Vorwort:
Im folgenden wird die Entstehungsgeschichte der AWG Großhain-Kleinhain-Angern anhand markanter Ereignisse beschrieben. Tatsächlich können hier nicht alle Aktivitäten, die in Summe letztendlich zum erfolgreichen Abschluß dieses Projekts geführt haben, angeführt werden, denn dafür würde der (kostenlos) zur Verfügung stehende Speicherplatz nicht ausreichen ...
Die "Kanalsituation" in der Gemeinde Obritzberg-Rust kann mit einer kleinen Geschichte verdeutlich werden:
Bei der Bauverhandlung im Mai 1992 wurde ich als Bauwerber von Franz Gamsjäger, dem damaligen Bürgermeister der Gemeinde Obritzberg-Rust, gefragt, wieso denn auf dem Einreichplan eine "Senkgrube" eingezeichnet ist. O-Ton Bürgermeister: "Bist du in das Haus einziehst ist der Kanal schon lange fertig "... Keine Ahnung wie lange der Bürgermeister die Bauzeit einschätzte, aber beim Bezug des Hauses im Mai 1994 war vom angekündigten Kanal noch immer nichts zu sehen ...
Nachfolgend ist die Abfolge der Ereignisse, von der Idee bis zur fertigen Kläranlage & Kanalnetz & Pumpstation, in zeitlicher Abfolge beschrieben. Als Basis diente das AWG-Tagebuch, das ich als provisorischer Schriftführer von der ersten Sitzung an bis Ende 2004 geführt habe und das danach von meinem Nachfolger als Schriftführer, Erich Schabasser (siehe auch Danksagung), weitergeführt wurde.
2003:
In den meisten Katastralgemeinden der Gemeinde Obritzberg-Rust gibt es keine öffentliche Abwasserentsorgung. Trotz jahrelanger, umfangreicher und kostspieliger Planungen für eine gemeindeweite Abwasserentsorgung gibt es keine Aussicht auf deren Realisierung. Mittlerweile übt die Wasserrechtsbehörde nicht nur Druck auf die Gemeinde aus, sondern es werden auch Liegenschaftseigentümer, die keinen Nachweis für die Entsorgung ihrer Abwässer nach dem Bodenschutzgesetz erbringen können, mit Anzeigen bedroht. Von seiten der Gemeinde wird zu diesem Zeitpunkt noch immer keine Lösung angeboten …
(Anm.: zwischenzeitlich gibt es eine "Gemeindelösung" die Großteils bereits realisiert und in Betrieb ist)
2004-02-12:
Im Heurigenlokal Leopold Gamsjäger in Zagging findet eine Informationsveranstaltung zum Thema „Kanalbau“ statt. Der LAbg.a.D. Franz Marchart stellt als mögliche Alternative für die sich hinschleppende „Gemeindelösung“ eine „Genossenschaftslösung“ zur Diskussion. Erfahrungswerte von der bereits existierenden Abwassergenossenschaft Kleingöpfritz präsentiert der an diesem Abend ebenfalls anwesende LAbg. Gottfried Waldhäusl der auch Vorsitzender dieser Abwassergenossenschaft ist. Anm.: Die Stimmung bei dieser Versammlung ist sehr emotional …
2004-02-25:
In Heurigenlokal Korntheuer in Großhain findet eine Versammlung der Liegenschaftsbesitzer von Großhain, Kleinhain und Angern statt. Diese Versammlung wird von einer kleinen Gruppe von Liegenschaftsbesitzern organisiert die eine Genossenschaftslösung anstreben. Ziel dieser Versammlung ist es herauszufinden, ob von den Liegenschaftseigentümern grundsätzlich eine Bereitschaft für die Gründung einer Abwasser-Genossenschaft (AWG) besteht.
2004/März:
Sehr viele abendliche (teilweise bis weit nach Mitternacht dauernde) Treffen interessierter Liegenschaftsbesitzer in den Häusern von Josef Lehner, Rudolf Schweitzer, Ing. Alois Schuster und Ing. Erich Döller bei denen die Satzung (=Statuten) ausgearbeitet werden.
2004-03-02:
Am Abend dieses Tages wird bei einer Versammlung im Haus von Rudi Schweitzer vom „Proponentenkomitee“ die Gründung der „Abwassergenossenschaft Großhain, Kleinhain, Angern“ beschlossen und die Gründungsanzeige an die BH St.Pölten übermittelt. Die Gründungsanzeige ist für die weitere Vorgehensweise unbedingt erforderlich.
Das Proponentenkomittee besteht aus:
Josef & Christa Lehner
Rudolf & Gertrude Schweitzer
Ernst & Silvia Spindler
Erich Döller
Reinhard Gerstl
Andreas Siebenhandl
2004-03-08:
Es findet eine Versammlung der AWGHAIN im Gemeindehaus Obritzberg statt.
2004-04-05:
Tagsüber findet ein Treffen zwischen Hrn.Preiss von der Plattform Abwasser und Vertretern der Landesregierung wegen möglicher Förderzusagen statt. Die Ergebnisse werden um 20:00 beim Stöger-Wirt in Großrust verlautbart.
2004-05-17:
In einem Bescheid von der BH-St.Pölten wird die freie Vereinbarung, mit der die Abwassergenossenschaft Großhain, Kleinhain und Angern gebildet wird, anerkannt. Mit diesem Bescheid erlangt die AWGHAIN „Rechtspersönlichkeit als Körperschaft öffentlichen Rechts“.
2004/Sommer:
Sommerpause, ein informelles Treffen mit Johann Schadinger der in Diendorf ebenfalls die Gründung einer Abwassergenossenschaft plant (Anm: Die AWG Diendorf wird dann auch realisiert).
2004-10-11:
AWGHAIN-Informationsveranstaltung im Heurigenlokal Korntheuer zur Vorbereitung der geplanten Gründungssitzung.
2004-10-18:
AWGHAIN-Gründungssitzung im Heurigenlokal Korntheuer. Die Auszählung der bis 20:00 abgegebenen Beitrittserklärungen ergab das 87 Liegenschaftseigentümer von Großhain, Kleinhain und Angern der AWGHAIN beigetreten sind. Der von den AWGHAIN-Gründungsmitgliedern geforderte Mindestprozentsatz von 90% wurde damit erreicht. Danach wird von der Mitgliederversammlung erstmals der Genossenschaftsausschuß, die Rechnungsprüfer und die Mitglieder der Schlichtungsstelle gewählt!
2005-06-17:
Mitgliederversammlung im Heurigenlokal Redlinghofer. Information und Abstimmung für den Planungsbeginn. Der Planungsauftrag wird an die Fa.Steinbacher&Steinbacher vergeben.
2005/Juli:
Sitzung bei Erich Schabasser, Planungsunterschrift, Hausbegehung, weitere Vorgangsweise, neue Statuten, etc. An 4 Tagen Hausbegehungen mit Ing.Steinbacher für die Planung (begleitet von den AWG-Mitgliedern Ernst Spindler, Karl Mentil und Erich Schabasser).
2005/September:
Digitale Vermessung durch Fa.Steinbacher.
2005/November:
Besprechung mit wegen Statutenänderung, Kreditbesprechnung mit Raika St. Pölten, Planungsbesprechung mit der Fa.Steinbacher, Planungsbesprechung mit BGM und Fa.Radlegger.
2005-12-07:
Planungsbesprechung mit Fa.Steinbacher und Johann Schadinger (event. Anschluss Diendorf). Ausschreibungsvergabe an Fa.Steinbacher und div. Gespäche über die weitere Vorgangsweise,
2006/Jänner:
Sitzung im Gemeindeamt Obritzberg bzgl. EVN-, Telekom und Straßenlicht-Einbindung bei den Kanalarbeiten. Auftrag für Probegrabungen für die Ausschreibung. Auftrag für Sicherheits- und Gesundheitsplan. Auftrag für die Einholung von Offerten für eine Bauherrenversicherung.
2006/Februar:
4 Probegrabungen durch die Fa. Jägerbau als Basis für die Ausschreibung Kanalbau. Besprechung betr. Klärschlammentsorgung mit Fa.Rennhofer. Besprechung mit Landes-Straßenmeisterei betr. die Straßenwiederherstellung nach Kanalverlegung in den Landesstraßen.
2006/März:
Ausschreibungsöffnung Kanalbau im Gemeindeamt Obritzberg-Rust (21 Firmen haben die Unterlagen behoben, 10 haben angeboten). Erweiterte Ausschuss-Sitzung im Heurigenlokal Redlinghofer: Vorbereitung und Besprechung der Sitzungsunterlagen für die Mitgliederversammlung am 7.April.
2006-04-07:
Mitgliederversammlung im Heurigenlokal Redlinghofer: Erläuterung der Angebote für den Kanalbau durch Hrn.Steinbacher. Alle Abstimmungen werden angenommen => Baubeginn im Juni 2006!
2006-04-19:
Wasserrechtsverhandlung.
2006-04-26:
Probebohrung für geologisches Gutachten.
2006-05-30:
Ausschreibungsöffnung für den Bau der Kläranlage. Die Fa.Jägerbau ist Billigstbieter => mündliche Vergabe an die Fa.Jägerbau. Die Fa.Steinbacher erhält den Auftrag Bauaufsicht. Offizielle Aufträge erfolgen erst nach dem Wasserrechtsbescheid. Einleitung der Verhandlung mit Josef Braun für den Grundstückskauf für die Kläranlage. Hausbegehungen mit Hrn.Steinbacher zur Flächenaufnahme bis 10.6.2006 (Begleitet von Erich Schabasser und Karl Mentil).
2006-06-06:
Erteilung der wasserrechtlichen Bewilligung für die Errichtung und den Betrieb einer Kläranlage auf GSt. Nr.387 (KG Hain).
2006-06-21:
Auftragsvergabe Kläranlagenbau an die Fa.Jägerbau und Vergabe der Bauaufsicht an die Fa.Steinbacher. Beschluss: Aufhebung der Ausschreibung Kläranlage und Weiterführung im Verhandlungsverfahren. Weitere Themen: Ergebnis der Flächenaufnahme, Grundkauf für die Kläranlage, Klärwärter, Klärschlammentsorgung, Kreditaufnahme, Förderansuchen, Servitutsrecht Pfarrhof, etc...
2006-06-26:
Vorstandsbeschluß bzgl. vorläufige Einheitssatz-Erhöhung um 5% wegen Reduzierung der Berechnungsfläche von 41000 auf 39000 m². Besprechung am Gemeindeamt Obritzberg über eine Förderung und die Regenwasserkanäle, (Gebühr kommt!). Besprechung mit Fa.Schubert bzgl. Vermessung des Grundstücks für die Kläranlage.
2006-06-30:
Abschluß des Kreditvertrags bei der Raika über € 245000,-
2006-08-10:
Abschluss Grundstückskauf von Fam.Braun (vorläufig 2218 m²). Endgültige Vermessung nach Fertigstellung der Kläranlage, dann Eintrag in das Grundbuch durch Fa.Schubert.
2006-08-17:
Baubeginn Kanalnetz!
2006-09-01:
Eröffnung der Ausschreibung für den Bau der Kläranlage im Verhandlungsverfahren im Gemeindeamt Obritzberg. Angebot der Fa.Jägerbau: € 388000,- Angebot Fa.Schiller: € 373600,-. Hr.Steinbacher verlangt schriftliches Angebot von beiden Firmen über einen endgültigen Pauschalpreis bis Ende nächster Woche.
2006-09-23:
Gespräch mit LR Plank anlässlich der Manifestunterzeichnung Klimabündnisgemeinde betr. eine „Sonderunterstützung“ da die AWG Großhain, Kleinhain & Angern keine Landesförderung erhalten wird! Grund lt. Vertretern der Landesregierung: der "Förderanteil" der KG Hain wurde bereits in den Abwasserverband Traisental investiert ...
2006-09-27:
Vergabe des Auftrags „Kamerabefahrung und Druckprobe“ an den Bestbieter Fa. Bär um ca. € 12000,- netto für das gesamte Kanalnetz und Schächte. Festlegung dass zur Kläranlage keine Telefonleitung gelegt wird (Alarmierung erfolgt über GSM-Modem, ev. Internet später über ein drahtloses System).
2006-10-09:
Auftragsvergabe für den Bau der Kläranlage an die Fa.Jägerbau (Pauschalpreis € 368500,-)
2006-10-30:
Bauansuchen für die Kläranlage bei der Gemeinde gestellt. Ansuchen an die EVN für Anschluss der Kläranlage an das Stromnetz gestellt.
2006-11-06:
Baubeginn Kläranlage!
2007-05-14:
Start des Probebetriebes! Es können bereits alle Liegenschaften außer der "Kindergartensiedlung" und der „Redlinghofersiedlung“ einleiten (das dauert vermutlich noch bis Ende Mai). Der Probebetrieb ist für 12 Wochen anberaumt.
2007-07-03:
Ende der Bauphase für Kanal, Kläranlage & Pumpstation!
2007-08-15:
Offizielle Eröffnungsfeier der Kläranlage und des Kanalnetzes im Festzelt der FF-Hain (die Feier findet im Rahmen des FF-Festes statt).
2007-08-18:
Tag der offenen Tür im Klärhaus!
2008-01-09:
Besuch von LR Plank, Besichtigung der Kläranlage. Neuerlicher Versuch einen Zuschuss vom Land zu bekommen. Auf Grund der Aussagen von LR Plank ist ein Zuschuss in welcher Höhe auch immer, nicht ausgeschlossen (mittlerweile bekanntes Endergebnis: es gibt keinen Zuschuß).
2008-11-13:
Kollaudierung durch die BH St.Pölten am Gemeindeamt Obritzberg.
2009-01-27:
Besprechung am Gemeindeamt Obritzberg mit BGM und VBGM betr. Kanalanschluß bei der WET-Wohnhausanlage in Kleinhain. Ergebnis: Dieses kurze Kanalstück wird von der Gemeinde um den symbolischen Wert von € 100,- an die AWG übertragen. (Anm: WET steht für "Wohnungseigentümer Gemeinnützige Wohnbaugesellschaft")
Die ab diesem Zeitpunkt anfallenden Arbeiten dienen im wesentlichen der Betriebsführung.
2010-01-27:
Wiederwahl des Genossenschaftsausschusses, der Rechungsprüfer und der Schlichtungsstelle.
2012-06-30:
Die letzte Kreditrate von dem am 30.6.2006 mit der Raika abgeschlossenen Kreditvertrag wurde zurückbezahlt. Der ausnützbare Kreditrahmen betrug € 245000,- von denen tatsächlich € 241485,- beansprucht wurden.
Durch Verzögerungen beim Straßenbau, d.h. durch die teilweise noch fehlende Feinasphaltschicht, konnten auch 2012 noch nicht alle Schachtdeckel wie geplant auf Straßenniveau angehoben werden.
2012/September.:
Asphaltierung der Hauseinfahrt der Fam.Schuster in Großhain 11 (Anm.: dort befindet sich die Pumpstation Großhain).
Öffnung von 11 bisher zuasphaltierten Kanalschächten zwecks Kontroll- u. Spülarbeiten.
Nachwort:
Wie wir jetzt wissen ist die AWGHAIN eine Erfolgsgeschichte, aber in der Anfangszeit war ich (und wahrscheinlich auch andere) vom Gelingen dieses Projekts nicht immer überzeugt. Die Voraussetzungen waren zugegebenermaßen auch nicht optimal: Keiner der Initiatoren hatte eine Ahnung wie man ein Kanalsystem und eine Kläranlage plant, der Arbeitsaufwand war nicht einmal grob abzuschätzen, niemand wusste ob wir das wirklich durchhalten würden und trotzdem versuchten wir die Liegenschaftsbesitzer in Richtung Genossenschaftslösung zu "motivieren". Ich denke das diese Situation nicht nur mir so manche Schlafstörung bereitet hat ...
Aber es hat funktioniert, und zwar besser als wir uns das am Anfang vorgestellt hatten. Es gab während des gesamten Projektverlaufs eigentlich keine ernsthaften Krisensituationen, das Duo aus Schriftführer Erich Schabasser und Kassier Karl Mentil hatte alles gut im Griff (siehe auch die Seite "Danksagung"). Das Projekt wurde gut geplant und ausgeführt sodaß bis zum heutigen Tag keine Mängel aufgetreten sind (Anm.: der damalige Geschäftsführer der Fa. Jägerbau, Leopold Pasteiner, lebt in Großhain und ist Mitglied der AWGHAIN).
Zusätzlich zur AWGHAIN wurden zeitnahe Abwassergenossenschaften in den KG Diendorf und KG Zagging gegründet. Diese KG waren vormals Teil der Gemeinde Hain, die am 1.1.1971 mit der Gemeinde Obritzberg-Rust zusammengelegt wurde aber emotional noch immer nicht zusammengewachsen sind. Dieser Umstand erklärt vielleicht auch die große Motivation bei den Genossenschaftsgründungen, die zumindest bei der Abwasserentsorgung Unabhängigkeit von der nicht nur räumlich "fernen" Gemeinde Obritzberg-Rust garantiert.
In der Gemeinde Obritzberg-Rust bestehen folgende Abwassergenossenschaften:
AWG Hain (bestehend aus Großhain, Kleinhain und Angern)
AWG Diendorf
AWG Zagging
AWG Eitzendorf
AWG Kleinrust
Laut Wikipedia-Artikel über die Gemeinde Obritzberg-Rust (siehe Links) mussten diese Genossenschaften die Errichtung ausschließlich aus eigenen Mittel finanzieren und erhielten (als einzige in ganz Österreich!) keinerlei Fördermittel zuerkannt.