlosser und Dreher. Die kleine Firma befand sich in der Nähe von IG Farben. Nach zwei Lehrjahren meldete ich mich im Januar 1940 für den Kriegsdienst. Im Februar 1945 kam ich in russische Gefangenschaft. Dort begegnete ich 1947 dem Lehrer Stange aus Lotzen. In einem Straflager traf ich 1948 sogar meine Cousine Gerda Rottke aus Kladow. Sie war vorher nach Sibirien deportiert worden. Mein Vater wurde auch verschleppt. Er ist nicht mehr zurückgekehrt. Ich wurde im Juni 1949 in Frankfurt/ Oder entlassen. Ich hatte das Glück, meine Mutter, die den Treck gut überstanden hatte, in Krügersdorf wieder zu finden. - In der Nähe von Beeskow bauten wir uns ein neues Leben auf und fanden eine neue Heimat. Ich möchte mich noch bei Monika Matuschke, einer Enkeltochter von Erich und Erika Dossow, ebenfalls aus Lotzen stammend, für das Übernehmen der Schreibarbeiten bedanken.

Bei meiner Erzählung aus Kinderjahren und Lageplan von Lotzen habe ich in der Aufregung viel vergessen. Die Försterei Lübbesee und die Oberförsterei gehörten zu Lotzen. Die Försterei Lübbesee liegt am großen Lübbesee, von Lotzen ca. 3 km entfernt. Revierförster war Herr Busch. Geradeüber wohnte die Fam. Kettel mit der Tochter Erna. Sie war 3-4 Jahre älter als ich. Mit ihr habe ich noch die Schulbank gedrückt. Außerdem gab es noch ein Doppelhaus. In der einen Hälfte wohnte die Fam. Katt, die andere ? . Die Försterei nannte man früher Lübbeseer Teerofen (auf platt Lübscher Teerofen). Die Teerofenfabrik stand auf der rechten Seite an der hohen Böschung, zum See ca. 40 - 50 m hinter der Försterei in Richtung Oberförsterei. Es wurde nach dem ersten Weltkrieg bis zur Inflation noch Teer gesiedet, aus Buchenholz. (Aus Überlieferung von meinem Vater und aus der Schule) Bis Mitte der dreißiger Jahre war es ein Abenteuerspielplatz für uns. Die Maschinen wurden dann demontiert, die Halle aus Holz ist dann eingefallen und verfaulte. Die Kinder und auch die Fuhrleute die dort vorbeikamen, haben sich Teerklumpen (Pech) mitgenommen. Es wurde Bindfaden durchgezogen und damit machte man in den schlechten Zeiten Schuhe, Schulmappen und Pferdegeschirre ganz. Ich habe 1943 wieder danach gesucht und auch gefunden. Es wurde wieder für dieselben Reparaturen gebraucht. Man hat z.B. aus 2 oder 3 Fahrraddecken wieder eine zusammengenäht. Um Lotzen gab es noch andere Teeröfen - Kladower Teerofen, Wormsfelder und Zanziner, alle 5 - 6 km von Lotzen entfernt. Die Oberförsterei Lübbesee lag am kleinen Lübbesee. Oberförster war zu dieser Zeit Herr von Kries. Es waren noch ein Haus für einen Revierförster Name ? und ein Doppelhaus vorhanden. In der einen Hälfte wohnte Fa. Golz, mit Erna und Trudchen bin ich zur Schule gegangen. Wir gingen alle in Lotzen zur Schule. Von dort waren es ca. 6 km bis Lotzen. Im Winter hat der Oberförster oft den Schlitten angespannt auch im Sommer gab es oft eine Kutschfahrt. Nun zu Herrn Kettel. Im Sommer 2002 machten wir bei unserer obligatorischen Fahrt nach Lotzen, Picknick an der Försterei Lübbesee. Der Gang zum See gehört jedes Mal dazu. Die Tage in meinen Kinderjahren habe ich fast dort verbracht. Als wir wieder abgefahren sind, hielt uns ein junger Mann an und fragte ob wir uns hier auskennen, er suche nach Vorfahren. Ich habe dem jungen Mann alles erklärt. Wir standen genau vor dem Haus der Fam. Kettel. Das Haus war zusammengefallen, das Fundament war aus Stein, das Oberteil aus Holz. Wenn man von Kettels Haus aus auf den See sah, hatten wir in der rechten Waldecke unsere Wiese. Mein Vater hat mich schon mit 5/6 Jahren mitgenommen zum Angeln. Ich bin diesem Hobby bis zum heutigen Tage verfallen. Meine Schularbeiten habe ich beim Angeln gemacht. Die guten Angelstellen kannte ich schon. Ich habe in dieser schlechten Zeit manches Abendbrot mit großen Bratbarschen bereichert. Frau Busch hat öfter zum See gesehen, ob ich noch da war. Sie hat mir auch die Zeit zugerufen, wenn ich nach Hause musste. Heute ist der gesamte Abhang zum See Campingplatz „Stilon Gorzów“. Früher wurde jeder qm mit Kartoffeln und Roggen bestellt. Es war der schönste Flecken am See, auch meine schönste Zeit im Leben bis zum 17. Lebensjahr. Dann kamen 5 Jahre Soldat und 5 Jahre Russen-Arbeitslager.

Ich möchte kurz ein paar Bilder von Lotzen beschreiben, unse­rer alten Heimat. Wir waren am 22.5.04 zur Fahrt aufgebrochen. Unser erstes Ziel war die Förs­terei am Großen Lübbesee. Auf dem Grundstück von früher „Ket­tel“ steht heute wieder ein Holz­haus, es gehört der Naturschutz­station. Der Pflasterweg, der zu sehen ist, führt nach Zanzhau­sen und Rohrbruch. Mit Steinen ist nur der Berg, sonst geht ein Sandweg weiter. Die Kirche ist neu gestrichen, mit einem befes­tigten Weg, der auf sie zuführt. Links am Eingang steht unser alter Taufstein. Die Empore ist mit der alten Orgel zu sehen. Die Kirche hat ein schönes Tonnenge­wölbe. Einer der beiden Kron­leuchter. Von den Dreikant-Kris­tallstäben sind an diesem Leuch­ter noch 9 Stück. Beide Leuchter hingen voll von diesen Stäben. Dazu kamen noch Tannenzap­fen und Birkenblätter aus Kristall, alles aus der Lotzener Glashütte. Bild zeigt den jetzigen Zustand. Zu unserer Zeit war am rechten Fenster die Kanzel. Ich persönlich durfte nach 60 Jah­ren zum ersten Mal unser Grund­stück betreten. Stall und Scheune fallen langsam um, das Haus ist 1945 abgebrannt. Was noch sehenswert ist, das ist der Wald und die Seen. Darum fahre ich auch immer Ende Mai, weil die Blätter nochhellgrün sind.