Moderne Genetik fasziniert uns alle, denn ihre Aussagen sind von grosser Tragweite: Sie haben zu tun mit unseren Träumen und Schrecken „von der Manipulierbarkeit und Machbarkeit aller Lebewesen“, einschliesslich des Menschen. Sie berühren zentrale Fragen des Selbstverständnisses des Menschen, zum Beispiel seiner Freiheit (bzw. Unfreiheit).
Dafür haben auch die Schüler ein unmittelbares Gespür, und sie tragen der modernen Genetik ein gespanntes und häufig stark emotionales Interesse entgegen.
Leider bleibt aber moderne Genetik meist sehr abstrakt und unanschaulich: Es geht um RNA und DNA und andere komplizierte chemische Substanzen, man muss sich in eine Welt von Winzigkeiten hineinfinden, die weit entfernt von unseren Erfahrungen mit Natur ist: in eine Art moderner Märchenwelt oder Science Fiction-Welt. Wir können diese fremde Wunderwelt staunend hinnehmen und all ihre immer komplizierteren Details memorieren. Aber dies allein bleibt letztlich seltsam unbefriedigend. Wir vermissen die Brücke zu unserer Alltagswelt, den anschaulichen Zusammenhang zwischen erfahrener und gedachter Welt. Wir würden die moderne Genetik gerne auf unseren Naturspaziergängen „nach entdecken“ oder „wieder finden“!
Das vorliegende „Unterrichtsmaterial“ versucht, auf genau dieses Bedürfnis einzugehen. Es ist eine Sammlung von Studien und Übungen, die zum Ziel haben, die Lehren der modernen Genetik und unsere sinnlich erlebte Welt miteinander zu verbinden.
Wie bereits angesprochen, ist das nicht ganz einfach: Mir sind nur wenige Studien bekannt, auf die man zurückgreifen kann, in dieser Richtung scheint noch wenig gedacht und geforscht worden zu sein.
Obwohl also noch viel Arbeit zu leisten wäre, sind doch schon die ersten und vielleicht noch etwas bescheidenen hier vorliegenden Resultate bereits erstaunlich befriedigend. So wenigstens habe ich es selber und viele meiner Schüler erlebt. Befriedigend ist: Wir besteigen dankbar das noch so schmale Brücklein zwischen „Chemie“ und „Biologie“, wir müssen nicht mehr nur passiv komplizierte Forschungsresultate hinnehmen, sondern wir können mitbeobachten und mitdenken, mitforschen.
Bisher gab es eigentlich nur die Mendelschen Studien, die auf dem Gebiet der anschaulichen Genetik Eingang in den Biologieunterricht gefunden haben. Diese Mendelschen Experimente sind und waren zu Recht beliebt, eben weil sie schön bildlich und einfach nachvollziehbar auf genetische Gesetze hinweisen. Aber die Mendelschen Studien genügen längst nicht mehr als Unterrichtsmaterial.
In den letzten 25 Jahren ist in der Genetik viel geforscht worden: Unter anderem sind die „epigenetischen Einflüsse auf das Genom“ entdeckt worden, d.h. man weiss heute, dass Lebewesen nicht nur durch ihr eigentliches „Erbgut“ (im Zellkern eingeschlossene Genome) bestimmt werden, sondern ebenfalls wesentlich durch Vorgänge im Zytoplasma. (siehe E. Jablonka und M. J. Lamb 1995, 2005).
Damit ist klar, dass genetische Vorgänge viel komplizierter und „flexibler“ gedacht werden müssen als früher, in der Folge von Mendel, angenommen. Es gibt wohl nur wenige Eigenschaften, die so schön fix und fertig weitergegeben werden wie etwa die durch die Mendelschen Gesetze erfassten Erb-senblütenfarben. Eigenschaften, auf die die Mendelschen Gesetze stimmen, sind wohl geradezu „Ausnahmen“.
Aus diesem Grunde drängt sich auf, dass neues Unterrichtsmaterial gefunden werden muss, das angemessener die moderne und komplexer gewordene Genetik illustriert. Ein Beitrag dazu wird hier mit der vorliegenden Studie über „Senecio“ angeboten!
Er gründet auf Arbeiten von J. Bockemühl und C. Holdrege und verfolgt das Ziel deren Ergebnisse in eine für den Unterricht brauchbare Form zu bringen.