Die Geschichten der verfolgten und ermordeten Menschen müssen aus den überlieferten Schriftstücken herausgearbeitet werden.
Staatliche oder kommunale Archive verwahren vor allem Archivgut behördlicher Stellen wie Polizei, Justiz, Arbeits- und Fürsorgeämter, Krankenhäuser und Kinderheime. Diese Institutionen waren zur NS-Zeit Akteure der Verfolgung. Die dort entstandenen Akten stellen vorwiegend die Sichtweise der Menschen in diesen Institutionen dar. Dabei sind Selbstzeugnisse der dort verfolgten Personen selten und stehen fast immer im Zusammenhang des Erlebens einer persönlichen Ausnahmesituation.
Bei der Beschäftigung mit den Akten und den Personen die darin vorkommen, ist eine Auseinandersetzung mit der Zeit in der Sie entstanden sind entscheidend. Das Lesen von Fachliteratur ermöglicht das Verständnis für die Sprache und Gesetze der Zeit. Es macht die damalige Situtation transparent und die geänderte Sicht auf Fragen der Strafbarkeit und Verhaltensmoral nachvollziehbarer.
Die Begriffe „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ die bei den von uns ermittelten Biografien vorkommen sind stigmatisierend und können Angehörige und Betroffene erneut stigmatisieren. Wir haben uns trotzdem für die Verwendung der Sprache der NS-Zeit und der damals handelnden Personen entschieden. Die Verbindung mit den Verfolgungsgründen aus der NS-Zeit wird damit eindeutig hinterlegt. Gerade auch unter den Suchkriterien im Internet lässt sich so die Verbindung mit der Kontinuität durch die deutsche Geschichte besser nachvollziehen.
Wir haben in den Polizei- und Zuchthaus Akten des Staatsarchivs Leipzig einige Personen gefunden, die dort als Fallakten vorliegen. Diese Menschen wurden nach Maßgabe der NS-Ideologie entweder unter dem NS-Begriff „Berufsverbrecher“ für Bagatelldelikte verurteilt und schließlich in KZ deportiert. Oder diejenigen die am Rande der Gesellschaft als Tagelöhner, Bettler oder Prostituierte für ihren Lebensunterhalt sorgten, wurden von den Behörden krimninalisert, verfolgt und eingesperrt. Die Unverhältnismäßigkeit des Vorgehens staatlicher Organe wird aus den Akten klar ersichtlich. Wir wollen den Menschen die so verfolgt, gedemütigt und entrechtet wurden, zumindest einen kleinen Teil Ihrer Lebensgeschichte so objektiv und transparent wie möglich darstellen. Wir haben uns jeweils für die Erarbeitung einer Verfolgungsgeschichte bzw. Biografie entschieden.
Stolpersteine - Wie konnten wir die Verfolgung der drei von uns ausgesuchten Personen ermitteln?
Da ‚Sie’ als „Verbrecher“ im NS-Staat behandelt wurden liegt ‚Ihre’ amtliche Verfolgung, wenn erhalten und damit recherchierbar, in Akten vor. Damit liegen viele Grundinformationen vom Beginn bis zum ‚Ende' der Verfolgung, die aus den Akten ersichtlich ist, vor. Einige Schicksale z. B. Jüdischer verfolgter Menschen hinterließen oft keine so komprimierte Verfolgungsgeschichte. Die Geschichte der von den Nazis so kriminalisierten Menschen erleichtert daher die historische Ermittlung nur dieses kleinen Teils Ihres Lebens - Ihrer Verfolgungsbiografie.
Nach welchen Kriterien haben wir Personen aus den Polizei- und Gerichtsakten ausgewählt bzw. diese gefunden:
Vergleich Schicksal Rudi Zerbst aus der Ausstellung „Die Verleugneten“
-> was wird an Informationen zur Verfolgungsgeschichte benötigt um einen Stolpersteinverlegung beantragen zu können
Darstellung marginalisierter Personengruppen
Repräsentation und Aussagekraft Verfolgungsgeschichte
keine ermittelbaren Nachkommen
Für die Beantragung eines Stolpersteins für im Nationalsozialismus verfolgte Personen sind verschiedene Organisatorische und Inhaltliche Dinge zu klären.
Dazu gehören die Genehmigungen der Kommune und vom örtlichen Bau- und Ordnungsamt. Nachdem man sich mit dem Künstler Günter Demnig auf die Abnahme der Biografie und der Beschriftung des Stolperstein geeinigt hat. Müssen die Anwohner über die Verlegung des Stolpersteins informiert werden.
Dabei müssen jeweils verschiedene Fristen eingehalten werden.
Die Kosten für einen Stein belaufen sich auf 120 Euro und sind im Voraus an den Künstler zu zahlen. Diese Kosten können z.B. über Spendenaufrufe eingesammelt werden.
Bei all dem ist es von großem Vorteil mit einer Organisation zusammenzuarbeiten, die sich mit diesen Bedingungen und dem Prozedere auskennt. Hierfür haben wir mit der zentralen Stolpersteininitiative in Leipzig der AG Stolpersteine e.V. zusammengearbeitet. Die Gespräche mit dem Künstler und den Behörden hat Achim Beyer vom Verein übernommen. Daher mussten wir uns nicht selbst um die Einhaltung der jeweiligen Fristen kümmern.
Das erleichterte unsere Arbeit sehr und wir konnten uns auf die Zuarbeit d. h. das Erarbeiten der einzelnen Verfolgungsgeschichten aus den Akten konzentrieren.
Inhaltliches:
Man braucht dazu einen Anhaltspunkt zur Geschichte der Verfolgung einer Person in der NS-Zeit
Danach geht es in die Quellensuche und Recherche mit einem Minimum an vorhandenen Daten und Infromationen:
Name, Vorname, Geburtsname der Person
Geburtsdatum
Grund der Verfolgung
Stationen der Verfolgung und Inhaftierung
Schicksal der Person
wenn möglich:
letzter frei gewählter Wohnort
Kontaktierung der Angehörigen vor Verlegung -> Mitsprache!
Danach geht es an die Ausarbeitung der Biografie der Person die im Rahmen einer DIN-A4 Seite digital hinterlegt wird.
Kontaktaufnahme mit lokalen Organisationen, hier AG Stolpersteine Leipzig e.V.
Klärung Fragen zur Genehmigung der Aufstellung im öffentlichen Raum, der Anzahl der Stolpersteine und den Kosten für die Verlegung
Klärung Ausarbeitung und Gestaltung der Biografie
Ausgestaltung der Beschriftung des Stolpersteins im Austausch mit dem Künstler Günter Demnig
Danach geht es an die Ausarbeitung der Biografie der Person die im Rahmen einer DIN-A4 Seite digital hinterlegt wird.
Auf welche Weise werden die Biografien während der Verlegung vorgestellt