Die Deserta-Tarantel Hogna ingens und deren Erhaltungszucht in der Wilhelma Stuttgart
Die Deserta-Tarantel Hogna ingens und deren Erhaltungszucht in der Wilhelma Stuttgart
Text und Fotos von Tobias J. Hauke
Die Deserta-Tarantel Hogna ingens ist eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Wolfsspinnenart. Sie war zudem die erste Spinne, die aufgrund ihres Bedrohungsstatus in der Natur im Rahmen eines ex-situ Erhaltungszuchtprojekts in europäischen Zoos nachgezüchtet wurde. Hier möchte ich diese besondere Spinnenart, meinen Besuch der Erhaltungszucht in der Stuttgarter Wilhelma sowie eine besondere Erwähnung von Hogna ingens in der zeitgenössischen Literatur vorstellen.
Die Deserta-Tarantel Hogna ingens
Mit derzeit knapp 2500 beschriebenen Arten zählen die Wolfsspinnen (Lycosidae) zu einer der artenreichsten Spinnenfamilien überhaupt (WSC, 2022). Trotz dieses Artenreichtums sticht eine Art aus dieser Spinnenfamilie aus mehreren Gründen heraus: Die Deserta-Tarantel Hogna ingens. Mit ihrer schwarz-weißen Färbung ist sie besonders kontrastreich gefärbt, während viele andere Arten dieser Familie sonst lediglich in verschiedenen braun-grau-Tönen gefärbt sind. Weiterhin zählt sie mit bis zu vier Zentimeter Körperlänge zu einer der größten Arten der Familie Lycosidae, vielleicht sogar aller „Echten Webspinnen“ (Unterordnung Araneomorphae). Zugleich besiedelt sie allerdings nur ein äußerst geringes Verbreitungsgebiet, was sie wiederum verwundbar macht. Hogna ingens kommt lediglich im Castanheira-Tal im nördlichen Teil der Insel Deserta Grande vor. Dort lebt sie tagsüber versteckt unter Steinen und Felsspalten in der kargen, trockenen Gegend mit spärlicher Vegetation. Das Castanheira-Tal hat gerade einmal eine Länge von etwa 2,8 km bei einer Breite von 180 – 400 m, was Hogna ingens zu einem extremen Endemit macht. Deserta Grande liegt etwas südöstlich von der Insel Madeira im Nordatlantik, gehört wie letztere Insel politisch zu Portugal. Zwar ist Deserta Grande nicht von Menschen bewohnt und zudem als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Allerdings gab es frühere Besiedlungsversuche und die Menschen schleppten damals Haus- und Nutztiere sowie nicht heimische Pflanzen auf die Insel ein. Insbesondere eine eingeschleppte Grasart (Phalaris sp.) überwucherte schließlich das Castanheira-Tal und sorgte dafür, dass der bewohnbare Lebensraum von Hogna ingens immer kleiner wurde und diese zu einer der gefährdetsten Spinnenarten überhaupt machte (Bauer et al., 2020). In den Jahren 2011 und 2012 wurde der Lebensraum intensiv beforscht und es zeigte sich, dass die einzig bekannte Population im Castanheira-Tal weiter rückläufig war, woraufhin Hogna ingens von der „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN; deutsch: Internationale Union zur Bewahrung der Natur) als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft wurde (Crespo et al. 2014). Schließlich wurde sich dazu entschlossen diese Art sowohl durch in-situ (also im Lebensraum) als auch ex-situ (außerhalb des Lebensraums) Maßnahmen „zu retten“. Die in-situ Maßnahmen beinhalten eine Fortführung des Populations-Monitorings, aber vor allem auch die chemische Bekämpfung des invasiven Grases, um den ursprünglichen Lebensraum dieser Spinnenart wieder herzustellen. Parallel dazu sollte dann auch eine zweite Population dieser Spinnenart außerhalb des natürlichen Lebensraums geschaffen werden, und zwar anhand von 25 juveniler Individuen, die dazu aus dem Castanheira-Tal gefangen wurden (Cardoso et al. 2016). Zu diesem Zweck wurde ein ex-situ Erhaltungszuchtprogramm (kurz: EEP, „EAZA Ex situ Programmes“) des europäischen Zoo- und Aquarien-Verbandes EAZA („European Association of Zoos and Aquaria“) initiiert, welches von Mark Bushell vom Bristol Zoo Gardens in England koordiniert wird. Der Bristol Zoo war es dann auch, der die ersten 25 Tiere erhielt, damit züchtete und diese Art auf weitere Zoos verteilte. Im November 2020 waren es dann immerhin schon 581 Individuen, die in acht Einrichtungen gehalten wurden (EAZA, 2022).
Nahaufnahme von Hogna ingens, adultes Weibchen, fotografiert in der Wilhelma Stuttgart. Foto: Tobias J. Hauke
Mein Besuch der Erhaltungszucht in der Wilhelma
Hogna ingens war also die erste Spinnenart, die in europäischen Zoos in einem koordinierten Zuchtprojekt zur ex-situ Arterhaltung gezüchtet wurde. Der erste deutsche Zoo, der sich diesem Zuchtprogramm anschloss und somit eine Zuchtgruppe an Hogna ingens erhielt, war der Kölner Zoo. Über die erfolgreiche Nachzucht wurde bereits in der Arachne durch Peter Klaas (2021), dem Leiter des dortigen Insektariums, berichtet. Demnach erhielt der Kölner Zoo im März 2019 40 Exemplare von Hogna ingens aus Bristol. Die anschließenden Nachzuchtbemühungen waren recht schnell von Erfolg gekrönt, sodass bis Dezember 2019 bereits 488 Jungtiere schlüpften, die wiederum innerhalb von elf Monaten bis zur Geschlechtsreife aufgezogen werden konnten (Klaas, 2021). Vom Kölner Zoo wurde schließlich Hogna ingens auch auf weitere deutsche Zoos verteilt, an den Allwetterzoo Münster ebenso wie an die Stuttgarter Wilhelma. Am 23.05.2022 besuchte ich letztere und hatte nach Einladung von Volker Harport, dem zuständigen Leiter des dortigen Insektariums und auch außerhalb der Wilhelma als erfolgreicher Spinnenzüchter bekannt, die Möglichkeit die Erhaltungszucht dieser interessanten Spinnenart zu besichtigen.
Das Insektarium der Wilhelma befindet sich am nordöstlichen Rand des Geländes und besteht aus zwei historischen Gebäudeteilen, die über ein Glashaus, der sog. Schmetterlingshalle, miteinander verbunden sind. Im – vom Park aus gesehen – linken Gebäudeteil werden zahlreiche Arthropoden gezeigt, darunter eben auch ein Exemplar von Hogna ingens, welches in einem großzügig dimensionierten Terrarium lebt, das in seiner Einrichtung dem natürlichen Lebensraum dieser Spinnenart nachempfunden wurde. Der Großteil der Zuchtgruppe befindet sich aber „hinter den Kulissen“, im normalerweise für die Öffentlichkeit unzugänglichen Teil des Insektariums. Zunächst erhielt die Wilhelma 50 Jungtiere von Hogna ingens aus Köln im Jahr 2020. Die Jungtiere ließen sich gut aufziehen und die erste eigene Nachzucht der Wilhelma klappte dann 2021 (Wilhelma, 2022), sodass bei meinem Besuch bereits gut 120 Individuen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien vorhanden waren. Ein Jungtier wurde während meines Besuchs mit einem Heimchen gefüttert um zu demonstrieren, dass es sich um gute Fresser handelt – mit Erfolg, denn das Heimchen wurde sofort erbeutet. Der große Appetit sowie die Tatsache, dass sich erste Nachzuchterfolge schnell einstellten, sind für mich starke Indizien dafür, dass es den Spinnen „gut geht“, also deren spezifische Bedürfnisse in der Terrarienhaltung der Wilhelma gekonnt erfüllt werden. Das macht also Hoffnung, dass das ex-situ Erhaltungszuchtprogramm weiterhin erfolgreich verlaufen wird. Übrigens befindet sich seit kurzem nach Hogna ingens nun noch eine zweite Spinnenart in einem EEP, und zwar die Blaue Ornament-Vogelspinne Poecilotheria metallica – auch hiervon hat die Stuttgarter Wilhelma bereits Tiere in Zucht.
„Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch“ und deren Gemeinsamkeit zu Hogna ingens
Im Februar 2022 erschien das Buch „Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch – Ein prekäres Bestiarium“ von Heiko Werning und Ulrike Sterblich im Verlag Galiani Berlin. Es beginnt mit einem Kapitel zum Beutelwolf. Der Beutelwolf wurde durch intensive Bejagung des Menschen zu Anfang des 20. Jahrhunderts in der Natur vollständig ausgerottet, das allerletzte Exemplar verstarb schließlich 1936 in einem Zoo in Tasmanien. Seitdem gilt der Beutelwolf als ausgestorben. Im Buch folgen dann Kapitel zu 48 weiteren Tierarten, die ebenfalls in deren natürlichem Lebensraum stark bedroht, wenn nicht gänzlich ausgestorben sind, aber – und das unterscheidet sie zum Glück vom Beutelwolf – zumindest durch Nachzucht in menschlicher Obhut (vorerst) „gerettet“ sind. Zu den vorgestellten Tierarten zählen unter anderem die im Titel bereits erwähnten, aber eben auch die Deserta-Tarantel Hogna ingens. Dabei beschränkt sich das Buch keinesfalls auf die typischen Zootierarten, sondern es werden durchaus auch einige Beispiele von bedrohten Tieren aufgezeigt, die eher durch private Tierhalter, etwa leidenschaftliche Aquarianer oder Terrarianer, regelmäßig nachgezüchtet und dadurch erhalten werden. In den Kapiteln wird neben den Geschichten zu den jeweiligen Tierarten meist auch etwas biologisches Fachwissen vermittelt, immerhin richtet sich das Buch an eine breite Allgemeinheit und erfordert erst mal keine tieferen biologischen Vorkenntnisse. So wird am Beispiel von Hogna ingens das Prinzip der biologischen Systematik erklärt. Insgesamt gelingt es den Autoren hervorragend dieses so aktuelle Thema des Artensterbens auf sehr anschauliche und durchaus unterhaltsame Weise aufzubereiten, ich kann dieses Buch daher nur eindringlich empfehlen. Und schließlich unterstützt man mit dem Kauf des Buchs auch noch tatsächlich den Artenschutz, denn mit jedem verkauften Exemplar spendet der Verlag einen kleinen Betrag an Citizen Conservation.
Citizen Conservation ist eine Artenschutz-Kampagne, an der nicht nur Zoos beteiligt sind, sondern insbesondere auch Privathalter teilnehmen dürfen, ja sogar sollen. Beim Artenschutz stoßen Zoos früher oder später an ihre Kapazitätsgrenzen. Gleichzeitig verfügen aber auch viele private Tierhalter ein enormes Fachwissen zur artgerechten Haltung und Nachzucht vieler insbesondere auch weniger populärer Tiergruppen wie bspw. Amphibien, Reptilien oder auch die vielfältigen Wirbellosen – deshalb: „Der moderne Artenschutz kann es sich nicht erlauben, auf diese Ressourcen zu verzichten, will er dem galoppierenden Sterben etwas entgegensetzen“ (Werning & Sterblich, 2022). Und hier setzt Citizen Conservation an, es wird ein Netzwerk von hauptberuflichen und privaten Tierhaltern aufgebaut und Bürger werden dabei unterstützt zu Artenschützern zu werden, indem Wissen, aber auch ausgewählte Tierarten selbst zur Haltung und Nachzucht bereitgestellt werden. Grundsätzlich kann sich hier also jeder interessierte (und sachkundige) Tierhalter beteiligen. Aktuell befinden sich 13 Amphibien- und vier Fischarten (bzw. -unterarten) in dem von Citizen Conservation koordinierten Zuchtprogrammen (Citizen Conservation, 2022). Es bleibt zu hoffen, dass dieses tolle Projekt weiterhin erfolgreich verlaufen wird und somit auch weitere Tierarten aufgenommen werden können – wer weiß, vielleicht eines Tages sogar die Deserta-Tarantel Hogna ingens?
Literatur:
Bauer T., Bushell M. & Ziegler T. (2020): Ein Portrait der stark gefährdeten Desertas-Tarantel Hogna ingens (Blackwall, 1857), der wahrscheinlich größten Wolfspinne der Welt. ZGAP Mitteilungen 1-2020, 31–34.
Citizen Conservation (2022): Internetseite von Citizen Conservation, online: https://citizen-conservation.org/, abgerufen: 18.07.2022.
Crespo L.C., Silva I., Borges P.A.V. & Cardoso, P. 2014. Assessing the conservation status of the strict endemic Desertas wolf spider, Hogna ingens (Araneae, Lycosidae). Journal for Nature Conservation 22(6), 516-524.
Cardoso P., Bushell, M. & Stanley Price M. (2016): The Desertas Wolf Spider – A Strategy for its Conservation 2016-2022. IUCN-SSC, Finnish Museum of Natural History, Bristol Zoological Society and Instituto das Florestas e Conservacão da Natureza, Funchal, Madeira. 42 Seiten.
EAZA (2022): „Desertas wolf spider“-Internetseite der European Association of Zoos and Aquaria, online: https://www.eaza.net/conservation/programmes/eep-pages/desertas-wolf-spider-eep/, abgerufen: 09.07.2022.
Klaas, P. (2021): Hogna ingens (Blackwall, 1857), eine ganz außergewöhnliche Wolfsspinne und ein weiteres Arterhaltungsprojekt des Kölner Zoos. Arachne 26(1), 14-20.*
Werning, H. & Sterblich, U. (2022): Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch – Ein prekäres Bestiarium. Verlag Galiani Berlin. 240 Seiten.
Wilhelma (2021): Pressemitteilung zur ersten gelungen Nachzucht der Deserta-Tarantel in der Wilhelma, online: https://www.wilhelma.de/nc/de/aktuelles-und-presse/pressemitteilungen/2021/15102021-deserta-tarantel.html, abgerufen: 11.07.2022.**
WSC (2022). World Spider Catalog. Version 23.5. Natural History Museum Bern, online: http://wsc.nmbe.ch, abgerufen: 09.07.2022. doi: 10.24436/2
Nachträgliche Anmerkungen:
*Auch nach dem im Jahr 2021 durch Klaas veröffentlichten Bericht verläuft die Zucht von Hogna ingens im Kölner Zoo weiterhin erfolgreich. Mit Stand zum März 2023 befanden sich in Köln erneut 50 verpaarte Weibchen (Peter Klaas, pers. Mitteilung). Darüber hinaus stellte der Kölner Zoo zwischenzeitlich abgestreifte Häute (Exuvien) zur Verfügung, welche für interessante morphologische Untersuchungen an dieser Spinnenart genutzt werden konnten:
Foelix, R. (2022): Mikroskopische Studien an Exuvien der Riesenwolfsspinne Hogna ingens (Blackwall, 1857). Arachne 27(1), 6-27.
**Die Pressemitteilung zur ersten gelungen Nachzucht der Deserta-Tarantel in der Wilhelma befindet sich online nun unter einem neuen Link: https://www.wilhelma.de/aktuelles/aktuelles/news-presse/archiv/meldung/artenschutz-wilhelma-gelingt-erste-nachzucht-der-seltenen-deserta-tarantel ).
Dieser Text ist Teil eines von mir geschriebenen Artikels, der ursprünglich in der Zeitschrift ARACHNE erschien:
Danksagung: Ich möchte mich herzlich bei der Wilhelma Stuttgart und ganz besonders bei Volker Harport für die Möglichkeit bedanken, die Erhaltungszucht von Hogna ingens in der Wilhelma Stuttgart besichtigen zu dürfen. Weiterhin danke ich Heiko Werning und Peter Klaas für kritische Anmerkungen zum Manuskript.