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Die untere, mittlere Grabplatte dieser Wandgrabstelle birgt ein Geheimnis, das erst auf den zweiten Blick erkennbar wird – ein winziges Detail hinter einem goldenen Kreis unter der Inschrift „Käthe Dinger geborene Borkowski".
In den Grabstein ist ein „Mutterkreuz" eingraviert. Das Mutterkreuz war eine Auszeichnung im nationalsozialistischen Deutschland, die ab 1938 an Mütter mit mindestens vier Kindern verliehen wurde. Es symbolisierte die Wertschätzung der Mutterschaft im NS-Regime und war Teil der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik.1
Das verdeckte Symbol wirft auch Fragen zum heutigen Umgang mit solchen Zeichen auf, die eng mit der NS-Ideologie verbunden sind. Vor Ort wurde insbesondere über das im Mutterkreuz enthaltene Hakenkreuz diskutiert. Schließlich entschied man sich, dieses zu überkleben.
Damit bleibt die grundsätzliche Frage bestehen, ob solche Symbole als Teil historischer Zeugnisse sichtbar bleiben sollten oder ob ein Abdecken dem verantwortungsvollen Umgang mit der Vergangenheit eher entspricht.
Denn dieses kleine Kreuz liefert ein bedeutsames Indiz über die mögliche Geisteshaltung einer Familie, die drei Söhne in der Katastrophe des 1. Weltkrieges verlor.
Bisher konnte die Spurensuche keine Ergebnisse über Käthe Dinger und der damit verbundenen Familie Borkowski – wenige Grabstellen weiter – liefern.
Doch eine glückliche Fügung wollte es anders: Während Käthe Dingers Leben noch im Dunkel der Geschichte verborgen bleibt, konnten faszinierende Informationen über ihren Ehemann Hugo ermittelt werden. Diese Erkenntnisse beleuchten einen ganz anderen, unerwarteten Aspekt im Kontext von „Krieg und Gewalt" – einen Aspekt, der tief in die Verstrickungen deutscher Intellektueller mit dem Nationalsozialismus blicken lässt und Fragen nach Verantwortung, Anpassung und moralischen Grenzen aufwirft.
Hugo Moritz John Dinger (1865–1941), Sohn des Dresdner Kaufmanns Georg Dinger (1836–1903), war ein deutscher Dramaturg, Theaterwissenschaftler und Hochschullehrer, der als Begründer der Theaterwissenschaft gilt. Geboren in Meißen, studierte er Philosophie und Kunstgeschichte und lehrte später an der Universität Jena.2 Seine Karriere und sein Wirken fallen in eine Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen in Deutschland, die von der Wilhelminischen Ära über die Weimarer Republik bis hin zum Nationalsozialismus reichten.
Dingers akademische Arbeit konzentrierte sich auf die Theaterwissenschaft und Dramaturgie. Er war maßgeblich an der Etablierung der Theaterwissenschaft als eigenständige akademische Disziplin beteiligt. Seine Dissertation über "Richard Wagners geistige Entwicklung" zeigt sein frühes Interesse an der Verbindung von Kunst, Kultur und Gesellschaft.3 Dieses Thema sollte sein gesamtes Schaffen prägen, ihn in Bayreuther Kreise um Cosima Wagner (1837–1930) führen und später in die Nähe nationalistischer Strömungen bringen.
Politisch vertrat Dinger nationalkonservative Positionen. Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) sowie des „Stahlhelms“ und des „Jungdeutschen Ordens“ – Organisationen, die für eine autoritäre Staatsauffassung standen und die Weimarer Republik ablehnten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 trat Dinger dem Nationalsozialistischen Lehrerbund und dem NS-Fliegerkorps bei.4 Diese Mitgliedschaften deuten auf eine opportunistische Anpassung an die neuen Machtverhältnisse hin, ohne dass Dinger als überzeugter Nationalsozialist gelten muss. Sein Verhalten entspricht eher dem eines Mitläufers, der sich den Gegebenheiten anpasste, um seine berufliche Position zu sichern.
In der Diskussion um Dingers Rolle im Nationalsozialismus stellt sich die Frage, inwieweit er als Teil der "geistigen Brandstifter" oder als Mitläufer einzuordnen ist. Seine frühere nationalkonservative Haltung und seine kulturkritischen Positionen bereiteten zwar den Boden für die Akzeptanz nationalistischer Ideen, doch spielte er keine aktive Rolle bei der Entwicklung oder Verbreitung zentraler NS-Ideologien.
Ein interessanter Aspekt in der Diskussion um Dinger ist seine Verbindung zu Richard Wagner, insbesondere im Kontext von Wagners Oper "Lohengrin" – welche in Dresden entstand und auch im Kontext des „Vormärz“ sowie der Revolution 1848/49 steht.
Die Oper thematisiert neben Krieg und psychischer Gewalt besonders die Sehnsucht nach einem heilsbringenden Führer – ein Motiv, das später von den Nationalsozialisten, insbesondere von Adolf Hitler, aufgegriffen wurde. Dingers frühe Arbeit über Wagner und seine spätere Unterstützung nationalistischer Diskurse zeigen Parallelen zu den Themen in "Lohengrin" und deren Rezeption im Nationalsozialismus.6
Die Instrumentalisierung von Wagners Werk durch die Nationalsozialisten verdeutlicht, wie Kunst politisch missbraucht werden kann. Während Wagner selbst nicht für den Nationalsozialismus verantwortlich war, trug Dinger durch seine akademische Arbeit zur Verbreitung nationalistischer Ideen bei. Beide Beispiele zeigen die Gefahren unkritischer Idealisierung von Kultur und ihre potenzielle Funktion als Werkzeug totalitärer Systeme.
In diesem Zusammenhang ist Hannah Arendts (1906–1975) Konzept der "Banalität des Bösen" relevant. Arendt beschreibt, wie das Böse oft nicht aus tiefer ideologischer Überzeugung entsteht, sondern durch Gedankenlosigkeit, fehlende Reflexion und die Bereitschaft, sich Strukturen unterzuordnen.7 Dingers Verhalten zeigt Parallelen zu diesem Konzept: Seine passive Anpassung und fehlende kritische Reflexion über die Konsequenzen seines Handelns entsprechen teilweise Arendts Beschreibung.
Arendts Kritik an den Intellektuellen im Nationalsozialismus, wie sie in ihrem Werk "Eichmann in Jerusalem" (1963) und in Interviews unter anderem mit Joachim Fest zum Ausdruck kommt, trifft teilweise auch auf Dinger zu. Sie bemängelte, dass viele Intellektuelle ihre Verantwortung als kritische Denker vernachlässigten und aus Opportunismus oder Karrieregründen mit dem Regime kooperierten.8
Zusammenfassend lässt sich Hugo Dinger als eine komplexe Figur in der deutschen Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts beschreiben.
Als Begründer der Theaterwissenschaft leistete er wichtige akademische Beiträge. Gleichzeitig war er ein Beispiel für die Ambivalenz vieler Intellektueller im Nationalsozialismus – zwischen Anpassung, Opportunismus und ideologischer Nähe. Sein Fall verdeutlicht die Schwierigkeit, klare moralische Urteile über Personen zu fällen, die in komplexen historischen Kontexten agierten, wie es Historiker wie beispielsweise Ian Kershaw in ihren Studien zum Dritten Reich betonen.9
Dingers Verhalten wirft wichtige Fragen zur Verantwortung von Intellektuellen in autoritären Systemen auf. Es zeigt, wie auch passive Unterstützung und "Mitmachen" zur Stabilisierung eines Regimes beitragen können. Gleichzeitig mahnt sein Beispiel zur kritischen Reflexion über die Rolle von Kultur und Wissenschaft in der Gesellschaft und die Verantwortung jedes Einzelnen, sich aktiv gegen Unrecht zu stellen.
Die Auseinandersetzung mit Persönlichkeiten wie Hugo Dinger bleibt relevant für das Verständnis historischer Prozesse und die Entwicklung ethischer Standpunkte in der Gegenwart. Sie erinnert daran, dass moralisches Handeln oft in Grauzonen stattfindet und dass die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Gesellschaft eine ständige Herausforderung darstellt.