Er tänzelte freudig die breite steinere Treppe hoch, die sich an der Bergflanke zum Alten Theater hinauf wand. Dort wollte er sich in dieser Nacht mit seiner Geliebten treffen. Es wäre das erste Mal zu so später Stunde. Von den obersten Stufen der Ränge hätte man einen Blick auf die Altstadt, deren Fackeln und Kerzen wie Bernstein in der Finsternis glänzten. Außerdem würden die Stufen ebenso ein schönes Lager unter dem Sternenhimmel abgeben. Seine Geliebte hatte ihm ja heute Nachmittag auf dem Pferdemarkt verheißungsvoll ins Ohr gehaucht, das es nun an der Zeit sei. Natürlich wußte er, was das bedeutete. Er hatte sich gewaschen und die Wangen rasiert, obwohl ihn das spätestens morgen dem Spott seiner Altersgenossen aussetzen würde. Dann hatte er seine Tunika ohne Löcher übergezogen und war aus dem Haus geschlichen. In der Stadt war solch ein intimes Treffen unmöglich. Wenn ihre oder seine Familie herausbekämen, dass die beiden jüngsten Sprosse sich heimlich trafen, um es miteinander zu tun, mochte er sich gar nicht vorstellen, was dann geschähe. Aber es würde sicherlich Zeter und Mordio geschrien und die Dolche gewetzt werden. Also hatte er darauf geachtet, nicht zu sehr aufzufallen, als er aus der Stadt ging.
Er sah seine Geliebte in dem Tordurchgang stehen, der seitlich in das Gebäude führt. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und schien irgendetwas anzusehen. Leise rief er ihren Namen, doch sie reagierte nicht. Er rief sie noch einmal. Sie reagierte wieder nicht. Dann war er neben ihr und er konnte sehen, was sie sah. Ein Schauer lief ihm den Rücken herab. Gebannt starte er auf das Podium. Dort waren einige Gestalten, die leuchtende Auren umgaben. Sie schienen zu schweben. Oder spielten seine Augen ihm einen Streich, denn er konnte eindeutig Beine sehen, die sie benutzten, als würden sie laufen. Er fuhr sich über die Augen.Versuchte sich zusammenzureißen, um nicht in Panik zu geraten, doch Grauen erfüllte sein Herz. Waren Wesen dort durchsichtig? Konnte er wirklich durch ihre Körper hindurch die Wände mit den Reliefs dahinter sehen? Ein Wispern drang an sein Ohr. War da eine Stimme zu hören? Oder war das lediglich der Wind, der über die großen Stufen strich und sich in den Mauern des Gebäudes auf dem Podium fing? Er sah zur Seite. Seine Geliebte stand mit mit vor Schreck verzerrtem Gesicht da und starrte auf die Szenerie. Das Wispern wurde zu einem lauten Flüstern. Dann war auch eindeutig Lachen zu hören. Sein Blick fiel auf die Ränge. Dort saßen weitere leuchtende, durchsichtige Gestalten in langen Gewändern. Und weitere kamen hinzu. Grüßten einander, setzten sich. Sie unterhielten ich, kicherten und scherzten. Ein älterer Mann hatte sich zu einer Frau mit turmhoher Lockenfrisur vorgebeugt, die sich mit einem Fächer scheinbar Luft zu wedelte. Der Fächer hinterließ eine kräuselnde Spur aus einem durchscheinenden Nebel. Er ließ den Blick ringsum über die Sitzstufen kreisen. Überall erschienen nun die leuchtenden Gestalten. Und es wurden immer mehr. Die Ränge glühten förmlich und die Stimmen wurden immer lauter, schwollen an. Jetzt erst schien seine Geliebte ihn bemerkt zu haben. "Ich will hier weg", sagt sie mit leiser, angsterfüllter Stimme. Ihre Lippen zitterten. "Ja", antwortet er einsilbig. "Ich auch." Ihm schauderte nicht minder.
Beide drehten sich um und wollten sich bei der Hand nehmen. Gemeinsam flüchten von diesem grauenvollen Ort. Aber eine Gestalt in dem dunklen Gang, der aus dem Gebäude herausführte, versperrte ihnen den Weg. Sie glomm wie ein Elmsfeuer und trug trotzdem ein Gewand, das eine Schulter frei ließ und eine ähnliche Maske, wie sie hier überall auf den Bildern zu sehen waren. Die Fratze auf der Larve hatte den Mund aufgerissen und bleckte die breite Zunge. Hinter den Augenhöhlen der Maske konnte man die geisterhaften Augen der leuchten Gestalt sehen. Sie kam auf die beiden zu. Dahinter folgte eine ganze Prozession von maskierten Leuchtwesen. Ihm und seiner Geliebten entfuhr gleichzeitig ein spitzer kurzer Schrei des Entsetzens, als die Gestalt sie erreicht hatte und wie Nebel um sie beide herum und hindurch floß. Dabei hinterließ sie Nebelfänden, die sich an den Falten ihrer wollenen Gewänder festsetzten und dann kräuselnd auflösten. Die leuchtende Gestalt schien die ungeladenen Besucher nicht bemerkt zu haben. Diese drückten sich nun angsterfüllt an eine Wand des Durchgangs, nahmen sich zitternd bei der Hand und ließen die anderen Teilnehmer des geisterhaften Zuges passieren. Keinesfalls wollten sie nochmals mit einer solchen Gestalt in Berührung kommen. Auch wenn sie bis auf einen kalten Windhauch nichts gespürrt hatten, erfüllte sie alleine der Gandenke daran mit Grauen.
Sie hatten ihre Mäntel fest um die Schultern geschlungen, als sie die Treppen auf dem windigen Berghang herabstiegen. Obwohl es dunkel war, der Mond war heute Nacht ledigliche eine schmale Sichel, rannten sie fast. Das Lachen, das sie vorhin ganz sicher gehört hatten, schluckte der Wind. Ebenso das Schluchzen, das sie beide nun von sich gaben, da sie diesem gespenstischem Ort entkommen waren, der hinter ihnen in der Dunkelheit leuchtete. Mit Tränen in den Augen, sah er noch einmal über die Schulter zurück und wäre dabei fast gestolpert. Er wischte sich die Tränen weg und sah die obersten Ränge langsam über sich verschwinden und mit ihnen das unheimliche Glühen.