Audioguide
Zum Vertiefen
Dem persönlichen Einsatz und der ehrenamtlichen Arbeit des Dresdner Denkmalpflegers Johannes Ziller (1909–1982) ist es zu verdanken, dass heute noch, unweit des St.-Pauli-Friedhofes am Radeburger Dreieck, das Denkmal für Hauptmann Hirsch erhalten ist und an diese bedeutende Persönlichkeit gedacht werden kann.
Johann Baptista Hirsch (1777–1822), königlich-sächsischer Hauptmann des Artillerie Korps und Ritter des Sankt Heinrichs Ordens, entstammte dem bürgerlichen Milieu. Über seine Kinder- und frühe Jugendzeit sowie sein späteres Privatleben ist wenig bekannt. Hirsch blieb unverheiratet und hinterließ keine Kinder. Er schlug erst spät die Offizierslaufbahn ein, die er systematisch durchlief und sich während der Napoleonischen Kriege zügig und erfolgreich vom Stückjunker über den Sous-Lieutenant und Premierlieutenant bis zum Hauptmann emporarbeitete.
Im Rahmen der Schlacht um Jena und Auerstedt 1806 erlebte Hirsch die vernichtende Niederlage des preußisch-sächsischen Heeres gegen die französischen Truppen Napoleons. In der Folge dieser Niederlage und des anschließenden Friedens von Posen wurde Sachsen zum Verbündeten Frankreichs. Daher diente Hirsch fortan in den Reihen der Grande Armée und beteiligte sich am Feldzug gegen Österreich 1809 sowie am Russlandfeldzug 1812. Insbesondere während des letzteren zeichnete er sich durch militärisches Geschick, Tapferkeit und Mut auf dem Kriegsschauplatz aus, wo er dem Tode ins Angesicht zu blicken hatte. In Anerkennung seines tapferen Verhaltens in den vorangegangenen Feldzügen, vor allem in der Schlacht bei Podobna, wurde Hirsch am 4. September 1812 mit dem Sankt Heinrichs Orden ausgezeichnet.
Geprägt von seinen Feldzügen quer durch Europa ließen die gewonnenen Erfahrungen in ihm Zweifel an der Richtigkeit napoleonischer Politik aufkommen. Seine Artillerieeinheit war 1813 bei der Völkerschlacht bei Leipzig eingesetzt. Während dieser wechselte er mit seiner Einheit, die bisher auf französischer Seite gekämpft hatte, am 18. Oktober 1813 eigenmächtig die Stellung. Mit diesem Schritt trugen sie entscheidend zum Sieg der vereinigten russisch-preußisch-österreichisch-schwedischen Heere im Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft bei.1
Am 7. Oktober 1822 ereignete sich ein tragischer Vorfall, der das Leben von Hauptmann Hirsch, zuletzt Kommandeur der 1. Reitenden Batterie, beenden sollte. Nach einem Aufenthalt im Königlichen Gestüt in Moritzburg befand sich Hirsch auf dem Rückweg nach Dresden. Während dieses Ritts kam es zu einem folgenschweren Unfall: Sein Pferd scheute plötzlich und warf den Reiter ab. Bei dem Sturz prallte Hirsch mit dem Kopf gegen einen Baum. Das Unglück nahm seinen Lauf, als er im Steigbügel hängen blieb und mehrere Meter über den Hellerboden geschleift wurde. Die Verletzungen, die er dabei erlitt, waren so schwerwiegend, dass Hirsch noch am selben Tag in einem Dresdner Krankenhaus verstarb. Drei Tage später, am 10. Oktober 1822, fand seine Beisetzung auf dem Inneren Neustädter Friedhof statt. Bedauerlicherweise ist sein Grab heute nicht mehr erhalten.2
An dieser schicksalhaften Stelle wurde ihm zu Ehren ein Denkmal errichtet, initiiert von Oberst Raabe im Namen sämtlicher Offiziere der Artillerie. Er ersuchte beim König um die Erlaubnis, dem Hauptmann Hirsch ein Denkmal setzen zu dürfen und die drei Bäume am Unfallort von zukünftigen Holzschlägen zu verschonen. Diesem Gesuch wurde vom Geheimen Kabinett stattgegeben. Der Hauptmann genoss auch nach seinen Feldzügen und der Völkerschlacht bei Leipzig hohes Ansehen unter seinen Kameraden und Vorgesetzten.
Der Entwurf des Denkmals, angelehnt an das von Thormeyer und Kühn gestaltete Moreau-Denkmal in Dresden, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Franz Seraphim Pettrich zugeschrieben. Die Ähnlichkeit zum Denkmal des französischen Generals und Napoleongegners unterstreicht die Wertschätzung, die man Hauptmann Hirsch in der Truppe entgegenbrachte.3
Dieses 1823 errichtete Monument stand nicht nur für Hirschs persönliche Tapferkeit, sondern symbolisierte auch den Widerstand gegen die napoleonische Herrschaft und den Beginn einer neuen Ära für Sachsen. In den folgenden Jahrzehnten blieb das Denkmal ein stiller Zeuge der wechselvollen Geschichte Dresdens und Sachsens.
Mehr als 150 Jahre später, in den 1970er Jahren, drohte dieses bedeutende Stück sächsischer Geschichte in Vergessenheit zu geraten. Als Bauarbeiten zur Verbreiterung der Radeburger Straße in Dresden durchgeführt wurden, wurde das Denkmal verschüttet und lief Gefahr, für immer verloren zu gehen. An dieser Stelle trat Johannes Ziller in Erscheinung. Als ehrenamtlicher Denkmalpfleger erkannte er die historische und kulturelle Bedeutung des Monuments und setzte sich mit großem Engagement für dessen Rettung ein.
Zillers Bemühungen führten dazu, dass das Denkmal 1976/77 geborgen, restauriert und an einem neuen Standort auf dem sogenannten "Affenberg" nahe der Hellerhofstraße wiederaufgestellt wurde. Ohne seinen Einsatz wäre dieses wichtige Zeugnis sächsischer Geschichte möglicherweise für immer verschwunden. Zillers Arbeit stellt somit eine direkte Verbindung zwischen der Heldentat Hirschs im frühen 19. Jahrhundert und dem Bewusstsein für historisches Erbe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts her.4
Die Rettung des Denkmals durch Ziller ermöglichte es, die Erinnerung an Hauptmann Hirsch und seine Bedeutung für die sächsische und deutsche Geschichte lebendig zu halten. Es unterstreicht die Wichtigkeit ehrenamtlichen Engagements in der Denkmalpflege und zeigt, wie einzelne Personen durch ihren Einsatz dazu beitragen können, historisches Bewusstsein über Generationen hinweg zu bewahren.
Heute steht das Hauptmann-Hirsch-Denkmal nicht nur als Erinnerung an die mutigen Taten eines sächsischen Offiziers während der Befreiungskriege, sondern auch als Zeugnis für die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements in der Bewahrung kulturellen Erbes. Es verbindet die heroische Tat Hirschs mit der nicht minder wichtigen, wenn auch weniger spektakulären Arbeit Zillers. Damit unterstreicht es die kontinuierliche Relevanz historischer Erinnerung und deren Pflege für die Identität einer Stadt und ihrer Bewohner. Das Denkmal symbolisiert somit die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen individueller Tapferkeit und kollektivem Gedächtnis, und mahnt uns, die Lehren der Geschichte nicht zu vergessen.