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Zum Vertiefen
In welcher Verbindung zu Krieg und Gewalt steht die Meschwitz-Eiche? Welche Geschichten verbergen sich hinter dem mächtigen Gedenkbaum?
Es handelt sich hier nicht um irgendeine Eiche, sondern um eine Schindel-Eiche (Quercus imbricaria) – die Größte ihrer Art in Deutschland.1 Dieser Rekordbaum wurde im Herbst 1880 vom Dresdner Forstmeister Friedrich Wilhelm Meschwitz (1815 – 1888) nach der Beisetzung seines ältesten Sohnes Wilhelms gepflanzt und markiert bis heute den einstigen Platz des Familiengrabes, welches 1960 aufgelöst wurde.2
Friedrich Wilhelm Meschwitz wirkte als Forstinspektor in Dresden und stammte aus Bockau im Erzgebirge. Dort begann seine forstliche Laufbahn, die er 1834 – 1836 an der Forstakademie Tharandt unter anderem bei Johann Heinrich Cotta (1763 – 1844) und Friedrich August von Cotta (1799 – 1860) fortsetzte. Anschließend wurde er für die sächsische Forstverwaltung tätig, avancierte 1852 zum Oberförster in seiner Heimat Bockau und wurde 1862 als Forstinspektor nach Dresden versetzt.3 Als Verwalter des Forstreviers Dresden hatte er einen großen Anteil an der Erschließung der Dresdner Heide für den Fremdenverkehr – wie den Ausbau des Sandschluchtweges – und initiierte die Pflanzung von Bäumen entlang der Marien- und Stauffenbergallee.4
Meschwitz arbeitete in seiner Position auch an zahlreichen forstwissenschaftlichen Fragestellungen. Er erlangte Bekanntheit sowohl durch ein von ihm entwickeltes Aufforstungsverfahren versandeter Heidestrecken als auch durch eine Methode zur erfolgreichen Bekämpfung der Pilzerkrankung „Baumschütte“ (Lophodermium seditiosum). Er verfasste zahlreiche fachwissenschaftliche Arbeiten, darunter „Praktische Erfahrungen im Bereiche des Kultur- und Forstverbesserungswesens“, und war als Mitarbeiter des Tharandter forstlichen Jahrbuches tätig. Für den Bau der Albertstadt in Dresden und demjenigen der Infanteriekaserne in Zwickau bediente sich das sächsische Kriegsministerium seiner fachlichen Gutachten.
Für seine Verdienste wurde Meschwitz 1879 zum Forstmeister befördert und krankheitsbedingt 1881 in den Ruhestand versetzt.5
Doch neben seinem beachtlichen Aufstieg zum Forstmeister, seinem Engagement zur Erweiterung und Gestaltung des St.-Pauli-Friedhofes von 1862 – 18736 zeugt seine Geschichte auch von einem bewegten Leben mit persönlichen Schicksalsschlägen. Von seinen 13 Kindern verstarben allein sechs im Kindesalter.
Sein Sohn, Heinrich Emil Meschwitz (1869 – 1927), war Offizier, Schriftsteller und Bibliothekar. Seinem Buch „Mein Vaterhaus. Erinnerungsblätter aus dem Leben einer alten Forstmannfamilie.“ sind private Einblicke in schöne, aber auch tragische Familienmomente zu verdanken und zeichnen das Bild des Menschen Friedrich Wilhelm. So konnten nicht nur persönliche Erinnerungen an das Revolutionsjahr 1849, die Kriegsjahre 1866 sowie 1870/717 festgehalten werden, sondern auch Schicksalsmomente, die das Leben von Meschwitz maßgeblich prägten.
In den Revolutionsjahren 1848/1849 war Friedrich Wilhelm Meschwitz Kommandant des Bockauer Bataillons und stand entgegen den Revolutionären auf der Seite der Monarchie, was ihn langjährige Freundschaften kostete. Im selben Zeitraum versammelte sich eine Gruppe Forstarbeiter vor seinem Haus und forderten höhere Löhne. Am Abend nachdem sich die Zusammenrottung schon lange aufgelöst hatte, soll von der Straße her ein Unbekannter auf den am Schreibtisch sitzenden Meschwitz geschossen haben. Die Kugel verfehlte dabei ihr Ziel, sodass Meschwitz zum Glück unverletzt blieb. 8
Heinrich Meschwitz beschreibt auch ein besonders schmerzhaftes Ereignis, ohne dabei eine konkrete Angabe des Datums zu geben. Einer seiner Brüder, Konrad, muss ein besonders liebevolles und herzliches Kind gewesen sein. Als die Eltern eines Tages ausgehen wollten, vertrauten sie ihr Kind der Obhut einer Kinderfrau an. Da ahnten sie nicht, dass sie den Sohn das letzte Mal sehen sollten. Als Konrad nach längerer Zeit weinend nach seinen Eltern rief, wurde die Kinderfrau anscheinend so gereizt und zornig, dass sie ihn anschrie und heftig auf eine Bank setzte. Dabei soll laut der Erzählung eine starke Stauchung der Rückenwirbel den sofortigen Tod des Kindes herbeigeführt haben.9
Im Jahr des Deutsch-Deutschen Krieges 1866, hätte Meschwitz aufgrund der Besatzung Dresdens durch preußische Vortruppen nicht nur um ein Haar die Taufe seiner Tochter Rosa verpasst. Er musste auch die Abholzung von mehr als 200 Hektar Waldfläche der Dresdner Heide aushalten. Die preußische Militärbehörde veranlasste die Errichtung von sechs großen, befestigten Schanzen auf der Neustädter Seite, die einen Großteil der Waldflächen einnahmen.10 Auf einigen dieser noch um 1873 erhaltenen Schanzenbereiche entwickelte sich nach dem Deutsch-Französischem Krieg bis 1877 die „Albertstadt“.11
Heinrich Meschwitz beschreibt in seinem Buch auch die Hintergründe, Ereignisse und Auswirkungen des für seinen Vater so schicksalhaften Jahres 1880:
Sein älterer Bruder Wilhelm sollte die Arbeit seines Vaters fortführen. Er brachte das nötige Interesse für diese Tätigkeiten mit und muss ein freundlicher, umgänglicher Mensch gewesen sein. Doch hatte er wohl aufgrund seines schnellen Wachstums einen Herzfehler entwickelt.
Am Tag der Enthüllung des „Germania-Denkmals“ auf dem Dresdner Altmarkt – dass an den Sieg und die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges erinnern sollte – war auch Wilhelm unter den Fahnenträgern, wie auch zahlreiche andere Schüler höherer Schulstufen. Eine ungewöhnliche Hitze, schnelle Märsche der Fahnenträger und ein anschließendes Fest mit eiskalten Getränken hatten sein Herz anscheinend so überfordert, dass der junge Mann am Folgetag von seiner Mutter tot im Bett aufgefunden wurde. Die Beisetzung erfolgte auf dem St.-Pauli-Friedhof und zahlreiche Schüler der Dreikönigsschule sowie eine Militärkapelle gaben dem Förstersohn das letzte Geleit. Dieses Ereignis hatte den Umzug der Familie zur Folge und leitete das Ende der beruflichen Laufbahn des Forstmeisters ein.12
Im Anschluss an die Beisetzung 1880 pflanzte Friedrich Wilhelm Meschwitz den Rekordbaum, der heute seinen Namen trägt und die Familiengeschichte auf dem St.-Pauli-Friedhof bewahrt.