Kulturnation Korea
schlaglichtartig beleuchtet in
Megalithos 2 / 2002, S. 70 ff
durch Heinrich Wiechell
Historische konfuzianische Akademie
Oft wird das ferne Korea poetisch gerühmt als das „Land der Morgenfrische“. Aber ein Gast, eben angekommen in einem modernst gestalteten Flughafen, dürfte wohl zunächst irritiert sein: Schnell findet er sich hineingeworfen in Lärm und Hektik des Verkehrschaos einer 15-Millionen-Metropole mit einer Allerwelts-Architektur aus Beton und Glas. Dem Besucher erschließen sich die stilleren, liebenswerteren Seiten dieses Landes erst allmählich, denn dieser erste Eindruck ist freilich keineswegs typisch für das ganze Korea.
Man muß sich vielmehr vor Augen halten, dass hier nach dem erschreckenden Aderlaß und den Zerstörungen des Bruderkrieges vor mehr als 50 Jahren eine verarmte und nach politischer Teilung weiter geschwächte Bevölkerung überleben musste und sich mit bewundernswerter Emsigkeit und eiserner Disziplin an einen Wiederaufbau machte, der allenfalls vergleichbar ist mit dem im Nachkriegsdeutschland.
Das „Wirtschaftswunder am Rhein“, von den Machthabern Südkoreas als Vorbild hingestellt, wiederholte sich im fernen Osten: Diese Teilnation, von Japan über 4 Jahrzehnte unterdrückt und ausgebeutet, überflügelt neuerdings nicht nur den einstigen Kolonialherren beispielsweise im Schiffbau ( Südkorea liegt hier weltweit an der Spitze ), sondern lehrt auch die übrigen westlichen Industrienationen etwa bei Elektronik, Stahlerzeugung oder Autobau das Fürchten.
Jene Disziplin, gepaart mit Fleiß, Sparsamkeit und Bildung, darf schon zu den Kulturgütern der Koreaner gezählt werden, gründet sie sich doch auf der Jahrhunderte lang vorherrschenden Staatsdoktrin des Konfuzianismus, die bis in die Familie hinein das Leben bestimmte und weiter wirkt, in Korea mehr als in jedem anderen ostasiatischen Land.
Vor 2.500 Jahren hatte Meister Konfuzius in China seine humanistisch-philosophischen Regeln für das Zusammenleben der Menschen entwickelt : Die Kardinaltugenden Rechtschaffenheit, Weisheit, Liebe, Aufrichtigkeit und Sittlichkeit sollen die Beziehungen in der Familie gleichermaßen wie im Staat bestimmen als wechselseitige Verpflichtung in einer patriarchalischen Hierarchie, verbunden mit dem Gebot der lebenslangen Vervollkommnung der geistigen Bildung. In diesen tief verwurzelten Traditionen dürfen wir die wesentlichen Voraussetzungen für das koreanische Wirtschaftswunder sehen.
Unvermeidliche Folgen des schnellen wirtschaftlichen Aufschwungs, des Bevölkerungswachstums, der Landflucht und der Zusammenballung in der Metropole sind die Hochhauskulissen, in denen ein oberflächlicher Betrachter nur ein „verwestlichtes Asien“ erblicken mag. Hinter diesen Kulissen aber findet ein aufgeschlossener Besucher die sorgsam gepflegten Zeugnisse einer langen Geschichte und einer sehr eigenständigen Kultur. Diese zu bewahren ist dem Koreaner Verpflichtung, vergleichbar dem konfuzianischen Ahnenkult. Sie geben ihm die Identität, die auch eine lange japanische Unterdrückung nicht auszulöschen vermochte.
So sollte kein Gast den Besuch des Geyong-Palastes (s.o.), des größten und ältesten in Seoul, versäumen: Zugänglich durch ein repräsentatives Tor, vermittelt der zentrale Platz vor der großen Thronhalle ein Gefühl für die Würde der Yi-Dynastie, die 400 Jahre lang bis zum Anfang des 20.Jhd. im Lande herrschte.
Vorbild ist die chinesische Palastarchitektur, besonders deutlich in den allgegenwärtigen geschwungenen Dach-Konstruktionen, bei königlichen Bauten sogar gedoppelt.
Die Thronhalle erhebt sich auf einem zweistufigen Podest -- eine Reverenz in bewußter Bescheidung gegenüber dem als höchste Instanz angesehenen Kaiser des "Reichs der Mitte", dessen Thronhalle ein dreistufiges Podest aufwies.
Am Ende des 14. Jhd. gegründet, erlebte der Palast die Höhen und Tiefen der koreanischen Geschichte in wiederholten Zerstörungen im Spannungsfeld zwischen Japan und China .
Aber wenn besonders an Festtagen die Einheimischen in traditioneller farbenfroher Nationalkleidung den Palast-Park mit seinen Pavillons an malerisch angelegten Teichen bevölkern, ahnt der Besucher etwas von der höfischen Eleganz jener vergangenen Epoche, die durchaus noch in lebendiger Erinnerung geblieben ist.
Auch in den meist in abgelegenen Gebirgstälern versteckt liegenden buddhistischen Tempeln und Klöstern wird für Koreaner wie für Besucher ein Stück Kulturgeschichte des Landes erlebbar:
Zwar bekennt sich nur noch etwa ein Viertel der Bevölkerung zum Buddhismus ( etwa ebenso viele wie zum Christentum ), aber Männer und besonders Frauen nähern sich nach ihrer aktiven, diesseitsbezogenen und oft unbewußt von konfuzianischer Philosophie geprägten Lebensphase mit zunehmendem Alter mehr den Fragen nach dem Jenseits und einem Lebens-Sinn. Trost und Hilfe wird dann oft gesucht bei dem "Erleuchteten", der aus dem Kreislauf der Wiedergeburten in die Leiden des Diesseits ausscheiden und als Buddha in die Glückseligkeit des Nirwana eingehen konnte.
Im 4. Jahrhundert begann sich der Buddhismus, ursprünglich von Nord-Indien ausgehend, über China auch nach Korea und weiter nach Japan auszubreiten. Er löste hier eine schamanistische Urreligion ab, für die faszinierende Goldkronen aus der Frühzeit der koreanischen Geschichte Zeugnis ablegen : Geborgen wurden sie aus den Königsgräbern der frühen Shilla-Periode, die zeitlich den ersten Jahrhunderten nach unserer Zeitenwende entspricht. Sie werden als Insignien eines ursprünglichen Priester-Königtums gedeutet, wobei die Schmuckanhänger auf die Mongolei als Herkunftsland einer frühen Einwanderungswelle hinweisen.
Aber während der ersten Reichsbildung auf koreanischem Boden durch die Shilla-Dynastie hatte sich im 7. bis 9. Jhd. n.Chr. der Buddhismus zur herrschenden Staatsreligion entwickelt und zugleich eine kulturelle Hochblüte beim Tempelbau und sakraler Plastik erlebt:
Der einstigen Königsresidenz Geyongju im Süd-Osten des Landes sollte ein Besuch gelten und dort dem Bulguksa-Tempel (Abbidung oben, 751erbaut) und gleichermaßen der Seokguram-Grotte mit dem einzigartigen, aus Granit gemeißelten Buddha.
Beide Stätten sind etwas außerhalb der Stadt im Waldgebirge gelegen und sicherlich zu Recht in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden :
Weltentrückt in seiner Meditation erscheint der "Erleuchtete",
ein Meisterwerk, das als das Schönste seiner Art in Ostasien gilt, entstanden wie der vorgenannte Tempel mit der prachtvollen Treppenanlage in der Mitte des 8.Jhd.
Hier oder in einem der vielen anderen Tempelbezirke im Lande wie dem Haeinsa-Tempel spürt der Besucher, besonders in der Stille noch vor Sonnenaufgang, wie treffend das Wort vom "Land der Morgenfrische" sein kann .
Aber auch vielfältige technisch-zivilisatorische Hochleistungen hat dieses Volk in seiner langen Geschichte hervorgebracht, oft lange bevor Westeuropa aus dem Mittelalter erwachte und schließlich den fernen Osten zu überflügeln begann:
In Geyongju steht seit der ersten Hälfte des 7.Jhd. der Cheomseongdae-Sternwartenturm, der älteste seiner Art weltweit. Erbaut aus ebenso vielen Quadern wie das Jahr Tage zählt, diente der Turm vermutlich astronomischen Messungen, die die Voraussagen von vermeintlich schicksals-trächtigen Sonnenfinsternissen verbessern sollten.
Auf nur Weniges mehr kann hier aus der Fülle der Kulturleistungen im Lande verwiesen werden , beispielsweise auf die im Jahre 663 gegossene und damit älteste und zugleich zweitgrößte bronzene Tempelglocke Koreas : Alljährlich wird hiermit im Sangwonsa-Tempel über den Rundfunk das Neue Jahr eingeläutet .
Auch zum Weltkulturerbe werden die im 13.Jhd. entstandenen über 80.000 hölzernen Druckplatten im Haeinsa-Tempel (oben) gezählt, die alle buddhistischen Schriften enthalten. Sie wurden von Mönchen als flehentliche Bitten an Buddha um Hilfe gegen die Mongolen-Einfälle geschaffen.
Hier wurden noch für den Druck die chinesischen Schriftzeichen in Holz geschnitzt, aber bereits ab 1234 wurden bewegliche Lettern zunächst aus Kupfer, später aus Blei gegossen und im koreanischen Buchdruck benutzt : Das alles mehr als 200 Jahre vor Gutenberg in Deutschland !
Der einzigartigen, unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten geschaffenen koreanischen Schrift HANGUL ist ein eigener Beitrag gewidmet ( s. u. ).
Die viel gerühmte Kunst der Kalligraphie bediente sich aber traditionell der chinesischen Schrift und wird in allen Volksschichten gepflegt.
In der Keramik brachten es die Koreaner zu einer auch bei Chinesen und Japanern gerühmten Meisterschaft: Selbst die heutigen Repliken, mit vollendeter Handfertigkeit in alter Technik nachgeschaffen und als erlesene Souvenirs erworben, können durch zeitlose Formgebung und edles Decor neben jedem Kunstwerk westlicher Kultur in Würde bestehen.
Die koreanische Schrift HANGUL
Heinrich Wiechell in : Megalithos 4, 2002
Unter den Schriften der Völker nimmt HANGUL (wörtlich „koreanische Schrift“) eine Sonderstellung ein: Nicht über Jahrhunderte oder gar über Jahrtausende gewachsen aus zuweilen verschiedenen Wurzeln mit Übernahme und Anpassung fremder Schriften, sondern eine systematische, auf wissenschaftlichen Überlegungen aufbauende Geistesschöpfung, die vorrangig dem Ziel der einfachen Erlernbarkeit und Anwendbarkeit dient.
Erst vor dem Hintergrund von sprach- und kulturgeschichtlichen Besonderheiten wird verständlich, wie es vor gut 550 Jahren dank der Einsicht und des Willens eines auch im heutigen „westlichen“ Sinne höchst modern-aufgeklärten Monarchen zu dieser interessanten Entwicklung einer neuen Schrift kam:
Der „ferne Osten“ wurde über Jahrtausende von China kulturell und politisch dominiert. Zwar entwickelten einzelne Völkerschaften an der Peripherie des Riesenreiches Ansätze zu eigenen Schriftsystemen, beispielsweise Mongolen, Japaner und Tibeter. Aber die chinesische Sprache und damit ihr ideographisches Schriftsystem, das älteste im ostasiatischen Raum, das für jeden Begriff ein eigenes Schriftzeichen verwendet, blieb beherrschend.
Vielfach waren die frühen Versuche der Koreaner, ihre im Vergleich zum Chinesischen grundlegend anders geartete Sprache dennoch mit den Schriftzeichen des als kulturelles Vorbild erachteten „Reichs der Mitte“ niederzuschreiben. Aber dies war nur unvollkommen und unter Übernahme der zugehörigen fremdsprachigen Begriffe möglich. Dies nun führte dazu, dass Schriftlichkeit in Korea bis in das 15.Jhd. ein fremdsprachliches Bildungsmonopol einer dünnen Oberschicht blieb, die sich hiermit zugleich ein Herrschaftsinstrument sicherte.
Umso mehr darf der Weitblick des zu Recht als „der Große“ titulierten Königs Sejong (1418 – 1450) aus der Yi-Dynastie bewundert werden:
Er kam durch eigene phonetischen Sprachstudien zu den Erkenntnissen, die ihn bewogen, eine völlig neue Schrift in einem Buchstabensystem einfachster Schriftzeichen für Vokale und Konsonanten entwickeln zu lassen, mit denen sich alle Laute der koreanischen Sprache wiedergeben lassen. Dies war eine radikale Emanzipation von den fernöstlichen Traditionen, wahrscheinlich ohne Kenntnis der seit der frühen Antike im Mittelmeer-Raum entstandenen phonetischen Buchstabenschriften.
Der König selbst erklärte seine Beweggründe im Vorwort seines Erlasses zur Einführung der neuen Schrift: „Die Laute unserer Volkssprache sind grundverschieden von denen Chinas und lassen sich nicht einfach in die chinesische Schrift übertragen. Wenn daher einer meiner unwissenden Untertanen den Wunsch hat, seine Gedanken auszudrücken, so ist er dazu in vielen Fällen am Ende nicht in der Lage. Aus Mitgefühl mit unserem Volk haben wir daher eine neue Schrift aus 28 Buchstaben erfunden, damit jeder sie leicht erlernen und zum eigenen Nutzen im täglichen Leben anwenden kann.“
Damit wurde eine philosophische Forderung der konfuzianischen Staatsdoktrin, der König habe eine ideale Regierung mit ständigen Verbesserungen der kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen anzustreben, in beispielhafter Weise durch eine bemerkenswerte Leistung erfüllt.
Schon bald nach seiner Thronbesteigung hatte König Sejong eine Gruppe von Gelehrten der „Akademie der Weisen“ damit beauftragt, die erforderliche neue Schrift in seinem Sinne zu entwickeln. Nach 20 Jahren Vorarbeiten wurde das sehr übersichtliche Zeichensystem akzeptiert. Es besteht aus einfachen geometrischen Zeichen, teils vermutlich ausgewählt in Anlehnung an die bei der Aussprache entstehenden sichtbaren Lippenstellungen, also nicht unähnlich der Gehörlosen-Zeichensprache, beispielsweise der im 19. Jhd. von A.A. Bell entwickelten „sichtbaren Sprache“.
Nach drei Jahren praktischer Erprobungszeit wurde am 9.Oktober 1446 in einem Staatsakt (oben dazu Illustration aus dem frühen 19. Jhd.) die HANGUL-Schrift eingeführt.
In der Neuzeit wird dieses Ereignis jeweils am Jahresende als gesetzlicher Feiertag gewürdigt.
Die phonetischen Zeichen werden zu Silbenblöcken kombiniert, wie es das Beispiel zu „HANGUL“ zeigt (siehe Abbildung), sodaß ein Schriftbild entsteht, das nicht unähnlich ist den alten chinesischen Schriftzeichen. Dies erlaubte nun bei schwierigen philosphisch-literarischen Themen die Weiterverwendung der chinesisch-fremdsprachlichen Elemente in einer Misch-Schrift.
Die ursprünglich 28 Zeichen konnten später auf nur 24 reduziert werden, aus denen durch Kombination aber weitere 15 Buchstaben entstehen – insgesamt ein perfektes phonetisches System.
Nach anfänglichen Widerständen aus konservativen Kreisen, die um ihr Bildungsmonopol fürchteten, fand die neue Volksschrift rasch eine weite Verbreitung. Sie bildete die Grundlage für die Entwicklung einer eigenständigen koreanischen Literatur und ist vergleichbar mit den Auswirkungen von Luthers Bibelübersetzung für das Deutsche in der Emanzipation vom Griechischen und Lateinischen.
Besonders in der ersten Hälfte des 20.Jhd. stärkte HANGUL im koreanischen Volk das Bewusstsein für seine spezifisch koreanische Kultur und gab Rückhalt bei der Abwehr von militanten japanischen Überfremdungsbestrebungen, die zeitweilig nicht nur die HANGUL-Schrift, sondern auch die Sprache selbst zu unterdrücken versuchten.