Wenn Geinsheim, das 10km von einer der größten Weinbau treibenden Gemeinden, Neustadt, entfernt gelegen, sich als Weindorf bezeichnet, regten sich bis in die jüngere Vergangenheit Zweifel über eine solch vermeintliche Anmaßung.
Geinsheim, ein Spargel, Obst oder Gemüsedorf aber ein Weindorf?
Geinsheim hat von allen Neustädter Weindörfern die längste urkundlich belegte Weinbautradition und betreibt seit mehr als 12 Jahrhunderten eine nicht unterbrochenen Weinbautradition. Dies geht aus einer Schenkungsurkunde eines Weinberges in Geinsheim aus dem Jahre 778 hervor.
URKUNDE 2103 (17. Juni 778 - Reg. 1424)
In Christi Namen, am 17. Juni im 10. Jahr (778) des Königs Karl. Wir, Lütfrid und mein Sohn Hildiger, wollen für das Seelenheil der Richsuind sorgen. Daher entrichten wir eine Spende an die Kirche des heiligen Märtyrers N(azarius) in Lauresh(am = Lorsch), deren Vorsteher der ehrwürdige Abt Gundeland ist. Wir schenken einen Weinberg in pago spirensi (im Speyergau), in der Gunzinger marca (Gemarkung Geinsheim sö. Neustadt/W.). Urkund dessen nachstehende Fertigung. Geschehen im Lorscher Kloster. Zeit wie oben.
Übersetzung: Karl Josef Minst
Den Weinbau brachten die Römer vermutlich im 1. Jahrhundert sicherlich aber im 2. Jahrhundert in das Gebiet der heutigen Gemeinde Geinsheim. Zur römische Zeit war der Wein gleichsam ein Grundnahrungsmittel, woran sich bis heute nur wenig geändert hat.
Im Verlauf des Mittelalters (bis 1500) wurden immer mehr Klöster gegründet und die Anzahl der Priester stieg, so dass auch der Bedarf an Messwein immer größer wurde. Offensichtlich war auch das Weintrinken in der Gesellschaft gebräuchlich geworden. Daher hatte der Weinbau am Ende des Mittelalters seine größte Ausdehnung erreicht.
Über die gute Qualität des Geinsheimer Rebenanbau Gebietes kann man in einer Fachzeitschrift aus dem Jahr 1928 lesen:
"Der Weinbau hat auf den Höhenzügen gegen Duttweiler und Neustadt ein sehr geeignetes Gelände, dessen günstige Bodenbeschaffenheit und vorteilhafte Abdachung gegen Südosten und Süden einen gesunden Wein erzeugt."
Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen im 17. & 18. Jahrhundert waren mehrmals Soldaten in Geinsheim einquartiert.
Um den Holzbedarf für deren Unterbringung, zum Schutz vor Kälte sowie zur Errichtung von Schanzen und Verteidigungsanlagen zu decken, rissen sie kurzerhand die Spaliergerüste und Rebstöcke aus. Bei diesen unsicheren Lebensverhältnisse war an ein Neuanlegen der zerstörten Rebanlagen Jahrzehnte lang nicht zu denken. Ein weiterer Grund im 17. & 18. Jahrhundert (zu dieser Zeit?) waren katastrophale klimatische Veränderungen sowie Schädlinge, was die Bevölkerung zu spüren bekam.
Angesichts dieser Rahmenbedingungen wundert es nicht, dass der Weinbau ein zunehmend unbedeutende Rolle einnahm. Die Bevölkerung hatte ums nackte Überleben zu kämpfen. Die meisten Landwirte waren froh, wenn sie auf ihren Feldern auch nur die nötigsten Nahrungsmittel für Menschen und Tier erzielen konnten.
Erst nach dem 2. Weltkrieg erlangte der Weinbau in Geinsheim wieder Bedeutung. Es stieg die Zahl der sog. "Feierabendwinzer". Da Weinbau eine ganzjährig sehr arbeitsintensive Tätigkeit ist und durch den gesellschaftlichen Wandel nahm die Zahl derer, die Weinbau im Nebenerwerb betreiben Ende des 20. Jahrhunderts rasch ab.
Heute werden auf etwa 114ha eine große Vielfalt an Rebsorten von nur noch wenigen, meist im Vollerwerb tätigen Weingütern mit hohem Qualitätsanspruch bewirtschaftet. Geinsheim darf sich daher völlig zu Recht als Weindorf bezeichnen.
Ortsteil mit der längsten Weinbautradition
in Neustadt an der Weinstraße
Norbert Kästel - 2019