Einführung
Die Frage, wer alles als «Täter» des Holocaust zu gelten hat, ist komplex und bis heute umstritten. Der Begriff ist problematisch, denn er suggeriert eine klar abgrenzbare Gruppe, die sich deutlich vom Rest der Gesellschaft unterscheidet. Direkt nach dem Krieg wurden zentrale Figuren wie Hitler oder Himmler als Hauptverantwortliche verurteilt, während viele andere als blosse Gehilfen galten und lediglich wegen Beihilfe zum Mord angeklagt wurden (Bajohr 2015: 168). Von einer «Tätergesellschaft» zu sprechen wird dem historischen Geschehen wiederum auch nicht gerecht, da der Begriff dadurch etwas Inflationäres erhält.
Tatsächlich waren viele an den Verbrechen des Holocaust beteiligt: als sogenannte «Schreibtischtäter» in Ministerien und Verwaltungen oder als «Befehlsempfänger» in Lagern und an Erschiessungsgruben. «Während (…) lange Zeit die Vorstellung herrschte, die Massenmorde seien von einer überschaubaren Zahl von Tätern verübt worden, wird in der neueren Forschung auf die enorme Zahl der Täter und Tatbeteiligten und die von ihnen repräsentierten Institutionen hingewiesen» (Bajohr 2015: 169). Massenerschiessungen durch mobile Einsatzgruppen in Osteuropa sind dabei ebenso Teil des Mordgeschehens wie die industrielle Tötung in den Vernichtungslagern.
Auch die Vorstellung eines klaren Befehls von oben, der einfach ausgeführt wurde, wird zunehmend hinterfragt. Studien zeigen, «dass sich das Mordgeschehen in einem Wechselspiel zwischen Zentrale und Peripherie (vor allem in den besetzten Ländern Osteuropas) radikalisierte. Die Besatzer vor Ort preschten oft mit eigenständigen Initiativen vor und legten die ihnen zugewiesenen Handlungsspielräume weit aus. Freilich wären die Gewaltdynamik ohne Ermunterung von oben oder Teilentscheidungen auf oberster Ebene nicht in ähnlicher Weise eskaliert.» (Bajohr 2015: 169).
Ein Blick auf die Täter kann zwangsläufig nur sehr exemplarisch ausfallen. Im Folgenden lernen Sie drei Täter kennen: Walter Stier, Franz Suchomel und Adolf Eichmann.
Claude Lanzmann, Shoa (1985)
Der französische Filmemacher Claude Lanzmann arbeitete über zwölf Jahre lang an seinem Dokumentarfilm Shoa. In aufwendiger und umfassender Recherche führte er stundenlange Interviews mit Überlebenden und Zeitzeugen – und auch mit Tätern, deren Aussagen teilweise heimlich aufgenommen wurden.
Entstanden ist ein 9,5-stündiger Film, der konsequent auf historisches Archivmaterial verzichtet. Stattdessen setzt Lanzmann auf die Kraft der Erinnerung: Die Aussagen der Interviewten werden mit eindringlichen Bildern der Orte kombiniert, an denen die nationalsozialistischen Verbrechen geschahen. So werden beispielsweise Aufnahmen von Zügen, die an die Orte der Vernichtung führen, zu «stummen Zeugen»: Manche sind zur Entstehungszeit des Films bereits Gedenkstätten, andere von der Natur überwuchert.
Die folgenden Ausschnitte aus Shoa zeigen Interviews mit Walter Stier und Franz Suchomel.
Walter Stier war von 1940-1943 Beamter bei der Deutschen Reichsbahn und unter anderem zuständig für die Bereitstellung von Transportwagen, mit denen Juden in die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka transportiert und vergast worden sind. Er gilt als sogenannter «Schreibtischtäter» und bestreitet, von den Vernichtungslagern gewusst zu haben. Nach dem Krieg wurde er nicht verurteilt und arbeitete später wieder bei der Bahn.
Gemäss dem Personenlexikon zum Dritten Reich war er Teilnehmer an der sogenannten «Endlösungskonferenz» vom 27. Oktober 1942, einer Folgekonferenz der berüchtigten Wannsee-Konferenz vom Januar desselben Jahres.
Franz Suchomel war SS-Unterscharführer im Vernichtungslager Treblinka. Zuvor war er an der Aktion T4 (Euthanasie an Behinderten) als Fotograf beteiligt. Gemäss dem Personenlexikon zum Dritten Reich trieb er die nackten Frauen in die Gaskammern mit den Worten «Weiberchen, schnell, schnell, das Wasser wird kalt!». Er wurde 1965 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.
Aufgabe 51
Beschreiben Sie die Frage- bzw. Interviewtechnik von Lanzmann: Wie geht er vor und was will er erreichen?
Walter Stier lügt, wenn er sagt, dass er nicht gewusst hat, was mit den Abertausenden von Menschen geschah, die in die Bahnwaggons gepfercht und in die Konzentrationslager gefahren worden waren. Beschreiben Sie eine Stelle im Film, wo man erahnen kann, dass er lügt. Beachten Sie dabei auch die Stimme und die Körpersprache von Stier.
Wie verteidigt sich Stier? Erläutern Sie seine Verteidigungs- und Rechtfertigungstaktik.
Aufgabe 52
Wie gibt sich der ehemalige Waffen-SS Offizier Franz Suchomel, der das Vernichtungslager Treblinka von August 1942 – Oktober 1943 «mitregiert» hat, gegenüber dem Interviewer Claude Lanzmann? Welches Selbstbild möchte Suchomel dem Interviewer Lanzmann vermitteln?
Vergleichen Sie dieses Selbstbild mit demjenigen von Walter Stier. Worin gleichen und unterscheiden sich die beiden?
Aufgabe 53
Das folgende Video beginnt mit einem Lied, das die Häftlinge in Treblinka bei Ihrer Ankunft im Lager lernen und laut singen mussten. Achten Sie auf den zynischen, menschenverachtenden Text des Liedes. Claude Lanzmann verlangt, dass der ehemalige SS-Offizier das Lied noch einmal singt. Dies ist eine «Falle», in die der SS-Offizier tappen soll. Welche Falle stellt hier der Interviewer Lanzmann? Beachten Sie dazu auch Suchomels Kommentar am Ende.
Adolf Eichmann
Die nächsten zwei Ausschnitte stammen aus einer Dokumentation über Adolf Eichmann. Es handelt sich um eine Episode einer 1998 erschienenen, mehrteiligen Doku-Serie mit dem Titel Hitlers Helfer.
Adolf Eichmann war für die Transportorganisation der Deportationszüge zuständig und damit wesentlich für den Holocaust mitverantwortlich. Nach dem Krieg kam er zwar in Kriegsgefangenschaft; es gelang ihm aber, unterzutauchen und sich über die sogenannte «Rattenlinie» nach Argentinien abzusetzen. Dort spürte ihn der israelische Geheimdienst 1960 auf und entführte ihn nach Israel, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Dieser endete mit der Todesstrafe.
Aufgabe 54
Auch in diesem Film kommen Zeitzeugen zu Wort. Im Gegensatz zu Lanzmanns Film Shoa arbeitet diese Dokumentation aber mit anderen filmischen Mitteln. Beschreiben Sie diese und erläutern Sie deren Wirkung auf den Zuschauer. Wo sehen Sie Vor- und Nachteile dieser Form?
Eichmann-Prozess und Hannah Arendt
Ein zentraler Beitrag zur Auseinandersetzung mit den Tätern des Holocaust stammt von der deutsch-jüdischen Politologin und Philosophin Hannah Arendt. Sie besuchte 1961 den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem als Reporterin für The New Yorker und veröffentlichte daraufhin ihr viel beachtetes Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963).
Berühmt wurde vor allem ihr prägender Begriff der «Banalität des Bösen». Arendt schildert Eichmann nicht als fanatischen Antisemiten oder dämonisches Monster, sondern als pflichtbewussten, bürokratisch denkenden Funktionär, der ohne tiefere Reflexion tödliche Entscheidungen ausführte – gerade weil er nicht dachte, sondern einfach «Befehle befolgte». Ihre Beobachtungen lösten eine intensive Debatte darüber aus, wie gewöhnliche Menschen zu Tätern werden können. Arendts Analyse bleibt bis heute ein Schlüsseltext im Nachdenken über Verantwortung, Schuld und die Mechanismen totalitärer Systeme.
Bibliografie
Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (= Piper Taschenbuch, Band 6478). Mit einem einleitenden Essay und einem Nachwort zur aktuellen Ausgabe von Hans Mommsen. Piper, München / Zürich 2011.
Bajohr, Frank. Täterforschung. Ertrag, Probleme und Perspektiven eines Forschungsansatzes. In: Bajohr, Frank; Löw, Andrea. Der Holocaust: Ergebnisse und neue Fragen der Forschung. Fischer, Frankfurt am Main, 2015. S. 167-185.
Berger, Sara. Experten der Vernichtung: das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka. 2. Aufl. Hamburg: Hamburger Edition, 2014.
Der Band rekonstruiert die Geschichte der drei Lager und stellt dabei das Täterkollektiv in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Sie beschreibt die Herkunft der Männer, fragt nach möglichen Handlungsmotiven und untersucht die Bedeutung von Faktoren wie Gehorsamsbereitschaft, Gruppendruck und kooperativen Vorgehensweisen für deren mörderische Taten. (Klappentext)
Gerhard, Paul. Die Täter der Shoah: fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?
Der Sammelband zeigt aktuelle Forschungsfragen und -ergebnisse zu verschiedenen Tätergruppen des Holocaust.
Klee, Ernst Das Personenlexikon zum Dritten Reich : wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2005.
Mallmann, Klaus-Michael, und Gerhard Paul. Karrieren der Gewalt : nationalsozialistische Täterbiographien. 3. Auflage. Darmstadt, Germany: Primus Verlag, 2013.
Der Band zeigt 23 Biografien tatnaher Befehlsgeber und Exekutoren des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges.
Krauss, Marita, und Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte. Sie waren dabei : Mitläuferinnen, Nutzniesserinnen, Täterinnen im Nationalsozialismus. Göttingen: Wallstein Verlag, 2008.
Dieser Sammelband widmet sich den Täterinnen, die an den NS-Verbrechen beteilt waren.
Rosemann, Mark. Lebensfälle: Biographische Annäherungen an NS-Täter. In: Bajohr, Frank; Löw, Andrea. Der Holocaust: Ergebnisse und neue Fragen der Forschung. Fischer, Frankfurt am Main, 2015. S. 186-209.
Weinke, Annette. Der Eichmann-Prozess, Hannah Arendts «Eichmann in Jerusalem» und die Semantik des industrialisierten Massenmords. In: Cüppers, Martin. Naziverbrechen: Täter, Taten, Bewältigungsversuche. Darmstadt: WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2013. S. 189-302.
Welzer, Harald. Wer waren die Täter? Anmerkungen zur Täterforschung aus sozialpsychologischer Sicht. In: Gerhard, Paul. Die Täter der Shoah: fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche? S. 237-253.
Links
https://de.wikipedia.org/wiki/Shoah_(Film) (30.4.25)
https://www.bpb.de/lernen/filmbildung/filmkanon/157194/shoah/ (30.4.25)