Der mechanistische Forschungsansatz (Mendel und seine Nachfolger) geht ganz direkt von einer konkrete Form aus, er operiert dazu mit definierten und konstanten Eigenschaften – bei Mendel und seinen ersten Nachfolgern (z.B. Morgan) mit noch direkt sichtbaren Eigenschaften, später mit eindeutig definierten Bauanleitungen von Eiweissen -, (was eine Mathematisierung ermöglicht). Er muss die Plastizität der Pflanze ausblenden und erklärt die konkrete Form dann aus dem komplexen Zusammenwirken einzelner Elemente. Bildlich ausgedrückt: Dieser Forschungsansatz geht vom Punkt aus. Die Systembiologie versucht diesen Ansatz weiterzuentwickeln und aus dem komplexen Zusammenwirken einzelner Teile das Ganze zu erklären.
Der typologische Forschungsansatz möchte die unendliche Vielfalt aller möglichen Formen erfassen (was einer Mathematisierung nur schwer zugänglich ist), aus denen – durch Ein-schränkung – die konkrete Form abgeleitet wird. Bildlich gesprochen: er geht vom Umkreis aus. Beide Forschungsansätze arbeiten mit Idealisierung: Der mechanistische Forscher sucht nach möglichst konstanten Eigenschaften, ist sich aber bewusst, dass es keine völlig konstanten und kontextunabhängigen Eigenschaften gibt. Er geht einfach so weit wie irgend möglich in Richtung Konstanz, um dann die Vielfalt des Lebens daraus hervorgehen zu lassen. Der typologische Forscher geht so weit wie möglich in die entgegen gesetzte Richtung: er möchte das ganze Plastizitätsspektrum einer Pflanze erfassen, und weiss gleichzeitig, dass das letztlich unmöglich ist. Er wird sich aber durch die intensive Beschäftigung mit den mannigfaltigen Erscheinungsformen einer Pflanze allmählich des Umkreises bewusst. Die reale Pflanze lebt zwischen den Komplementaritäten „Punkt“ und „Umkreis“, zwischen den Komplementaritäten: „eindeutige Formkonstanz“ und „unendliche Plastizität“. Jeder Forscher arbeitet im Grunde notgedrungen mit beiden Ansätzen. Er ist sich dessen aber oft nicht voll bewusst. In der Schule sollten die beiden Ansätze gleichgewichtig unterrichtet werden. Wird die typologische vernachlässigt, verlieren die Schülerinnnen und Schüler das Ganze aus dem Auge und entwickeln eine rein mechanistische Vorstellung vom Leben, die in ihrer Vereinfachung mechanistischer ist als alles, was heute in der Forschung gedacht wird.