„Diese abgeranzte Bruchbude sieht so aus, als könnte sie jeden Moment einstürzen, aber bei diesem Dreckswetter habe ich wohl keine andere Wahl“, dachte sich Nandor während ihm der eisige Regen in den Nacken peitschte. Er öffnete die Tür und betrat das Haus. Im Inneren herrschte schummriges Zwielicht, und so dauerte es eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Das Haus war früher wohl eine Gaststätte gewesen, in der ehemaligen Schankstube befanden sich noch Überreste der damaligen Einrichtung, die zurückgelassenen Möbel rotteten langsam vor sich hin. Auf einer Bank im hinteren Teil des Raums konnte Nandor einen Haufen alter Lumpen erkennen. Auf den zweiten Blick kam ihm dieser Haufen allerdings merkwürdig bekannt vor...
„Duran, du alter Dichtling! Was machst du denn hier?“, fragte er und verpasste diesem eine freundschaftliche Faust auf die Schulter.
Der Lumpenhaufen schreckte hoch. „Was? Wer bin ich? Wo bin ich? Das Einhorn, wo ist es?“ Duran hatte es offensichtlich wieder einmal mit dem Rauchkraut komplett übertrieben.
„Das wollte ich dich grad fragen, wo sind wir hier? In das Loch hier verirrt sich doch kein Schwanz!“
„Hehe“, lachte Duran und grinste verschmitzt, „ noch nicht, aber ich hab da schon eine Idee!“ Duran kratzte sich am Kopf und legte seine Stirn in grüblerische Falten. „Oh warte mal, mir fällt da grade was ein, ich muss dir was zeigen, da wirst du Augen machen!“
Duran führte Nandor aus der dunklen Wirtsstube hinaus in den Regen, der mit unverminderter Gewalt auf den Boden trommelte. Neben dem Haus befand sich ein etwas größeres Gebäude, das von außen betrachtet ein bisschen wie die Miniaturausgabe einer Domkirche aussah.
Duran steuerte zielstrebig das große Haupttor an. Es war aus massivem Holz, verziert mit schmiedeeisernen Einlagen. Zu beiden Seiten des Eingangs befanden sich hoch aufragende, mit Moos überwucherte Marmorsäulen. Über das Tor spannte sich eine leicht verblichene Wandmalerei, die ein paar Meerjungfrauen und andere Fabelwesen zeigte.
„Guck mal, der Stiermensch da rechts sieht aus wie Leif, wenn er einen über den Durst getrunken hat“, bemerkte Duran schelmisch.
Nandor gab ihm lachend recht und sie traten ein. Duran hatte nicht übertrieben, Nandor kam im ersten Moment aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
Die Dachkuppel spannte sich so hoch über ihnen auf, dass man den Kopf in den Nacken legen musste, um die Decke zu sehen. Vor ihnen erstreckte sich ein weitläufiger Raum, der üppig verziert war mit kunstvollen Deckenmalereien, der Fußboden war gefliest mit Marmorplatten verschiedenster Farben. In der Mitte befanden sich die Überreste eines Springbrunnens, umrahmt von mehreren Wasserbecken unterschiedlicher Größe. Dem Anschein nach hatte das Gebäude früher als Therme gedient. Der ganze Ort war umgeben von einer Aura der Pracht, man konnte förmlich spüren, wie prunkvoll es hier früher ausgesehen haben musste.
„So, genug gestaunt“, sagte Duran und revanchierte sich für den Fauststoß von vorhin mit einem Tritt ans Schienbein, wodurch Nandor aus seiner Erstarrung gerissen wurde.
„Au! Spinnst du?“ Nandor hüpfte auf einem Bein, während er sein schmerzendes Schienbein hielt. Duran lachte meckernd und lief auf den Springbrunnen zu.
Nandor nahm die Verfolgung auf und jagte ihm hinterher. Als Duran zur hinteren Wand spurtete, rutschte er plötzlich aus dem feuchten Boden aus und krachte auf einen am Boden liegenden Bretterverschlag. Allerdings war dieser im Laufe der Zeit anscheinend morsch geworden. Das Holz brach unter dem Aufprall zusammen und Duran wurde vom Erdboden verschluckt. Nandor hörte einen kurzen Aufschrei bevor sein Freund nicht mehr zu sehen war.
„Duran? Ist alles in Ordnung?“ Nandor spähte in das Loch, das sich vor ihm auftat. Etwa einen Meter unter ihm saß Duran auf seinem Hosenboden und guckte ein bisschen verdutzt drein.
„Schon gut, ich hab die Situation unter Kontrolle“, sagte er und rappelte sich auf.
Eine Treppe wand sich abwärts in die Dunkelheit. Nandor entzündete eine Fackel und sie stiegen hinab in den Untergrund. Der Treppenabsatz mündete in einen muffigen, unterirdischen Tunnel...
(Benedikt Lidl, April 2022)