12.5.2026
Herr Jesus Christus, Du bist die ewige Liebe, Du bist wahrer Gott und wahrer Mensch! Du bist das Leben und Du gibst Dich uns ganz hin, damit wir aus Dir leben. Wenn wir in Dir bleiben und wenn Du in uns bleibst, werden wir das wahre Leben empfangen und bewahren. An Deiner göttlichen Natur können wir nur Anteil haben, wenn wir auch an Deiner menschlichen Natur Anteil haben. Und an Deiner menschlichen Natur können wir nur Anteil haben, wenn wir dazu bereit sind, Dir in Deinen inneren Gesinnungen immer ähnlicher zu werden, wenn wir dazu bereit sind, mit Dir zu leben, zu lieben und zu leiden. Als Getaufte sind wir Glieder Deines Leibes, Deiner heiligen Kirche. Und nur durch die Kirche schenkst Du uns all Deine Gnaden, durch die heiligen Sakramente der Kirche schenkst Du uns Anteil an Deiner menschlichen Natur und durch diese Anteil an Deiner göttlichen Natur. Durch die heiligen sinnenhaften Sakramente berührst Du uns, heilst Du uns, nährst Du uns, vergöttlichst Du uns, so dass wir Dir immer ähnlicher werden, immer heiliger werden, immer mehr zu Liebenden werden. In der heiligen Kommunion dürfen wir ganz eins mit Dir werden, eins mit Deiner menschlichen und Deiner göttlichen Natur. Wenn wir in Deiner Liebe bleiben, im Heiligen Geist bleiben, dann leben wir im Stande der heiligmachenden Gnade. Bewahre uns in dieser Gnade bis zum Ende unseres irdischen Lebens! Hilf uns, dass wir bis zum Ende standhaft bleiben, schenke uns Deinen Starkmut, Deine Geduld im Leiden, Deine Liebe, so dass wir allen vergeben können, die uns Böses antun, schenke uns Deine Freude und Deinen Frieden! Hilf uns, dass wir dazu bereit sind, unser Leben nach Deinem Vorbild für die Rettung der Seelen ganz hinzugeben! Amen.
Hl. Katharina von Siena (1347-1380)
Dominikanertertiarin, Kirchenlehrerin, Mitpatronin Europas
Brief 98 (Lettre 98 aux religieux de Cervaia, n° 52, Téqui, 1976, tome 1, p. 642-643 ; rev., © deutsche Übersetzung: Evangelizo)
Christus hat uns den Heiligen Geist geschenkt
Habt Mut, meine Brüder, lassen wir uns weder von begangenen Sünden, noch von irgendeiner Illusion, noch von einer Versuchung des Teufels unterkriegen! Wenn der Weg auch rau und steinig ist, so hat uns doch Christus, unser Arzt, ein Heilmittel gegen all unsere Schwäche gegeben, eine Taufe in Blut und Feuer, in der alle Sünden von der Seele abgewaschen werden, alle Versuchungen und Illusionen des Teufels vertilgt und zerstört werden. […]
Solange der Mensch im vergänglichen Gefängnis seines Leibes steckt, erfährt er ein verkehrtes Gesetz, das ihn stets zur Sünde einlädt und drängt. Die sanfte Güte Gottes hat ihm ein fortwährendes Heilmittel gegeben, das seine Vernunft und seine Freiheit stärkt. Dieses fortwährende Heilmittel ist das Feuer des Heiligen Geistes, das niemals erlischt und unaufhörlich seine Gnade und seine Wohltaten ausgießt, sodass wir uns jeden Tag dieser Taufe unterziehen können, die uns aus Gnade und nicht aus Verdienst geschenkt wird.
Wenn also die Seele in sich diesen Schatz und dieses Feuer des Heiligen Geistes wahrnimmt, wird sie so sehr trunken von der Liebe zu ihrem Schöpfer, dass sie sich selbst völlig verleugnet. […] Sie sieht und betrachtet nur noch ihr eigenes Nichts und demgegenüber die Güte Gottes. Sie erkennt, dass diese unendliche Güte nichts anderes will als ihr Heil, und so wird ihre Liebe zu Gott vollkommen. Sie hat keine anderen Gedanken, keine andere Neigung mehr, und sie kann den Drang ihres Verlangens nicht zurückhalten. Vielmehr läuft sie ohne Last und ohne Fesseln, denn sie hat sich von allen Hindernissen befreit, die sie hätten aufhalten können.
14.5.2026
Was ist nötig, um das ewige Heil zu erlangen? Demütige Selbstverleugnung und liebende Selbsthingabe an Christus.
Leo der Große (+ 461)
Aus einer Predigt zum Festgeheimnis der Himmelfahrt Christi.
Himmelfahrt Christi - unser Leben auf Erden
Wie könnte jemand durch den Glauben gerechtfertigt werden, wenn unser Heil nur in den Dingen bestände, die den Blicken zugänglich sind? Jenem Mann, der an der Auferstehung Christi zu zweifeln schien, wenn er nicht zuvor an seinem Fleisch die Spuren des Leidens durch Schauen und Betasten festgestellt hätte, sagt daher der Herr: "Weil du mich gesehen hast, Thomas, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." (1)
Damit diese Seligpreisung für uns gelten kann, ist unser Herr Jesus Christus am vierzigsten Tag nach der Auferstehung vor den Augen der Jünger in den Himmel erhoben worden und hat so die Zeitspanne seiner körperlichen Gegenwart begrenzt, um zur Rechten des Vaters zu bleiben, bis die Zeit vergangen wäre, die Gott festgesetzt hatte, damit die Kirche in ihr die Zahl ihrer Kinder mehre. Dann erst wird er zum Gericht über Lebende und Tote in demselben Fleisch, in dem er aufgestiegen ist, wiederkommen. Die Gläubigen sollen also die zeitlichen Dinge durcheilen im Wissen, dass sie in diesem Erdental nur Pilger sind. Mögen ihnen auch gewisse Vorteile schmeicheln, so dürfen sie diese doch nicht leichtsinnig festhalten, sondern tapfer daran vorübergehen. Denn zu solcher Haltung ruft uns der heilige Apostel Petrus auf. Gemäß jener Liebe, die er für das Weiden der Schafe Christi durch das dreifache Bekenntnis seiner Liebe zum Herrn empfangen hatte, (2) sagt er beschwörend: "Liebe Brüder, da ihr Fremde und Gäste seid in dieser Welt, ermahne ich euch: Gebt den irdischen Begierden nicht nach, die gegen die Seele kämpfen." (3) In wessen Interesse aber kämpfen die irdischen Begierden, wenn nicht in dem des Teufels? Er findet sein Vergnügen daran, die nach dem Himmlischen strebenden Seelen durch die Genüsse der vergänglichen Güter zu fesseln und von jenem Wohnsitz abzulenken, aus dem er herausgefallen ist. Gegen seine Nachstellungen muss jeder Gläubige weise wachen, damit er seinen Feind gerade durch das, worin er versucht wird, schlagen kann.
Nichts aber, Geliebte, ist stärker gegenüber den Listen des Teufels als barmherzige Güte und freigebige Liebe. Durch sie wird jede Sünde entweder vermieden oder besiegt. So lasst uns also der Liebe nachjagen, (4) ohne die keine Tugend wertvoll ist. Dann können auch wir auf diesem Weg der Liebe, auf dem Christus zu uns herabgestiegen ist, zu ihm aufsteigen, dem mit Gott, dem Vater, und dem Heiligen Geist alle Ehre und Herrlichkeit ist in alle Ewigkeit. Amen.
1 Joh 20,29.
2 Vgl. Joh 21,15-17.
3 1 Petr 2,11.
4 Vgl. 1 Kor 14,1.
Hl. Johannes Chrysostomus (um 345-407)
Priester in Antiochia und später Bischof von Konstantinopel, Kirchenlehrer
1. Homilie über den ersten Brief an die Thessalonicher (trad. Brésard, 2000 ans C, p. 132; ins Dt. übers. © evangelizo)
„So habt auch ihr jetzt Trauer, aber ich werde euch wiedersehen; […] und niemand nimmt euch eure Freude.“
„So habt auch ihr jetzt Trauer, aber ich werde euch wiedersehen; […] und niemand nimmt euch eure Freude.“
„Ihr seid dem Beispiel des göttlichen Meisters gefolgt“, sagt Paulus. Wie das? „Ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt“ (1 Thess 1,6). Also nicht nur in Bedrängnis, sondern in großer Bedrängnis, inmitten von Leiden ohne Zahl. Ihr findet dies in der Apostelgeschichte bestätigt. Dort erfahren wir, wie man gegen sie [Paulus und Silas, vgl. Apg 16, 19-25] eine Verfolgung angestachelt hat, wie ihre Feinde sie bei den Behörden denunziert und die Stadt gegen sie aufgebracht haben. Sie waren in Bedrängnis, und es wäre falsch zu sagen, sie wären ihrem Auftrag mühsam und klagend treu geblieben. Sie blieben mit großer Freude treu! Die Apostel hatten ihnen ein Beispiel gegeben: „Sie freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Christi Schmach zu erleiden“ (Apg 5,41).
Das ist wahrhaft bewundernswert! In der Bedrängnis geduldig auszuharren, ist schon viel; aber sich darüber auch noch zu freuen – das übersteigt die menschliche Natur, als hätte man einen Leib, der sozusagen schmerzunempfindlich ist. Aber inwiefern sind sie dem Beispiel Christi gefolgt? Darin, dass er selber ohne einen Klagelaut und mit Freude gelitten hat. Denn es war sein eigener Wille, in solcherlei Bedrängnisse zu kommen. Um unseretwillen hat er sich gedemütigt, hat sich bespucken, ohrfeigen, ja kreuzigen lassen. Und er hat sich darüber so gefreut, dass er es seine Verherrlichung nannte: „Vater“, sagte er, „verherrliche du mich“ (Joh 17,5).
15.5.2026
Jesus lehrt uns das Vater unser Gebet. In diesem wichtigsten Gebet bezieht sich Jesus bewusst auf die 10 Gebote:
Ex 20,1-17:
Die zehn Gebote.1Hierauf gab ihnen Gott alle folgenden Gebote:2„Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, dem Hause der Knechtschaft, weggeführt hat.3Du sollst neben mir keine anderen Götter haben!4Du sollst dir kein Schnitzbild machen, kein Bild von dem, was oben im Himmel oder unten auf der Erde oder im Wasser unter der Erde ist!5Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und sie nicht anbeten! Denn ich der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter an den Kindern, den Enkeln und den Urenkeln derer straft, die mich hassen,6Barmherzigkeit hingegen bis ins tausendste Glied denen erweist, die mich lieben und meine Gebote halten.7Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen! Denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.8Achte darauf, den Sabbat zu heiligen!9Sechs Tage magst du arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten!10Aber der siebte Tag ist ein Ruhetag zu Ehren des Herrn, deines Gottes. Da darfst du keinerlei Arbeit tun, weder du noch dein Sohn oder deine Tochter, weder dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch der Fremdling, der bei dir innerhalb deiner Tore weilt!11Denn in sechs Tagen schuf der Herr Himmel und Erde, das Meer und alles, was in ihnen ist, aber am siebten Tage ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbat gesegnet und geheiligt.12Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Lande, das der Herr, dein Gott, dir geben wird!
13 Du sollst nicht töten!
14 Du sollst nicht ehebrechen!
15 Du sollst nicht stehlen!
16 Du sollst gegen deinen Nächsten kein falsches Zeugnis ablegen!
17Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus! Du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten, noch seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen Esel noch irgend etwas, was deinem Nächsten gehört!“
Die zehn Gebote nach dem Katechismus der katholischen Kirche:
Ich bin der Herr, dein Gott.
1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.
3. Du sollst den Tag des Herrn heiligen.
4. Du sollst Vater und Mutter ehren.
5. Du sollst nicht töten.
6. Du sollst nicht ehebrechen.
7. Du sollst nicht stehlen.
8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau.
10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen.
„Vater unser im Himmel“ bezieht sich auf das erste Gebot. Wir glauben an einen einzigen Gott, Er ist gut, Er ist unser barmherziger Vater.
„Geheiligt werde Dein Name“ bezieht sich auf das zweite Gebot. Wenn wir den Namen Gottes ehren, ehren wir Ihn selbst. Durch unser Leben in der Nachfolge Christi sollen wir den Namen Gottes heiligen, indem wir uns heiligen.
„Dein Reich komme“ bezieht sich auf das dritte Gebot. Der Tag des Herrn soll ein heiliger Tag sein, ein Tag der Ruhe, ein Tag, an dem wir uns ganz auf Gott ausrichten. Am Tag des Herrn soll das Reich Gottes besonders erfahrbar sein, er ist ein Vorgeschmack auf das ewige Reich Gottes, ein Vorgeschmack auf die ewige Ruhe in Gott. Augustinus sagt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“ In Gott allein finden wir unsere wahre Ruhe.
„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“ bezieht sich auf das vierte Gebot. Gott sollen wir zuerst ehren, Ihm sollen wir zuerst gehorchen. Unsere Eltern sind für uns Stellvertreter Gottes, denen wir auch Ehre und Gehorsam schulden. Wer seine Eltern nicht ehrt, ehrt auch Gott nicht. Wir müssen lernen, unseren Eigenwillen gänzlich aufzugeben und nur noch den heiligen Willen Gottes zu suchen.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“ bezieht sich auf das fünfte Gebot. Wir brauchen Nahrung für unseren Leib und für unsere Seele, Essen für unseren Leib und die heilige Kommunion für unsere Seele. Ohne diese leibliche und geistige Nahrung können wir nicht wahrhaft leben. So wie wir selber leben wollen, müssen wir auch das Leben der anderen Menschen schützen und fördern. Geben wir den Menschen, was sie brauchen, Nahrung für ihren Leib und Liebe für ihre Seele, geben wir uns selbst! Jesus selbst bezeichnet sich als das Brot des Lebens, wir brauchen Ihn, um ins ewige Leben eingehen zu können. Er selbst ist das Leben.
„Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ bezieht sich auf die Gebote sechs bis acht. In diesen Geboten geht es um die Sünden des Betrugs, der Täuschung, der Lüge, einer betrügt den anderen. Wir sind Sünder, wir können ohne die Vergebung Gottes nicht leben. So wir wir von Gott die Vergebung erbitten, müssen auch wir immer wieder vergeben. Wer nicht vergeben will, dem wird von Gott auch nicht vergeben werden.
„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ bezieht sich auf die Gebote neun und zehn. Denn unsere eigene Begierde führt uns in Versuchung. Entweder lässt sich ein Mensch vom Heiligen Geist führen oder von seiner eigenen Habgier, von seiner eigenen Begierde. Wer sich von seiner eigenen Begierde führen lässt, wird ein Sklave des Satans. Wer sich vom Heiligen Geist führen lässt, wird ein Freund Gottes. Nur wer sich zuerst selbst verleugnet, kann Jesus nachfolgen und Ihm treu dienen. Und ein Diener Jesu wird gewiss vom Heiligen Geist erleuchtet, geführt und geheiligt.
17.5.2026
Hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit (1880-1906)
Karmelitin
Brief 249 (Œuvres Complètes, Cerf, Paris, 1996, S. 631; ins Dt. übers. © evangelizo)
Das ewige Leben hat schon begonnen
Erinnerst du dich an diese schöne Stelle, wo Jesus zu seinem Vater sagt, dieser habe ihm „Macht über alle Menschen gegeben, damit er ihnen das ewige Leben schenkt“ (vgl. Joh 17,2)?
Das ist es, was er in dir tun will: Jeden Augenblick will er, dass du aus dir heraustrittst, dass du alle Sorgen hinter dir lässt, um dich in jene Einsamkeit zurückzuziehen, die er sich im Innersten deines Herzens erwählt hat. Er, er ist immer da, auch wenn du ihn nicht spürst; er wartet auf dich und möchte mit dir „einen wunderbaren Tauschhandel“ abschließen, wie wir es in der schönen Liturgie singen, eine Vertrautheit zwischen Bräutigam und Braut. Deine Schwächen, deine Fehler, alles, was dich stört – davon will er dich durch diesen ständigen Kontakt befreien. Hat er nicht gesagt: „Ich bin nicht gekommen, um zu richten, sondern um zu retten“ (vgl. Joh 12,47)? Nichts darf dich daran hindern, zu ihm zu gehen. Achte nicht zu sehr darauf, ob du begeistert oder entmutigt bist; es ist das Gesetz des Exils, so von einem Zustand in den anderen überzugehen. Glaube dann, dass er sich niemals verändert, dass er sich in seiner Güte immer über dich beugt, um dich mit sich zu nehmen und dich in sich zu festigen. Wenn dich trotz allem Leere und Traurigkeit niederdrücken, vereine diese Agonie mit der des Meisters im Garten am Ölberg, als er zum Vater sprach: „Wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ (vgl. Mt 26,39 //).
Es mag dir vielleicht schwer erscheinen, dich selbst zu vergessen. Mach dir darüber keine Sorgen; wenn du wüsstest, wie einfach es ist... Ich werde dir mein „Geheimnis“ verraten: Denk an diesen Gott, der in dir wohnt, dessen Tempel du bist; das sagt der heilige Paulus, und wir können ihm glauben. Nach und nach gewöhnt sich die Seele daran, in Gottes sanfter Gegenwart zu leben, sie begreift, dass sie in sich einen kleinen Himmel birgt, den sich der Gott der Liebe zur Wohnung bestimmt hat. Dann atmet sie wie in einer göttlichen Atmosphäre; ich würde sogar sagen, dass nur noch ihr Körper auf der Erde ist, ihre Seele aber jenseits der Wolken und Schleier in dem wohnt, der unveränderlich ist. Sag dir nicht, dass das nichts für dich ist, dass du zu armselig bist, denn im Gegenteil ist das ein Grund mehr, um zum Retter zu gehen. Wir werden nicht gereinigt, indem wir auf diese Armseligkeit starren, sondern indem wir auf den schauen, der ganz Reinheit und Heiligkeit ist.
19.5.2026
Hl. John Henry Newman (1801-1890)
Theologe und Kardinal, Gründer der Oratorianergemeinschaft in England
Homilie „Die geistliche Gegenwart Christi in der Kirche“ (The Spiritual Presence of Christ in the Church, PPS, t. 6, n°10; ins Dt. übers. © evangelizo)
"Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt"
Die Heimkehr Christi zu seinem Vater bereitet Schmerz, denn sie bedeutet seine Abwesenheit, und gleichzeitig Freude, denn sie schließt seine Gegenwart ein. Die Lehre von seiner Auferstehung und Himmelfahrt ist Ursache für diese paradoxalen Erfahrungen im Christentum, die in der Schrift so oft genannt werden: dass wir nämlich betrübt sind und uns trotzdem gleichzeitig freuen, denn „wir haben nichts und haben doch alles“ (vgl. 2 Kor 6,10).
Das ist nämlich wirklich unsere gegenwärtige Situation: Wir haben Christus verloren und haben ihn gefunden; wir sehen ihn nicht und können ihn trotzdem erkennen. Wir umfassen seine Füße (vgl. Mt 28,9), doch er sagt zu uns: „Halte mich nicht fest.“ (Joh 20,17). Wie kann das sein? Weil wir seine Person nicht mehr spürbar und bewusst wahrnehmen; wir können ihn nicht ansehen, nicht hören, uns nicht mit ihm unterhalten, ihm nicht von Ort zu Ort folgen. Dennoch erfreuen wir uns auf geistliche, unkörperliche, innerliche Weise, im Geist und real seines Anblicks und besitzen ihn: wir besitzen ihn realer und er ist uns gegenwärtiger, als es bei den Aposteln der Fall war in den Tagen seines irdischen Leibes, eben genau deshalb, weil dieser sein Leib jetzt geistlich, weil er unsichtbar ist.
In dieser Welt gilt, wie wir wissen: je näher uns ein Gegenstand ist, desto weniger können wir ihn wahrnehmen und erfassen. Christus ist uns in der christlichen Kirche so nahegekommen, dass wir, wenn ich so sagen darf, nicht mehr den Blick auf ihn heften, noch seine Umrisse unterscheiden können. Er tritt bei uns ein und nimmt das Erbe in Besitz, das er sich erworben hat. Er stellt sich uns nicht vor, doch er führt uns zu sich. Er macht uns zu seinen Gliedern. [...] Wir sehen ihn nicht, wir erkennen seine Gegenwart nur aus dem Glauben heraus, denn er ist größer als wir und in uns gegenwärtig. Wir sind deshalb traurig, weil uns das Bewusstsein seiner Gegenwart fehlt [...], und wir freuen uns, weil wir wissen, dass wir ihn besitzen: „Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil.“ (1 Petr 1,8–9).
19.5.2026
Wir müssen das Gute wollen und es mit der Hilfe Gottes auch vollbringen, wenn wir gerettet werden wollen. Ein Mensch, der sich von seinen Begierden leiten lässt, lässt sich eben nicht vom Heiligen Geist leiten und kann somit auch nicht gerettet werden, solange er nicht entschieden mit aller Kraft umkehrt.
Hl. Gertrud von Helfta (1256-1301)
Benediktinerin
Gesandter der göttlichen Liebe, Buch III, Kap. 60 (Christiana-Verlag, Stein am Rein, 2001, S. 194-105, rev.)
Der Geschmack der göttlichen Erkenntnis
O Du Leben meiner Seele,
Dir geeinigt sei meines Herzens Liebe,
Angefacht durch die Kraft der Liebesglut!
In allem, wonach sie ohne Dich strebt, ermatte sie! […]
In Dir wohnt die höchste Freude,
Aus Dir strömt der reichste Überfluss,
zu Dir hin reizt die lieblichste Lockung,
durch Dich besteht der wirksamste Einfluss. […]
Du lebenspendender Edelstein der menschlichen Würde,
Du kunstvollster Werkmeister,
Sanftester Lehrer,
Weisester Ratgeber,
Gütigster Helfer,
Treuester Freund!
Dich erwähle ich vor jeglichem Geschöpf,
Um Deinetwillen entsage ich jeglicher Ergötzung,
Für Dich gehe ich jeglichem Leiden entgegen.
In all diesem suche ich Dich als einzigen Lobredner;
Dich bezeuge ich mit Herz und Mund
Als Spender dieser und aller Güter.
In der Kraft Deines Eifers
Vereinige ich meine Andacht
Mit der Wirksamkeit Deines Gebetes,
Damit ich durch die Vollkommenheit der göttlichen Vereinigung
mit Vernichtung jeder widersetzlichen Regung
zum Gipfel der höchsten Heiligkeit geführt werde. […]
Sogleich empfand Gertrud die Wirkung dieser Worte und als sie das Gebet vollendet hatte, erschien das Angesicht ihrer Seele von den Strahlen des göttlichen Lichtes heller erleuchtet und wie ihr schien, empfing sie einen vollkommeneren Geschmack der göttlichen Erkenntnis.