Überblick
Meine Forschung konzentrierte sich stets auf eine bestimmte Vorgehensweise anstatt auf ein bestimmtes Thema: die Suche nach Verbindungen zwischen scheinbar unkorrelierten Bereichen und die Anwendung von Methoden des einen zur Erklärung des anderen. Mein Interesse an diesem Ansatz wurde während meines Masterstudiums geweckt, als ich untersuchte, wie die konforme Feldtheorie zur Bestimmung des Operatorinhalts exakt integrierbarer Spinmodelle der statistischen Mechanik eingesetzt werden kann. Später, während meiner Promotion in Bonn, befasste ich mich mit Abbildungen von SU(p/q)-invarianten (integrierbaren) Modellen auf Reaktions-Diffusions-Prozesse und Kristallwachstum. Ich interessiere mich zudem für Wissenschaftsgeschichte und habe dazu bereits einige Artikel veröffentlicht.
Im Laufe meiner Karriere habe ich außerdem einige experimentelle Arbeiten, einen Artikel zur Primzahltheorie und mehrere kommentierte Übersetzungen, hauptsächlich aus dem Deutschen, aber auch aus dem Englischen und Französischen, publiziert. Einige meiner Projekte werden im Folgenden beschrieben.
Quanten-Spinmodelle
Meine wissenschaftliche Ausbildung erfolgte an der Schnittstelle zwischen Statistischer Mechanik und Mathematischer Physik, wobei der Schwerpunkt auf dem Bethe-Ansatz zur Lösung von Spinmodellen (hermitesches und nicht-hermitesches XXZ-Modell) lag. Ab 2007 wandte ich mich anderen Modellen zu und beschäftigte mich – gemeinsam mit H. Hinrichsen in Würzburg – insbesondere mit gerichteter Perkolation, Kontaktprozessen und der Ausbreitung von Epidemien. In Duisburg kooperiert ich mit der Arbeitsgruppe von D. Wolf auf den Gebieten der Tribologie und magnetischer Oberflächen sowie deren Wechselwirkung mit der Spitze eines Rasterkraftmikroskops. Diese Projekte wurden gefordert im Rahmen einer bilateralen Kooperation zwischen CAPES (BR) und DAAD (DE).
Theorie zeitlicher Netzwerke
Meine Forschung auf diesem Gebiet erfolgte in Zusammenarbeit mit Ana Bazzan (Informatik, Porto Alegre), Sandra Prado (Physik, Porto Alegre), Ralph Kenna (Physik, in memoriam) und Pádraig Mac Carron (Physik, Maynooth), Julia Hillner (Geschichte, Bonn), Maírín Mac Carron (Geschichte, Cork), Robert Gramsch-Stehfest (Geschichte, Jena) und Giuditta Parolini (Museum für Naturkunde, Berlin). Ziel ist es, Historikern Techniken an die Hand zu geben, mit denen sie neue Erkenntnisse über historische Ereignisse gewinnen können. Die Arbeit mit Robert Gramsch-Stehfest und Ana Bazzan befasste sich mit der Erforschung von Herrscherkoalitionen während der Krise des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen im Jahr 1225. Das Projekt mit Julia und Maírín untersuchte Frauennetzwerke im Spätantike und Frühmittelalter, insbesondere im Werk Bedas (Historia ecclesiastica gentis Anglorum). Dieses Projekt wurde von der Leverhulme-Stiftung gefördert. In einem Projekt mit Giuditta Parolini von der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) erforschte ich Wissenschaftlernetzwerke in den Anfängen der Meteorologie. Die Arbeit mit Pádraig Mac Carron, Ralph Kenna und Sandra Prado konzentrierte sich hauptsächlich auf die Netzwerkanalyse mythologischer Texte. Dieses Projekt wurde von einem ERC-Grant (Horizon 2016) gefördert.
Wissenschaftsgeschichte/Wissenschaftsphilosophie
Mein Interesse an Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie rührt von der Lektüre direkter Quellen von Physikern und Philosophen sowie einiger der ersten Lehrbücher zur Allgemeinen Relativitätstheorie von Max von Laue, Hermann Weyl und Arthur S. Eddington her. Dabei wurde mir bewusst, wie viele tiefgreifende Erkenntnisse mir als Student entgangen waren, die sich aus ihren Werken ergaben. Daher begann ich, den Originalquellen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und sie ins Portugiesisch zu übersetzen, um meine Vorlesungen zu den von mir unterrichteten Themen zu verbessern und gleichzeitig mein Wissen zu vertiefen. Die Übersetzung eines technischen Textes erfordert selbstverständlich nicht nur Kentnisse der Ausgangs- und Zielsprache, sondern auch ein tiefgehendes Verständnis des Themas durch den/die ÜbersetzerIn. Sie erfüllen auch einen weiteren Zweck: Sie ermöglichen Menschen, Artikel zu lesen, die sie sonst nicht lesen könnten. Meines Erachtens weist Deutsch als Wissenschaftssprache eine unvergleichliche Präzision auf, die dem/der ÜbersetzerIn sehr viel abverlangt. Dazu kommt auch die Tatsache, dass in Brasilien Deutsch als Fremdsprache nicht so weitverbreitet ist wie Englisch und daher sind Originalquellen in dieser Sprache meist unzugänglich.
Obwohl ich einige kommentierte Übersetzungen und Artikel über Diderot, Boltzmann, Planck, Einstein, Gödel und Lilienthal veröffentlicht habe, bin ich kein Wissenschaftshistoriker oder gar Wissenschaftsphilosoph im engeren Sinne. Dennoch beschäftige ich mich mit diesen Themen mit größtem Interesse und begegne ihnen mit größtem Respekt. Mein Leitfaden is eine Passage aus „Goethes Gespräche mit Eckermann“, in der Goethe sagte: „Und dann: Solange man sich im Allgemeinen hält, kann es uns jeder nachahmen; aber das Besondere macht uns niemand nach. Warum? Weil es die anderen nicht erlebt haben.“ Wie bei jedem intellektuellen Unterfangen gibt es auch in der Physik Momente, in denen sie eine ästhetische Begeisterung hervorruft, die schwer zu erklären ist, wenn man sie nicht selbst empfunden hat.
Goethes Gespräche mit Eckermann, Insel-Verlag, Leipzig, S. 67, 1921. Das Gespräch fand in der Nacht vom 29. Oktober 1823 statt.
H. Weyl gewidmet, eigenhändig unterschrieben von A. S. Eddington (Foto: S. R. Dahmen)