Die offiziell als Gäubahn geführte Bahnlinie wurde liebevoll "Pfefferminzbähnel" genannt, da sie das Pfefferminzanbaugebiet durchquerte. Auch der Transport von Pfefferminze blieb nicht aus. Ihr erfrischender Duft durchströmte die Wagons.
Schmalspurbahn als
Postkutschenablösung
Betrieb: 1905 - 1956
Spurbreite: 1000 mm
Geschw.: < 30km/h
Ziegelsteinbau mit Lokschuppen, Verladeplatz und Güterschuppen
Erleichterung des Abtransports von landwirtschaftlichen Produkten (Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben, Pfefferminze und Vieh)
Leichtere bzw. schnellere Anlieferung von Kohle, Saatgut, Düngemittel und sonstiger Industrieprodukte
Günstige Verbindung zu Arbeitsplätzen (in Neustadt, Speyer und Ludwigshafen) ;
dadurch Vermeidung der Abwanderung (Typ des "Pendlers" entsteht);
Ermöglichung des Besuchs von weiterführenden Schulen in Neustadt bzw. Speyer)
Die Bahn zog nicht stark genug und sprang regelmäßig aus den Gleisen. Die Verbindung nach Neustadt reichte nur bis zum Schlachthof und hatte keine Anbindung zur Innenstadt. Das besondere Verhältnis der Bevölkerung zum Bahnpersonal jedoch gestaltete die Reise zum Erlebnis. Die letzte Fahrt fand am 2. Juni 1956 unter heftigen Protesten der Bevölkerung statt. Vergeblich hatten sich die Bürger gegen die Aufgabe der Gäubahn ausgesprochen.
ab 1905:
• Speyer
• Dudenhofen (ab 1921)
• Harthausen
• Schwegenheim
• Weingarten
• Freisbach
• Gommersheim
• Geinsheim
ab 1908 auch:
• Duttweiler
• Lachen-Speyerdorf
• Neustadt
Geinsheim und das pfälzische Gäu sind in einem Wort zusammengefasst - Goise. Allerdings umfasst unser Gäu wesentlich mehr Ortschaften als nur "Goise". Hinzu zählen Duttweiler, Lachen-Speyerdorf, Speyer, Dudenhofen, Hanhofen, Harthausen, Römerberg, Lingenfeld, Schwegenheim, Weingarten, Westheim, Lustadt, Zeiskam, Hochstadt, Bornheim, Essingen, Klein- und Großfischlingen, Venningen, Kirrweiler, Altdorf, Böbingen, Gommersheim, Freisbach und Freimersheim.
Der Begriff des "Gäu" oder "Gau" steht für eine waldarme bzw. waldfreie fruchtbare Kulturlandschaft in Deutschland und der Schweiz.
In Nord- und Mitteldeutschland ist von "Börde" die Rede.
"Gäu" kommt in vielen altgermanischen Sprachen vor, z.B. im Althochdeutschen als "gewi" und geht möglicherweise auf das urgermanische "gaw-ja" (= Gegend, Landschaft) zurück.
In Südwestdeutschland gibt es außer dem pfälzischen Gäu, das sich von der mittelalterlichen Grafschaft "Speyergau" ableitet und nur wenige Höhenunterschiede aufweist in Baden und Württemberg:
das Korngäu ("Oberes Gäu")
Strohgäu ("Unteres Gäu")
Hecken- und Schlehengau
(da es hier kein Löss gibt, auch als "Armes Gäu" bezeichnet)
Zabergau
Eppinger Gäu
Allgäu
In Bayern kommt noch der "Gäuboden" (Niederbayern) hinzu; in der Schweiz kennt man das "Solothurnische Gäu" und das "Gäu" (= Kernlandschaft des 'Kantons Luzern).
Weite Bereiche der Gäulandschaften sind von Löss bzw. Lehm überdeckt und besitzen (im Vergleich zu den angrenzenden Waldländern) ein relativ mildes Klima.
Aufgrund dieser Gunstlage wurden sie schon in der Jungsteinzeit, vor allem aber seit dem frühen Mittelalter als Siedlungsraum bevorzugt.
Die Pfefferminze (2004 zur "Arznei-Pflanze des Jahres" gekürt) ist eine Heil- und Gewürzpflanze, die zur Familie der "Lippenblütler" ("Lamiaceae") gehört. Sie gliedert sich in 10 Unterfamilien und umfaßt ~230 Gattungen mit über 7.000 Arten.
Bereits in der Antike verwendete man im Fernen Osten verschiedene Minzarten als Heilmittel.
Ägypter und Griechen schätzten die Minze auch als Schönheitsmittel und Bierzusatz.
Ihre erste Erwähnung in Europa findet sie 1696 in einer Schrift in England.
Wahrscheinlich kam sie nach 1780 von England über Straßburg nach Deutschland.
Die Pfefferminze unterscheidet sich von anderen Minzen durch den schärferen Geschmack (daher “Pfeffer"minze) und den hohen Menthol- und niedrigen Carvon-Gehalt. (Carvon wirkt keimhemmend und wird bei der Herstellung von Kosmetik, Seife und Likören verwendet.)
In Deutschland gibt es kleinere Anbaugebiete um München, besonders in der Gemeinde Eichenau (rd. 12.000 Ew.), wo sich auch das einzige Pfefferminzmuseum befindet; auch in Unter- (um Schweinfurt) und Mittelfranken sowie in Ober- und Niederbayern und der Oberpfalz und im äußeren Thüringer Becken wird sie feldmäßig kultiviert.
Die thüringische Eisenbahnlinie von Straußfurt (rd. 2.100 Ew.) zum Bahnknotenpunkt Großheringen (630 Ew.) wird als “Pfefferminzbahn" (Streckenlänge: 52,7 km; 1435 mm Normalspur) bezeichnet. 1880 verkehrten drei Zugpaare (Reisezeit: Rd. 2 h, 54').
Die Pfefferminze im vorderpfälzischen Gäu
1845 (auch: 1846) hat Johann Adam Göring (auch: Gering, 1797 - 1857) aus Straßburg Pfefferminzpflanzen ("Mentha piperita") nach Gommersheim gebracht. Die Pfälzer Pfefferminze ist ein "Tripelbastard" aus den beiden Arten Wasserminze ("Mentha aquatica") und Spearmint-Minze ("Mentha spicata").
Der Familie Göring gelang es noch bis 1870 ihr gewisses Monopol auf die Arzneipflanze zu hüten.
Im Jahre 1858 heiratete der aus Gommersheim stammende Georg Manger nach Geinsheim; dadurch kam der Pfefferminzanbau in dieses Gäudorf.
Über mehrere Generationen handelten Mitglieder der Familie Göring ("'s Worzelgräbers" genannt) mit Kräutern und Wurzeln.
Durch Destillation ließen sich aus den Pfefferminzblättern ätherische Öle zur Herstellung von Zahnpasten, Bonbons, Mundwasser und zur Verfeinerung von Kautabak gewinnen.
Kleinsthändler brachten die Ware in die nächsten Großstädte, sogar bis nach Ostpreußen.
Mit steigender Erzeugung übernahmen Jüdische Händler dieses Geschäft.
Bald war die Pfälzer Pfefferminze, die fast ausschließlich zur Bereitung von Tee verwendet wurde, die qualitativ beste in Deutschland.
1887 wurden 40 Zentner getrocknete Ware geerntet, 1926 und 1930 2.000 Zentner.
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft—bisherige Sonderkulturen wie Hanf, Flachs, Raps und Krapp (eine Färberpflanze) waren durch den Import ausländischer Erzeugnisse unwirtschaftlich geworden—begünstigte die Verbreitung des Pfefferminzanbaus.
"Hilfreich" beim Absatz erwies sich 1892 die Cholera-Epidemie in Hamburg: Nachfrage und Preis stiegen sprunghaft an.
Bis zum Ende des I. Weltkrieges blieb das "Gäu" mit Gommersheim, Schwegenheim, Freisbach und Geinsheim das bedeutendste “Pfefferminzland" des Deutschen Reiches.
Nach dem Ende des II. Weltkrieges eroberten Kaffee und andere fabrikmäßig hergestellte Getränke den Markt.
Heute wird die Pfefferminze—wenn überhaupt—nur noch für den Hausgebrauch angebaut.
09.03.1873:
Versammlung zur Beratung über den Bau einer Eisenbahnlinie von Neustadt nach Germersheim +) im Gasthaus "Zum Hirsch" ++) in Geinsheim (ca. 300 Anwesende); +++)
+) Bereits 1864 wurde die Strecke Speyer - Germersheim - Lauterburg in Dienst genommen.
++) Die "Schildwirtschaft" "Zum Hirsch" (früher Böhlgasse 78 bzw. 127, heute Gäustraße 106) war das Elternhaus von Kapuzinerpater Remigius (1901 - 04.10.1977), der als Missionar in Chile wirkte und Sterbeort des Dichters Dr. Michael (später Wilhelm) Nebel (* 17.09.1804, + 17.05.1848).
+++) Im Einzugsbereich der geplanten Bahn lebten damals ra. 30.000 Menschen.
Abstimmung über folgende Punkte:
Soll die Bahn überhaupt gebaut werden?
Soll eine Kommission gewählt werden, die ein Projekt entwirft und der Königlichen Regierung unterbreitet?
Einstimmige Annahme, Bildung eines Ausschusses, bestehend aus Mitgliedern der interessierten Gemeinden;
In der Folgezeit auch Diskussion über eine Strecke Speyer - Edenkoben;
1887:
Versammlung mit 400 Teilnehmern;
26.01.1892:
Die Erteilung einer Projektkonzession für eine Bahnlinie mit dem Endpunkt Lingenfeld führt zum Protest von Speyer.
16.04.1896:
Der Gemeinderat Geinsheim stellt 15.000 Reichsmark zur Verfügung, mit der Maßgabe, eine normalspurige Bahn zu errichten.
20.05.1896:
Verhandlung des Projekts im Bayerischen Landtag;
Festlegung auf 1.000 mm Spurweite;
Auflage: Bei der Trassenführung dürfen Pfarrgüter nicht durchschnitten werden.
Eine Anbindung an die "pfälzische Ludwigsbahn" lehnt Bayern ab.
Im gleichen Jahr werden für Grunderwerbskosten 170.000 Reichsmark bereitgestellt.
Die Kosten wurden insgesamt auf 1,424 Millionen beziffert.
1897:
Weingarten und Dudenhofen weigern sich, Gelände für die Bahnstrecke zur Verfügung zu stellen.
Februar 1903:
Beginn des Grunderwerbs;
beschäftigt werden dürfen ausschließlich Deutsche, Ausländer nur mit Ausnahmegenehmigung.
2. Juli 1903:
"Mit allerhöchster Konzessionsurkunde" wird die Teilstrecke Speyer - Geinsheim (18,9 km) genehmigt.
Da sich die Bauern von Dudenhofen beharrlich weigern, bestes Ackerland zur Verfügung zu stellen, gab
19. September 1903
das Staatsministerium des Innern gab die Ermächtigung ein "Zwangsentäußerungsverfahren" einzuleiten.
Weil Dudenhofen sich weigerte, 20.000 Mark zu zahlen, fuhren die Züge jahrelang an der Ortschaft vorbei.
Dafür mußte die Gemeinde nach dem 1. Weltkrieg das Bahnhofsgebäude selbst finanzieren.
Der Geinsheimer Bürgermeister Ludwig Schneider +) stellt fest, man beteilige sich nur an dem Projekt, wenn die Trasse später bis Neustadt weitergeführt wird.
Bewilligung einer Anleihe von 930.000 Reichsmark;
+) 1866 in der Schildwirtschaft "Zum Hirsch" geboren; er wurde am 1. Januar 1905 Bürgermeister (bis 1922). verstorben am 6. Oktober 1942;
25.05.1905:
Bei Schwegenheim springt um 4.15 Uhr eine Lok aus den Gleisen.
Der Wagenwärter Richard Gruber ist sofort tot.
Bis 1907:
Bau der Strecke bis nach Neustadt (10,2 km);
in den "Bahngärten" (beim Hauptbahnhof) sollte ein Bahnhof errichtet werden, aber der Bahnverwaltung erschien das Gelände zu teuer.
Schließlich wurde der Zielbahnhof in der Nähe des damaligen Schlachthofes errichtet, für den Bahnexperten Werner Schreiner (in seinem Vortrag am 6. November 2008 in Geinsheim) rückblickend einer der größten Fehler!
20.10.1908:
Probefahrt von Geinsheim nach Neustadt;
14.10.1912:
Einweihung des Flugplatzes in Lachen-Speyerdorf (20.000 - 25.000 Gäste);
dabei kam es am Bahnhof infolge des Massenansturms auf den "Sonderzug 3" zu einem schweren Unfall mit drei Toten und vier Schwerverletzten.
1919:
Dudenhofen erhält eine Haltestelle (der Bahnhof wird am 17. Januar 1973 von französischen Pionieren aus Speyer abgerissen).
1925:
Treffen in Geinsheim:
Erneut Initiative, die Bahn auf Normalspur zu bringen;
bis 1939 folgten noch einige Versammlungen, alle in Geinsheim;
1944/45:
Die Bahn wird zum Ziel von alliierten Jagdbombern.
So wurde z.B. am 20. November 1944 in Lachen-Speyerdorf Heinrich Mees (* 03.06.1888) im Postwagen tödlich verwundet.
Erst beim Halt in Freisbach wird seine Leiche zwischen den Postsäcken gefunden.
Sonntag, 11. Februar 1945:
Die aus Freimersheim stammenden Schwestern Martha (19 Jahre alt) und Else Heckmann (16 Jahre), beide in der Diakonissenanstalt in Speyer tätig und eine Rotekreuzschwester, die in der Zeppelinschule tätig war, werden im Wald zwischen Harthausen und Schwegenheim durch eine Fliegerbombe getötet.
Erna Heckmann, die dritte der Geschwister, Säuglingsschwester bei den Diakonissen, war an diesem Tag nicht beurlaubt worden. +)
+) Der Böhl-Iggelheimer Heimatforscher Theo Brendel hat das Schicksal der beiden Frauen im Auftrag der Familie der Toten recherchiert.
Nach dem II. Weltkrieg (wie nach dem I. Weltkrieg) wird das “Pfefferminzbähnel" zum "Hamsterbähnchen".
1949:
Für den Fahrbetrieb stehen nur zwei Züge zur Verfügung.
Samstag, 02.06.1956:
Letzte Fahrt (der Dampflok Nr. 99102, der ältesten der Gaubahnlokomotiven);
Herbst 1956:
Einstellung des Güterverkehrs, nachdem die Zuckerrüben abtransportiert waren; +)
+) Die Zuckerrübenpflanzer sind gegen die Einstellung der Bahn;
Ende Januar 1955 fand im Gasthaus "Zum Bären" in Bellheim eine Versammlung des Verbandes der hessisch-pfälzischen Zuckerrübenbauvereine statt, auf der dies klar zum Ausdruck kam.
Ab März 1957:
Abbau der Gleisanlagen; die Strecke ex282a (ab 1944: 282 k) ist Geschichte.
2009
ISBN 978-3-9808288-5-7