Die sächsische Landeshauptstadt Dresden ist weithin bekannt für ihr reiches Kunst- und Kulturerbe. Doch hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich auch eine dunkle Geschichte, geprägt von Krieg und Gewalt, deren Spuren bis heute nachwirken. Auf dem St.-Pauli-Friedhof treffen unterschiedliche Akteure und Schicksale aufeinander, deren Geschichten es gilt, für kommende Generationen zu bewahren und zu erzählen.
Um das Einzugsgebiet des Friedhofs (Trägerschaft Ev.-Luth. Kirchspiel Dresden-Neustadt) umfassend zu verstehen, ist ein Blick auf die rechte Elbseite unerlässlich. Neben der Leipziger Vorstadt, der Inneren und Äußeren Neustadt sowie der Radeberger Vorstadt prägt vor allem die Albertstadt das städtebauliche Gefüge. Dieser ehemalige Militärkomplex aus dem 19. Jahrhundert grenzt unmittelbar an den St.-Pauli-Friedhof.
Andere bedeutende Projekte, die sich mit Krieg und Gewaltherrschaft auseinandersetzen, wie beispielsweise das Gedenkareal Dresdner Norden, sehen den St.-Pauli-Friedhof als integralen Bestandteil ihrer Gedenkstättenkultur. Somit befindet sich der St.-Pauli-Friedhof an einem Knotenpunkt zwischen den Inhalten des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in der Albertstadt, dem Alten Leipziger Bahnhof in der Leipziger Vorstadt (künftiges Zentrum des Gedenkareals Dresdner Norden) und der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen im Nordwesten.
In den kommenden Jahren soll der St.-Pauli-Friedhof eine zentrale Rolle in einem der Kernareale der Bundesgartenschau (BUGA) 2033 einnehmen. Eine Machbarkeitsstudie vom Oktober 2023 schlägt vor, "Trümmerberge" als Erinnerungsorte zu entwickeln. Ein wesentliches Ziel ist dabei die Einbeziehung und Weiterentwicklung bereits vorhandener Grün- und Freiflächen.
Der Proschhübel, der Hechtpark und der St.-Pauli-Friedhof bilden gemeinsam ein Kernareal dieser Schau. Im Rahmen der BUGA sollen auf dem Proschhübel vielfältige Angebote zur Umweltbildung entstehen, die sich insbesondere an Kinder und Jugendliche richten und den Gesamtbereich zusätzlich aufwerten.
Für den St.-Pauli-Friedhof besteht gemäß eines bereits entwickelten Friedhofskonzepts das Ziel, schrittweise nicht mehr genutzte Flächen in eine Parklandschaft zu überführen. Dabei bleibt die historische Nutzung als Friedhof in der zukünftigen Gestaltung weiterhin erkennbar. Im Rahmen der BUGA werden auf dem St.-Pauli-Friedhof Ausstellungsbereiche eingerichtet sowie ausgewählte Freiflächen und Räumlichkeiten für Veranstaltungen genutzt. Gleichzeitig ergibt sich die Möglichkeit, behutsame Konzepte zur Umnutzung nicht mehr benötigter Friedhofsflächen zu präsentieren.1
Durch die Konzentration verschiedener Projekte in diesem Bereich entwickelt sich der St.-Pauli-Friedhof als Gedenkstätte zu einem bedeutenden Erinnerungsort für den nördlichen Teil Dresdens. In der näheren Umgebung des Friedhofs befinden sich zudem bemerkenswerte Grünflächen unterschiedlicher Art mit großem Erholungswert. Der Friedhof ist gut an den öffentlichen Personennahverkehr sowie an Wanderwege zum Trümmerberg Heller und zu den Hellerbergen angebunden.
Die Geschichte der umliegenden Areale ist stark von den Spuren vergangener Kriege und gewaltsamer Auseinandersetzungen geprägt. Neben den erhaltenen Militärbauten und den Relikten eines ehemaligen Schießplatzes der Kasernen-Garnison der Albertstadt, die sich direkt an die Friedhofsanlage anschließen, befindet sich im Dresdner Norden ein Denkmal für Hauptmann Johann Baptista Joseph Hirsch. Im angrenzenden Radeburger Dreieck befanden sich das Judenlager Hellberg sowie die Entbindungsstation Kiesgrube – ein Ort grausamer Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus. Künftig soll dort ein Gedenkort an die Verbrechen erinnern, die an diesem Ort verübt wurden.
Westlich vom Friedhof finden sich zahlreiche Bildungseinrichtungen für verschiedene Altersgruppen, und im Osten schließt sich ein Komplex der Justiz an, der das Oberlandesgericht Dresden sowie die Justizvollzugsanstalt umfasst. All diese Komponenten treffen hier im näheren Umfeld zusammen, wobei der Friedhof selbst zum Kulminationspunkt wird. Aus diesem Grund wurde eine Spurensuche nach Zeugnissen von Krieg, Gewalt und Gewaltherrschaft sowie nach den Akteuren, die wohltätig agierten, unternommen.
Doch zunächst ein Blick zurück auf die historische Entwicklung der Anlage. Nachdem der Innere Neustädter Friedhof für die stark angewachsene Bevölkerung der Dresdner Neustadt zu klein geworden war, entschloss man sich um 1860 zur Anlage eines neuen Begräbnisplatzes am Fuße der Hellerberge. Im Jahr 1862 wurde das zunächst als Neuer bzw. Äußerer Neustädter Friedhof bezeichnete Areal übergeben. Die erste Beisetzung fand am 21. Mai 1862 statt. Architekt Carl Adolph Canzler (1818 – 1903) erarbeitete die Entwürfe für Feierhalle, Kapelle sowie Torweganlage.
Die terrassenförmige Anlage zwischen Hechtstraße und der heutigen Stauffenbergallee bietet Platz für ca. 30.000 Gräber und gehört damit zu den größten Dresdner Friedhöfen. In den Jahren 1910/11 errichteten die Dresdner Architekten Schilling & Gräbner eine Feierhalle, die eine Orgel der Firma Jehmlich erhielt. Hinzu kam die mit farbigen Terrakottaziegeln und einem Lastenaufzug ausgestattete Leichenhalle, die heute nicht mehr genutzt wird.2
Bereits ab 1862 suchte man nach einem Erweiterungsgelände, und nach langen Verhandlungen wurde 1881 das nordöstlich gelegene Land von der Staatsforstverwaltung Klotzsche angekauft. Im Jahr 1899 begann die Belegung des Erweiterungsteils. In den Jahren 1909–1911 wurden die Friedhofsgebäude und die Leichenhalle nach einem Entwurf von Schilling & Graebner errichtet. Die ersten waldartigen Partien (Grabfeld Fll und Gll) entstanden 1914, um 1916 vermutlich die Abteilungen Nll bis Qll. Urnenbestattungen erfolgten ab 1928, die ersten Urnenfelder US wurden 1936 angelegt.3
Da die Anlage seit 2016 beschränkt geschlossen ist, bedarf es nun der Entwicklung eines neuen Konzeptes, um den Friedhof und seine historisch bedeutende Substanz zu bewahren, aber auch um künftige Besuche auf den Friedhof zu lenken. Dazu wurde in einem ersten Schritt die aktuelle Bestandssituation analysiert und ausgewertet.
Bauliche Schutzgüter, wie Gebäude, befinden sich im alten Friedhofsteil: Das Verwaltungsgebäude mit der Feierhalle und das Gemeindehaus der Mennoniten bilden den Eingangsbereich, der sich an der nördlichen Seite an der Hansastraße befindet. Die Leichenhalle befindet sich im Grabfeld B. Der bauliche Zustand der Halle und ihrer Freitreppe weist erhebliche Mängel auf, die sowohl die Ästhetik der Anlage beeinträchtigen als auch ein Sicherheitsrisiko für Nutzende darstellen.
Der gesamte alte Friedhofsteil ist mit einer Sandsteinmauer eingefasst, während der Erweiterungsteil an der östlichen, südlichen und zur Hälfte in der nördlichen Seite durch Zaunanlagen eingefriedet wird. Die Grenze zwischen altem und Erweiterungsteil bildet die frühere Friedhofsmauer aus Sandstein. Das Verwaltungsgebäude besitzt zur Hansastraße und zum Hammerweg je einen Vorgarten, die mit Holzlattenzäunen eingegrenzt sind.
Die Eingänge zum St.-Pauli-Friedhof befinden sich im ältesten Friedhofsteil: der Haupteingang an der Hansastraße und der Nebeneingang (zweiflügelig, Ziergitter) an der Hechtstraße. Der Haupteingang wird vom Verwaltungsgebäude und dem Mennonitengemeindehaus gerahmt. Über eine Toranlage, gebildet aus Mauern mit Durchlässen (Holzgitter), einer zweiflügeligen Zufahrt (Ziergitter) und seitlichen separaten einflügeligen Zugängen (Ziergitter), gelangt man in den Eingangsbereich. Vom Hechtpark sowie der Stauffenbergallee führen Trampelpfade durch eine offene Stelle im Umfassungszaun in den östlichen Bereich des Erweiterungsteils. Das Zugangstor am Hammerweg ist dauerhaft geschlossen.
Die gesamte Anlage ist durch ein rechtwinkliges Wegesystem gegliedert. Lediglich in den waldartigen Partien sind die Wege organisch gestaltet. Vom Haupteingang gelangt man auf eine große, mit Kleinpflaster (Granit) befestigte Fläche, von der ein mit einer Allee bestandener Weg (Kleinpflaster Granit) über ein Rondell zur Leichenhalle führt. Die einzelnen Friedhofsbereiche haben ein in sich geschlossenes Wegesystem, nur die im Erweiterungsteil umlaufenden Wege führen in den alten Friedhofsteil.
Das Gelände weist stellenweise große Höhenunterschiede auf. Aus diesem Grund sind im alten und Erweiterungsteil die Längswege (W-O-Wege) mit Wildpflaster oder Asphalt befestigt. Die restlichen Wege sind in wassergebundener Decke ausgeführt. Einige Querwege im Osten des alten Friedhofareals sind gesperrt, da aufgrund unterschiedlicher Mängel und geschwächten Bäumen, die Verkehrssicherheit nicht gewährleistet werden kann. Im östlichen Bereich des Erweiterungsteils sind die Wege überwachsen, aber noch erkennbar.
Der alte Friedhofsteil wird durch die Eingangsallee und durch eine den Hauptweg begleitende Sommer-Linden-Reihe (Tilia cordata) gegliedert. Vom Haupteingang führt eine gegenständige Sommer-Linden-Allee zum Portal der Leichenhalle. Der Nebeneingang wird durch eine große Stiel-Eiche (Quercus robur) markiert, eine gegenständige, stark lückige Sommer-Linden-Allee, seitlich begleitet von ehemals geschnittenen Eiben-Hecken (Taxus baccata), führt zur Linden-Reihe.
Im Erweiterungsteil werden die umlaufenden Wege von Sommer-Linden-Reihen und die Grabfelder AII–DII, EII, HII–LII gerahmt. Das Zentrum der Anlage bilden eine von Norden nach Süden verlaufende, wechselständige Sommer-Linden-Allee und die aus Nadelgehölzen und Rhododendren zusammengesetzten waldartigen Partien (Grabfeld FII–GII und NII–PII). Sie werden durch eine von Westen nach Osten verlaufende wechselständige Sommer-Linden-Allee miteinander verbunden.
Die Anlage mit den Kriegerdenkmalen im Grabfeld US weist eine in sich geschlossene gartenkünstlerische Gestaltung auf. Die Gedenksteine stehen an und in unterschiedlich großen ovalen Flächen, die durch Wege (Wildpflaster, Kante Granitplatten) miteinander verbunden sind. Den Eingang markieren zwei Pyramiden-Eichen (Quercus robur ’Fastigiata’), die Steine werden durch zwei Stiel-Eichen, eine Kastanie (Aesculus hippocastanum), eine Hainbuche (Carpinus betulus) und zwei Eiben gerahmt. Die Pflanzflächen bestehen aus Rhododendron.
Die Marschall-Eiche befindet sich an der westlichen Friedhofsmauer im Erweiterungsteil am Grabfeld BII, deren Standort etwas erhöht ist. Ein spiralförmiger Weg führt zur Gedenktafel und zu einer Steinbank. Der Weg aus wassergebundener Decke ist mit Felssteinen (Granit) eingefasst, die Zwischenräume sind mit Stauden bepflanzt.
Der Erweiterungsteil liegt gegenüber dem alten Friedhofsteil etwas erhöht. Vor allem vom Standort der Marschall-Eiche hat man Blickbeziehungen nach Dresden und zu den südöstlichen Elbhängen.
Auf dem St.-Pauli-Friedhof befinden sich zahlreiche denkmalwerte Grab- und Gedächtnisstätten, die im Zentrum dieser Arbeit stehen und in Geschichten ausführlich beschrieben sowie im Bestandsplan hervorgehoben sind. Und auch kleine, unscheinbare Gräber bewahren Geschichten von großer Bedeutung. Die Untersuchung dieser Grab- und Gedächtnisstätten – als Zeugnisse vergangener Epochen – brachte beeindruckende Querverbindungen zur Stadt-, Landes- und europäischen Geschichte ans Licht.
Bei näherer Betrachtung der individuellen Geschichten auf dem St.-Pauli-Friedhof offenbaren sich überraschende Verbindungen. Diese Erzählungen bilden ein komplexes Geflecht, das weit über einzelne Biografien hinausgeht. Sie zeichnen ein lebendiges Bild der deutschen Geschichte, beginnend mit den Befreiungskriegen von 1813, die Entstehung und Entwicklung der deutschen Frage, ihre allmähliche Klärung sowie ihr Verlauf bis hin zu den dunklen Kapiteln des Dritten Reiches.
Die Grabstätten und Denkmäler auf dem Friedhof erfüllen eine wichtige Funktion: Sie bewahren nicht nur Erinnerungen an Kriegsopfer, Gewalttaten und Wohltäter, sondern konfrontieren uns auch mit unbequemen Aspekten der Vergangenheit. Diese Eigenschaft verleiht dem St.-Pauli-Friedhof eine besondere Bedeutung als Ort der Erinnerungskultur und des historischen Lernens.
Die Vielfalt der hier dokumentierten Kriegsschicksale und historischen Ereignisse macht den St.-Pauli-Friedhof zu einem einzigartigen Ort – nicht nur in Dresden, sondern in ganz Deutschland. Dieses Alleinstellungsmerkmal bietet ein enormes Potenzial für die Ausarbeitung von Konzepten für die zukünftige Entwicklung des Friedhofs. In der aktuellen Debatte um seine Zukunft sollte diese besondere historische Dimension als Chance begriffen werden, den Ort zu einem lebendigen Zentrum der Geschichtsvermittlung und Reflexion zu entwickeln.
1 Landeshauptstadt Dresden: Machbarkeitsstudie BUGA 2033. Trümmerareale erwachen zu lebendigen Grünräumen, Dresden 2023, S. 6, 44 - 45.
2 Naumann, Jürgen: Die Reihe Archivbilder. Historischer Spaziergang rund um Dresden-Trachenberge, Erfurt 2011, S. 45.
3 Landesamt für Denkmalpflege Sachsen; Webersinke, Sabine: GartendenkmaIpfIegerische Schutzguterfassung für die als SG ausgewiesenen Friedhöfe. St.-Pauli-Friedhof, Dresden 2002, S. 3.