Kürzlich publiziert:
„Dangerous arachnids
—Fake news or reality?“
Kürzlich publiziert:
„Dangerous arachnids
—Fake news or reality?“
Text von Tobias J. Hauke und Volker Herzig & Abbildung von ScienceDirect
Der Deutschen Arachnologischen Gesellschaft e.V. wurde in letzter Zeit mehrfach die Gelegenheit eingeräumt für sog. Gefahrtiergesetze Einschätzungen über gefährliche Spinnentiere abzuliefern (siehe auch Hauke, 2017). Im Zuge dieser Arbeit fiel uns auf, dass die Gefahrtierlisten verschiedener Bundesländer hinsichtlich der erfassten Spinnentiere häufig auf veralteten oder zweifelhaften Angaben in der Literatur basieren und es zu diesem Thema auch kaum aktuelle Übersichtsarbeiten gibt. Wir haben daher selbst die wissenschaftliche Primärliteratur durchgesehen um einen aktuellen Überblick über gefährliche Spinnentiere zu erstellen. Um diese Erkenntnisse nun auch anderen Wissenschaftlern, Spinnentier-Experten oder allgemein interessierten Leuten zugänglich zu machen, haben wir uns dafür entschieden diese in Form eines Review-Artikels in einem internationalen Fachjournal zu veröffentlichen. Diese Übersichtsarbeit wurde inzwischen unter dem Titel „Dangerous arachnids—Fake news or reality?“ in der Zeitschrift Toxicon publiziert (Hauke & Herzig, 2017). Zugegeben, der Untertitel „Fake news or reality?“ klingt zunächst etwas reißerisch: „Fake news“ ist eine im englischen Sprachraum zurzeit recht häufig gebrauchte Formulierung für gezielte Falschmeldungen, vor allem im politischen Kontext. Hiermit wollten wir auf die leider immer noch vorherrschende Problematik aufmerksam machen, dass viele Angaben zur „Gefährlichkeit“ gewisser Spinnentiere im Internet, in Lehrbüchern und sogar in der medizinischen Fachliteratur nicht verlässlich sind (Stuber & Nentwig, 2016). Im Folgenden möchten wir die wichtigsten Hintergründe und Erkenntnisse unseres Übersichtsartikels vorstellen.
Hintergründe
In den letzten Jahren sorgten neue Möglichkeiten in der Molekularbiologie bzw. Biochemie und sorgfältigere Methoden in klinischen Studien für zahlreiche neue Erkenntnisse zur Giftwirkung von Spinnen und Skorpionen. So etwa zeigte sich, dass es bei der Erfassung von Vergiftungssymptomen im Rahmen klinischer Studien unerlässlich ist, sich auf „nachgewiesene“ (im englischen Wortlaut „verified“, „definite“ oder „confirmed“) Spinnenbisse bzw. Skorpionstiche nach den von Isbister & White (2004) definierten Kriterien zu stützen. Anders ist es nicht möglich, gewisse Symptome eindeutig einer bestimmten Spinnentierart zuzuordnen, da sehr viele andere Krankheitsursachen nahezu identische Auswirkungen haben können. Nachdem die Folgen eines Bisses/Stiches von Fall zu Fall sehr unterschiedlich ausfallen können, ist es zudem sinnvoll solche Studien zu bevorzugen, die eine große Anzahl an Zwischenfällen untersuchen und sich nicht nur auf einzelne Fallberichte stützen. In der vorliegenden Übersichtsarbeit sollte ein Überblick über diejenigen Spinnen und Skorpione gegeben werden, die als für den Menschen „potentiell gefährlich“ angesehen werden können, es sollten Beispiele diskutiert werden von Spinnentieren, die in der Vergangenheit zu Unrecht als „gefährlich“ bezeichnet wurden und es sollte eine Bewertung durchgeführt werden, wie gefährlich die vermeintlich „giftigsten“ Spinnen und Skorpione für den Menschen überhaupt sind. Als „potentiell gefährlich“ wurden solche Spinnentiere angesehen, deren Biss/Stich nachweislich (also wie in wissenschaftlichen Studien beschrieben) zu schwerwiegenden und/oder langanhaltenden oder sogar lebensbedrohlichen Vergiftungssymptomen führen kann. Wir haben uns schließlich dafür entschieden, den Überblick über die „gefährlichen“ Spinnentiere auf Gattungs- und nicht etwa Artebene durchzuführen. Es ist bekannt, dass näher verwandte Arten häufig über ähnliche bzw. ähnlich wirksame Giftbestandteile verfügen. Wenn von einzelnen Arten innerhalb einer Gattung wenige oder gar keine gefährlichen Zwischenfälle beschrieben sind, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass diese Arten weniger „gefährlich“ sind als andere Arten dieser Gattung – sie könnten bspw. lediglich seltener oder in abgeschiedenen Gebieten vorkommen, sodass Begegnungen mit Menschen unwahrscheinlich sind. Uns ist natürlich bewusst, dass diese Vorgehensweise eher zu einem Überschätzen der tatsächlichen Anzahl gefährlicher Spinnentiere führt, da manche Arten innerhalb „gefährlicher Gattungen“ dann doch weniger gefährlich als andere sein könnten (z.B. wenn sie zu klein sind mit ihren Giftzähnen/-stachel die menschliche Haut zu durchdringen).
Eine aktuelle und v.a. sachliche Beurteilung dieses Themas ist allein schon deshalb wichtig, weil viele Spinnentiere in verschiedenen Teilen der Welt eine immer größere Bedeutung als „exotische Haustiere“ erlangen und sich Behörden fragen könnten, inwieweit Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden müssen.
Erkenntnisse
Angehörige folgender Gattungen können als potentiell gefährlich angesehen werden, weil davon auszugehen ist, dass deren Bisse/Stiche regelmäßig zu schwerwiegenden oder langanhaltenden systemischen (also den gesamten Organismus und nicht nur die Bissstelle betreffende) Auswirkungen führen können:
Spinnen: Missulena (Familie Actinopodidae), Phoneutria (Ctenidae), Atrax, Hadronyche, Illawarra (jeweils Hexathelidae), Hexophthalma, Loxosceles, Sicarius (jeweils Sicariidae), Poecilotheria (Theraphosidae), Latrodectus (Theridiidae).
Skorpione: Androctonus, Buthacus, Buthus, Centruroides, Hottentotta, Leiurus, Mesobuthus, Parabuthus, Tityus (jeweils Familie Buthidae), Hemiscorpius (Hemiscorpiidae), Nebo (Scorpionidae).
Daneben wurden in der Vergangenheit einige weitere Gattungen als gefährlich angesehen, obwohl diese entsprechend der aktuellen Datenlage tatsächlich harmlos sind oder zumindest einen zweifelhaften Status besitzen. Hierfür werden einige Beispiele diskutiert, darunter die Spinnengattungen Cheiracanthium (Familie Eutichuridae) oder Macrothele (Hexathelidae) und die Skorpiongattungen Bothriurus (Familie Bothriuridae) oder Apistobuthus (Buthidae).
Die meisten der gefährlichen Spinnen und Skorpione haben neurotoxische Gifte und beeinflussen somit die Funktionen von Nerven oder Muskeln. Lediglich die Gifte von Angehörigen der Spinnenfamilie Sicariidae und der Skorpiongattung Hemiscorpius haben eine zellschädigende Wirkung – verantwortlich dafür sind gewisse Enzyme, die als Phospholipasen D bezeichnet werden.
Umfangreiche klinische Studien haben gezeigt, dass selbst nach Zwischenfällen mit den gefährlichsten Spinnen und Skorpionen nur ein niedrigerer Prozentsatz an Fällen mit schwerwiegenden oder sogar lebensbedrohlichen Symptomen auftritt – meist kommt es dagegen nur zu vergleichsweise milden Auswirkungen. Die Folgen eines Spinnentier-Bisses/Stichs können recht unterschiedlich ausfallen. Hierfür sind einige variable Faktoren verantwortlich, neben der Toxizität auf Wirbeltiere scheint v.a. die abgegebene Giftmenge von großer Bedeutung zu sein. Spinnentiere gehen mit ihrem Gift sehr sparsam um und injizieren zur Verteidigung nur einen kleinen Bruchteil der theoretisch verfügbaren Menge – und oft sogar gar kein Gift, es handelt sich dann um sog. „trockene“ Bisse/Stiche. In ihren Herkunftsländern können diese Spinnentiere dennoch eine große medizinische Bedeutung haben. In manchen Gebieten kommen gefährliche Spinnen und Skorpione in sehr hoher Individuenzahl in dicht vom Menschen besiedelten Gebieten und teils sogar an und in Häusern vor. Hier kann die schiere Anzahl von Biss- bzw. Stichunfällen zu einem ernsten medizinischen Problem führen. Vor allem Vergiftungen durch Skorpione haben in Regionen wie dem Nahen Osten, in Mexiko oder Brasilien regelmäßig sogar Todesfälle zur Folge. Unter Terrarienhaltern sind uns bislang allerdings keine tödlichen Vergiftungen durch Spinnentiere bekannt geworden. Dies kann allein schon dadurch erklärt werden, dass die Besitzer potentiell gefährlicher Spinnentiere meist gut informiert sind und entsprechend direkten Kontakt vermeiden, sodass Biss- und Stichunfälle unwahrscheinlich sind.
Schlussfolgerungen
Insgesamt schließen die als gefährlich erachteten Gattungen nur 0,5% aller bekannten Spinnenarten bzw. 23% aller bekannten Skorpionarten ein. Das Risiko einer schwerwiegenden Vergiftung durch gefährliche Spinnen oder Skorpione unter kontrollierten Bedingungen erscheint hingegen vergleichsweise gering. Wir folgern daher, dass die Gefahr, die von diesen Spinnentieren in der Terrarienhaltung ausgeht, häufig überschätzt wird. Nichtsdestotrotz sollten entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, um eine sichere Unterbringung im Terrarium zu gewährleisten und ungewünschte Zwischenfälle auszuschließen.
Zitierte Literatur:
Hauke, T. (2017): Überarbeitung der in der bayerischen „Liste der gefährlichen Tiere“ erfassten Spinnentiere. Reptilia 126, 8-9.
Hauke, T. J. & Herzig, V. (2017): Dangerous arachnids—Fake news or reality? Toxicon 138, 173-183.
Isbister, G. K. & White, J. (2004): Clinical consequences of spider bites: recent advances in our understanding. Toxicon 43, 477-492.
Stuber, M. & Nentwig, W. (2016): How informative are case studies of spider bites in the medical literature? Toxicon 114, 40-44.
Dieser Text ist Teil eines von uns geschriebenen Artikels, der ursprünglich in der Zeitschrift Reptilia erschien:
Hauke, T. & Herzig, V. (2018): Kürzlich publiziert: gefährliche Spinnentiere - Fake News oder Realität? Reptilia 23 (3), 6-10.
Anmerkung: Dieser Text erschien also erstmals im Jahr 2018 bzw. die darin zitierte Publikation im Jahr 2017. Seitdem gab es gewisse nomenklatorische Änderungen, welche auch einige der im Text erwähnten Spinnentiere betreffen. So etwa werden die "gefährlichen" Gattungen Atrax, Hadronyche, Illawarra nun nicht mehr der Familie Hexathelidae, sondern der Familie Atracidae zugeordnet. Die Gattung Macrothele (ehemals Familie Hexathelidae) wird nun der Familie Macrothelidae zugeordnet. Und die Arten der Skorpiongattung Mesobuthus wurden auf mehrere verschiedene Gattungen "aufgesplittet"; gewisse "medizinisch-relevante" Arten, die ehemals der Gattung Mesobuthus zugeordnet wurden, befinden sich nun in der Gattung Olivierus.