Aufgabe 21
Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den Filmausschnitt aus Speer und er (2005) zum Modell.
Der Filmausschnitt zeigt Hitler mit dem Architekten Albert Speer beim Betrachten eines Modells.
Welchen Eindruck bekommen wir von den beiden? Was ist ihnen an der Architektur wichtig?
Architektur und Propaganda
Auch Architektur kann im Dienste der Propaganda stehen. Die Architektur soll nicht nur funktional sein, sondern auch ein Symbol für die Stärke und den Anspruch des Dritten Reiches auf ewige Grösse und Unvergänglichkeit darstellen. Die Nationalsozialisten suchen in der Architektur nach einer Möglichkeit, die Ideologie des Regimes in Stein zu meisseln und zukünftigen Generationen ihre Dominanz zu vermitteln.
Die Teilnehmenden einer nationalsozialistischen Veranstaltung sollen durch die Architektur im Zusammenspiel mit der Veranstaltung beeinflusst werden und von ihr beeindruckt sein. Die Kulissen bilden dabei durch ihre Grösse und ihre Anordnung eine perfekte Umgebung für die Massenveranstaltungen, da sie die Macht der NS-Bewegung demonstrieren können.
Da der einzelne Teilnehmer in der Masse untergeht, soll die Veranstaltung gleichzeitig ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer grösseren Bewegung vermitteln. Die Fahnen und die Lichtstrahlen verwandeln die Flächen in Räume und verstärken die Abgrenzung gegen aussen. Der im Bild gezeigte «Lichtdom» vergrössert beispielsweise die Dimensionen Richtung Himmel, indem er von der Haupttribüne des Reichsparteitagsgeländes Säulen vortäuscht.
130 Scheinwerfer erschaffen einen "Lichtdom" am Reichsparteitag
Albert Speer
Ein Name, der wie kein anderer mit der Architektur der NS-Zeit verbunden wird, ist Albert Speer. 1905 geboren, wächst Albert Speer in grossbürgerlichen Verhältnissen auf und studiert ab 1924 Architektur (wie sein Vater und sein Grossvater). 1931 tritt er der NSDAP bei, erhält Aufträge für das neue Regime (Tempelhofer Feld, Neue Reichskanzlei, Nürnberger Parteitagsgelände) und etabliert sich zunehmend als «Hitlers Architekt». Speer wird zum Generalbauinspektor ernannt; die Generalbauinspektion ist u.a. auch für die Zwangsräumungen von Wohnungen von Berliner Juden zuständig. Er gehört zunehmend zu Hitlers Entourage, die stets in der Nähe ist. In Hitlers Feriendomizil in Obersalzberg, wo Hitler mehrere Monate im Jahr verbringt, tauschen sich die beiden leidenschaftlich über Architekturprojekte aus. Hier kommt auch jeweils die Neugestaltung Berlins zur Sprache: das Grossprojekt, das später unter dem Namen «Germania» bekannt wird. Auch von diesem Projekt existiert ein Modell.
Architektur war Teil der Propaganda. In der Bevölkerung waren die monumentalen Projekte deshalb bekannt. Es mussten auch Projekte vermittelt werden, die tiefgreifende Folgen für die Bürger hatten. So mussten Abrisspläne legitimiert erscheinen, beispielsweise in Berlin, wo für das Projekt «Germania» Strassenzüge und Wohnungsviertel hätten umgestaltet werden müssen. Speer hatte diesbezüglich mit der Stadt Berlin (verständlicherweise) Differenzen.
Albert Speer und Adolf Hitler im Berghof.
Aufgabe 22
Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den Filmausschnitt aus Speer und Er (2005), Germania.
Filmausschnitt Speer und er (2005), Germania
1942 wird Speer Rüstungsminister: Unter anderem ist er verantwortlich für die Waffen- und Munitionsproduktion und damit auch für die Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen. In seiner Funktion gibt Speer ausserdem kontingentierte Baumaterialien frei, beispielweise für den Ausbau des KZ Auschwitz.
Nach Kriegsende wird Speer in den Nürnberger Prozessen angeklagt, wo er mit den Alliierten kooperiert. Er schafft es, seine Rolle im Dritten Reich zu verharmlosen und glaubhaft zu machen, nichts vom Holocaust gewusst zu haben. Verurteilt wird er schliesslich nur zu 20 Jahren Haft: wegen seiner Tätigkeit als Rüstungsminister und Mitglied der Regierung der NS-Zeit.
Ab 1966 versucht er, erneut als Architekt und dann als Berater Fuss zu fassen, scheitert aber. Speer ist als Autor tätig, veröffentlicht seine «Erinnerungen» und prägt damit sein Selbstbild in der Öffentlichkeit als «guter Nazi», als einer, der sich als Mitläufer hat in Verbrechen verstricken lassen. Es gelingt ihm, seine Rolle zu verharmlosen. Erst nach seinem Tod 1981 können seine Verstrickungen mit dem Holocaust klarer gezeigt werden: So etwa seine Teilnahme an der Gauleiterkonferenz 1942 in Posen, wo der Genozid der Juden angekündigt wird, sowie seine Planungen für Auschwitz, die ihn zu einem aktiven Mithelfer des Holocaust machen.
Während zum Beispiel die Haupttribüne fertiggestellt wurde (Nummer 12) und noch heute besucht werden kann, kam das Deutsche Stadion (Nummer 7) nicht über das Ausheben der Baugrube hinaus. Schauen Sie den folgenden Ausschnitt.
Reichsparteitagsgelände 1937
Beispiel 1: Reichsparteitagsgelände
Eines der grössten Bauwerke aus der NS-Zeit ist das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, das als Kulisse für die Parteitage der NSDAP dienen sollte. Diese 4-8 Tage dauernde Veranstaltung war spätestens seit 1933 nicht mehr nur für Parteimitglieder reserviert, sondern wurde zu einem Propaganda-Anlass für rund eine halbe Million Menschen. Medienwirksam wurden die Aufmärsche, Reden und Rituale filmisch inszeniert (siehe Modul Propaganda).
Auch bei diesem Gelände kommt der Architektur die Funktion zu, Macht zu demonstrieren und den einzelnen Menschen zu einem verschwindenden Teil einer grossen Bewegung zu machen.
Die Stadt Nürnberg unterstützte den Bau des Geländes, da sie finanziell vom Projekt profitierte. Der Krieg unterbrach die Bauarbeiten. Der folgende Plan zeigt, welche Teil realisiert werden konnten und welche nur geplant wurden.
Aufgabe 23
Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den Filmausschnitt aus Böse Bauten II, Tribüne.
1. Welche Funktion hatten die Modelle?
2. Was befindet sich heute in der Baugrube der Tribüne?
3. Was ist die «Geistertribüne» und welche Funktion hatte sie?
Beispiel 2: Prora
Die NS-Bewegung hatte das Ziel, dass das nationalsozialistische Gedankengut die Arbeiter auch in ihrer Freizeit erreichen konnte. Dafür versuchte man, die Freizeitbereiche zu organisieren. Eine Organisation, die dies tat, war «Kraft durch Freude». Neben kulturellen Freizeitaktivitäten organisierte diese auch Urlaubsreisen und besass eigene Hotels und Schiffe.
Eine der grössten Hotelanlagen ist der «Koloss von Rügen», ein Seebad in Prora. Diese Anlage wurde zwischen 1936 und 1939 gebaut. Sie bestand aus acht Blöcken mit einer Länge von insgesamt ca. 4,5 Kilometern und sollte 20 000 Menschen gleichzeitig Urlaub ermöglichen.
Aufgabe 24
Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den Filmausschnitt aus Böse Bauten – Hitlers Architektur an Nord- und Ostsee.
Wie soll man Ihrer Meinung nach mit bestehender Architektur aus der NS-Zeit umgehen? Soll man alte KdF-Gebäude als Badeort und für Wohnungen nutzen?
Wer wohnt in Hitlers Wohnung?
Aufgabe 25
Ähnlich wie bei Prora stellt sich auch bei weiteren Bauten, die während der NS-Zeit eine Funktion hatten, die Frage, wie man heute damit umgehen sollte. Schauen Sie abschliessend einen kurzen Ausschnitt zu Hitlers ehemaliger Wohnung.Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den Filmausschnitt «Hitlers Wohnung».
Wie wird Hitlers Wohnung heute genutzt?
Auf welche spezielle Weise wurde diese Wohnung entnazifiziert?
Literatur
Kremer, Roman B. (2017). Autobiographie als Apologie. Rhetorik der Rechtfertigung bei Baldur von Schirach, Albert Speer, Karl Dönitz und Erich Raeder. V & R unipress. Göttingen.
Die Beiträge des Bandes widmen sich dem Mitwirken „ganz normaler“ Architekten und Planer an Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus. (Klappentext)
KulturKunststatt Prora (Hrsg.) (ohne Jahreszahl). Prora. Dokumentation 1934-2002. Verlag Edition Stadt+Buch. Hüllhorst.
Die Bild-/Textdokumentation gibt einen Überblick über den Bauverlauf des KdF-Seebads Rügen und zeigt seine Nutzung bis ins Jahr 2002.
Nerdinger, Winfried (2014). Architektur und Verbrechen. Wallstein Verlag. Göttingen.
Albert Speer ist es mit seinen autobiographischen Erinnerungen gelungen, nachhaltigen Einfluss auf seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu nehmen. Roman B. Kremer analysiert die rhetorischen Muster in Speers Text und setzt sie in Kontrast zu den rhetorischen Verfahren autobiographischer Texte andere NS-Politiker und Militärs wie Baldur von Schirach, Karl Dönitz und Erich Rider Raeder. Seine Studie zeigt eindrucksvoll, mit welcher rhetorischen Raffinesse Speer die Erinnerungen aufbaute. Daraus ergeben sich grundsätzliche Erkenntnisse zum bislang oft unterschätzten Zusammenhang von Autobiografie und Rechtfertigung. (Klappentext)
Schmidt, Alexander et al (2017). Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. 5., vollständig überarbeitete Auflage. Sandberg Verlag, Nürnberg.
Das Standardwerk – mit über 500 Schwarzweiss- und Farbaufnahmen reich bebildert – stellt Gelände, Architektur sowie Parteitagsrituale und Propagandainszenierungen vor und ermöglicht eine eigenständige Erkundung dieses Areals. (Klappentext)
Tesch, Sebastian (2016). Hitlers Architekten. Albert Speer (1905-1981). Böhlau Verlag, Wien u.a.
Speers Karriere, sein architektonisches Gesamtwerk sowie seine Zusammenarbeit mit Hitler und der Einfluss seiner Memoiren auf die Architekturgeschichtsschreibung nach 1945 werden im vorliegenden Buch erstmals auf der Grundlage umfangreichen Quellenstudiums umfassend dargestellt. (Klappentext)
Links
https://segu-geschichte.de/reichsparteitagsgelaende/
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/kunst-und-kultur/ns-architektur.html