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Die Orgel in der Waalse Kerk zu Amsterdam

Die Orgel in der Waalse Kerk zu Amsterdam (II)

Ibo Ortgies


Der Orgelbauer
Über das Leben des Orgelbauers Christian Müller (1690-1763) weiß man heute nur wenig mehr als die im Zusammenhang mit seinen Orgelbauten stehenden Daten. Müller wurde am 4. Februar 1690 in St. Andreasberg im Harz geboren. Wo er zum Orgelbauer ausgebildet wurde bzw. wo er seine Gesellenjahre bis 1718 verbrachte, ist ungewiss. In diesem Jahr findet man ihn jedenfalls als Meistergesellen in Amsterdam, wo er schließlich 1720 ,als selbständiger Orgelbauer nachgewiesen werden kann.

Er erhielt bald größere Aufträge zur Erweiterung und zum Umbau bestehender Orgeln. Sein Ruf drang über die Grenzen der Region hinaus, und er wurde Ende der zwanzigerJahre mit einigen Orgelneubauten in der niederländischen Provinz Friesland (u. a. Leeuwaarden, Grote Kerk, 1727) betraut. Infolge harter Konkurrenz blieb es für längere Zeit jedoch bei relativ kleinen Arbeiten. Erst 1733-1734 konnte er dann mit dem Orgelneubau in das bestehende Gehäuse der 1680 erbauten Orgel der Waalse Kerk in Amsterdam einen lukrativen Auftrag an sich ziehen. Diesem folgte 1735-1738 der Neubau der berühmten großen Orgel (60 Register) in St. Bavo zu Haarlem.

Aufgrund des wirtschaftlichen Rückgangs in den Niederlanden konnte Müller an diese Erfolge jedoch nicht anknüpfen. In den drei Jahrzehnten bis zu seinem Tode erhielt er nur wenige Neubauaufträge für kleinere Imtmmente.

Trotz der ökonomisch schwierigen Situation scheint Müller ein gefragter Lehrherr gewesen zu sein. Orgelbauer der folgenden Generation, die z. T bedeutende Vertreter ihres Faches waren, erhielten bei ihm ihre Ausbildung oder arbeiteten als Gesellen für ihn; darunter Müllers eigener Sohn Pieter, der u. a. 1773 die Orgel in der Lutherischen Kirche in Hoorn erbaute. Zwei weitere Verwandte Müllers waren ebenfalls als Orgelbauer tätig: sein Bruder Andreas Christian Müller von dem bekannt ist, daß er um 1722 in der Region um s'Hertogenbosch arbeitete, und sein Neffe Johann Caspar Müller. Am 8. März 1763 wurde Christian Müller in der Alten Lutherischen Kirche in Amsterdam beerdigt. Neben den bereits genannten Orgeln in Amsterdam (Waalse Kerk) und Haarlem (St. Bavo) stehen heute noch mehr oder minder gut erhaltene Instrumente von ihm in Beverwijk (1757) und Alkmaar (Kapelkerk, 1762 gemeinsam mit Sohn Pieter gebaut.


Das Instrument
Die Waalse Kerk wurde im 15. Jh. als Kapelle eines Klosters der Paulusbrüder gebaut. 1586 erhielten protestantische Flüchtlinge aus Frankreich und dem französischsprachigen Gebiet des heutigen Belgien (Wallonen = ndl. Walen) diese Kapelle zu ihrem Gebrauch. Die Kapelle mußte infolge des Zuwachses an Flüchtlingen bald erweitert werden. Noch heute feiert die Gemeinde ihre Gottesdienste in französischer Sprache, auch wenn die Mehrzahl der Gemeinde aus Niederländern besteht.

Müller erhielt den Auftrag zum Orgelneubau, nachdem er die Vorgängerorgel bereits einige Jahre in Pflege hatte. Er übernahm das alte Gehäuse, wobei er wegen des Einbaus des Prestant 16' die alte Prospekteinteilung ändern mußte. Über die genaue Disposition der Orgel von 1680 liegen keine Angaben vor. Einigermaßen sicher scheint zu sein, daß sie kein Pedal besaß. Daher mußte Müller das neu anzufertigende Pedal hinter dem Hauptgehäuse aufstellen. Hierbei wendete er einen ungewöhnlichen akustischen Kunstgriff an: Er brachte auf dem Gehäuse des Pedals eine bewegliche Klappe an, die mittels eines Seilzuges zu öffnen war. Dadurch war es möglich, das Pedal deutlicher hören zu lassen. Müllers einfallsreiche Vorrichtung ist während der Restaurierungsarbeiten 1964-1965 entdeckt und wiederhergestellt worden. Nach den einschneidenden Veränderungen, insbesondere durch die Arbeiten am Ende des 19. Jahrhunderts, brachte die Restaurierung durch Jürgen Ahrend und Gerhard Bmnzema 1964-1965 (Orgelsachverständiger war u. a. der damalige Organist an der Waalse Kerk Gustav Leonhardt die glanzvolle Wiederherstellung der Orgel.

Die Orgel in der Waalse Kerk zu Amsterdam gilt heute als eines der schönsten Beispiele für einen Orgelbaustil, der in fruchtbarer Weise norddeutsche, mitteldeutsche und niederländische Traditionen vereint.


Chronologie

1680
Lieferung einer neuen Orgel, wahrscheinlich von Nicolaas Langlez (Gent). Bereits bald nach dem Neubau sind Reparaturen notwendig.

1702
Foliierung und Vergoldung der Prospektpfeifen durch Gerard van Giessen

1706
Umstimmung (?) durch Gerard van Giessen

1710
Erneuerung der Bälge

1722
Beginn der Wartungsarbeiten durch Christian Müller (Amsterdam)

1733-1734
Einbau eines neuen Orgelwerks in das bestehende Gehäuse durch Christian Müller

1777-1843
Gelegentliche Reparaturen

1891
Einschneidende Arbeiten durch die Orgelbau-Firma van Dam: Erniedrigung der Tonhöhe, Austausch alter Register gegen neue, Stillegung der Verdopplungen im Diskant

1898
Austausch der alten Bälge durch van
Dam

1964-1965
Grundlegende Restaurierung durch die Werkstatt Ahrend & Brunzema: Herstellung der Disposition Müllers, Restaurierung des Pfeifenwerks und der Windladen, Zurücksetzen auf die alte Tonhöhe, neue Klaviaturen und Abstrakturen nach Müllerschem Vorbild, 2 neue Spanbälge, neue Flügeltüren

1992
Intonationskorrekturen durch Jürgen Ahrend und Henk van Eeken
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