Aufgabe 29
Überlegen Sie als Einstiegsfrage: In welcher Form kann man in einer Diktatur Widerstand leisten? Kennen Sie Beispiele für Widerstand gegen den Nationalsozialismus?
Sophie Scholl
Georg Elser
C. Sch. Graf von Stauffenberg
Walter Klingenbeck
Widerstand gegen den Nationalsozialismus hatte viele Gesichter
Die vier hier abgebildeten Menschen haben sich alle dazu entschlossen, Widerstand gegen Hitler und die Nationalsozialisten zu leisten. Der Widerstand gegen das NS-Regime war vielfältig und reichte von grossen, organisierten Aktionen bis hin zu kleinen, alltäglichen Gesten des Nicht-Mitmachens. Menschen, die sich widersetzten, brauchten grossen Mut – viele setzten ihr Leben aufs Spiel und zahlten dafür mit ihrem Tod.
Widerstand konnte spektakuläre Formen annehmen, wie Attentate auf Hitler oder politische Agitation – also gezielte politische Einflussnahme, zum Beispiel durch das Verbreiten regimekritischer Schriften. Die heutige Forschung richtet den Blick (auch) auf «kleinere» und weniger bekannte Formen des Widerstands im Alltag, wie beispielsweise das Verweigern des Hitler-Grusses, das bewusste Fernbleiben von NS-Veranstaltungen, das Hören von ausländischen «Feindsendern» oder das Nicht-Mitmachen in NS-Organisationen.
Man muss jedoch festhalten, dass Widerstand die Ausnahme und nicht die Regel war. «Hitler wurde vom Jubel der nationalen Aufbruchstimmung getragen, von einem Widerstand aus dem Bürgertum war keine Rede, der Rückzug ins Private oder in die «innere Emigration» (eine Haltung der Nichtbeteiligung, stillen Abwehr und Verweigerung) schien Regimekritikern als einziger Ausweg.» (Benz 2017, S. 4f)
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst
Die Weisse Rose
Bis zum Zweiten Weltkrieg war an den deutschen Universitäten nur wenig Widerstand zu spüren. Die wichtigste studentische Widerstandsgruppe nannte sich die Weisse Rose. Kern der Gruppe bildeten Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell. Die Geschwister Scholl, aufgewachsen in Ulm, stammen aus einem bürgerlichen, liberal protestantisch geprägten Haushalt. Als Jugendliche engagierten sie sich – zum Leidwesen des Vaters, der das NS-Regime von Anfang an verachtete – in der Hitlerjugend bzw. im Bund Deutscher Mädel. Doch mit der Zeit keimten Zweifel an der NS-Politik, die während der Kriegsjahre zu einer kompletten Abkehr führten. Beide studierten an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Unterstützt wurde die Gruppe von Professor Kurt Huber, der ebenfalls ein Flugblatt verfasst hatte und später hingerichtet wurde.
Ab Sommer 1942 verteilte die Weisse Rose Flugblätter, die erst zur Verweigerung, dann zum aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufriefen. Zusätzlich hinterliessen sie nachts in München Parolen wie «Hitler der Massenmörder» an den Wänden. Im Februar 1943 wurden Hans und Sophie beim Verteilen in der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität verhaftet. Das sechste Flugblatt, das sie verteilten, wurde später im Sommer 1943 von der Royal Air Force millionenfach über Deutschland abgeworfen.
In einem Schauprozess wurden Hans und Sophie Scholl zusammen mit Christoph Probst zum Tode verurteilt und nur 4 Tage nach dem Prozess mit der Guillotine hingerichtet. Überliefert sind Hans Scholls letzte Worte vor der Hinrichtung: «Es lebe die Freiheit».
Heute gilt die Weisse Rose als eines der berühmtesten Beispielen des Widerstands während der NS-Zeit. Schulen und Plätze sind nach ihnen benannt, und sie haben einen festen Platz in den Lehrplänen für Geschichts- und Deutschunterricht.
Aufgabe 30
Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den einführenden Filmausschnitt über Sophie Scholl.
Aufgabe 31
Lesen Sie den Auszug aus dem Flugblatt Nr. 1. Mit welchen Argumenten setzt es sich gegen den Krieg ein? Welche Passagen finden Sie besonders eindrücklich?
Der Text befindet sich auf einem Flugblatt. Was sind wohl Schwierigkeiten dieses Mediums (bspw. bei der technischen Herstellung) und weshalb war die Herstellung gefährlich?
Flugblatt I der Weissen Rose
Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique „regieren“ zu lassen. Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmass der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Mass unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, dass es ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmässigkeit der Geschichte, das Höchste, das ein Mensch besitzt, und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen, wenn die Deutschen so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang.
Goethe spricht von den Deutschen als einem tragischen Volke, gleich dem der Juden und Griechen, aber heute hat es eher den Anschein, als sei es eine seichte, willenlose Herde von Mitläufern, denen das Mark aus dem Innersten gesogen und nun ihres Kernes beraubt, bereit sind, sich in den Untergang hetzen zu lassen. Es scheint so – aber es ist nicht so; vielmehr hat man in langsamer, trügerischer, systematischer Vergewaltigung jeden einzelnen in ein geistiges Gefängnis gesteckt, und erst, als er darin gefesselt lag, wurde er sich dieses Verhängnisses bewusst. Wenige nur erkannten das drohende Verderben, und der Lohn für ihr heroisches Mahnen war der Tod. Über das Schicksal dieser Menschen wird noch zu reden sein.
Wenn jeder wartet, bis der Andere anfängt, werden die Boten der rächenden Nemesis unaufhaltsam näher und näher rücken, dann wird auch das letzte Opfer sinnlos in den Rachen des unersättlichen Dämons geworfen sein. Daher muss jeder einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewusst in dieser letzten Stunde sich wehren so viel er kann, arbeiten wider die Geisel der Menschheit, wider den Faschismus und jedes ihm ähnliche System des absoluten Staates. Leistet passiven Widerstand – Widerstand – wo immer ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschine, ehe es zu spät ist, ehe die letzten Städte ein Trümmerhaufen sind, gleich Köln, und ehe die letzte Jugend des Volkes irgendwo für die Hybris eines Untermenschen verblutet ist. Vergesst nicht, dass ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt! (…)
Aufgabe 32
Klicken Sie auf das Bild und schauen Sie den Filmausschnitt aus dem Spielfilm Sophie Scholl – Die letzten Tage und beobachten Sie: Wie inszeniert der Film das Verteilen der Flugblätter? Welche Atmosphäre herrscht? Wie reagieren die anderen Studierenden? Wie schätzen Sie das Verhalten des Hausmeisters ein?
George Elser
Claus Schenk von Stauffenberg
Aufgabe 33
Zwei weitere prominente Widerständische sind Elser und Stauffenberg. Beide hatten das Ziel, Hitler durch ein Attentat zu töten. Klicken Sie auf die Bilder und schauen Sie die zwei Filmausschnitte an. Stellen Sie die beiden Widerstandskämpfer und ihre Taten einander gegenüber (Sie können dies tabellarisch tun).
Weitere Beispiele des Widerstands
Mit der Weissen Rose und den Hitler-Attentaten kennen Sie nun sehr prominente Beispiele des Widerstandes. Weitere grössere Gruppierungen waren die Rote Kapelle, eine kommunistische Widerstandsgruppe in Berlin oder die Bekennende Kirche, die beispielsweise die Judenverfolgung sowie Hitlers Euthanasie-Programm verurteilte (ein bekannter Name ist der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der im KZ starb).
Auch in der Schweiz gab es Formen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, obwohl das Land offiziell neutral war. Ein bekanntes Beispiel ist Paul Grüninger, ein Leutnant und Grenzbeamter, der 1938/39 mehreren Hundert jüdischen Flüchtlingen die Einreise ermöglichte – entgegen den damaligen restriktiven Asylbestimmungen. Er fälschte Dokumente und nahm persönliche Risiken in Kauf, um Menschen vor der Verfolgung durch das NS-Regime zu retten. Doch nicht nur Einzelpersonen leisteten Widerstand: 1942 zeigten auch 22 Schülerinnen aus Rorschach Zivilcourage. Als sie erfuhren, dass jüdische Flüchtlinge, die es über den Jura in die Schweiz geschafft hatten, zurückgeschickt wurden und damit dem sicheren Tod ausgeliefert waren, schrieben sie einen Protestbrief an den Bundesrat.
Aufgabe 34
Hören Sie den folgenden Ausschnitt aus einer Sendung über Widerstand. Welche Beispiele von Widerstand werden erwähnt? Welche Bedeutung hat der Widerstand des «kleinen Mannes»? Weshalb hat man nach dem Krieg teilweise nicht darüber gesprochen?
Aufgabe 35
Zum Schluss richten wir den Blick auf den Widerstand von Jugendlichen. Schauen Sie dazu den kurzen Film der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
Walter Klingenbeck
Walter Klingenbeck
Im Alter von 19 Jahren wird Walter Klingenbeck zum Tode verurteilt und mit der Guillotine hingerichtet. Wie kam es dazu? Der Münchener Mechanikerlehrling Walter Klingenbeck sammelt 1941 einen Kreis katholischer Jugendlicher um sich. Die Freunde verbindet die Ablehnung des NS-Regimes. Klingenbeck, Daniel von Recklinghausen, Hans Haberl und Erwin Eitel bauen einen kleinen Rundfunksender und verbreiten oppositionelle Nachrichten, die sie beim Abhören ausländischer «Feindsender» erfahren haben. Sie planen, selbstverfasste Flugblätter mit einem ferngesteuerten Modellflugzeug abzuwerfen. Klingenbeck malt mit schwarzer Ölfarbe das "Victory"-Zeichen, ein Symbol für den Sieg der Alliierten, auf Hauswände und Strassenschilder.
Er wird im September 1942 vom «Volksgerichtshof» zum Tode verurteilt. Seine Freunde werden einige Tage nach ihrem Todesurteil zu einer achtjährigen Zuchthausstrafe begnadigt. Walter hingegen wird knapp ein Jahr später, am 5. August 1943, in München hingerichtet. Sein Gnadengesuch wird abgelehnt.
An seine Eltern schreibt er in einem letzten Brief: «Heute habe ich zum letzten Mal Gelegenheit, Euch zu schreiben. Das Gnadengesuch ist abgelehnt. Na ja, nichts zu ändern. Tut mir bloss den einen Gefallen, weint nicht um mich, ihr wisst ja wofür ich sterbe.»
Unmittelbar vor seiner Ermordung schreibt Walter Klingenbeck an Hans Haberl: «Lieber Jonny! Vorhin habe ich von Deiner Begnadigung erfahren. Gratuliere! Mein Gesuch ist allerdings abgelehnt. Ergo gehts dahin. Nimms net tragisch. Du bist ja durch. Das ist schon viel wert. Ich habe soeben die Sakramente empfangen und bin jetzt ganz gefasst. Wenn Du etwas für mich tun willst, bete ein paar Vaterunser. Leb wohl. Walter» (Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand)
Ein mit dem Victory-Zeichen bemaltes Strassenschild, das als Alliierten-Unterstützung galt.
Aufgabe 36
Halten Sie abschliessend fest: Was waren Motive, sich im Widerstand zu engagieren? Weshalb, glauben Sie, blieb der Widerstand insgesamt ein Randphänomen?
Literatur
Benz, Wolfgang. Die Weisse Rose. 100 Seiten. Ditzingen: Reclam, 2017.
Gottschalk, Maren. Wie schwer ein Menschenleben wiegt: Sophie Scholl : eine Biographie. 1. Auflage. München: C.H.Beck, 2020.
Keller, Stefan. Grüningers Fall: Geschichten von Flucht und Hilfe. 7. Auflage. Zürich: Rotpunktverlag, 2022.
Kosmala, Beate, and Revital Ludewig-Kedmi. Verbotene Hilfe: deutsche Retterinnen und Retter während des Holocaust. Donauwörth: Auer, 2003.
Zoske, Robert M. Sophie Scholl: es reut mich nichts: Porträt einer Widerständigen. Berlin: Propyläen, 2020.
Links
Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema Widerstand im Nationalsozialismus ist die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin zu empfehlen. Auf der Webseite finden Sie viele Materialien zu hier erwähnten und weiteren Widerstandsbewegungen.
https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/themen/ (1.11.23)
Webseite der Stiftung Weisse Rose: Vertiefende Informationen zur Widerstandgruppe, Texte der Flugblätter, Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen
https://www.weisse-rose-stiftung.de/widerstandsgruppe-weisse-rose/flugblaetter/ (1.11.23)
Webseite der Paul Grüninger Stiftung mit weiterführenden Informationen zu Paul Grüninger. Die Stiftung verleiht periodisch einen Preis für besondere Menschlichkeit und Mut.
https://www.paul-grueninger.ch/paul-grueninger/ (1.11.23)
https://www.was-konnten-sie-tun.de/ (1.11.23)
Dokumentarfilm und Spielfilm zu Paul Grüninger
Grüningers Fall (CH 1997, R: Richard Dindo)
Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers (CH 2014, R: Alain Gsponer)
Seiten über die Rorschacher Klasse, die sich beim Bundesrat über die Abweisung jüdischer Flüchtlinge empörte.
https://www.ueber-die-grenze.at/indexprev3.php?id=7 (2.3.25)