Die beliebtesten Vogelspinnen-Gattungen in der Terrarienhaltung – eine quantitative Untersuchung
Die beliebtesten Vogelspinnen-Gattungen in der Terrarienhaltung – eine quantitative Untersuchung
von Tobias J. Hauke & Volker Herzig
Spinnen der Familie Theraphosidae, gemeinhin als Vogelspinnen bekannt, gehören zu den beliebtesten „exotischen“ Haustieren zumindest unter den Wirbellosen. Typischerweise werden Industrieländer, insbesondere in Mitteleuropa, Großbritannien oder Nordamerika als die „Epizentren“ des Hobbies der Vogelspinnenhaltung angesehen. Dank der vereinfachten weltweiten Austauschmöglichkeiten im Internet bzw. den Sozialen Medien wissen wir aber heute, dass es auch anderswo gut organisierte Vogelspinnenhalter-Gemeinschaften gibt – etwa in Lateinamerika, in Südostasien genauso wie in Afrika. Folglich vermuten wir, dass es hunderttausende, womöglich sogar Millionen leidenschaftlicher Vogelspinnenhalter weltweit gibt. Dennoch, die tatsächlichen Ausmaße dieses Hobbies sind noch immer weitestgehend unbekannt.
Abgesehen von der Ungewissheit bei der Gesamtzahl weltweiter Vogelspinnenhalter gab es bis vor kurzem kaum Kenntnis darüber, welche Vogelspinnen-Arten und -Gattungen am häufigsten als Haustiere gehalten werden. Daher möchten wir in dieser Studie zwei erst kürzlich publizierte Forschungsarbeiten vergleichen und diskutieren, welche die Beliebtheit von Vogelspinnen-Gattungen in der Terrarienhaltung untersuchen.
Studie von Shivambu et al. (2020):
Die erste Studie wurde von Shivambu et al. (2020) publiziert und untersuchte das Angebot an Vogelspinnen im Zoohandel in Südafrika. Im Zuge dessen haben die Autoren in Anzeigenportalen im Internet gesucht, Zoofachgeschäfte besucht sowie eine eigene Umfrage durchgeführt, um herauszufinden, welche Vogelspinnen-Arten in Südafrika gehandelt werden und welche davon die beliebtesten sind. Weiterhin wurden von einigen der angebotenen Vogelspinnen auch Proben genommen um mittels DNA-Barcoding herauszufinden, ob ihre taxonomische Identität mit dem Namen übereinstimmt, unter dem sie angeboten wurden. Schließlich haben die Autoren auch das Potential der entsprechenden Vogelspinnen-Arten diskutiert zu invasiven Arten in Südafrika zu werden, falls Exemplare aus der Terrarienhaltung entkommen oder ausgesetzt werden würden.
Insgesamt wurden 3373 Individuen aus 195 verschiedenen Vogelspinnen-Arten zum Verkauf in Südafrika während des Untersuchungszeitraums (zwischen 2015 und 2016) angeboten. Die Beliebtesten darunter waren Tliltocatl albopilosus (199 Exemplare), Tliltocatl vagans (132 Exemplare), Grammostola rosea (120 Exemplare), Nhandu tripepii (103 Exemplare) und Grammostola pulchripes (101 Exemplare).
Wir haben nun die Daten von Shivambu et al. (2020; welche in deren Supporting Information zur Verfügung gestellt wurden) extrahiert und alle Arten-Zählungen zu den entsprechenden Gattungen addiert, um ein Ranking der 30 beliebtesten Vogelspinnen auf Gattungsebene zu erstellen (siehe Tabelle 1). Basierend auf diesem Ranking sind die Top 5 der beliebtesten Vogelspinnen-Gattungen Tliltocatl, Brachypelma, Poecilotheria, Grammostola und Nhandu.
Studie von Hauke & Herzig (2021):
Die zweite Studie wurde von uns selbst publiziert (Hauke & Herzig, 2021). Wir haben insgesamt 354 Biss- und Stich-Unfälle zusammengetragen, welche von Spinnen und Skorpionen verursacht wurden, die als Haustiere im Terrarium gehalten wurden. Dadurch sollten neue Erkenntnisse über die Umstände und Folgen von Vergiftungen durch Spinnentiere abgeleitet werden und es sollte eine Risikobewertung zur Haltung giftiger Spinnentiere im Terrarium durchgeführt werden. Die Häufigkeit der Biss- und Stichunfälle durch entsprechende Spinnentier-Gattungen sollte schließlich auch mit ihrer Verbreitung im Hobby korreliert werden, um herauszufinden, ob gewisse Gattungen über- (z.B. weil diese Spinnentiere besonders beiß-/stechfreudig sind) oder unterrepräsentiert (z.B. weil diese Spinnentiere besonders zurückhaltend beim Beißen/Stechen sind) unter den beißenden/stechenden Spinnentieren sind. Zu diesem Zweck brauchten wir also ein Ranking mit konkreten Zahlenwerten über die Popularität der Vogelspinnen-Gattungen im Hobby. Um eine begründete Abschätzung des benötigten Popularitätsrankings zu bekommen, haben wir auf die große Anzahl von Tier-Ratgebern aus dem Buchhandel, welche die Terrarienhaltung von Vogelspinnen oder allgemein „exotischen“ Tieren thematisieren, zurückgegriffen, da darin i.d.R. spezielle Artenteile enthalten sind, in denen die beliebtesten Arten vorgestellt werden. Aus diesen Büchern haben wir dann die Anzahlen extrahiert wie häufig jede Gattung vorgestellt wurde, um ein Popularitätsranking über die beliebtesten Spinnen- (und auch Skorpion-) Gattungen im Hobby zu erstellen. Die meisten der Autoren dieser Bücher stammten aus Europa (z.B. Deutschland, Frankreich oder Großbritannien) sowie einer aus den USA – insgesamt also eine recht internationale Auswahl. Demzufolge wurden in den verwendeten Ratgebern 69 verschiedene Vogelspinnen-Gattungen erwähnt und die Top 5 der beliebtesten sind Brachypelma, Poecilotheria, Avicularia, Grammostola und Haplopelma (siehe Tabelle 1 für die Top 30).
Tabelle 1: Top 30 der beliebtesten Vogelspinnen-Gattungen in der Terrarienhaltung basierend auf den jeweiligen Daten von Shivambu et al. (2020) und Hauke & Herzig (2021). Gattungen, die in den Top 30 beider Studien auftauchen, wurden in Fettschrift hervorgehoben.
Tabelle: Tobias Hauke & Volker Herzig
Diskussion:
Derzeit gibt es 1030 beschriebene Arten in 154 Gattungen innerhalb der Spinnen-Familie Theraphosidae (WSC, 2022) und ein großer Anteil (wahrscheinlich einige hundert) davon werden in der Terrarienhaltung gehalten. Rankings darüber, welche dieser Gattungen die beliebtesten unter den Terrarienhaltern sind, wurden erst kürzlich im Rahmen zweier verschiedener Studien aufgeklärt. Eine Studie (Hauke & Herzig, 2021) zählte Gattungs-Erwähnungen innerhalb der Artenteile von beliebten Ratgebern für Vogelspinnen- bzw. „Exoten-“ Halter, während eine andere Studie (Shivambu et al., 2020) Vogelspinnen erfasste, welche im Zoohandel angeboten wurden. Neben der unterschiedlichen Methodik unterschieden sich beide Studien auch im geografischen Ursprung ihrer Daten. Während unsere Studie (Hauke & Herzig, 2021) überwiegend Bücher aus Europa und Nordamerika nutzte, fokussierte sich die zweite Studie (Shivambu et al., 2020) auf den Zoohandel in Südafrika. Trotz dieser Unterschiede bei der Methodik sowie dem Ursprung der Daten gibt es eine gute Korrelation der resultierenden Popularitätsrankings. Tabelle 1 zeigt, dass 70% der 30 beliebtesten Gattungen beider Studien auch in den Top 30 der jeweils anderen Studie erscheinen. Für eine nähere Betrachtung haben wir die Daten beider Studien mittels linearer Korrelation verglichen (siehe Abb. 1). Auch demzufolge gibt es eine gute Korrelation der Datensätze mit nur wenigen Ausnahmen. Die Gattungen, die sich am deutlichsten zwischen den beiden Rankings unterscheiden, sind Tliltocatl, Nhandu, Lasiodora, Avicularia und Aphonopelma. Der auffälligste Unterschied ist, dass Tliltocatl, Nhandu, und Lasiodora jeweils einen höheren Rang der Beliebtheit in der Studie von Shivambu et al. (2020) haben, während Avicularia und Aphonopelma laut unserer Studie (Hauke & Herzig, 2021) eine höhere Beliebtheit aufweisen (siehe Abb. 1). Die meisten anderen Gattungen zeigen dagegen eine gute Übereinstimmung in beiden Studien. So befinden sich zum Beispiel sowohl Brachypelma als auch Poecilotheria in den Top 3 beider Studien, was darauf hindeutet, dass diese beiden Gattungen tatsächlich zu den beliebtesten Vogelspinnen-Gattungen in der Terrarienhaltung zählen.
Abb. 1: Lineare Korrelation der Daten zum Beliebtheitsranking beider Studien (Shivambu et al., 2020 vs. Hauke & Herzig, 2021). Gattungen, bei denen sich die Rankings deutlich unterscheiden (definiert als ein Unterschied von mindestens drei Prozentpunkten zwischen beiden Studien), sind durch ihren entsprechenden Gattungsnamen sowie einem roten Datenpunkt hervorgehoben (alle anderen Gattungen sind nur als schwarze Datenpunkte dargestellt). Grafik: Volker Herzig
Brachypelma und Poecilotheria sind auch die einzigen Vogelspinnen-Gattungen, die vollständig als solche unter der “Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora” (kurz: CITES; deutsch: „Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen“) gelistet sind. Daneben sollten aber auch die Arten Aphonopelma pallidum, Sandinista lanceolatum, Sericopelma angustum, Sericopelma embrithes sowie alle Tliltocatl-Arten den CITES-Schutzstatus haben, da diese zwischenzeitlich auch zu Brachypelma gehörten, aufgrund taxonomischer Änderungen dann aber schließlich in andere Gattungen transferiert wurden (Cooper et al., 2019; Mendoza & Francke, 2020). Alle CITES-gelisteten Vogelspinnen befinden sich im Anhang II. Wie von CITES (2022) erwähnt enthält dieser Anhang solche Arten, die zwar nicht notwendigerweise von der Ausrottung bedroht sind, deren Handel aber trotzdem überwacht werden muss, um zu verhindern, dass der Handel den Fortbestand der Art gefährdet.
Das bedeutet also, dass diejenigen Vogelspinnen, die von internationalen Handelsregulationen geschützt werden, auch diejenigen sind, die in der Terrarienhaltung am populärsten sind. Glücklicherweise werden aber sowohl Brachypelma- als auch Poecilotheria-Arten regelmäßig von Liebhabern nachgezüchtet und eine einzige geglückte Nachzucht kann sogar zu 200 (für Poecilotheria) bis 600 (für Brachypelma) Nachkommen führen (Krehenwinkel et al., 2008; Striffler, 2004; Schultz & Schultz, 1998; Cléton et al., 2015). Folglich nehmen wir an, dass die weltweite Nachfrage nach diesen Spinnen überwiegend durch Terrariennachzuchten gedeckt werden kann, was dieses Hobby recht nachhaltig machen würde. Und diese Annahme wird auch durch die „CITES Trade Database“ (deutsch: CITES Handels-Datenbank) gestützt: Nahezu alle Brachypelma, die im letzten Jahrzehnt international (und offiziell) gehandelt wurden, waren Terrariennachzuchten (CITES, 2022).
Wir folgern also, dass etwaige Korrelationen zwischen der Beliebtheit bestimmter Vogelspinnen-Gattungen in der Terrarienhaltung und deren Gefährdungsstatus im natürlichen Lebensraum bestenfalls zufällig, aber nicht kausal sind, insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele Vogelspinnen in der Terrarienhaltung regelmäßig nachgezüchtet werden. Es ist zu betonen, dass es andere, womöglich größere Bedrohungen gibt, wie beispielsweise das keinesfalls nachhaltige Sammeln von Vogelspinnen als Nahrungsprodukte in Kambodscha (Yen & Ro, 2013), das Sammeln für touristische Souvenirs in Malaysia (Smith, 2011) und die fortschreitende, weltweite Lebensraum-Zerstörung (Branco & Cardoso, 2020). Nach unserer Meinung könnten derartige Bedrohungen einen größeren (schädlichen) Einfluss auf natürliche Vogelspinnen-Populationen haben als das Absammeln für den internationalen Zoohandel. Umgekehrt, falls sich Artenschützer und Wissenschaftler mit leidenschaftlichen Vogelspinnen-Züchtern zusammenschließen würden, könnte das sogar dazu beitragen, das biologische Wissen um diese Tiere zu steigern und dabei helfen, potentiell gefährdete Vogelspinnen-Arten zumindest in menschlicher Obhut zu bewahren.
Literatur:
Branco, V. V. & Cardoso, P. (2020): An expert-based assessment of global threats and conservation measures for spiders. Glob. Ecol. Conserv. 24, e01290.
Cléton, F.; Sigwalt, Y. & Verdez, J. M. (2015): Vogelspinnen – Die Haltungserfahrung. Chimaira Buchhandelsgesellschaft, Frankfurt am Main, Deutschland.
CITES (2022): Homepage der “Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora”, online: cites.org, aufgerufen am 09.03.2022.
Cooper, E. W. T.; West, R.; & Mendoza, J. (2019): Identification of CITES-listed Tarantulas: Aphonopelma, Brachypelma and Sericopelma species. Commission for Environmental Cooperation, Montreal, Kanada.
Hauke, T. J. & Herzig, V. (2021): Love bites – Do venomous arachnids make safe pets? Toxicon 190: 65–72.
Krehenwinkel, H.; Maerklin, T. & Kroes, T. (2008): Ornamentvogelspinnen – Die Gattung Poecilotheria. Herpeton Verlag, Offenbach, Deutschland.
Mendoza, J. & Francke, O. (2020): Systematic revision of Mexican threatened tarantulas Brachypelma (Araneae: Theraphosidae: Theraphosinae), with a description of a new genus, and implications on the conservation. Zoological Journal of the Linnean Society 188 (1): 82-147.
Schultz, S. A. & Schultz, M. A. (1998): The Tarantula Keeper’s Guide. Barron’s Educational Series, New York, USA.
Shivambu, T. C.; Shivambu, N.; Lyle, R.; Jacobs, A.; Kumschick, S.; Foord, S. H. & Robertson, M. P. (2020): Tarantulas (Araneae: Theraphosidae) in the pet trade in South Africa. African Zoology 55 (4): 323-336.
Smith, A. (2011): Tarantula Notes 8 – From Times Past & Far Flung Lands. British Tarantula Society Journal, 26 (3): 110-121.
Striffler, B. F. (2004): Die Rotknievogelspinne Brachypelma smithi. Natur und Tier – Verlag, Münster, Deutschland.
WSC (2022): World Spider Catalog. Version 23.0. Natural History Museum Bern, online: http://wsc.nmbe.ch, aufgerufen am 06.03.2022. doi: 10.24436/2
Yen, A. L. & Ro, S. (2013): The sale of tarantulas in Cambodia for food or medicine: Is it sustainable? Journal of Threatened Taxa 5 (1): 3548-3551.
Anmerkung:
Aufgrund neuerer taxonomischer Publikationen könnten sich einige der Gattungsnahmen, die ursprünglich in den hier vorgestellten Studien erwähnt wurden, geändert haben. Deshalb haben wir die jeweiligen Gattungsnamen mit der aktuellen Version des „World Spider Catalog“ (WSC, 2022) abgeglichen und, wo nötig, angepasst [die einzige Ausnahme betrifft die Gattung Haplopelma, da es hinsichtlich der Gattungen der Unterfamilie Ornithoctoninae derzeit zwei konkurrierende Theorien gibt: Eine sieht Haplopelma als Junior-Synonym von Ornithoctonus, eine andere als Junior-Synonym von Cyriopagopus. Allerdings gibt es bislang keine systematische Untersuchung, die die tatsächlichen verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb der Unterfamilie Ornithoctoninae aufklärt; bis dahin werden wir also beim Namen Haplopelma bleiben, da dieser auch weiterhin sowohl von Liebhabern als auch in der wissenschaftlichen Literatur verwendet wird].
Nachträgliche Anmerkung 2024: Im Jahr 2023 wurde die Art Caribena versicolor in den CITES-Anhang III aufgenommen.
Dieser Text ist Teil eines von uns geschriebenen Artikels, der ursprünglich in der Zeitschrift ARACHNE erschien: