Eine Szene analysieren
Die Szenenanalyse stellt eine eigene Textsorte dar; der Umfang kann dabei von einem eineinhalbseitigen Aufsatz einer kurzen Szene bis zu einer ganzen Seminar-Arbeit einer längeren Sequenz reichen. Unabhängig von der Länge der Sequenz geht es immer darum, das Gesehene mittels Fachvokabular zu beschreiben und sich über die Funktion und Wirkung der einzelnen Parameter Gedanken zu machen.
Sprachlich nutzen Sie immer das Präsens, um die Szene zu beschreiben (als auch zusammenzufassen).
Die Analyse einer Szene können Sie wie folgt aufbauen:
1. Einleitung: Kurze Hinführung mit den Angaben zum Film sowie einer Inhaltsangabe des Filmausschnitts.
2. Hauptteil: Beschreibung der einzelnen Parameter (bspw. Einstellungsgrössen, Einsatz des Lichts, Geräusche, Schnitttechnik usw.) und deren Funktion bzw. deren Wirkung.
3. Schluss: Abschluss mit einer kurzen, persönlichen Würdigung der Sequenz: Was hat Sie überzeugt an der Machart, was fanden Sie interessant?
Die einzelnen Teile müssen nicht betitelt werden; es soll sich ein zusammenhängender Text ergeben. Das folgende Beispiel zeigt, wie Sie den Text gliedern können.
Beispiel einer kurzen Szenenanalyse (Auszug)
Rogue One: A Star Wars Story (2016)
Die Szene stammt aus dem Film Rogue One: A Star Wars Story, der 2016 erschienen und von Gareth Edwards inszeniert ist. Der Film handelt von einer Rebellengruppe, die die Pläne zum Todesstern stiehlt und versucht, diese in Sicherheit zu bringen. Die Szene befindet sich am Schluss des Filmes, als der Bösewicht Darth Vader auf das Rebellenschiff gelangt. Die Rebellensoldaten kämpfen verzweifelt, um die Pläne zu retten. Nach einem intensiven Kampf gelingt es einem der Soldaten, die Daten durch eine Schleuse in ein kleineres Raumschiff zu übergeben. Dieses entkommt schliesslich mit den Plänen, während Darth Vader zurückbleibt.
Eröffnet wird die Szene mit einer Totalen, die zeigt, wie Vaders Schiff sich dem Rebellenschiff nähert. Als nächstes begegnen wir den Rebellen, die hektisch durch die Gänge rennen. Der Handlungsort verstärkt das Gefühl der Beklemmung: Der Korridor ist eng, unübersichtlich und bietet wenig Fluchtmöglichkeiten. Betrachten wir die visuelle Ebene genauer, fällt auf, dass die Szene intensiv mit Hell-Dunkel-Kontrasten arbeitet. Einer der spannendsten Momente stellt dabei der Auftritt von Vader dar, der in völliger Dunkelheit beginnt, was eine bedrohliche Stimmung erzeugt. Wir nehmen die subjektive Sicht der Rebellen ein, wobei die Kamera langsam Richtung Dunkelheit fährt und diesen wichtigen Auftritt akzentuiert. Von Vader ist vorerst nur sein charakteristisches und leitmotivisch eingesetztes Atemgeräusch zu hören. Erst als sein Lichtschwert rot aufleuchtet, wird seine Silhouette (in einer Totalen) sichtbar. Er wird in diesem Moment als mächtiger Gegner inszeniert. Die Totale wechselt in den reaction shot eines Soldaten, der in einer Nah-Aufnahme gezeigt wird; die Kamera fährt langsam auf sein angstvolles Gesicht. Danach…
(…)
Wie sieht die Gestaltung der Ton-Ebene aus? Da die Szene bis auf einzelne Rufe und Schreie keine nennenswerten Dialoge enthält, konzentrieren wir uns auf die Geräusche und die Musik. In der ersten Kategorie finden sich für Science-Fiction-Filme typische Geräusche, die dem technischen Bereich zugeordnet werden können (bspw. das Brummen der Raumschiffe, das Zischen der Türen oder das Summen der Laserschwerter). Ein Geräusch, das hervorgehoben werden sollte, ist der Alarm, der in der Sequenz durchwegs zu hören ist: Er dient vor allem als Warn-Signal und sorgt für eine unruhige Atmosphäre. Vor allem bei Vaders Erscheinen rückt das Geräusch in den Vordergrund, da die Musik hier fast aussetzt und diesen Moment akzentuiert. Nur einen dumpfen Ton der Streicher nehmen wir wahr.
Dies steht im Gegensatz zum Rest der Sequenz: Die musikalische Untermalung ist dramatisch und von schnellem Rhythmus geprägt. Bereits zu Beginn dominieren laute Trompete und Hörner und ein schneller Rhythmus, der (ganz im Sinne der Mood-Technik) die Hektik und die Panik der Rebellen steigert. Beim Einschalten von Vaders Lichtschwert erklingt – neben dem typischen sound effect – wieder «dunkle» Musik und beim anschliessenden Massaker hören wir einen Chor, der mächtig und episch klingt. Die Szene endet mit dem Einsatz von Vaders Leitmotiv, was seine zentrale Rolle in der Handlung unterstreicht.
(…)
Die Schlussszene von Rogue One ist ein Höhepunkt des Films und herausragend inszeniert. Die Kombination aus Licht, engen Räumen, Toneffekten und Musik schafft eine bedrohliche, fast schon beklemmende Atmosphäre. Mir ist besonders Vaders Auftritt geblieben, wie er aus dem Dunkeln tritt und wie sein Laserschwert visuell und akustisch inszeniert wird.
Die folgenden Auschnitte eignen sich zum Üben des Filme-Lesens und zur Überprüfung der erworbenen Kompetenzen.
Schauen Sie die Sequenzen und überlegen Sie sich, was Ihnen auffällt in Bezug auf:
1. Bild (besondere Einstellungen, Komposition, Licht & Farbe, Kamerabewegung u.a.)
2. Ton (Stimmen, Geräusche, Musik)
3. Schnitt
4. Dramaturgie, filmisches Erzählen
5. Genre-typische Elemente
Love, Rosie
First Man
Suspicion
Children of Men