Jetzt. da die Schüler bereits „ein Gefühl für Blattmetamorphosen“ haben, soll dieses Gefühl ins Bewusstsein gehoben und in differenzierte Begriffe gefasst werden. Es werden die Wachstumsgesetze von Blättern und die zugehörigen Begriffe Stielen – Spreiten – Gliedern – Spitzen eingeführt.(siehe J.Bockemühl 1972) Diese Wachstumsgesetze kann man übrigens bei fast allen Pflanzen ansatzweise entdecken, deutlich sichtbar sind sie bei dikotyledonen Kräutern. Stielen (1. Phase): Nach den Keimblättern treibt die Pflanze erste Blättchen aus: Sie sind klein, die Blattspreite wird vom Trieb weggetragen: der Blattstiel ist betont. Spreiten (2. Phase): Die folgenden Blätter sind bereits grös-ser. Die Blattspreite ist betont. Gliedern (3. Phase): Jetzt sind die Blätter sehr gross. Ihre Form ist nicht mehr geschlossen, sondern gegliedert (zum Beispiel gezackt, gezähnt, gelappt) Spitzen (4. Phase): Die obersten Blätter sind wieder kleiner. Die Blätter sind Richtung Haupttrieb eingezogen, also in den Blattgrund zurück. Der Blattgrund ist betont. Überlegungen zur Funktion der Blattmetamorphose Man kann sich fragen, welche Funktion hat die Metamorpho-se der Blätter durch Stielen, Spreiten, Gliedern und Spitzen wohl? Dazu kann man zum Beispiel folgendermassen speku-lieren
Das Blatt ist ein Auffangorgan für Licht. Daher kann damit gerechnet werden: - die Blattform soll in erster Linie darauf ausgerichtet sein, Licht optimal einzufangen. - daneben gilt es aber auch zu berücksichtigen: - das Blattmaterial soll sparsam eingesetzt werden - die Blattstabilität muss gewährleistet sein (kein abbrechen, durchreissen) - die oberen Blätter dürfen die Blüte nicht verdecken, die Blüte soll optisch auffällig sein. Die Blattmetamorphose erfüllt die genannten vier Bedingungen tatsächlich geradezu ideal: Das Spreiten sorgt dafür, dass die Blätter optimal von der Pflanze weggetragen werden, also möglichst gute Lichtexposition haben. Die Pflanze ist in diesem Stadium noch so jung, dass sie erst wenig Blattmasse zur Verfügung stellen kann. Das Spreiten hat den Sinn, grössere und somit funktionstüch-tigere Blattflächen dem Licht entgegen zu tragen. Das Gliedern wird jetzt nötig, da die wachsende Blattgrösse Stabilitätsprobleme mit sich bringt (ein gegliedertes Blatt ist weniger schwer, bietet weniger Windwiderstand). Das Gliedern mindert das Beschatten der unteren Blätter.
Das Spitzen ist sinnvoll, um der Blüte Raum zu geben, sie soll ja möglichst auffällig sein. Funktionelle Überlegungen kommen dem Erklärungsbedürfnis der Schülerinnen und Schüler entgegen. Sie haben die Mög-lichkeit ihr Denken zu schärfen, über biologische Beziehungen nachzudenken und dann eine Hypothese zu formulieren. Danach kann man der Frage nachgehen, ob diese Hypothese stimmt, ob es Möglichkeiten gibt, sie zu überprüfen, ob sie alles erklären kann oder auch nicht. Die oben formulierte Hypo-these kann, falls Interesse und Zeit vorhanden ist, an vielen Pflanzen mindestens ansatzweise überprüft werden und eventuell eine vielleicht eingeschränkte Gültigkeit festgestellt werden. Es geht dabei weniger um abgeschlossene Urteilsbildung und um absolute Richtigkeit sondern um die aktive Denkbewegung. Je nach Unterrichtssituation lässt sich an dem Beispiel auch zeigen, wie schnelles abgeschlossenes Urteilen gerade im Bereich des Lebens oft zu kurz greift und das offene interessierte Beobachten behindert.
Vergleich unterschiedlicher Blattmetamorphosen
Nicht alle Pflanzen verhalten sich in ihrer Blattmetamorphose gleich, es gibt viele Abwandlungen und Spezialisationen. Innerhalb der Seneciopflanzen kann man zum Beispiel feststellen:
Senecio vulgaris
Senecio vulgaris hat eine „idealtypisch ausgewogene schnell fortschreitende Blattmetamorphose“.
Senecio viscosus ist stark gegliedert, hat aber viel Ähnlichkeit mit Blattmetamorphosen von Senecio vulgaris, schreitet aber viel langsamer voran. Das Gliedern setzt früh ein und prägt das Gesamtbild.
Senecio elegans wächst an der Südspitze von Südafrika in der Nähe der Küste zwischen Fynbos Gebüsch. Es gleicht im Wuchs stark Senecio vulgaris. Die Blätter sind aber feiner geformt und stärker gegliedert. Die ersten Blattstadien fehlen, die Blütenköpfchen tragen violette Strahlenblüten.
Senecio jacobaea hat ebenfalls eine betonte Gliederungsphase. Die gezeigte Pflanze ist einjährig.
Normalerweise bildet S. jacobaea im ersten Jahr eine Blattrosette und kommt erst im Folgejahr zur Blüte. Die Rosettenblätter betonen das Stielen und das Spreiten. Im Folgejahr fehlen dann an den blühenden Pflanzen die ersten Blätter. Alle neuen Blätter sind in der Gliederungsphase und in der Phase des Spitzens.
Senecio arenarius wächst ebenfalls an der Südspitze von Südafrika in der Nähe der Küste zwischen Fynbos Gebüsch. Die Blätter gleichen den Blättern von Senecio vulgaris stark, sie sind aber insgesamt schmaler. Das Spitzen ist ausgeprägter. Die ersten Blattstadien fehlen Blütenköpfchen tragen violette Strahlenblüten (siehe Bild 24)
Senecio maritimus wächst ebenfalls an der Südspitze von Südafrika in unmittelbarer Nähe der Küste.Die Blätter sind grob gegliedert und sukkulent. Die Tendenz zur Sukkelenz findet sich übrigens auch bei Senecio vulgaris, nur viel weniger ausgeprägt.
Senecio inaequidens
Senecio inaequidens - bei uns ein Neophyt aus Südafrika - betont das Spitzen. Die Pflanze ist ausdauernd, die allersten Blätter deshalb schon längst vergangen. Die ersten Blätter eines neuen Triebes sind schon schmal und gleichen den Blättern vor der Blüte. Bei genauen Hinschauen kann man aber bei den ersten Blättern eines neuen Triebes (Blätter ganz links) trotzdem eine Phase des Stielens bemerken und am Schluss (blätter ganz rechts) eine Phase des Zuspitzens und damit verbunden das Verbreitern des Blattgrundes.
Senecio alpinus
Senecio alpinus entwickelt grosse breite Blätter mit klaren kräftigen Stielen. Das Gliedern fällt weg, das Spitzen ist wenig auffällig.
Weitere Beispiele
Die Gattung Senecio weist noch eine Vielzahl weiterer Blattmetamorphosen auf, einfach geformte wie die von Senecio Fuchsii, Senecio alpinus oder Senecio aquaticus komplizierte wie die von Senecio sylvaticus, Senecio incanus, Senecio rupestris oder Senecio vernalis usw.