Kriegsverlauf und Holocaust
Die Tatsache der systematischen Judenvernichtung durch die Nazis sollte nicht als isoliertes Geschehen zwischen 1941-1945 betrachtet werden. Der Holocaust betraf den ganzen Zeitraum der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 bis 1945 und ist nicht allein auf die Massentötungen der deportierten jüdischen Bevölkerung Europas in Ghettos, KZs und Vernichtungslagern eingegrenzt.
Mit dem Angriff auf Polen am 1.9.1939 und der Eroberung seiner Westgebiete (die Territorien im Osten wurden von der Sowjetunion am 17. Sept. annektiert) begann eine neue Phase des Holocaust. Der Krieg ermöglichte einen Raum von Gewaltexzessen, der so im Deutschen Reich nicht ohne Widerspruch möglich gewesen wäre. Die Vernichtung der europäischen Juden geht einher mit dem 2. WK, bzw. der Krieg ermöglichte erst seine Durchführung. Und der Kriegsverlauf war ein Faktor, der die Naziführung dazu veranlasste, den Plan zu verfolgen, alle Juden Europas systematisch zu töten.
Phasen des Holocaust
Hitler und die Nazis betrieben von Beginn ihrer Herrschaft weg eine Politik der Judenverfolgung. Die Judenverfolgung durchlief 3 Phasen, wobei sich diese auch überlappten:
1. Diskriminierung, Segregation (Trennung), Vertreibung (1933-1939)
2. Massaker, Konzentration, Deportation (1939-1941/42)
3. Systematische Vernichtung (1941/42-1945)
27. Juli 1933, Cuxhaven: Der Unternehmer Oskar Dankner und seine angebliche Geliebte Adele Edelmann werden öffentlich von SA-Schergen gedemütigt. Mit diesen Schildern umgehängt wurden sie auch durch die Strassen von Cuxhaven getrieben und geschlagen.
1. Diskriminierung, Segregation, Vertreibung (1933-1939). Die Juden Deutschlands werden mit dem Machterhalt der Nazis im Januar 1933 schrittweise aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, rechtlich mit hunderten (!) von Gesetzen systematisch diskriminiert und in der deutschen Gesellschaft zuletzt gänzlich isoliert. Die Juden Deutschlands (und Österreichs) sollten in einem umfassenden Sinn daran gehindert werden, mit «Deutschen» Kontakt zu haben. Die Trennung (Segregation) der «Deutschen» von den «minderwertigen Juden» war das oberste Gebot des Nazis-Regimes; bis hin zum Verbot von Liebesbeziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden und dem Verbot, Nachwuchs zwischen Juden und Nicht-Juden zu zeugen. Wer dagegen verstiess, wurde oftmals öffentlich als «Rassenschänder» verunglimpft und gedemütigt. Das Ziel des Nazi-Regimes bestand darin, den Juden Deutschlands ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben zu verunmöglichen und sie aus Deutschland zu vertreiben. Die «Auswanderung» aller Juden war das erklärte Ziel in den ersten Jahren des Nationalsozialismus. Die Vertreibung/Auswanderung stellte für das Regime (und die vielen Profiteure) auch eine gute Gelegenheit dar, das Eigentum der jüdischen Familien zu rauben. Mit einer Fülle von radikalen staatlichen Gesetzen und lokalen Massnahmen wurde seit Beginn des NS-Staates diese Politik der Diskriminierung, Segregation, Vertreibung und Beraubung betrieben. Saul Friedländer sagt dazu in einem Interview mit Stéphane Bou (2019: 30f): «Ab März 1938, ab dem «Anschluss» [Österreichs ans Dritte Reich], treiben diverse Massnahmen der Nazis die Juden dazu, das nun zum Grossdeutschen Reich gewordene Deutschland zu verlassen, oder vielmehr zu fliehen. Dies betrifft die deutschen Juden in jedem Fall, natürlich auch jene des eingegliederten Österreichs, dann die in Deutschland lebenden polnischen Juden, ebenfalls jene in den Sudeten, dann, ab März 1939, die Juden des nunmehr sogenannten Protektorats Böhmen und Mähren (der tschechische Teil der ehemaligen Tschechoslowakei), kurz gesagt betrifft es bis Kriegsausbruch immer grösser gefasste Gruppen.»
2. Massaker, Konzentration, Deportation (1939-1941/42): Mit dem Beginn des Krieges gegen Polen am 1. September 1939 ergab sich für die Nazis die Gelegenheit, noch ungehemmter gegen Juden vorzugehen als zuvor. Die jüdische und auch nicht-jüdische Bevölkerung Polens war seit der Okkupation massiver Gewalt und Massakern ausgesetzt. Gleichzeitig schmiedeten die Führungsriege der Nazis Pläne, um die «Judenfrage» grundsätzlich zu «lösen». Die jüdische «Rasse» sollte aus Europa verschwinden. Die Pläne gingen dahin, dass alle Juden im deutschen Einfluss- und Herrschaftsbereich in Lagern und Ghettos konzentriert und danach deportiert würden, an einen Ort weit weg vom europäischen Kontinent. Dort sollten die Juden (unter der Kontrolle der Nazis) in unwirtlichen Bedingungen leben müssen und ohne Hoffnung auf eine Rückkehr in die Gesellschaften Europas dahinvegetieren. Im Idealfall ginge dort die jüdische Rasse über kurz oder lang definitiv zugrunde. Es wurden konkrete Konzentrations- und Deportationspläne erstellt. Besonders beliebt war die Idee, alle europäischen Juden nach Madagaskar zu verschiffen. Saul Friedländer (2019: S. 31): «Die Nazis entscheiden dann, die Juden aus allen von den Deutschen besetzten Gebieten zu vertreiben. Es gibt diverse Pläne. (…) [Die Juden Deutschlands und Polens sollen] geografisch in der Region von Lublin [im Osten Polens] zusammengezogen werden, eine Lösung, die sich als unausführbar erweist, und sei es nur, weil nicht die nötigen Transportmittel vorhanden sind. Als Frankreich unter die deutsche Herrschaft fällt [ab Mai 1940], kehrt ein altes antisemitisches Vorhaben auf die Tagesordnung zurück. Das Projekt «Madagaskar»: alle europäischen Juden auf Madagaskar zusammenzupferchen. Dies erweist sich als illusorisch, da die Engländer die Meere beherrschen und die Deutschen kein einziges Schiff nach Madagaskar überführen können. Schliesslich verfällt man auf eine dritte territoriale Idee: die Juden im Norden Russlands, im Bereich des Gulag zu konzentrieren. (…) Der [nicht eintretende] Sieg an der Ostfront ist natürlich die Voraussetzung dafür, dass dieser dritte Plan der territorialen Zusammenlegung verwirklicht werden kann. Sonst wäre es nicht möglich, die Züge in Gang zu setzen oder alle Juden in das Russland jenseits des Polarkreises zu befördern. Offensichtlich sind in all diesen territorialen Plänen die Juden dazu bestimmt, über kurz oder lang den Tod zu finden.»
3. Systematische Vernichtung (1941/42-1945): Der Versuch der Vernichtung stand in engster Verbindung zum Kriegsgeschehen in Europa: Am 22. Juni 1941 marschierte die Deutsche Wehrmacht mit über 3 Millionen Soldaten auf sehr breiter Front in die Sowjetunion ein (obwohl seit August 1939 ein Nicht-Angriffspakt zwischen Hitler und Stalin bestanden hatte). Unter dem Decknamen «Barbarossa» war der Angriff geplant worden. Dieser sollte Hitler einen erneuten schnellen Sieg eintragen, so zumindest die Idee. In den Augen Hitlers war nun derjenige Krieg eröffnet, den er schon immer haben wollte: der Krieg gegen den ultimativen Todfeind Deutschlands, den «jüdischen Bolschewismus». Dieser sollte die bereits in Mein Kampf (1925) geschilderte grössenwahnsinnige Vision einer riesigen Land- und Rohstofferoberung («Lebensraum im Osten») mit sich bringen sowie die darauffolgende Dominanz und Herrschaft des Nationalsozialismus in ganz Europa sichern. Zugleich ergäbe sich aus der Eroberung der Sowjetunion die Möglichkeit, sich nicht nur der kommunistischen Gefahr, sondern auch aller Juden Europas zu «entledigen» (vgl. die oben erwähnte Idee zur Deportation aller Juden Europas in russische Gebiete nördlich des Polarkreises). Saul Friedländer (2019: 63ff): «Zu einem bestimmten Zeitpunkt entscheidet Hitler, sämtliche Juden, die sich unter seiner Kontrolle befinden, zu vernichten. Dieser Moment tritt ein, als er begreift, dass der Krieg lange dauern wird - im Dezember 1941, mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten einerseits und der russischen Gegenoffensive vor Moskau andererseits. Hitler glaubt damals, dass die Feinde im Inneren, die Juden also, beseitigt werden müssen. Das wird in seinen Augen zu einer militärischen Notwendigkeit. So seine Vorstellung. Es gibt einen Feind, der unbedingt liquidiert werden muss, und man darf die Frauen und Kinder nicht vergessen; das ist notwendig, um nicht zwanzig Jahre später die Rückkehr jüdischer Rächer zu ermöglichen (…) Im Fall der Endlösung weiss er, dass er handeln kann und es zu keinem Widerstand kommen wird: Abgesehen von einer kleinen Minderheit werden die Deutschen nicht einschreiten. Selbst angesichts der Niederlage, die sich ab Ende 1943 immer deutlicher abzeichnet, wird die Auslöschung nie in Frage gestellt. Sogar als die Deutschen all ihrer Mittel bedürfen, um die finale militärische Krise zu meistern. Hitler treibt die Maschine bis zum Äussersten.»
Aufgabe 42
Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den Ausschnitt aus der TerraX-Doku Von der Verfolgung zum Massenmord. Sie werden darin Informationen zu den unterschiedlichen Phasen des Holocaust antreffen, über die Sie gelesen haben. Versuchen Sie beim Schauen die einzelnen Abschnitte des Films jeweils eine der drei Phasen zuzuordnen. Ist dies möglich oder nicht? Welche Phasen des Holocaust werden im Film behandelt, welche nicht?