Zustand der Ruine der St.Georgen-Kirche zu Wismar 1987
Zustand der Ruine der St.Georgen-Kirche zu Wismar 1987
1987, gut zwei Jahre vor der „Wende“, konnte ich eine Reihe von Persönlichkeiten, die sich im „LÜBECK-FORUM“ und in der „GEMEINNÜTZIGEN" ehrenamtlich für Lübeck engagierten, dafür gewinnen, in einem zu gründenden FÖRDERKREIS ST.GEORGEN ZU WISMAR etwas völlig utopisch Erscheinendes zu versuchen …
Zum seinerzeitigen Zustand der Kirchenruine, zu unserer Motivation und als erster Rechenschaftsbericht
hier Auszüge aus meiner Darstellung in: "Der Wagen, ein lübeckisches Jahrbuch" 1992, S.13 ff:
LÜBECKS HILFE FÜR ST.GEORGEN ZU WISMAR
In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 fliegt eine alliierte Bomberstaffel einen Angriff auf Wismar. Das Ziel: Die kirchengroßen Silos und Speichergebäude am Hafen. … Aber die Silos stehen heute noch. Vielmehr traf eine Luftmine das südliche Seitenschiff von St.Marien, je eine den Turmstumpf und den westlichen Teil des Hochschiffs von St.Georgen, weitere hinterließen schwere Verwüstungen an unersetzlichen Baudenkmalen des vormals einzigartigen „Gotischen Viertels“ der alten Hansestadt.
In St.Georgen geriet zwar die große Orgel an der Turmseite des Langhauses in Brand und die Gewölbe außer im Chor stürzten ein, aber im wesentlichen hielt wie bei St.Marien der über 500jährige Bau den gewaltigen Detonationen stand. Da auch das Feuer fast nur auf die Orgel und Teile des westlichen Dachstuhls beschränkt blieb, konnten später wertvolle Ausstattungsstücke geborgen und in der einzig unversehrt gebliebenen St.Nikolaikirche gelagert werden.
Trotz der Not der Nachkriegsjahre mühten sich die Wismarer, einen fortschreitenden Verfall der offenen Ruine St.Georgens zu verhindern: Mitte der 50iger Jahre konnte mit schwedischer Hilfe bereits ein Sparrengerüst für ein neues Langhaus-Dach aufgebracht werden. Es wurde nie fertiggestellt, denn politisch motivierte Hemmnisse machten bald alle Teilerfolge zunichte:
Das sich zunehmend militant atheistisch gebärdende SED-Regime entzog diesen ersten Sicherungsarbeiten nicht nur alle Unterstützung, sondern zielte auf die Beseitigung der Kirchenruinen als verhasste Zeugnisse einer bürgerlich-christlichen Kultur: 1960 wurde in einer Nacht- und Nebelaktion das nur mäßig beschädigte Kirchenschiff von St.Marien gesprengt, … und St.Georgen dem Verfall überlassen.
Es folgten drei Jahrzehnte Hilflosigkeit. Zwar wurde Hilfe aus dem Westen wiederholt angeboten, aus politischen Erwägungen vom zentralen Regierungsapparat der DDR jedoch regelmäßig ausgeschlagen. Allenfalls wurde der lebensgefährliche Einsatz einiger in alpinistischer Klettertechnik erfahrener Enthusiasten geduldet, die drängendste Sicherungsarbeiten in dem sich lösenden Mauerwerk der zunehmend verfallenden Ruine wagten. Doch Winterstürme rissen Jahr für Jahr weitere Teile des einst hoffnungsvoll wieder aufgebrachten Dachgerüstes in die Tiefe. Im durchfeuchteten Boden versackten ganze Pfeiler-Fundamente. Gewölbeteite des Chores stürzten ein. Hochwände und Wandpfeiler verloren ihre Standfestigkeit und begannen, in eine langsame Kippbewegung überzugehen.
Aber ein Orkan in der Schreckensnacht vom 25. 1. 1990 brachte die Wende für St.Georgen: Aus 35 Metern Höhe war der gewaltige Giebel des nördlichen Querhauses hinuntergestürzt auf drei Häuser: Schwerverletzte wurden aus den Trümmern geborgen, aber auch die Öffentlichkeit hüben und drüben in jener ohnehin bewegten Zeit alarmiert.
Es war die Stunde unseres schon längere Zeit agierenden „Förderkreises St.Georgen“ aus Lübeck, der durch Wortnahme auf einer Krisensitzung im Rathaus zu Wismar dazu beitragen konnte, dass der Ungeist der letzten Jahrzehnte nicht noch in letzter Minute einen prekären Erfolg verbuchen konnte: Die noch amtierende SED-Stadtverwaltung wollte in einem Überrumpelungsmanöver einen Beschluß zur sofortigen Sprengung der Ruine durchsetzen.
Jetzt fruchteten auch endlich jahrelange, bisher vergebliche Versuche der Öffentlichkeitsarbeit des Förderkreises. Hohe Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bis hinauf zum Herrn Bundespräsidenten als Schirmherr der Deutschen Stiftung Denkmalschutz machten sich das Ziel der Rettung St.Georgens zu eigen.
Denn es gelang bewusst zu machen, dass der Rettung dieses besonderen Bau- und Kulturdenkmals an besonderem Platz und zu besonderer Zeit auch eine besondere symbolische Bedeutung zukommt. Diese umschrieb der Förderkreis im Vorwort zu seiner kleinen, im Februar 1990 erschienenen Broschüre „Baugeschichte St.Georgens an ungewissem Wende.Punkt“ wie folgt:
"... Dieser Kirchenbau ist von besonderem kunstgeschichtlichem Rang als großartiges Endglied einer Kette von von Backsteinkathedralen im Ostseeraum in der Nachfolge der Lübecker Marienkirche --- ein verpflichtendes und unverzichtbares Kulturerbe für die ganze Nation !
Deshalb darf es langfristig nicht bei bloßen Sicherungsarbeiten an der Ruine bleiben, denn eine wie auch immer geartete Wiederherstellung ist das visionäre Ziel dieser Rettung.
St. Georgen liegt im Noch-Grenzgebiet der beiden wieder zusammenwachsenden Staaten auf deutschem Boden. Wenn sich an diesem Werk der gemeinsame Wiederaufbau bewährt, gewinnt St.Georgen eine besondere gesamtdeutsche Bedeutung :
So wie die Paulskirche in Frankfurt zum Symbol für die erste deutsche Demokratie-Bewegung im vergangenen Jahrhundert wurde, so wird St.Georgen zum Symbol werden für die historischen Umwälzungen in Deutschland am Ende dieses Jahrhunderts --- Rettet St.Georgen !"
Die Aktivierung der Öffentlichkeit über viele Medien brachte nun wahrhaft die "Wende" auch für die höchst gefährdete Ruine. Vor allem gebühren dem Kuratorium und der Geschäftsführung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz der Dank, nach unseren Aufrufen den Ausschlag gegeben zu haben mit dem Beschluß, St.Georgen zu Wismar als erstes und vorrangiges Projekt in der damaligen Noch-DDR in das Förderungsprogramm aufgenommen zu haben -- 600.000,- DM flossen aus deren Fonds bereits im Frühjahr 1990, sodaß zügig die ersten Sicherungsmaßnahmen in Angriff genommen werden konnten.
Auch dem Förderkreis flossen jetzt beträchtliche Spendensummen zu, besonders seit wir speziell zur Finanzierung dringend benötigter Spannanker aufriefen, die ähnlich wie 1947 bei St.Marien zu Lübeck die einsturzgefährdeten Bauteile stabilisieren sollen -- es war bundesweit bewußt geworden, daß diese größte Kirchenruine Deutschlands in ihrer symbolhaften Bedeutung uns alle angeht !
Daß sich aber speziell in Lübeck schon Jahre vor der Überwindung des SED-Regimes Kräfte für die Erhaltung St.Georgens in Wismar regten, ist kein Zufall:
Die Nähe zur alten Schwesterstadt Wismar ließ uns trotz trennender Grenze den Verfall der steinernen Zeugen gemeinsamer Bürgerkultur besonders schmerzlich empfinden. Unvergessen blieb dabei, dass die Lübecker das Wiedererstehen ihrer herrlichen Großkirchen nach den Kriegszerstörungen ganz wesentlich der Hilfe und Spenden aus der gesamten alten Bundesrepublik Deutschland verdankten. Beispielhaft ist vor allem der Domchor, der noch in den 60iger Jahren in ruinösem Zustand aufgegeben wurde und doch durch Anstoß von außen, zunächst aus Hamburg und dann durch bundesweite Hilfe, unserer Stadt erhalten wurde.
Insofern ist nun gerade für die Lübecker das Schicksal der gewaltigen Kirchenruine in Wismar eine Verpflichtung:
Nachdem Lübeck in schwerer Zeit die Hilfsbereitschaft unserer ganzen Kulturnation hatte erleben dürfen, nachdem hier die Bauleute Kenntnisse und Fähigkeiten bei der Wiederherstellung sakraler Großbauten wie kaum anderswo gewonnen und vertieft hatten, steht es der Travestadt wohl an, hiervon etwas weiterzugeben an die nahe Schwester- und Partnerstadt: Einerseits ideelle Unterstützung zur Motivation der zunächst resignierenden Verantwortlichen, andererseits das in Jahrzehnten hier gewachsene „know-how“ bei der praktischen Arbeit, schließlich nach Möglichkeit auch Hilfe finanziell-materieller Art …
( Auszüge )
........................................................................................................................
p.s. 2012: Dankbar für jedwede Unterstützung, arbeitet der Förderkreis auch nach 25 Jahren voller erfolgreicher Aktivitäten weiterhin engagiert an den großen, selbstgesetzten Zielen: Näheres finden Sie auf dessen Internetseite unter dem link: www.georgenkirche.de