Bike-Lydeschaft


ufeschtosse—aberosse—sech verfahre—uf d Schnitz gheie—pedale—meche



Mi Artikel für ds velobärn-Heftli 2006, so win er hät sölle sy. Er isch de leider uf ene Drittel kürzt und i di unpärsönlechi dritty Einzahl übersetzt usecho.

Gemeinsames Hobby mit Mr. President1 ?

Wenn George W. Bush etwas toll findet, ist das eigentlich schon Grund genug zur Skepsis. Wenn es sich dabei erst noch um eine Mountain-Bike-Ausfahrt mit dem positiv auf EPO-getesteten Lance Armstrong handelt, droht mir eine ernsthafte Identitätskrise—ist das etwa die aktuelle Mountain-Biking-Gilde? Und wie konnte ich da hineingeraten?

Kantiger Helm, coole Brille, Rucksack mit Schlauch, schnittige Schuhe mit grimmigem Profil: das ist der Stereotyp des modernen Mountain-Bikers. Auch ich bin so einer, doch unterstelle mir nun bloss nicht, ich mache gemeinsame Sache mit George W.! Mountain-Biking hat nämlich über die Jahre stark diversifiziert und Splittergruppen gebildet, die sich radikal schubladisieren lassen. Um es kurz zu machen: die drei untrüglichen Merkmale der verschiedenen Szenenjünger befinden sich in der Zone zwischen Hartplastiksohle und Helm: Kleidung, Einstellung, Bike. Es gibt auch Biker ohne Helm, aber denen fehlt offenbar der schützenswerte Helminhalt.

Da sind zunächst die Kameraden von der schnellen Truppe. Sie kleiden sich uniform in Hautenges und Firmenbedrucktes. Gerüchtehalber unterscheidet sich selbst ihr Pijama nicht vom Bike-Dress. Ein Hang zum Masochismus ist unübersehbar: ihre Rudel sind frauenfrei; jede Ausfahrt ist ein Training; sie fahren nicht zum Spass, dafür auch im Winter. Sie ziehen gepresstes Trockenfutter im Fahren einem Stück feiner Nusstorte auf der Sonnenterrasse vor. Ihre Bikes sind Meterware: blitzschnell, doch beinhart und leider ohne Charisma.

Dann die coolen Typen aus der Downhill-Fraktion. Ich bewundere sie. Endlos Tricks üben, am Bike schrauben, Prellungen kurieren. Ihre Kunst ist nicht eigentlich das Balancieren über meterhohe North-Shore-Gerüste, nicht die kamikazehaften Drops. Nein, die echte Kunst ist, dass sie all dies locker mit dem Hosenschritt zwischen den Knien erledigen—und davor noch ein paar Züge Gras inhalieren.

Dagegen zähle ich mittlerweile zu den genussbetonten Touren-Bikern, die das Gruppen- und Naturerlebnis und die Freude am Sich-Bewegen in den Vordergrund stellen. Ich steige gerne 1400m schwitzend und keuchend über einen ruppigen Karrweg auf, wenn oben eine Aussicht und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne winken. Danach knackige Trails runterbrettern. Schotter her, Freunde, und Federweg satt! Wozu ein Bike, das bergauf schnell ist, wenn damit talwärts der „flow“ ausbleibt?. Kletterfähig wie eine Gemse, wendig wie eine Katze, leicht wie eine Feder. Im Downhill komfortabel und präzise wie eine Enduro-Maschine, doch robust und zuverlässig wie ein Schiffsmotor. Rote oder schwarze Stangenware kommt nicht in Frage—orange matt muss mein Bike sein!

Kaum eine Region der Schweiz, die im Laufe eines Sommers nicht unter unsere Räder kommt. Und warum nicht einmal mit der Bahn 1000m hochfahren, wenn dadurch eine Tour möglich wird, die gleich doppelt so toll ist. Zum Abschluss der Saison eine Woche Toscana, das Nirwana für Single-Trail-Junkies. Doch zurück in Bern sieht mein Bike das Tageslicht meist erst nach dem Osternhasen wieder. Was soll ich mich im Februar in kahlen Mittellandwäldern durch Schlamm oder Schneematsch pflügen, wenn im Jura die schönsten Verhältnisse zum Langlauf-Skating locken. Dort ist zudem die Chance minimal, auf George W. zu treffen.

Hier sind meine 7 Favoriten für einen unvergesslichen Velosommer 2006:

  • Auf (m)einem Opium vom Gebidumpass durchs Nanztal hinunter nach Brig.
  • Einen Nussgipfel auf der Bütschelegg während der ersten Frühlingsausfahrt.
  • Anfang August von Zernez aus mit guten Freunden in zwei Tagen entlang der perfekt ausgeschilderten Rundstrecke des Nationalpark-Marathons.
  • Einen X0-Wechsler von SRAM; brennt ein dickes Loch ins Portemonnaie, ist aber definitiv ein technischer und optischer Leckerbissen.
  • Der brutale aber durchaus fahrbare Aufstieg auf der alten Militärstrasse zum Monte Zeda (Lago Maggiore) und als Belohnung die grandiose 360-Grad-Aussicht.
  • Zwischen zwei schier endlosen Single-Trails einen Cappuccino in der Bar von Valpiana (Massa Marittima, Toscana).
  • Auf dem Ulmizberg grillieren bis in alle Nacht und danach mit dem Scheinwerfer nach Hause rösten.
(Aber besser, Du glaubst davon kein Wort, denn Biken kann süchtig machen.)


1 Gemeint war George W. Bush, der damals am Ruder war, und auch Mountain-Biker ist, jedoch vor allem durch einen Sturz auf sich aufmerksam machte
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