.... Wieso steht ein protziges Grab eines französischen Generals und eines französischen Majors in Geinsheim auf dem Friedhof?
Die Bevölkerung hatte im 18. Jahrhundert stark unter den Schickanen der Landesfürsten zu kämpfen. Geinsheim gehörte zum Hochstift Speyer unter Verwaltung des Bischofs. So war die Kerwe seit 1773 für jede Gemeinde im Hochstift Speyer auf den Sonntag nach St. Martin (11. November) gelegt worden um Sitte und Moral der Bevölkerung zu waren. Die Geinsheimer mussten außerdem aufgrund des Mühlenbanns ihr Mehl seit Jahrhunderten im weit entfernten Hahnhofen mahlen lassen und dort Frondienste leisten, statt die nahegelege Fronmühle zu nutzen. Kein Wunder, dass in weiten Teilen der Bevölkerung die französische Armee auch von deutscher Seite Zulauf erhielt. Nicht zuletzt auch wegen den ärmlichen Verhältnissen oder dem Verlangen nach Abenteuer.
Im Verlauf der Koalitionskriege (1792-1815) wurde Neustadt "französische" Kantonshauptstadt. Die Festung Landau war ebenfalls unter französischer Verwaltung. Es verwundert nicht, dass auch Geinsheim zu dieser Zeit Teil der französischen Republik war. Im Verlauf dieser Zeit wurden für die "linksrheinischen Gebiete" viele Freiheiten per Gesetz im Sinne der französischen Revolution erlassen.
Um es vorweg zu nehmen: hier spiegelt sich die Geschichte einer pfälzisch-elsässichen Familie wider, deren Schicksal eng mit dem politischen Geschehen unserer Heimat im ausgehenden 18. Jh und beginnenden 19. Jh verbunden ist.
Ausgangspunkt dieser Geschichte ist Michael Geither der 1769 in Ubstadt bei Bruchsal geboren wurde und noch als Kind mit seiner Familie nach Maikammer zog. Auch er folgte dem Geist der neuen Zeit und ließ sich vom deutschsprachige französischen Regimenter anwerben. Er machte als Soldat schnell Karriere. Vom Chef de Batalion (1798) bis zum Brigardegenral der napoleonischen Truppen (1810). Als Kommandeur der Festung Landau verteigigte er diese noch bis zum Herbst 1815, als Kaiser Napoleon bereits nach St. Helena verbannt worden war. Wodurch er die landläufige Bezeichnung "Napoleons letzter General" erwarb.
Doch was hat dieser Mann mit Geinsheim zu tun?
Michael Geither's Bruder Martin (napolionischer Gendameriehauptmann) heiratete 1800 die aus Geinsheim stammende Eva Elisabeth Maybach und lebte, sofern nicht im Soldatendienst unterwegs, hier mit den 2 Töchtern. Auch Michaels verwitwete Schwester Barbara, zog nach dem Tod ihres Ehemanns - dem aus Maikammer stammenden Hufschmieds Georg Hartmann - zu ihrem Bruder Martin nach Geinsheim. Beide ihrer Söhne (darunter der später gefeierte bayrische Infanteriegeneral Jakob Freiherr von Hartmann) haben oft und gerne ihre Zeit in Geinsheim verbracht.
Michael Geither war durch sein Soldatenleben ohne festen Wohnsitz. In seinem privaten Leben wohnte er in Speyer, Weißenburg oder bei seinem Bruder Martin in Geinsheim.
1817 (Er war 48 Jahre alt) Erwarb er ein stattliches Wohhaus, mit Kutscherwohnung, Scheune & Pflanzgarten in Geinsheim (Plannummer 273). Dort trafen sich die alten (Kriegs-)Kammeraden u.a. Genral Baron von Schramm und schwelkten in Erinnerung an "ihren" Kaiser - gemeint ist Napoleon Bonaparte.
1819 Er heiratete seine Nichte Elisabeth in Straßburg.
1821 Hauptwohnsitz der Familie Geither wird nach Straßburg verlegt, dennoch werden 2 der 3 Kinder in Geinsheim auf dem Landsitz geboren.
1834 Michael Geither reiste als schwerkranker Mann nach Geinsheim. Dort verstarb er am 28. September und wurde auf dem Geinsheimer Friedhof beerdigt.
1842 Die Witwe Elisabeth Geither heiratete den früheren Adjutanten ihres Mannes Franz Josef d'Heillimer.
Familiär gesehen wirds nun noch komplizierter, da Mitglieder des Stammbaums Geither/d'Heillimer/Tirolf alle doppelt geheiratet haben.
Festzuhalten ist, dass "Napoleons letzter Brigardegeneral" Geinsheim als seinen Landsitz wählte. Er und seine Familie waren mit dem Ort stark verbunden.
Landsitz von Michael Geither, Innenenhof
Marie Louise Tirolf im Fenster
Der "Park", der nach 1965 entstand. Dort stand noch zu Zeiten Geithers der jüdische Betraum.
Sowohl die Ortsgemeinde als auch die religiösen Gemeinden in Geinsheim haben der Familie Geither/d'Heillimer/Tirolf viel zu Verdanken.
Im Verlauf seiner Ehe mit der Witwe Elisabeth Geither stiftete Graf Franz Josef d'Heillimer der katholischen Kirchengemeinde mehrere Ausstattungsstücke, darunter 2 Glasfenster und eine Monstranz.
1865: Graf Franz Josef d'Heillimer tauscht sein Grundstück (heutige Gäustraße 22) mit dem baufälligen Anwesen der jüdischen Gemeinde (Plannummer 271). Ein üppiger Garten entsteht. Noch heute erinnert die alte Eibe auf dem Festplatz an diesen Garten.
1878: Durch Mittel der Geither'schen Stiftung wird die heutige Ortsverwaltung gebaut. Inschrift: "Zur Erinnerung an den zu Geinsheim verlebten General, Herrn Michael Geither, hat dessen Sohn Herr Adolf Geither die Mittel zum Schulhausbau gestiftet. 1878"
1955: Das mittlerweile Tirolf'sche Anwesen mit Länderein wurde wegen Misswirtschaft veräußert. Die Gemeinde Geinsheim kauft das Anwesen samt Pflanzgarten und nutzt es zunächst als Bürgermeisteramt.
1958: Die Gemeinde Geinsheim lässt eine alte Wehrmachtsbaracke auf dem Pflanzgarten aufstellen und nutzt ihn als Versammlungsraum. Der Vorgänger der Festhalle ist erbaut.
1972: Die Gemeinde lässt das Geither'sche Haus abreißen. Grundlage des Kerweplatzes wie wir ihn heute kennen.
Der Park verschwindet
Die Anfänge als Parkplatz
Festplatz kurz vor Abriss des Geither'schen Hauses
Neustadt an der Weinstraße - 1988
General Napoleons
Norbert Kästel - 2008