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Die Orgel in der Reformierten Kirche zu Uttum

Die Orgel in der Reformierten Kirche zu Uttum

Die Orgel in der reformierten Kirche (ehemalige Propsteikirche St. Paulus) in Uttum, einem kleinen Dorf in der zwischen den Küstenstädten Emden und Norden gelegenen Landschaft »Krummhörn«, gehört zu den Kleinodien der Orgellandschaft Ostfriesland. Mit den Orgeln in Rysum, Emden-Larrelt und Westerhusen gehört sie zu den frühesten noch erhaltenen Orgeln der Region.

Die bereits seit langem als niederländisch erkannte Bauweise der Uttumer Orgel hat in Gestalt einer neuen Hypothese des Musikwissenschaftlers Ralph Nickles auch geschichtliche Unterstützung erfahren. Nickles hält es für möglich, daß die Gebrüder Slegel das Pfeifenwerk dieses Instrumentes im Rahmen des Orgelbaus in einer benachbarten Klosterkirche verfertigten. Dies würde die Herkunft einiger Besonderheiten dieser Orgel erklären helfen. Die Trompete 8' z. B.
wird mit ihren Bleiköpfen und offenen Kehlen für den ältesten noch erhaltenen Bestand einer altniederiändischen Trompete angesehen.Die beschränkte Registerauswahi für die Einspielung erfolgte grundsätzlich in Anlehnung an die Ressourcen der oben beschriebenen Orgel, an welcher Tomkins spielte. Eine Ausnahme macht die Mixtur, die aufgrund ihrer Zusammensetzung auch für polyphone Strukturen sehr gut geeignet ist.

Mit ihren »singenden« Principalen, die ein vokales Ideal der Renaissance vertreten, erweist sich die Orgel in Uttum in ausgezeichneter Weise als geeignet für die hier präsentierte Auswahl aus den Werken Tomkins.

In Uttum ist noch zu hören, was Michael Praetorius 1619 im zweiten Band der Syntagma Musicum, der Organographia, im Zusammenhang mit der Praxis der Motettenbegleitung und Intavolierung über den Principal 8' schreibt: »Dieser Corpus grösse oder 8. füssiger Thon / ist der allerlieblichste / auch der Menschen Stimme / und aller vornembsten Instrumenten ehnlichster Aequal Thon ...«


Disposition:
Die originalen Registerbezeichnungen lauten, jeweils zu beiden Seiten des Spieltischs bzw. der Klaviatur:

links
PRAEST: 8 VOET
GEDACT. 8 VOET
QUINTAD. 8 VOET
MIXTUR. 4 STIM.
TROMPET. 8 VOET
NOLE ME TANGERE

rechts
QUINTAD: 16 VOET
OCTAAF 4 VOET
OCTAAF. 2 VOET
SESQUIALT. 2 VOET
TREMULANT
SPERVENTÜL

In heutiger Schreibung und der üblichen Anordnung:

Nr. RegisterFußtonlage/
Chörigkeit
Abkürzung
1.Praestant8P8
2.Quintadena16
3.Gedackt8G8
4.Quintadena8Qd8
5.Octave4O4
6.Octave2
7.Sesquialtera2fach 
8.Mixtur3-4fachMix
9.Trompete8 


Fast das gesamte Pfeifenmaterial ist alt. Bei der Restaurierung 1957 von Ahrend & Brunzema wurden neu verfertigt:
  • die tiefsten 6 Pfeifen (C-A) des Praestanten 8'
  • die gesamte Sesquialtera 2 fach
  • der vierte Chor der Mixtur
  • die Kehlen der untersten Oktave und die Zungenblöcke der Trompete 8'

Manualumfang: CDEFGA-c"' (sog. »kurze Oktave«)
kein Pedal
Tremulant
Zwei Zimbelsterne
Calcantenglocke
Sperrventil

Windlade: Ahrend & Brunzema

Windanlage: 3 Bälge und Kanäle (original)
Spieltraktur: Ahrend & Brunzema;
Altes Wellenbrett

Tonhöhe: 1/2 Ton über a'=440 hz

Winddruck: 78 mm/WS

Mitteltönige Stimmung (geringfügig modifiziert):
Die 9 Quinten über B, F, C, G, D, A, E, H und F# sind jeweils um 1/4-syntonisches Komma kleiner als rein,
  • die 2 Quinten über C# und Es sind rein,
  • der Quinten-»Wolf« über G# ist dadurch ein wenig gemildert.


Über dem Spieltisch befindet sich ein Engelskopf mit der darunter befindlichen Inschrift: MATTHIAS ENNEN LUDIMAGISTER


Wesentliche Daten zur Geschichte des Instruments (Angaben nach Ralph Nickles: Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Bremen, 1995):

1549 (?): Orgelbau durch Gebrüder Siegel, eventuell für das nahegelegene Kloster Sielmönken

um 1660: Um- und teilweise Neubau durch unbekannte/n Orgelbauer; möglicherweise als Stiftung des Jobst Moritz von Hahne (1613-1672), Häuptling zu Leer und Uttum, 1649 Präsident der Ostfriesischen Landschaft, 1670-1672 Hofgerichtsassesor

1716: Anbringen der Flügeltüren (Stiftung des Barons von Westendorph)

18. Jh.: diverse kleinere Reparaturen

1827-8: Reparatur, Umsetzung und Umstimmung (gleichstufige Temperatur) durch den Orgelbauer A. Rohlfs

im 19. Jh.: Die Sesquialtera wird zu einer Flöte 4' umgestellt.

vor 1925/6: Die tiefsten 6 Pfeifen des Principal 8' werden ersetzt.

1937: Durch Umhängen der Traktur wird die Orgel um einen Halbton tiefer »gestimmt« (dadurch fehlte in allen Registern der Ton C).

1952: Durch ein Mißverständnis (!) wircl die Sesquialtera eingeschmolzen.

1957: Restaurierung durch Ahrend & Brunzema, Leer-Loga


Ibo Ortgies
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