"Seine Freude in der Freude des anderen finden können: das ist das Geheimnis des Glücks." George Bernanos (1888 – 1948)

Lebens-Art und Philosophie: glückliche Pferde

Wenn das Sein mit dem Pferd voll und ganz zur Lebensart wird ...

Lebensart wie "Lebens-Art" zu schreiben kam mir als Wortspiel in den Sinn für eine gewisse Art und Weise und eine bestimmte Einstellung zum Leben. Lebens-Art soll hier nämlich gleichzeitig "Kunst" in all ihren Facetten beinhalten und ausdrücken. Damit meine ich hier einmal die Kunst der Reiterei und allen Umgangs mit den Pferden und auch mit den Menschen, aber auch ganz allgemein die Kunst des Lebens.

Denn es ist wahrlich eine Kunst das Leben zu nehmen und zu meistern, und zwar in ALLEN Lebenslagen, so, dass wir unsere Glücksmomente auch erkennen und genießen können. Das erscheint anspruchsvoll besonders in schwierigen Lebensphasen, aber es ist tatsächlich auch anspruchsvoll in den Lebensphasen, wo wir wirklich allen Grund hätten glücklich zu sein, weil gerade alles gut ist. Gerade dann wird es aber oftmals übersehen, weil es einfach so schnell selbstverständlich wird. So ist das mit dem Leben und seinen vielen Inhalten ... Wir sollten nichts für selbstverständlich nehmen, sondern viel öfter dankbar sein für das, was wir im Leben an wunderschönen Momenten haben - das ist schon wahres Glück! Für mich bedeutet Glück vor allem, dass ich mit meinem Mann und meinen Pferden zusammen sein kann, dass wir liebe Menschen um uns haben und dass ich gerade über die Pferde, und hier besonders über die "Elfen-Lipizzaner", ganz besonders wahrhaftige Menschen kennenlernen durfte - wahre Pferdemenschen eben! - die meine Leidenschaft zu den Pferden teilen und ebenso fasziniert von ihnen sind wie ich.

Meine Leidenschaft für die Pferde und die Dressur möchte ich so ausdrücken:

„Ich liebe die Pferde für das, was sie sind, ich liebe wirklich alles an ihnen! Sie helfen mir in jeder Hinsicht mich körperlich und mental zu entwickeln und ich tue dasselbe für sie. Ich liebe die Dressur bis zu den höchsten Lektionen, denn wenn das Pferd sich in ihnen voller Begeisterung ausdrückt und mit Kraft und Würde präsentiert, erstrahlt es in seiner ganzen unfassbaren Schönheit in einem Tanz voller Leichtigkeit und Charme – stolz und frei.“

Dr. Christiane Gittner, S. 170f., aus dem Buch "Gesunde Pferde - Glückliche Reiter" von Maria Alberti

Der Anblick eines glücklichen, stolzen Pferdes, das sich frei in seiner ganzen Schönheit zeigt, ist für mich der schönste Anblick, den es gibt. Und folglich ist es auch genau das, was mich selbst am meisten glücklich macht, wenn ein Pferd mir genau das schenkt in unserem gemeinsamen Tun, wenn es unser Miteinander genauso genießt wie ich und sich bei mir wohl und aufgehoben fühlt. Was kann es auch Schöneres geben als eine solche Verbindung?

"Wenn man das Pferd zu der Haltung bringt, die es selbst annimmt, wenn es schön sein will, so macht man, dass das Pferd des Reitens froh und prächtig, stolz und sehenswert erscheint."

Xenophon (geb. um 425 v. Chr., gest. um 355 v. Chr.)

Was kann ich nun also dazu tun, dass sich das Pferd mir in obiger Weise öffnet, mir sein Herz schenkt und seinen Geist mit dem meinen verbindet?

Nun - genau das, was wir auch bei uns Menschen untereinander schätzen, nämlich bei denen, die wir dann "Freunde" nennen. Es möge ein jeder tief in sich gehen und sich ehrlich beantworten, was es für wahre Freundschaft, Liebe und Vertrautheit braucht. Für mich sind es folgende "Zutaten": Empathie und Ehrlichkeit, Liebe und Vertrauen, sich selber nicht zu wichtig nehmen und nichts (zu) persönlich nehmen, ein achtsamer und höflicher Umgang miteinander, Fairness und Gerechtigkeit, Respekt und Toleranz gegenüber der Freiheit des anderen, ein faires Miteinander auf Augenhöhe, eine offene bewusste Wahrnehmung, Dankbarkeit und freundliche Zugewandtheit.

Damit wir mit unseren Pferden so verbunden sein können, brauchen wir eine gemeinsame Kommunikationsebene, d.h. eine Sprache, die wir beide verstehen. Also gehen wir aufeinander zu, so wie das in jeder schönen Beziehung sein sollte, und lernen und setzen jeweils gegenseitig das um, was wir lernen können und was wir umzusetzen in der Lage sind.

Jeder, der eine Fremdsprache gelernt hat, weiß was es bedeutet sich auf eine andere Sprache einzustellen. Dazu gehört viel mehr als nur Wörter und Sätze, Grammatik und Phonetik zu studieren. Den Geist, der einem Volk innewohnt, das diese Sprache zur Muttersprache hat, müssen wir verstehen und begreifen lernen, und zwar gegenseitig, so dass wir uns da treffen können, wo es uns möglich ist - auf dem Weg zueinander. Niemand hat jemals eine Sprache dadurch besser gelernt, dass er geschlagen oder angebrüllt wurde. Nein, der Weg zum gegenseitigen Verstehen und einem Verständnis füreinander ist derjenige herauszufinden, wie ich mich meinem Gegenüber so ausdrücken kann, dass er zunächst erahnen, später genau wissen kann, was ich ihm sagen möchte.

So ist das auch mit den Pferden. Es geht nicht darum, ihm Lektionen, Übungen und Kunststückchen beizubringen, und es somit zu dressieren und vorzuführen (im doppelten Wortsinn), zu unserer Selbsterhöhung, Kontrolle und Machtausübung. Nein, es geht darum, dass wir miteinander kommunizieren und uns gegenseitig mitteilen, was uns gerade Freude machen würde, so dass wir im Miteinander zu größtmöglichen Glücksmomenten und schönstem Wohlfühlen finden. Das Pferd übt so die schöne Dressur nicht primär als Lektion aus, sondern präsentiert sich durch sie in seiner schönsten Form, so wie es das auch unter seinesgleichen tun würde, wenn es sich schön und stolz zeigen will - das sieht dann wie ein Tanz aus, leicht und schön, und dieser Anmut und diesem Charme muss jeder, der Pferde liebt, einfach unweigerlich erliegen ... Das macht wirklich süchtig!

Das Pferd sollte - und möchte! - uns wirklich verstehen können und umgekehrt wir das Pferd auch, so dass unser stetiges Bemühen vor allem sein muss: Das Kennenlernen, Erfahren und Erfühlen dessen, was ein Pferd als solches im Wesentlichen ausmacht und natürlich jedes einzelne Pferd ganz individuell. Nur so können wir es in all seinen Facetten verstehen, und nur so können wir erkennen, ob es einverstanden ist, und auch ob es etwas tun kann oder nicht, ob es Sorgen hat, ob es vielleicht einfach heute mal keine Lust hat oder ob es mit Begeisterung dabei ist. Dazu finden wir heraus, was es körperlich und geistig zu tun fähig und willens ist, und woran es Freude hat. Wir finden seine Schwächen und Stärken, Talente und Vorlieben heraus und schauen, wie wir das mit unseren eigenen Schwächen und Stärken, Talenten und Vorlieben zusammenbringen können.

So finden wir gemeinsam unseren ganz eigenen Weg, ganz individuell für MICH und MEIN Pferd, einen Weg, den nur ICH gehen kann mit DIESEM Pferd - denn nur so bin ich authentisch, das Pferd ist es nämlich sowieso, und wir fühlen uns wohl. Wer das einmal erreicht und gefühlt hat, möchte es nie wieder anders, das verspreche ich Euch!

Wenn meine Pferde und ich etwas Faszinierendes, etwas Schönes zusammen erlebt haben, und das kann ein feines Kraulen oder ein ruhiges beieinander Stehen ebenso sein wie eine hohe Dressurlektion, in der sich das Pferd selbst wunderwunderschön zeigt, oder auch ein schöner Ausritt, dann „sage“ ich zu ihm:

„Du bist für mich das tollste Wesen auf der ganzen Welt!“


"Was Pferde unter Zwang tun, wird nicht anmutig aussehen. Das Pferd muß vielmehr alle seine schönsten und prächtigsten Leistungen aufgrund von Hilfen freiwillig vorweisen."

Xenophon (geb. um 425 v. Chr., gest. um 355 v. Chr.)

"Das Vertrauen eines Pferdes zu spüren, ist eines der schönsten Gefühle der Welt - vielleicht sogar das Schönste." (unbekannt)

Pferde nach ihren Bedürfnissen "halten"

Die Zutaten dafür, dass unsere Pferde sich wohlfühlen und glücklich sein können, sind natürlich neben einer vertrauensvollen Beziehung zu uns das, was ein Pferd in seiner Eigenschaft als Pferd grundlegend als Bedürfnis hat, und das sind:

Nahrung und Wasser, Arterhaltung, Schutz und Sicherheit, Gesellschaft, Aufgaben und nicht zuletzt: FREIHEIT.

Das heißt: ein Pferd, das überwiegend alleine in einer Box stehen muss, und womöglich nicht mal nach draußen gucken kann, weil es in einer Innenbox leben muss, sich nicht mal mit einem Kumpel kraulen kann, weil die Box rundum vergittert ist - ein so gehaltenes, eingesperrtes und eingeengtes Pferd kann nicht zufrieden und somit nicht glücklich sein. Ich vergleiche das im Verhältnis damit, wie es für uns Menschen wäre rund um die Uhr auf der Gästetoilette ohne Gesellschaft und "geistige Nahrung" eingesperrt zu sein und so unser Dasein zu fristen ... also ich würde durchdrehen! Wir wissen selber, wie blöd es sich anfühlt, wenn wir irgendwo warten müssen, beim Arzt, in der KFZ-Zulassungsstelle oder auf den verspäteten Zug - warum? Weil wir keinen Einfluß nehmen können, weil wir nicht wissen wie lange es noch dauern wird, weil wir uns langweilen, weil wir lieber etwas anderes tun würden in dieser Zeit usw. - dieses Gefühl des Ausgeliefertseins muss ein Pferd haben, das in noch viel zu vielen Ställen bis zu 23! Stunden sein trauriges leeres aus seiner Sicht sinnloses Dasein fristet ... Es macht mich unendlich traurig, dass diese wundervollen Geschöpfe so weggesperrt und bohrender Langeweile und Traurigkeit und Leere überlassen werden.

Liegt es nicht in unserer Verantwortung für die Bedürfnisse des Pferdes zu sorgen, das wir als unseren Freund, Partner, Familienmitglied betrachten und fühlen? Für mich ist das ganz klar: JA! Denn die Pferde haben sich nicht aussuchen können, ob sie bei uns leben möchten, ob sie dort leben möchten, wo wir sie hingebracht haben und ob sie mit den Pferden dort leben möchten, weil sie vielleicht einen Freund verlassen mussten, ihre Mutter und am neuen Ort nun keinen Freund finden. Sie können es sich auch meistens nicht aussuchen, wann sie etwas machen möchten und was sie machen möchten.

Umso erstaunlicher ist es, was Pferde alles mitmachen und wie sehr sie sich für uns zusammenreißen. Zufriedenheit finden sie aber nur in einer Haltung, die so artgerecht wie möglich ist, in unserer zivilisierten Welt leider notwendigerweise durch Zäune begrenzt, so dass die Herden ihrem Wandertrieb nicht nachkommen können. Mit diesem Kompromiss müssen sie leben, aber dann sollte wenigstens das Futter von sehr guter Qualität sein und in angemessener Menge zur Verfügung stehen, das Pferd sollte sein Sozialverhalten ausleben können in einer Herde, die zu ihm passt und in die es passt, und es sollte sich beschützt und geborgen fühlen.

Nur wenn diese Mindestvoraussetzungen gegeben sind, ist das Pferd ausreichend zufrieden und in einer so guten geistigen und körperlichen Verfassung, dass es überhaupt aufnahmebereit ist und sich nur so auf uns einlassen kann. Und nur so ist es offen für unseren Wunsch nach einer guten Beziehung und für das, was wir uns sonst mit unserem Pferd erträumen. Dies ist es, was hierzulande und heutzutage das Leben eines Pferdes ausmacht - tja, so unterschiedlich sind unsere eigenen, menschlichen Bedürfnisse davon gar nicht, oder?

Wie oft bekommen wir zu hören, wir sollten unsere Pferde nicht vermenschlichen. Tun wir das denn? Wir müssen uns auf jeden Fall den wesentlichen Unterschied, dass das Pferd ein Flucht- und Beutetier ist, bewußt machen, aber die Bedürfnisse eines Lebewesens in sozialen Strukturen und außerdem alle erdenklichen Persönlichkeiten und Charaktereigenschaften finde ich bei unseren Pferden genauso wie bei uns Menschen wieder.

Die tiefe und freudige Dankbarkeit, die ich allen Menschen und Pferden gegenüber empfinde, die mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben und die mich auf meinen zukünftigen Wegen begleiten werden, möchte ich ausdrücken mit einem Auszug aus meinem Kapitel "Glückliche Pferde wachsen über sich hinaus - Die Schönheit der Dressur in Vereinigung von Natur und Kultur bei pferdegerechter Haltung und Ausbildung" in dem Buch "Gesunde Pferde - glückliche Reiter" von Maria Alberti, S. 169 - 193:

"Ich komme meinem Traum immer näher. Meinem Traum Dressur zu reiten, auf einem vollkommen losgelasssenen, gymnastizierten, eifrigen und freudigen Pferd. Sein Körper bewegt sich in absoluter Balance, es ist in wirklicher Selbsthaltung geschult. Sein Geist ist frei von jeglicher Sorge, jeglichem Widerstand und ist offen für Neues und Kreativität, die ich ihm nicht abgewöhne, sondern vielmehr fördere. So, dass es auch dem Pferd Spaß macht, es begeistert und seinen Körper in die Lage versetzt, sich sogar in seiner „Freizeit“ gesünder und anmutiger zu bewegen.

Meine Beobachtungen und Gedanken, meine menschlichen Ausbilder und Lehrer sowie die besten Lehrmeister, die ich haben konnte, wenn ich mich WIRKLICH auf sie einließ, die Pferde, all diese Persönlichkeiten führten dazu, dass ich die Dressur, das Wesen jeder einzelnen Lektion, immer besser verstand. Mit jedem neuen Pferd, das in mein Leben tritt, mit dem ich wieder neu beginne, verstehe ich noch tiefer, worum es eigentlich geht, ersinne neue Ideen und Wege und spreche mit wahren Pferdemenschen darüber. Und, in „Zwiegesprächen“, mit den Pferden selbst.

Dabei ist es mit das Wichtigste, den Blick immer offen zu halten, um die jeweilige Situation und Lebensphase sowie die Persönlichkeit des Pferdes zu erfassen. Und um bei aller Liebe zum konkreten Plan immer flexibel zu bleiben für all die Möglichkeiten, die das Leben mit all seinen fantastischen Wegen für uns bereithält!

Glückliche Pferde wachsen über sich hinaus – die Schönheit der Dressur in Harmonie von Natur und Kultur bei pferdegerechter Haltung und Ausbildung offenbaren sich demjenigen, der aus Überzeugung fair und gerecht ist, seinen Verstand weise benutzt und mit dem Herzen sieht!"

Christiane Gittner, im Februar 2018

Zum Buch "Gesunde Pferde - glückliche Reiter" von Maria Alberti:

Pferdegerechte Haltung in der Herde und Spaß und Sport mit dem Pferd schließen sich nicht aus sondern ergänzen sich ganz hervorragend.

Vielfältige Hintergründe, Sichtweisen und Ideen bietet dieses Buch demjenigen, der für sein Pferd das Beste wünscht und dabei - auch sportlich - etwas erreichen möchte. Maria Alberti hat all dies mit Herzblut recherchiert, ist vielem fachlich nachgegangen und hat sich dabei auch für sie neuen Gedanken und Philosophien so geöffnet, dass ein sehr breites Spektrum abgedeckt wird.

So ist wirklich für jeden Pferdemenschen etwas dabei, das ihn bestätigt oder auch auf neue Wege führt ...

Abgerundet wird das Werk durch spannende, authentische und berührende Gastbeiträge, von denen auch ich einen schreiben durfte: "Glückliche Pferde wachsen über sich hinaus - Die Schönheit der Dressur in Vereinigung von Natur und Kultur bei pferdegerechter Haltung und Ausbildung".

Durch die Pferde-Konferenz von Antoinette Hitzinger (mehr dazu hier) kam ich in Kontakt mit Maria und ihrem tollen Buchprojekt, das mich sofort begeisterte. Ich nahm also Kontakt zu ihr auf und so kam es, dass ich nicht nur einen Gastbeitrag schreiben, sondern das Buchprojekt ein wenig begleiten durfte. Es hat mir viel Freude gemacht!

Da meiner aber nicht der einzige Gastbeitrag ist und vor allem Maria mit ihrem Werk etwas ganz Wichtiges und Großartiges geschaffen hat, möchte ich das Buch jedem Pferde-Freund ans Herz legen, der das Pferd als das sieht, was es ist: ein soziales und sehr feinsinniges differenziertes Lebewesen mit ganz individuellen Bedürfnissen. Noch wichtiger ist es allerdings für diejenigen, die mit Pferden zu tun haben, denen dies noch gar nicht recht bewußt ist ...

Maria Alberti hat monatelang intensiv recherchiert und mit Verstand und Herz leicht verständlich und sehr berührend geschrieben über ein Thema, das einen jeden angeht, der Pferde liebt.