Domhal unterzeichnete den schriftlichen Befehl an seine Untergebenen. Dann streute er Sand über die noch feuchte Tinte und legte das Papier zur Seite. Seit er vom Oberbürgermeister Seiner Eminenz Chattras zum Exekutions-Minister gemacht worden war, häuften sich die Papierberge auf dem Schreibtisch in seiner Amtsstube. Er nahm einen Schluck aus dem Bierkrug der vor auf seinem Arbeitstisch stand. Er wischte sich den Schaum von den Lippen und nahm noch einmal den schriftlichen Befehl in die Hand. Versonnen sah Domhal auf die geschrieben Zeilen hinab, ohne den Text wirklich zu lesen, und dachte nach. Zwei Wochen waren vergangen, seit er von Radrak noch auf dem Thing die Erlaubnis bekommen hatte, eine Hilfspolizeitruppe aufzustellen. Er hatte dies auch sofort getan und dafür auf die Männer und Frauen der Roten Garden zurückgegriffen. Mit 100 Mann sollte er die Stadt aufräumen. Das war seine Aufgabe. Und diese war nicht unlösbar.
Zumindest hoffte er dies, denn er hatte es dem Hochkönig Bor versprochen. Der Bracar hatte auf dem Thing öffentlich den Oberbürgermeister angegriffen und ihm vorgeworfen, er sei unfähig die Stadt zu verwalten. Damit hatte er auch seine Arbeit als inoffizieller Kommissar kritisiert. Auch wenn seine und vor allem die Antwort von Chattras darauf den Hochkönig schnell verstummen lassen hatten, so hatte dieser damit ja nur ausgesprochen, was einige der Bewohner der Stadt umtrieb. Die zugegebenermaßen teilweise rauen Zustände in Blutgard. Es waren vor allem die Völker und Siedler, die ähnlich wie die Bracar oder die Blutadler, zuvor in kleineren Städten oder Siedlungen gelebt hatten, die sich partout nicht damit abfinden konnten, dass eine Stadt wie Blutgard, die viel mehr multikulturelle Metropole war, als alles was diese zuvor bewohnt hatten, auch zwielichtiges Volk anzog, auch wenn offiziell nur Paktvölker in der Stadt siedeln durften. Ebenso wenig konnten sich die gleichen Leute damit abfinden, dass es in einer Stadt immer auch Armut gab, vor allem in einer Stadt, die bis vor kurzem Mangelwirtschaft prägte. Und dass mit der Armut das Verbrechen kommt. Darauf adäquat zu antworten, war bisher aber kaum möglich gewesen, so oft man auch die Ehrenhaftigkeit des Paktes beschworen hatte und darauf verwies, dass die Mitglieder des Paktes doch alle eine große Familie waren und sich niemals gegenseitig schaden würden. Doch es hatte bisher keine wirklichen Ordnungskräfte bis auf die A.U.A und die Sonderkommission Stupor Mundi gegeben. Erstere waren nicht viel mehr als eine Schlägertruppe mit der sich im Fall des Falles Aufstände unterdrückt ließen und die selber Kriminelle in den Reihen hatte, letztere war eine kleine Spezialeinheit, die sich eigentlich um die Unversehrtheit der Heiligtümer der Lona und Akata kümmern sollte. Allerdings war deren Kompetenz aufgrund einiger drastischer Vorfälle im letzten Jahr extrem ausgeweitet worden und war dadurch so etwas wie die inoffizielle Polizeitruppe geworden. Und diese Sonderkommission machte er jetzt mit seiner Unterschrift auf dem Papier, dass er in der Hand hielt, zum ausführenden Arm seines Exekutions-Ministeriums. Domhal sah auf, nahm einen erneuten Schluck aus seinem Bierkrug. Er war sich sicher, dass eine gewisse Schwertgesellin mit ihrer kleinen Truppe die Sache schon meistern und die Stadt auf Vordermann bringen würden. Allerdings graute ihm bei dem Gedanken die A.U.A., die die sonderkommission würde unterstützen müssen, auf das Viertel loszulassen. Und er wusste warum.
Die wenigen Passanten, die noch oder wieder unterwegs waren, wichen den drei Dutzend Männern und Frauen schnell aus, wenn sie sie kommen sahen. Schweigend und mit grimmigem Gesichtsausdruck liefen die Gruppe die große Straße, die an das nordöstliche Ende der Unterstadt führte, entlang. Alle hatten Fackeln bei sich, obwohl der morgen schon graute, und führten Waffen. An ihren roten Wappenröcken waren sie als Mitglieder der Roten Garden zu erkennen. Am rechten Arm trugen sie alle außerdem eine rote Armbinde mit einem aufgestickten schwarzen Zahn. Eine großgewachsene Frau mit aschblonden Haaren führte die Gruppe an. Sie trug jedoch eine graue Uniform und einen schwarzen Wappenrock mit dem silbernen Wappen der O kosh not Un. Um den rechten Arm hatte auch sie die rote Binde gelegt. Dies wies sie ebenfalls als Mitglied der neu aufgestellten Polizeitruppe des Exekutionsministeriums aus. An ihrer Seite lief ein muskulöser Hüne. Er überragte die eh schon groß gewachsene Schwertgesellin um einen mehr als einen Kopf. Larania sah zu ihm auf und Quintus sah zu ihr runter. Seine strahlend weißen Zähne leuchteten im Schein der Fackel, als er breit grinste. Aber sein Grinsen konnte seine Anspannung auch nicht verbergen. Larania kannte ihn mittlerweile sehr gut und sie wusste, dass die Aufgabe, die ihnen nun bevorstand, ihm genauso wenig Freude bereiten würde, wie ihr. Doch es galt den Auftrag umzusetzen, mit dem der Exekutionsminister von Tanas sie betraut hatte.
Larania hatte gehofft, allzu heftige Maßnahmen vermeiden zu können. Dem Halblingsviertel die Wasserzufuhr abzuschneiden, war hart gewesen, aber ihrer Meinung nach die richtige Maßnahme. Doch den A.U.A.-Schlägern hatte es richtiggehend Freude bereitet, sämtliche Versorgungswege zu kappen und sie hatte wohl die Vorstellung amüsiert, dass die Leute in dem Viertel elendig krepierten. Aber die Maßnahmen hatten wohl nicht gereicht, um den Widerstandswillen der Bewohner zu brechen; zumindest derer, die einer Bande angehörten. So war es nicht gelungen die Strukturen der Straßenbanden, die das Viertel bisher beherrscht hatten, zu zerschlagen. Das hatten zumindest ihre Kontaktleute berichtet. Und so hatte lediglich ein Teil der ärmeren Bevölkerung das Viertel verlassen und sich jetzt in den Hungerlöchern niedergelassen, was die dortige Situation nur noch schlimmer machte. Aber ein Teil war zurückgeblieben und wollte sich, wie die Kontakte berichteten, auch nicht von irgendeiner Zentralregierung oder dahergelaufenen Barbarenkönigen vertreiben lassen, nur weil es diesen Herren und Damen nicht gefiel, wie sie lebten. Ihr tat es nur um die Armen und die unschuldigen Leute leid, die Neu-Hobbingen hatten verlassen wollen, aber von den Banden, die sich unter Führung der Hobbits zusammengeschlossen hatten, daran gehindert wurden. Diese Leute litten auch besonders unter den drakonischen Maßnahmen. Manche Quelle behauptete gar, dass die Geiseln auch als Nahrungsquelle dienten. Larania mochte sich das gar nicht vorstellen. Aber ihre Kontakte hatten ihr ebenfalls berichtet, dass der Durst den Widerstandswillen der renitenten Bewohner deutlich geschwächt hatte. Einige der Banden waren aber gewillt bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Und unter diesen waren nicht nur Hobbits, sondern auch Menschen und sogar einige Orks.
Als sie an der Barrikade ankamen, die in den einzigen noch nutzbaren Zugang nach Neu-Hobbingen dargestellt hatte, wartete dort eine weitere Gruppe auf die Neuankömmlinge. Die zwanzig Männer und Frauen waren an ihren gepolsterten braunen Wappenröcken, den schwarzen Halstüchern und den weiten schwarzen Hosen leicht als Mitglieder der A.U.A. zu erkennen. Manche von ihnen trugen auch leichte Kettenhemden. Jeder von ihnen hatte einen Schild auf den Rücken geschnallt. Ihr wichtigstes Erkennungssymbol waren jedoch die Ruten und die Axt, die sie bei sich trugen. „Grüß´ dich, Hjalmar“, sagte Larania zu einem Mann, der im Gegensatz zu den meisten der wartenden Männer und Frauen recht feingliedrig wirkte. Er hatte kleine schwarze Augen, ein schmales Gesicht und kurze, mit Öl zurück frisierte Haare. Er war ihr Anführer, denn er trug anstatt eines Kettenhemdes einen Kürass und hatte eine Sturmhaube unter den Arm geklemmt. „Kampers“, antwortete der Mann, der mit vollem Namen Hjalmar Gräber hieß, einsilbig. Larania mochte die Aufstands-Unterdrückungs-Abteilung nicht sonderlich. Für sie waren dort nur undisziplinierte Schläger und brutale Halsabschneider, die man mit Macht ausgestattet hatte. Viele hatten Bedenken gehabt, diese Truppe auszuheben und die erhofften Ergebnisse hatte sie auch nicht gebracht. Von der Vorstellung, die teilweise unschönen Zustände in einigen von starker Kriminalität geprägten Vierteln der Stadt so unter Kontrolle zu kriegen, hatten die Anarchis und der Oberbürgermeister sich letztlich dann verabschieden müssen. Auch mit der A.U.A. war keine spürbare Verbesserung der Verhältnisse eingetreten. Allerdings hatte es sich in den letzten Wochen als Vorteilhaft erwiesen, auch auf diese Schlägertruppe zugreifen zu können, um das Stadtviertel der Halblinge komplett von allen Ressourcen abzuschneiden. „Irgendwelche Auffälligkeiten“, fragte Larania. „Bisher nichts“, antwortete dieser. Sein Gesicht war völlig ausdruckslos. „Ich vermute aber, dass wir mit mehr Aktivität rechnen müssen, wenn wir tiefer in das Viertel eindringen“, sagte er. „Hat noch jemand auf das Ulitmatum reagiert“, fragte Larania. Der Anführer des A.U.A.-Trupps schüttelte den Kopf. Larania sah zu der Barrikade aus Bruchsteinen, schweren Balken und mit Sand gefüllten Weidenkörben am Ende der Straße. Die Anlage schien verlassen. Nur ein Rabe saß dort auf dem Rand eines Korbes und krähte. Hoffentlich war dies kein böses Omen, dachte sie und berührte das Amulett, dass sie um den Hals trug. Sie seufzte kurz auf. „Nun, dann wollen wir mal“, sagte sie dann mit leichtem Bedauern und zog ihr Schwert. Der Anführer der A.U.A.-Abteilung setzte sich seine Sturmhaube auf und sah zu einem finster dreinblickenden Mann, dem schon einige Vorderzähne fehlten. Dieser grinste hässlich. „Leute, fertig machen, gleich ist es soweit.“ Die Männer und Frauen der A.U.A. zogen ihre Äxte und schnallten sich die Schilder vom Rücken. Larania gab ihren Leuten ebenfalls ein Zeichen sich bereit zu machen. Sie musste schwer schlucken und sah zu Quintus auf, der wie ein Turm der Stärke hinter ihr stand. Dann rückten sie vor.
In den nächsten Tagen lag eine schwarze Rauchwolke über der Stadt Blutgard und das Blut der Toten ergoss in Bächen auf das Pflaster.