Die Braune Violinspinne Loxosceles rufescens – „Sommerloch-Spinne“ des Jahres 2024
Die Braune Violinspinne Loxosceles rufescens – „Sommerloch-Spinne“ des Jahres 2024
Text und Fotos von Tobias J. Hauke
Wenn in den Sommermonaten die Politik oder Sportereignisse wie die Fußball-Bundesliga pausieren, dann wird in den Medien häufig auch über ansonsten eher ungewöhnliche Themen berichtet – man spricht vom sog. medialen Sommerloch. Nicht selten gelangen dabei auch mehr oder weniger beliebte Tiergruppen in den Blickpunkt, unter anderem auch Spinnen. In den letzten Jahren stand etwa die Kräuseljagd- oder Nosferatu-Spinne, Zoropsis spinimana im Fokus. In anderen Jahren wurde teils übertrieben vor Bissen des Ammendornfingers, Cheiracanthium punctorium gewarnt. Beides sind Spinnenarten, die auch hier in Mitteleuropa vorkommen. Im Sommer diesen Jahres 2024 dominiert dagegen eine Spinne aus dem Mittelmeerraum das mediale Sommerloch: die Braune Violinspinne Loxosceles rufescens. Da die „Sommerloch-Berichterstattung“ aber selten wirklich sachlich ist und insbesondere Spinnen dabei in recht schlechtes Licht gerückt werden, möchte ich mich in diesem Artikel dieser Spinnenart und den Berichten um sie widmen.
Nosferatu-Spinne, Zoropsis spinimana
Ammendornfinger, Cheiracanthium punctorium
Die Berichte
Im Juli und August 2024 erschienen zahlreiche Berichte in den Tageszeitungen und deren Online-Plattformen, laut denen Todesfälle in verschiedenen Mittelmeerländern Bissen durch die Spinnenart Loxosceles rufescens zugeschrieben wurden. Im Folgenden seien beispielhaft ein paar der Schlagzeiten dieser Berichte genannt:
Am 18.07.2024 heißt es in der online-Version der Berliner Morgenpost (morgenpost.de)*: „Braune Violinspinne breitet sich aus: Polizist stirbt nach Biss“
Am 20.07.2024 ist auf focus.de* erschienen: „Gefährliches Spinnentier breitet sich aus: Polizist stirbt nach Biss der Braunen Violinspinne in Italien“
Am 15.08.2024 titelt bild.de*: „Auf griechischer Halbinsel: Urlauber (48) stirbt nach Biss von Giftspinne“
Am 19.08.2024 schreibt BR24 (br.de)*: „Violinspinne: Ist die Giftspinne in Deutschland ein Problem?“
Ebenfalls am 19.08.2024 erscheint auf zdf.de*: „Nach Todesfällen in Italien: Wie gefährlich ist die Violinspinne?“
[*Details zu den Links befinden sich im Literaturverzeichnis]
In den o.g. Berichten werden insgesamt zwei verschiedene Todesfälle aus Italien sowie einer aus Griechenland erwähnt. So soll im Juli auf Sizilien ein 52-jähriger Polizist bei der Gartenarbeit gebissen und einige Tage später verstorben sein. Anfang August soll ein 48-jähriger Tourist auf der griechischen Halbinsel Peloponnes auf einer Bank sitzend gebissen worden und ebenfalls wenige Tage später gestorben sein. Und schließlich soll Mitte August ein 23-Jähriger in Bari an einem septischen Schock und Organversagen gestorben sein, nachdem er mehr als einen Monat zuvor von einer Violinspinne ins Bein gebissen worden sein soll.
Alle Berichte sind mehr oder weniger reißerisch geschrieben, enthalten inhaltliche Fehler, Halb- oder Unwahrheiten. Am gravierendsten wiegt aber sicherlich: In keinem der Fälle handelt es sich um einen wirklich nachgewiesenen Spinnenbiss (zur Definition eines Spinnenbisses siehe folgenden Abschnitt)! In keinem der Fälle wurde also eine Spinne überhaupt beim Biss beobachtet, geschweige denn die Art von einem Experten bestimmt. Im Bericht von bild.de heißt es etwa „Der schmerzlose Biss blieb zunächst unbemerkt“, während die Berliner Morgenpost sogar initial von einem vermeintlichen Insektenstich schreibt. Ob also wirklich ein Spinnenbiss und ggf. die genannte Art, Loxosceles rufescens, ursächlich für die Todesfälle sein könnte, ist keinesfalls gewiss und bestenfalls Spekulation.
Tatsächlich gibt es inzwischen auch sachlichere Darstellungen, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und einem Spinnenbiss eher anzweifeln lassen (Maya-Mrschtik, 2024). Leider erhalten derartige, sachlichere Darstellung erfahrungsgemäß meist nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit, wie die ursprünglichen, fehlerhaften Berichte, sodass bei vielen Menschen dann ein falscher Eindruck zur vermeintlichen Gefährlichkeit von Spinnen zurück bleibt. Und das ist nun auch kein Einzelfall in Bezug auf Loxosceles rufescens: In einer im Jahr 2020 im Fachjournal PEOPLE AND NATURE erschienenen Studie wurden mehr als 300 Zeitungsartikel untersucht, in denen es um Spinnen ging. Dabei zeigte sich, dass etwa 70% dieser Zeitungsartikel fehlerhafte Angaben enthielten, 32% dieser Artikel neigten zu einer übertriebenen, sensationslustigen Darstellungsweise und praktisch für keinen der Artikel wurden Spinnentier-Experten konsultiert (Mammola et al., 2020). Und selbst die Angaben in der medizinischen Fachliteratur sind oftmals nicht verlässlich, da bis zu 80% der Publikationen auf veralteten und/oder ungeeigneten Methoden basieren (Stuber & Nentwig, 2016). Umso wichtiger erscheint es also sich mit seriöseren Quellen auseinanderzusetzen…
Braune Violinspinne, Loxosceles rufescens, Weibchen
Braune Violinspinne, Loxosceles rufescens, Männchen
Definition eines nachgewiesenen Spinnenbisses
In den 1990er und 2000er Jahren wurden einige klinische Studien zu Spinnenbissen publiziert, die in gewisser Weise unser Wissen um Vergiftungen durch Spinnen revolutionierten und bis heute Bestand haben. Hierzu hervorheben möchte ich an dieser Stelle den Übersichtsartikel „Clinical consequences of spider bites: recent advances in our understanding“ von Geoffrey Isbister und Julian White (2004). Denn darin wird unter anderem auch klargestellt, wie ein nachgewiesener Spinnenbiss überhaupt zu definieren ist. Letztendlich hat sich nämlich gezeigt, dass ein Spinnenbiss nur dann sicher als Spinnenbiss zu werten ist, wenn die Spinne beim Akt des Beißens auch tatsächlich beobachtet wurde. Im Nachhinein ist es ansonsten nicht möglich, sicherzustellen, ob und ggf. welche Spinne gebissen haben könnte, viel zu unspezifisch sind nämlich die Symptome und Folgen. Dies gilt vor allem auch für Spinnen der Gattung Loxosceles und dem Vergiftungssyndrom, Loxoscelismus, das diese Spinnen verursachen können: Vetter (2008) nennt beispielhaft 40 verschiedene Krankheiten, Erreger und sonstige medizinische Bedingungen, die ganz ähnliche Auswirkungen haben wie der Biss von Spinnen der Gattung Loxosceles und damit leicht zu Verwechslungen führen können (bzw. tatsächlich schon zu Verwechslungen geführt haben). Neben der Beobachtung des Bisses sollte schließlich die vermeintliche Spinne auch fachmännisch bestimmt werden. Denn insbesondere die recht unscheinbaren, braunen Spinnen der Gattung Loxosceles werden von Laien recht häufig mit anderen Gliederfüßern verwechselt – und zum Teil handelt es sich bei den verwechselten Tiergruppen noch nicht einmal um Webspinnen (Vetter, 2005).
Damit ist also klar, dass es essenziell wichtig ist die verantwortliche Spinne eindeutig beobachten und identifizieren zu müssen – nur dann kann man sich eines Spinnenbisses sicher sein. Berichte von Spinnenbissen, die diese Kriterien nicht erfüllen, werden als nicht-nachgewiesen oder nicht-verifiziert bezeichnet. Sie sind spekulativ und aus wissenschaftlicher Sicht wertlos. Leider – oder in dem Fall besser: zum Glück! – erfüllt keiner der aktuellen Berichte aus der Tagespresse diese Kriterien. Wie bereits erwähnt, muss daher angezweifelt werden, ob ein Spinnenbiss und ggf. der einer Loxosceles rufescens für die berichteten Todesfälle überhaupt ursächlich sein kann.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es theoretisch und speziell für Spinnen der Gattung Loxosceles doch noch eine weitere Möglichkeit gäbe, einen Biss recht sicher – auch im Nachhinein – nachzuweisen. Und zwar existiert ein immunologischer Test (sog. ELISA), mit dem bestimmte Bestandteile aus dem Loxosceles-Gift spezifisch und sensitiv an der vermeintlichen Biss-Stelle nachgewissen werden könnten. Dieser Nachweis ist allerdings nicht kommerziell erhältlich, was sich aufgrund von zu geringer Nachfrage in absehbarer Zeit wohl auch nicht ändern dürfte, und spielt damit in der klinischen Praxis keine Rolle (Nentwig et al., 2017).
Nachgewiesene Vergiftungen durch Loxosceles rufescens
Die Angehörigen der Familie Sicariidae, zu der die drei Gattungen Hexophthalma, Loxosceles und Sicarius gehören, sind die einzigen bekannten Spinnen, in deren Gift bestimmte Enzyme, sog. Phospholipasen D (auch als Sphingomyelinasen D bezeichnet), eine besondere Rolle spielen. Diese Enzyme vermitteln eine zellschädigende Wirkung und sind wohl maßgeblich für die Wirkung des gesamten Gift-Cocktails verantwortlich (Lopes et al., 2013). Damit unterscheiden sich die Gifte der Sicariidae also deutlich von den Giften anderer Spinnen, bei denen neurotoxische Giftbestandteile die größte Bedeutung haben. Vor allem die menschliche Haut ist recht empfindlich gegenüber Phospholipasen D und die medizinischen Auswirkungen eines Loxosceles-Bisses mit ernsthaftem Verlauf werden als kutaner Loxoscelismus bezeichnet, was nekrotische Hautläsionen zur Folge haben kann.
Das Meiste, was zur Giftwirkung der Sicariidae bekannt ist, stammt aus Laborexperimenten und/oder Vergiftungen durch nord- und südamerikanische Loxosceles-Arten (etwa L. reclusa und L. laeta). Über Bisse durch die mediterrane Art Loxosceles rufescens wurde dagegen vergleichsweise selten berichtet. In einer umfangreichen Übersichtsarbeit widmeten sich Nentwig et al. im Jahr 2017 dieser Spinnenart, deren Verbreitung sowie nachgewiesenen und nicht-nachgewiesenen Bissberichten, worauf ich nachfolgend näher eingehen werde. Insgesamt konnten im Jahr 2017 von diesen Autoren 112 publizierte Bissberichte durch Loxosceles rufescens zusammengetragen werden, wovon allerdings gerade einmal zwölf, also 11%, die Kriterien eines nachgewiesenen Spinnenbisses erfüllten und somit als verlässlich angesehen werden könnten. Demnach ist der Biss anfänglich mehr oder weniger schmerzlos und wird auch deshalb oft nicht bemerkt. Innerhalb von ein paar Stunden entwickelt sich dann aber zunehmend ein brennender Schmerz oder Juckreiz. Der Schmerz nimmt im Verlauf von Stunden oder wenigen Tagen weiter zu und wird am Ende recht stark, sodass dann auch Schmerzmittel benötigt werden. Mit zunehmendem Schmerz treten in etwa der Hälfte der berichteten Fälle systemische Auswirkungen (also nicht mehr lokal um die Biss-Stelle begrenzt, sondern den gesamten Körper betreffend) auf, was Fieber (bis 39 °C), Übelkeit, Schüttelfrost, diffuse Muskelschmerzen o.ä. beinhalten kann. Nach einigen Stunden können dann auch die ersten Hautveränderungen beobachtet werden, zunächst meist eine Rötung. Innerhalb der nächsten drei Tage nimmt dann die Hautläsion in ihrer Größe zu und kann in der Mitte Bläschen bekommen, welche hämorrhagisch werden können. Es können Ödeme entstehen mit atypischen blauen, weißen oder roten Farbmustern. Bei milderen Verläufen bleibt es bei einer juckenden Stelle. Dagegen kann bei schwereren Fällen ab dem dritten Tag nach dem Biss der zentrale Bereich nekrotisch werden. Wie stark der Verlauf ist, variiert sehr von Biss zu Biss. Bei drei der zwölf Fälle (also 25%) trat keine Nekrose auf und die Hautveränderungen verschwanden innerhalb von zwei bis drei Wochen wieder. Bei neun Fällen (75%) trat eine Nekrose auf. Von diesen nekrotischen Fällen wiederum heilten bei der Mehrheit (56%) die Wunden von selbst, während in vier Fällen (44%) die Nekrosen chirurgisch entfernt wurden, dann aber auch ohne Komplikationen innerhalb von zwei Wochen verheilten. Langwierigere Folgen oder gar Todesfälle wurden dagegen nicht berichtet. Zwar diskutieren die Autoren zwei Todesfälle aus nicht-nachgewiesenen Bissberichten – in beiden Fällen erwiesen sich bei näherer Betrachtung schließlich andere Todesursachen als plausibler (Nentwig et al., 2017).
Der Umstand, dass der Biss durch Loxosceles rufescens aufgrund des fehlenden initialen Schmerzes häufig unbemerkt bleibt (auch, weil sich Bissunfälle durch die nachtaktiven Spinnentiere eher nachts ereignen), stellt nicht nur ein „akademisches“ Problem dar, wodurch die Bissfolgen schwerer zu analysieren sind, sondern kann womöglich auch eine angemessene medizinische Behandlung verzögern. Wird die Spinne dagegen direkt beim Biss gefangen und korrekt identifiziert, hat das den entscheidenden Vorteil, dass schließlich eine frühestmögliche Diagnose und eine angemessene Therapie möglich sind. Zur medizinischen Behandlung werden wie schon erwähnt zunächst Schmerzmittel angewendet. Im weiteren Verlauf werden häufig auch Antibiotika verabreicht – nicht gegen den Spinnenbiss oder dessen Folgen selbst, sondern um auszuschließen, dass einerseits nicht doch eine bakterielle Infektion und kein Spinnenbiss für die Wunde verantwortlich ist und dass es andererseits zu keinen Sekundärinfektionen an der Wunde kommt. Weiterhin werden häufig Steroidhormone, die antiinflammatorische, immunsuppressive und antiallergische Eigenschaften besitzen, sowie gelegentlich Antihistaminika verabreicht. Die Therapie ist also überwiegend symptomatisch – es sei aber erwähnt, dass es bislang keine kontrollierten Experimente oder systematischen Untersuchungen gibt, welche Therapieformen am wirksamsten sind. Dennoch: alle zwölf vorgenannten, nachgewiesenen Fälle heilten schließlich ohne weitere Komplikationen (Nentwig et al., 2017).
Recht aktuell, im Jahr 2024, erschien schließlich noch eine neue Studie aus Italien, in der immerhin sieben nachgewiesene Bisse durch Loxosceles rufescens mit nekrotischen Hautläsionen und deren Behandlungen beschrieben werden (Veraldi et al., 2024). Die Vergiftungsverläufe entsprechen weitestgehend den o.g. Beschreibungen nach Nentwig et al. (2017), mit wenigen nennenswerten Unterschieden: In keinem der Fälle wurden systemische Auswirkungen beschrieben. Und obwohl sich alle Patienten innerhalb von acht Wochen erholten, entwickelten sich in fünf Fällen Narben an der vormals nekrotischen Stelle. Zwei der Patienten wiesen außerdem auch bakterielle Sekundärinfektionen (durch Staphyloccus aureus) auf, welche erfolgreich durch Antibiotika-Gaben behandelt wurden (Veraldi et al., 2024; der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass derartige Bakterien i.d.R. aber nicht durch den Spinnenbiss selbst übertragen werden, siehe: Vetter et al., 2015).
Verbreitung und Lebensweise von Loxosceles rufescens
Die Braune Violinspinne Loxosceles rufescens ist beinahe im gesamten Mittelmeerraum bis hin nach Westasien heimisch. Es ist gelegentlich zu lesen, dass der entwicklungsgeschichtliche Ursprung dieser Art in Nordafrika (womöglich Marokko) liegt und sie sich von dort aus Richtung Osten verbreitet hat. Dies ist prinzipiell auch korrekt, es entspricht jedenfalls dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Tatsächlich fand die Ausbreitung aber bereits im Pleistozän (dem Zeitabschnitt in der Erdgeschichte, der vor etwa 2,6 Millionen Jahren begann und vor 11.650 Jahren endete), also lange vor der heutigen Globalisierung des Menschen statt, sodass das Vorkommen im Mittelmeerraum und angrenzenden Gebieten als natürlich gewertet werden kann (Planas et al., 2014; Nentwig et al., 2017). In Ländern wie Spanien, Italien, Griechenland oder der Türkei ist Loxosceles rufescens damit häufig und natürlicherweise anzutreffen.
Darüber hinaus wurde Loxosceles rufescens unbeabsichtigt durch den Menschen aber auch in viele andere Teile der Welt verschleppt und wurde inzwischen schon auf fast allen Kontinenten nachgewiesen. Sie gilt damit heute als kosmopolitische und invasive Art. Es ist aber zu betonen, dass Loxosceles rufescens nicht überall, von wo diese Art schon berichtet wurde, auch selbst-erhaltene Populationen gegründet hat. Zum Teil handelte es sich nur um Einzelfunde oder es stellte sich im Nachhinein sogar als eine andere Art der Gattung heraus, die falsch bestimmt wurde. Dort, wo Loxosceles rufescens aber eingeschleppt wurde und sich etablieren konnte, findet man die Spinnen nahezu ausschließlich in menschlicher Umgebung, oft innerhalb von Gebäuden. In ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet kommt diese Art dagegen sowohl in menschlicher Umgebung als auch in natürlichen Lebensräumen vor (Nentwig et al., 2017).
Loxosceles rufescens lebt unter Steinen, in natürlichen Höhlen und wie schon angedeutet auch als „Hausspinne“ in Gebäuden. Sie bevorzugen dabei aber eine eher verborgene Lebensweise, besiedeln zum Beispiel dunkle Ecken und Nischen. Auf Zypern etwa konnte ich Loxosceles rufescens im gleichen Lebensraum finden, in dem auch die Vogelspinnenart Chaetopelma olivaceum vorkommt. Loxosceles spp. ernähren sich von kleineren Gliederfüßern wie diversen Insekten, und sind wohl dabei wohl nicht wählerisch, beschränken sich also nicht auf bestimmte Beutetiere. Sie können ein Alter von zwei bis fünf Jahren erreichen und werden somit recht alt für araneomorphe Spinnen (Nentwig et al., 2017). Verschiedene Loxosceles-Arten werden hin und wieder auch im Terrarium gehalten und gezüchtet und sind dabei recht einfach und genügsam in ihren Pflegeansprüchen (Ackermann & Leetz, 2015). Abschließend sei noch betont, dass die Spinnen der Gattung Loxosceles keinesfalls beißfreudig gegenüber dem Menschen agieren (nach eigenen Erfahrungen und dem Konsens aus der hierin zitierten Literatur) – ein wesentlicher Grund, warum es trotz der weiten Verbreitung und dem häufigen Vorkommen innerhalb des Verbreitungsgebietes nur vergleichsweise selten zu wirklichen Bissunfällen kommt.
Fazit
Trotz der weiten Verbreitung und des häufigen Vorkommens in der Nähe zum Menschen sind nachgewiesene Bisse durch die Braune Violinspinne Loxosceles rufescens recht selten. Die wenigen verifizierten Vergiftungen hatten oft vergleichsweise milde Verläufe zur Folge. Zwar ist Loxosceles rufescens in der Lage nekrotische Wunden hervorzurufen, doch heilen diese in der Regel ohne weitere Komplikationen. Es gibt bislang keinen einzigen nachgewiesenen Todesfall, der ursachlich auf den Biss einer Loxosceles rufescens zurückzuführen wäre. Dass die Medien gelegentlich und in diesem Jahr besonders häufig Gegenteiliges behaupten, ist also bestenfalls Spekulation, möglicherweise sind es sogar "Fake News".
Literatur:
Ackermann, G. & Leetz, A. (2015): Giftig und doch ungefährlich – die Gattungen Loxosceles und Sicarius im Terrarium. Reptilia 112, 40–44.
Isbister, G.K. & White, J. (2004): Clinical consequences of spider bites: recent advances in our understanding. Toxicon 43, 477–492.
Mammola, S.; Nanni, V.; Pantini, P. & Isaia, M. (2020): Media framing of spiders may exacerbate arachnophobic sentiments. People Nat. 2, 1145– 1157.
Maya-Mrschtik, M. (2024): Unwahrscheinlich tödlich: Tod durch Violinspinne. Spektrum,de (online: https://www.spektrum.de/kolumne/unwahrscheinlich-toedlich-gefaehrliches-gift-der-violinspinne/2228350?fbclid=IwY2xjawEwb0JleHRuA2FlbQIxMAABHWcbBKftcbp4_2YE30Ls2DBqWmfnteeFkpxv4sT8hkZCAs0z4_pV6-kjYA_aem_c6pvFoBp61jKzSIPJdNeTg; abgerufen am 02.09.2024).
Nentwig, W.; Pantini, P. & Vetter, R.S. (2017): Distribution and medical aspects of Loxosceles rufescens, one of the most invasive spiders of the world (Araneae: Sicariidae). Toxicon 132, 19–28.
Planas, E.; Saupe, E.; Lima-Ribeiro, M.S.; Townsend Peterson, A. & Ribera, C. (2014): Ecological niche and phylogeography elucidate complex biogeographic patterns in Loxosceles rufescens (Araneae, Sicariidae) in the Mediterranean Basin. BMC Evol. Biol. 14, 195.
Lopes, P. H.; Bertani, R.; Gonçalves-de-Andrade, R. M.; Nagahama, R. H.; van den Berg, C. W. & Tambourgi, D. V. (2013): Venom of the Brazilian spider Sicarius ornatus (Araneae, Sicariidae) contains active Sphingomyelinase D: Potential for toxicity after envenomation. PLoS Negl. Trop. Dis. 7 (8), e2394.
Stuber, M. & Nentwig, W. (2016): How informative are case studies of spider bites in the medical literature? Toxicon 114, 40–44.
Veraldi, S.; Schianchi, R. & Nazzaro, G. (2024): Necrotic ulcers caused by Loxosceles rufescens bites: a report of seven patients and scanning electron microscopy of the spider. Eur. J. Dermatol. 34 (3): 267-270.
Vetter, R.S. (2005): Arachnids submitted as suspected brown recluse spiders (Araneae: Sicariidae): Loxosceles spiders are virtually restricted to their known distributions but are perceived to exist throughout the United States. J. Med. Entomol. 42 (4: 512–521.
Vetter, R.S. (2008): Spiders of the genus Loxosceles (Araneae, Sicariidae): a review of biological, medical and psychological aspects regarding envenomations. J. Arachnol. 36: 150–163.
Vetter, R. S.; Swanson, D. L.; Weinstein, S. A. & White, J. (2015): Do spiders vector bacteria during bites? The evidence indicates otherwise. Toxicon 93, 171-174.
*Anmerkung: Die vorgenannten Medien-Berichte wurden im September 2024 online unter folgenden Links aufgerufen:
Berliner Morgenpost: https://www.morgenpost.de/panorama/article406811041/braune-violinspinne-breitet-sich-aus-polizist-stirbt-nach-biss.html
focus.de: https://www.focus.de/panorama/aus-aller-welt/nach-biss-der-braunen-violinspinne-stirbt-italienischer-polizist-in-klinik_8efefc80-9421-45d2-9d0f-45ed2281844c.html
bild.de: https://www.bild.de/news/ausland/griechenland-urlauber-48-stirbt-nach-biss-von-giftspinne-66bdd16b53073e042f8c9e55
BR24: https://www.br.de/nachrichten/wissen/braune-violinspinne-ist-giftspinne-in-deutschland-ein-problem,UJKxKev
zdf.de: https://www.zdf.de/nachrichten/ratgeber/gesundheit/violinspinne-italien-giftspinne-urlaub-100.html
Dieser Text ist Teil eines von mir geschriebenen Artikels, der auch in der Zeitschrift ARACHNE erschien:
Danksagung: Ich möchte mich herzlich bei A/Prof. Dr. Volker Herzig (Sippy Downs, Australien) und Dr. Tim Lüddecke (Gießen) für die kritische Durchsicht und nützliche Hinweise zum Manuskript bedanken. Dr. Lars Allmendinger (München) danke ich für Informationen und Anregungen zu diesem Artikel.